Jetzt muss es mal raus – meine Sicht zum Thema Korruption

Da ich von
Journalisten (leider nicht vom St. Galler Tagblatt) und Freunden wie Bekannten immer wieder auf das Thema Korruption
angesprochen werde, blogge ich mal meine ganz persönliche Meinung dazu. Hinzu
kommt jetzt zeitgleich auch noch, dass heute auf der Rückseite des Tagblatts
ein entsprechender Artikel die Leute verunsichert. Der Artikel wurde vor über einer Woche in der kenianischen Presse publiziert und wurde von der “Journalistin” 1:1 kopiert ohne auch nur einmal mit uns Rücksprache zu nehmen. 

Das Timing passt insofern…
Mit dem Tagblatt werde ich auch noch Kontakt aufnehmen. Es ist jetzt schon das
zweite Mal, dass sie einfach News aus Kenia „abschreiben“, ohne auch nur mit
jemandem Kontakt aufgenommen zu haben. Das nenne ich nicht Journalismus sondern
„copy – paste“… Oder vielleicht Sommerloch und wir müssen unsere Leute beschäftigen…

Es ist mir bewusst, dass
man die Verhältnisse nicht kennt wenn man in der warmen Schweiz sitzt und dass
andere Leute es anders sehen werden (vor allem die, die in Kenia schnell und
mit Peter’s Hilfe Geld machen wollten und natürlich auch die, die von der
Korruption viel profitiert haben und weiterhin profitieren wollen… aber die
können meistens nicht Deutsch – also lege ich los…)

Ein paar Begriffe zur
Erklärung:

Seit 2013 gibt es in
Kenia die „Devolution“, d.h. immer mehr Rechte werden von der zentralen
Regierung an die Counties (quasi Kantone) weitergegeben. Dazu gehört z.B. das
Thema Gesundheit (Apotheken, Spitäler). Mit dem Thema umzugehen dauert lange,
das kann man sogar in der Schweizer Geschichte verfolgen. Bisher haben sich die
MCAs (Members of County Assembly = eine Art Bezirks- oder Gemeindeammänner, in Ganze gibt es 4) vor
allem aufgeblasen und sich plötzlich gefühlt wie MPs (Members of Parliament = Nationale
Regierung) und die Governors (Chef von Kilifi County) haben sich aufgeführt wie
der Präsident des Landes Uhuru Kenyatta. Sie haben sich alle Häuser gebaut,
Autos gekauft und einfach für sich und ihre Familien aufgerüstet – fairerweise
muss ich sagen: so wie sie es halt bisher gekannt haben. Das CDF (Community Development Fund) ist eine staatliche Institution, die eine Constituency mit Staatsgeldern unterstützt. Für die Vergabe der Projekte gibt es ein Kommittee, das zusammen mit dem MP bestimmt, wo die Gelder hinfliessen. Für Peter ist das einem Jahr etwa eine Million Schweizer Franken, die aber für Schulgelder, Bauten aller Art und jeglicher Entwicklung verwenden werden muss. Also quasi das GEsamtbudget, das zur Verfügung steht. Das Kommittee entscheidet und der Funds Manager unterschreibt die Cheques. Der MP unterschreibt keinen Cheque – er darf sie aber verteilen…

Kleine
Gefälligkeiten, Bevorzugung von Familien, Bevorzugung von Leuten von derselben
Ethnie, von derselben Partei, Deals hinter dem Rücken – das gehört leider alles
zur Tradition von Kenia. Die Generation, die heute an der Macht ist hat nichts
anderes gekannt und – was ich manchmal auch vergesse – Kenia ist erst seit 1963
unabhängig von den Engländern, das ist weniger lang als ich auf der Welt bin!
(und das ist weiss Gott nicht lange!!!) Wenn ich eine Gegend wie Ganze
anschaue, dann frage ich mich sowieso manchmal, wie die Leute hier überleben
können, denn zu Geld kommt man höchstens, wenn ein Familienmitglied irgendwo eine
Arbeit hat und dann die ganze Familie mitzieht. Und so kommt es auch oft: wenn
einer arbeitet, dann hören die anderen auf, denn jetzt kommt ja Geld rein. Ich
weiss aus Erfahrung, dass daher viele Kenianer in anderen Ländern nicht mehr
gerne nachhause kommen – denn hier machen alle die hohle Hand oder pressen ihre
Familienmitglieder aus – in manchen Fällen (leider selber erlebt) kann es bis
zum Ruin oder sogar zum Tod führen.

