Man sieht sich immer zweimal

Von Christine habe ich eine grosse Agenda gekriegt. Heute steht auf dem Plan, dass das Ganze Women SACCO (Savings and Credit Cooperative) – eine Art Spargenossenschaft in Ganze gegründet wird. Ich wurde erkoren, das Ganze mitzuverfolgen und zu den Frauen zu sprechen und jetzt wind wir schon so weit, dass sich Peter mir anschliessen möchte, weil er dann auch noch seinen Speech geben will. So gefällt es mir! Baraka organisiert alles für die Formalitäten. Aus jedem Ward wurden 5 Frauen aufgeboten. Sie haben sich nicht ganz daran gehalten aber pro Ward werden nur 5 Stimmzettel abgegeben.

Es geht jetzt um den Vorstand. Zuerst wird die Chairlady, also der wichtigste Posten gewählt. Aus jedem Ward muss ein Vorschlag kommen. Die vier Frauen müssen dann ins Gebäude rein und eine nach der anderen kommt raus und hat 2 Minuten Zeit, ihre Fähigkeiten anzupreisen.Diese Gelegenheit nehmen alle wahr mit feurigen Ansprachen. Danach kommen die Wards nacheinander zum Abstimmen. Ein Papierkorb dient als Urne und jede muss den Wahlzettel ausfüllen. Danach wird öffentlich ausgezählt, Blatt für Blatt und alle zählen laut mit. Ich hätte schwören können, dass das nicht aufgeht, weil doch jeder Ward für seine eigene Frau stimmt aber es hat geklappt: das Resultat ist eindeutig! Und so geht es weiter für die Secretary und den Treasurer. Diese Reden sind allerdings viel weniger enthusiastisch, weil auch das Amt weniger wichtig ist.

Danach haben alle gewählten noch einmal Gelegenheit, ein Statement abzugeben. Sie fassen sich erstaunlicherweise kurz. Dann werde ich aufgefordert einen Speech zu halten und es ist wirklich witzig: ich habe ja vorher immer genügend Zeit, mir etwas Originelles auszudenken und so ist mir plötzlich in den Sinn gekommen, dass ich Peter’s Wahlspruch auf meinen iPad eingravieren liess. Dies ist dann auch die Brücke um Ihnen zu sagen, dass ich beeindruckt bin von der demokratischen Wahl und dass Mwelekeo mpya wa Ganze (Veränderung für Ganze) durch die Frauen und das Miteinander gelingen kann, wenn es bei jeder einzelnen auch eingraviert ist im Herz. Pamoja = together, das ist mein Lieblingswort. Danach heizt auch Peter noch ein bisschen ein, wobei er erstaunlich unpolitisch bleibt, soweit ich das mitbekomme.

Danach wird ausgiebig gegessen und die Leute stehen wieder an, um ihre Anliegen bei Peter zu platzieren. Ich mache noch Fotos von den Räumen und frage mich, wie in diesen Akten je irgend etwas gefunden werden kann! Also mein Bürotisch ist in Höchstzeiten der Aktivitäten ein Vorbild von Ordnung und Sauberkeit verglichen mit dem Ablagesystem hier. Im einen Büro wird dann auch gebügelt und auf meine Frage was das soll ist die Antwort, das ist der gehörlose Sohn eines Mitarbeiters, er hat durch das Bügeln etwas Arbeit… kann ich da noch etwas anfügen?

Im Anschluss an dieses stundenlange Meeting fahre ich zur Tagesschule, um die sich Monika Preisig und Tanja Solenthaler gekümmert haben. Es sind fast alles Waisenkinder oder aber Kinder aus extrem armen Verhältnissen – 52 an der Zahl. Sie sind so dankbar für alles, was die beiden jungen Frauen gemacht haben: neue Schuluniformen, zum ersten Mal Unterwäsche, einen Wasseranschluss, ein Blechdach über dem Schulzimmer und ganz viele Spiele. Das alles mit dem Geld, das sie in der Schweiz durch Bekannte und Verwandte gesammelt haben. Bevor sie mit ihrem Gesang beginnen spüre ich schon wieder diesen Kloss im Hals. Es ist einfach so berührend, die Augen dieser Kinder zu sehen und wie sie sich engagieren um ein schönes Lied oder einen Tanz zu präsentieren und somit ihrer Dankbarkeit Ausdruck zu verleihen. Die Lehrerin scheint ziemlich streng zu sein und das erklärt auch, warum auch die Kleinsten schon ein bisschen Englisch sprechen. Natürlich wird im Lied auch noch die Muzungu und Peter Shehe geehrt. Wow – das ist wirklich ein Freudentag!

Auf dem Weg retour nach Kilifi sagt Peter, wir seien noch von einem Geschäftspartner eingeladen. Er habe in England gewohnt und sei jetzt wieder retour gekommen und sei im Lastwagengeschäft… Bereits wird auch schon telefoniert, die neue Chairlady des Ganze Women SACCO habe schon gesagt, jetzt könne sie Peter Shehe fertig machen, denn ihr Mann ist ein politischer Kontrahend von Peter. Ob das aber wahr ist oder ob das wieder Gerüchte sind von einer Gegenerin, die gerne das Amt selber gehabt hätte – das ist ganz schwierig zu beurteilen. Hier kannst du nur dir selber trauen – leider!

Wir warten im „Miami“ (spricht sich Miami und nicht etwa Maiämi) etwa 2 Stunden bis er kommt und 3 bis dann auch das Essen kommt… Als er sich setzt fragt Peter, ob wir beide uns kennen und wir stutzen beide für einen Moment. Ich habe da so eine komische Vorahnung und er spricht sie aus: ja wir haben uns an deinem Geburtstag im Titanic getroffen… ich müsste jetzt selber wieder retour zu meinem Blogeintrag aber ich weiss noch wie wütend ich war, als da plötzlich noch drei zusätzliche Leute am Tisch sassen und Whiskey bestellt hatten – Leute, die ich überhaupt nicht kannte und denen Malingi gesagt hatte, sie sollen doch einfach kommen…

Man sieht sich immer zweimal – das wird mir hier innerst Sekunden wieder einmal bewusst. Zum Glück reagiert er gelassen und sagt sogar, dass er mich verstanden habe an diesem Abend. Aber nur, weil er lange in Europa gelebt hat und daher die Muzungu Mentalität versteht. Ich schaue rund um den Tisch und sehe wie viele Leute Peter mitgebracht hat zum Essen und dass auch bei ihm eine Flasche Whiskey auf dem Tisch steht… oups…. Ich werde plötzlich ganz bescheiden und wir haben eine wahnsinnig tolle Diskussion über Kulturen und das gegenseitige Verständnis. Am Ende es Abends und am Ende von ganz viel Whiskey verabschieden wir uns – und ich habe das Gefühl jetzt als echte Freunde, die einiges voneinander gelernt haben.

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