Die einzige Frau von Peter Shehe

Ich kriege die Kleider, die ich lokal auf Mass schneidern liess. Ich habe keine Ahnung, ob ich mich damit hinsetzen kann aber wir werden sehen. Sie sehen hübsch aus: eins für meine Mijikenda Anlässe, eins aus einem Kanga (Tuch) geschneidert und ein anderes mit einem coolen Stoff aus Ghana, das indisch anmutet. Ich habe ja auch immer noch die Hoffnung, dass sich das Mass dieses Jahr verringern wird auch wenn ich dann hier nicht mehr dem Schönheitsideal entspreche. Aber mein Hintern bleibt auch bei kleinerem Umfang…

Heute haben Christine, Baraka und ich wieder 2 Missionen: Die Frauen in Bamba und das Projekt der Handicapped ebenfalls in Bamba. Wie sagt man denn politisch korrekt? Bei Monika und Tanja musste ich immer Pflegefachfrauen und keinesfalls Krankenschwestern sagen, bei Esther waren es unbedingt Hauswarte oder Facility Managers und keinesfalls Abwarte. Bei den Handicapped bin ich mir jetzt wirklich nicht mehr ganz sicher, was korrekt ist, denn ich habe reichlich wenig Berührungspunkte mit diesem Thema in der Schweiz. Die Gruppe nennt sich selber Mbazizo CBO (Community Based Organization) for the disabled. Die Vision heisst: Disability is not Inability (frei übersetzt Behindert sein bedeutet nicht unnütz zu sein) Aus eigenem Antrieb haben sie diese Gemeinschaft gebildet und bereits über 700 Menschen registriert – dies alleine im Bamba Ward In den anderen Wards gibt es gar nichts gleichwertiges und selbst in Bamba dürfte es noch eine Dunkelzifer geben. Der Zentrumsleiter hat sich prima vorbereitet auf meinen Besuch. Er hat alle Fakten fein säube

rlich auf Post-It Zettel notiert und ist entschlossen, sie nur in dieser Reihenfolge abzuarbeiten. Die Gruppe unterstützt Familien, in dem sie Ziegen züchtet und diese dann an die Familien schenkt, die eine behinderte Person betreuen. Das erste Jungtier kommt dann wieder retour in die Gruppe.

Monika und Tanja haben das Projekt unterstützt mit einem neuen Rollstuhl für ein bereits 15-jähriges Kind mit einem Wasserkopf. Bisher mussten die Eltern das Kind überall hin tragen – sprich es musste dauernd zuhause sein. Anscheinend kann es auch nicht mehr operiert werden, da es bereits zu spät ist. Ich erlaube mir dann trotz Post-its ein paar Fragen, z.B. welche Behinderungen am häufigsten sind oder was der Grund dafür sein könnte. Es ist klar, dass der häufigste Grund ist, dass es bei der Geburt selber Probleme gibt. In Bamba hat es ein sogenantes Spital aber das hat nur 3 Betten mit Matratze!!! Wenn eine Frau zu früh kommt zum Gebären dann wird sie wieder nachhause geschickt weil es keinen Platz für sie hat und so geschehen viele Geburtsprobleme. Das County Government hat zwar kürzlich eine Ambulanz gekauft aber sie haben jetzt kein Geld um einen Fahrer oder das Benzin zu halten (obwohl es mittlerweile in Bamba sogar eine Tankstelle hat!) Bei solchen Themen kriege ich einfach eine Riesenwut weil diese Probleme gar nicht erst existieren müssten. Aber für Wut hat es vorst keine Zeit und keinen Platz. Ich muss ohnehin die ganze Zeit mit den Tränen kämpfen, denn hier sind wir jetzt wirklich bei den Ärmsten und Hilflosesten angelangt in einer Region, in der es sowieso niemandem so richtig gut geht. Ich  fühle mich selber ziemlich ratlos. In den letzten Tagen habe ich mich vor allem darum bemüht, den Frauen zu helfen und den Schulkindern, auf die ich extrem baue. Da nicht unbeschränkt Geld vorhanden ist müssen wir hier ja auch Prioritäten setzen, was auch bedeutet, dass gewisse Dinge noch nicht angepackt werden können. Aber es bringt mehr, wenn ich stark bleibe und so freue ich mich, dass wir hier den Ärmsten echt helfen konnten mit Pro Ganze.

Bevor wir die Frauen treffen gibt es noch einen offiziellen Zwischenbesuch beim ACC (Assistant Community Chief) in Bamba. Der macht mir jetzt mal einen richtig intelligenten und vernünftigen Eindruck. Auf solche Leute ist Peter echt angewiesen!

