Ich lebe hier

Unsere letzten Tage in Kilifi waren geprägt von spannenden Diskussionen. Mit Olivia haben wir unsere zukünftige Sammelaktion für Pro Ganze ausgelegt. Sie hat jetzt wirklich eine umfassende Sicht, wie es mit den Schulen in Ganze steht und ein paar von ihren Berichten treiben mir wirklich die Tränen in die Augen. Wie sollen diese Kinder je eine Chance für eine bessere Zukunft haben? Was uns beiden auch nicht gefällt ist die Art und Weise, wie hier Schule gehalten wird. Alles basiert auf Auswendiglernen und das selbstständige Denken wird überhaupt nicht gefördert. Das bewirkt, dass die Leute auch wenn sie erwachsen sind nicht selbstständig denken können. Das zeigt sich dann darin, dass sie sagen “I am bored” und nicht auf die Idee kommen, sich in der freien Zeit weiterzubilden oder selber etwas auf die Beine zu stellen. Wenn Olivia zum x-ten mal mit Joshua in den Busch fährt weiss er nicht, dass er bereits vorher Vorbereitungen wie tanken, Proviant kaufen etc. machen könnte. Ein ähnliches Thema ist die “Computer literacy”. In jeder Schule gibt es etwa 2 Lehrer, die sagen, dass sie Computer literate sind aber geben dann auch bald zu, dass es sich darauf beschränkt, einen Computer einschalten, etwas schreiben und ausdrucken zu können. Diese Erfahrung habe ich auch mit Peter’s Personal Assistant gemacht. Wie man ein File sucht, wie man Excel ausdruckt, was eine File extension ist = keinen blassen Dunst. Sogar John, der für uns die Computer aufsetzt hat sich alles mit Hilfe seines Bruders und eines Freundes beigebracht. Dafür ist er gar nicht so schlecht. Ich habe mich jetzt dazu entschieden, dass ich ihm eine Computerklasse ermögliche und ihn verpflichtet, alles was er lernt Baraka beizubringen. Damit hat er einen doppelten Lerneffekt und kann überprüfen, ob er es selber verstanden hat. Und am Schluss hat er ein Zertifikat, das ihm mal etwas nützen kann.

Mit dem Fortschritt des Gemeindezentrums in Marere bin ich sehr zufrieden. Jetzt kommt dann noch das Dach als grosse Herausforderung! Ich glaube, das ist hier einzigartig und bin auf das Resultat sehr gespannt. Es ist sogar möglich, dass die ursprüngliche Idee von Daniel Keiser mit verschiedenen Dachformen ganz ähnlich umgesetzt wird. Die Verschönerungsarbeiten am Schluss sind dann wieder Dinge, die ich gerne mache, aber bis dann kann ich mir noch einiges überlegen… Zaina hat auf dem gerodeten Land auch Mais angepflanzt und ich hoffe sehr, dass er gedeihen wird. Marere werde ich bestimmt mal mein Zuhause nennen können, ich habe nur Bedenken, dass dort Peter von den Leuten “aufgefressen” wird, denn schon jetzt kommen sie wie die Bienen zur Blüte wenn er auftaucht. Da kann man wirklich von Buschtelefon sprechen!

Zaina ist wirklich meine Spezialfreundin. Ich habe das Gefühl, dass sie Potenzial hat und wenn wir sie aufbauen können um einmal die Reception von Marere zu führen, dann bin ich sehr glücklich!

Dann haben wir auch die gute Nachricht bekommen, dass die Lieferung an Mais für die Unterstützung der Hungerleidenden von Ganze in Mombasa eingetroffen ist. Die Schweizer Botschaft hat via Red Cross einen substanziellen Betrag gesponsert. Schade halt, das sie dies durch diese offiziellen Organisationen machen müssen, da viel Geld für die Administration weg geht, aber so sind nun mal die offiziellen Wege. Jetzt müssen wir die Auslieferung koordinieren und aber gleichzeitig auch am Mittwoch in Nairobi sein für ein Treffen über die Entwicklung von Ganze. Das dürfen wir uns natürlich nicht entgehen lassen! Manchmal wundere ich mich echt, wie es möglich ist, bei den vielen Projekten und Themen die Übersicht zu behalten und wahrscheinlich muss es so funktionieren, wie Peter es macht… Ohne Terminkalender, ohne Listen, ohne Mind Map – just do it!

Momentan sind wir im North Coast Beach Hotel, weil hier wieder ein Workshop vom CDF (Community Development Fund) stattfindet und ich erlebe einmal mehr, was es bedeutet in der Minderheit zu sein. Keine anderen Muzungus, die Hälfte sind Muslims und ich traue mich als Frau des MP kaum, den Swimmingpool zu benutzen, weil er in der Mitte des Geschehens ist und rundherum fast alle verschleierte Frauen oder neugierige Männer sind. Einzig mit den Strandverkäufern, die hier wirklich wie Fliegen kommen habe ich mich arrangiert… Nein, ich bin keine echt Muzungu, ich lebe hier… Nein, ich bin nicht in einem Community Project, ich lebe wirklich hier… Ausser dass ich kaum Kisuaheli spreche hat es dann die Wirkung, dass sie mich eher in Ruhe lassen. Aber ein Spaziergang am Meer ist unmöglich, denn ein paar Meter weiter kommt schon der Nächste, dem ich wieder dieselbe Geschichte erzählen muss. Ich glaube, das nächste Mal nehme ich wirklich den Bodyguard mit!

Mit einer Seminarteilnehmerin hatte ich dann noch eine spannende Diskussion über Teenage Pregnancy. Es hat so viele Mädchen, die schon mit 13 schwanger werden, weil sie in keiner Weise aufgeklärt sind. Dann müssen sie meistens die Schule aufgeben und haben später keine Chance zur Entwicklung. Dieses Thema muss ich unbedingt mit den Ladies besprechen, die als Nächstes an einem Einsatz in Ganze interessiert sind. Ich beginne schon Mal, dazu Material in Englisch zu recherchieren… Falls ihr da Zugang zu Material habt, bin ich froh um Tipps!

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