Titel für einen Politroman

Peter’s von mir auferlegte Sperrzone fürs Telefon beginnt um 18.00 Uhr und er hält sich nicht einmal schlecht daran. Meistens hat er tausend Ausreden, warum er unbedingt abnehmen muss und um 19.50 kommt dann tatsächlich ein Anruf aus dem State House bei dem ich reinquatsche weil ich es nicht so richtig glaube.. er muss irgend ein Statement abgeben, da es momentan ja einige Sicherheitsdispositive gibt in Kenia.

Esther und Peter Wieser haben sich wieder etwas erholt von der strengen Fahrt nach Ganze. Peter Wieser’s Idee ist es, ein Schulbussystem aufzubauen für Ganze, das wenigstens den Kindern, die über 10 km weit zur Schule gehen müssen hilft. Er kommt aber schon etwas desillusioniert retour von der ersten Erkundungsfahrt. Da er nicht gefrühstückt hat und auch zu wenig Wasser getrunken hat er auf der Rüttelpiste dermassen Kopfschmerzen gekriegt, dass er sich übergeben musste. Er musste einsehen, dass es ein sehr schwieriges Unterfangen wird, da es so viele Kinder gibt, die so weit zu Fuss gehen müssen. Zudem wird es finanziell ein sehr grosser Aufwand Busse zu kaufen und dann auch zu betreiben, denn das Benzin ist ja teuer und in Ganze auch nicht verfügbar. Es ist ganz interessant für mich zu beobachten, was für Fragen die beiden stellen. Es sind viele Fragen, die ich vor 2 Jahren auch noch gestellt habe aber für die ich auch keine befriedigende Antwort erhalten habe und für die es vielleicht auch keine befriedigende Antworten gibt. Warum denken die Leute hier vor Ort nicht mehr über die Zukunft nach? Warum ist jemand zufrieden, wenn er nur das Haus bewachen kann und warum bemüht er sich nicht, wenigstens das Haus aufzuräumen? Warum zahlt man alle Schulgelder direkt an die MCAs anstatt sie auf Sperrkonten zu überweisen? Warum gönnt sich Peter nicht einen Tag frei pro Woche damit er nicht abends beim Nachtessen am Tisch einschläft und seiner Gesundheit schadet?

Es ist einfach zu schwierig, diese Mentalität beim ersten Besuch zu erfassen und es gibt viele Frustrationen, weil immer alle die hohle Hand machen aber kaum eine Gegenleistung erbringen. Eines ist sonnenklar: Hilfe funktioniert nur, wenn sie direkt den Bedürftigen zu Gute kommt und wenn jemand hier vor Ort das Projekt überwacht und immer wieder mit viel Geduld dran bleibt und erklärt und vorzeigt und erklärt und vorzeigt… Aber Peter’s Aufgaben sind so umfangreich – er müsste sich wirklich klonen können und noch mehr Leute haben, die denken wie er.

Doch für ein paar Stunden vergessen wir all die Schwierigkeiten und lassen uns zusammen mit Doris im Kilifi Bay verwöhnen. Wunderbares Essen, ausgiebig zu trinken und verrückte Tänze zu verschiedensten Musikrichtungen „unter dem Sternenhimmel von Kilifi“ – das wäre fast schon ein Titel für einen Politroman über mein Leben… Es hat viel weniger Gäste als letztes Jahr aber immerhin sind alle in bester Festlaune und so beginnen wir das neue Jahr mit viel Hoffnung und Schwung – ein gutes Omen!

Den ersten Januar verbringen wir ziemlich faul am Strand, auf der Liege und mit einem abschliessenden Besuch bei Nelly – Peter’s Schwester und sie verwöhnt uns mit duftendem Tee und Mahamris (Donut-ähnliche Gebäcke, die einfach traumhaft schmecken) in ihrem bescheidenen Haus. Ab morgen ist wieder Arbeit angesagt und Doris hat sich einen „Papa-Tag“ ausbedungen – das gönne ich den beiden natürlich von Herzen, denn ich habe ja noch ein paar Tage mehr zur Verfügung und bin gar nicht traurig einen Tag für mich alleine geniessen zu können. Arbeit habe ich auch noch genug mit dem Dokument für das Schulprojekt… Der „ganz normale Alltag“ beginnt also wieder.

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