Dann kommt das Frauenmeeting an die Reihe. Es läuft prima ausser einem Schönheitsfehler: Eine Frau, die Peter während des Wahlkampfs gefolgt ist kam „im Namen von Peter“ vorbei und hat die Leute abgezockt. Ich höre solche Stories noch und nöcher und bin wirklich schockiert. Das Schlimme ist, dass sogar ich auf diese Juliet Riziki reingefallen bin. Sie ist eine echt „Con-Woman“ und hat sich für eine kurze Zeit sogar „wife of Peter Shehe“ genannt, was dann Peter schnell unterbunden hat. Ich erkläre den Frauen, dass ich volles Verständnis für das Misstrauen habe, aber dass sie hier die echte Wife of Peter Shehe vor scih haben und dass sie ja selbst sehen, dass ich hier sei um zu helfen. Das gibt viel Applaus und Wohlwollen und so sind wir zu nächsten Punkt unterwegs: abseits von Gut und Böse – mitten in der gleissend heissen Pampa ist die Ziegenfarm und hier schon klar, dass es noch länger gehen wird, denn es scheint eine hochoffizielle Feier zu werden. Ich habe ja schon genügend darüber berichtet, wie so etwas läuft und obwohl wir bitten, dass es ein abgekürztes Verfahren gibt bedeutet es: Besichtigung der Örtlichkeit, Ansprachen, Tänze und dann die Übergabe jeder einzelnen Ziege und jedes einzelnen Objektes, das Monika und Tanja finanziert haben. So stehe ich dann also in der prallen Sonne und erkläre, dass wir Menschen alle gleich sind und dass auch die sogenannt normalen Menschen gewisse Handicaps haben, die sich vielleicht nur nicht so im Aussen zeigen. Ich glaube, dass Baraka gut übersetzt, denn das gibt viel Klatschen und „ririririri“, ein Klang, den die Frauen produzieren und den ich herrlich finde.

Dass ich dann meine Hüften fachgerecht schwinge und sogar noch ein Hando (kleines Röckchen mit Stofffetzen) umgelegt bekomme löst natürlich auch wieder allgemeines Wohlwollen und Gelächter aus.

Und dann erleben wir noch ein Riesendrama. Der Bruder von Christine hat ihr eine Text Message geschickt, dass er sich umbringen wird weil er Probleme mit seiner Frau habe. Er ist leitender Arzt in einem Spital in Mombasa und nach dieser Nachricht ist Christine verständlicherweise ausser sich! Niemand kann ihn finden, er ist nicht aufgetaucht am Arbeitsplatz und niemand weiss wo er sonst sein könnte. Sie kriegt Weinkrämpfe und ich muss vorne die Fassade für uns alle wahren… Schliesslich ruft er während der Autofahrt  an und sie übergibt das Telefon dem Fahrer Joshua, der versucht ein Mann zu Mann Gespräch mit ihm zu führen und ihn zur Vernunft zu bringen. Die Betonung ist auf „versucht“, denn hinten im Auto schreit und betet und fleht Christine in einer Lautstärke, die ohrenbetäubend ist. Stellt euch die Situation mal plastisch vor: hinten Christine lamentierend und zwei Frauen, die sie zu beruhigen versuchen. Daneben der ruhige Baraka, der nicht mehr weiss wie er sitzen soll und vorne der Fahrer Joshua der ins Telefon schreit und psychologische Betreuung versucht und vorne ich am Schwitzen und am Kopfschütteln, weil ich mir wie im falschen Film vorkomme.

Ich werden dann zum Kaya Kauma gebracht (Unesco Weltkulturerbe), wo ich zu Peter dem Stammeshäuptling stosse. Da es noch keine offizielle Feier ist trage ich nur meinen Kishuto Kanga (Tuch der Mijikenda) und begebe mich schon vollkommen übermüdet in die heilige Stätte. Hier zieht sich alles in die Länge. Ansprachen, Ugali essen die von Mnazi (Palmwein) betrunkenen Jugendlichen, die nicht wissen, wie sie sich hier zu benehmen haben und schliesslich rausgeschmissen werden… Stunden später dann Trommeln und Gesänge sowie Tänze der Eingeborenen und „Hexen“ bis morgens um 2 Uhr. Ich bin zwar interessiert an der Kultur aber trotzdem langsam aber sicher am Rand der Erschöpfung und der Weg retour istmit Riesenameisen und stechenden Pflanzen übersät – barfuss und ohne Lichtquelle – mein Gott: das ist schon wieder filmreif! Mit dem Auto fahren wir noch nach Marere und überzeugen uns, dass die Dachplatten mit 3 Tagen Verspätung wirklich aufgetaucht sind. Mein Bett im Hotel spüre ich nicht einmal mehr, denn ich falle fast bewusstlos in einen Tiefschlaf und habe nicht mal mehr Zeit Peter Wieser zu texten, dass er von jetzt an auch wieder schlafen kann!

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