Was ich auch während des
Wahlkampfes nicht begriffen habe: hier in Ganze haben die Leute wirklich gar
kein Geld. Wenn du also einen Anlass organisieren möchtet, wie z.B. die Vergabe
der Zertifikate für das Jugendamp, dann musst du für alle irgendwie Transport
organisieren. Transport heisst entweder ein Piki-Piki (Töfftaxi), einen Bus
(meistens von einer Sekundarschule) oder ein Matatu (Sammeltaxi). Das kostet
alles – ein Schulbus für 50-60 Leute z.B. CHF 150.—pro Fahrt. Eine Töffahrt für
einen unserer Solartechniker kostet CHF 12.–, weil er von so weit weg kommt
und die Strassen so katastrophal sind. So ein Anlass, wie unsere
Zertifizierung, an den 100 Personen kamen (das ist sehr wenig) kostet also
schon mal locker CHF 500.—für den Transport allein. Dann reden hier alle so
gerne und so lange, dass auch rigendwie für sie gekocht werden muss. Auch wenn
das Essen billig ist – da kommst du nochmals locker auf ein paar hundert
Franken. Das ist meiner Meinung nach noch kein Bestechungsgeld sondern reines Überleben.
Aber klar, wenn dann ein Afrika-unerfahrener Schweizer Journalist kommt und
sieht, dass Peter da jedem ein paar Nötli in die Hand gibt – dann ist die
einfachste Schlussfolgerung: da wird jemand bestochen. Bei einer Szene im SRF
Reporter kann man sogar auf Kisuaheli verstehen: bitte eine Cola und 2 Tee…
aber eben – Sex and Corruption sells…

Aber Peter ist gewählt und hat der Korruption den
Kampf angesagt. Beides passt hier vielen natürlich nicht. Vor allem denen, die
früher von der Korruption selber profitiert haben, so auch der ehemalige CDF
Fund Manager. Ein absolutes Dreckschwein – Olivia kennt ihn und würde bestimmt
sofort dasselbe sagen. Er war schon unter den 2 vorherigen MPs im Amt und sie
wollten ihn auch schon loshaben, aber das ist ihnen nicht gelungen. Pikantes
Detail: seine Frau ist Anwältin für die Regierung…

Er hat z.B. alle Protokolle von angeblichen Sitzungen
mit dem CDF Komitee gefälscht. Ein paar aus dem Komitee waren eingeweiht und
die haben jetzt plötzlich neue Häuser und fahren tolle Autos… Als Peter
nachfragte, was alles bezahlt werde hat der Typ zweimal gesagt, dass in seinem
Büro eingebrochen wurde und der Laptop gestohlen wurde… Klugerweise hatte
aber Peter Verbündete im CDF und einer davon hat alle Files kopiert und
ausgedruckt und so verfügen wir über die verlogenen Protokolle. Um alles zu
toppen hat er jeweils Geld eingesetzt für Transport  und Benzin, obwohl Peter seine Autos
kostenlos zur Verfügung gestellt hat (die jetzt übrigens beide zu Schrott
gefahren sind…) Ginge es nach den Protokollen müssten mindestens schon 4x
Fussballtourniere in Ganze durchgeführt worden sein, denn er hat den Text für
Trophäen und die Tourniere 1:1 in die Protokolle kopiert! Sehr sehr dreist!

Als Peter ihm angedroht hat, dass er ihn versetzen
lassen werde hat er gedroht: bevor ICH gehe, gehst DU!

Da sprechen wir also von einem grossen Gegner und die
anderen sind dann die Verlierer in der Wahl 2013. Der eine hatte ja Peter schon
vor Gericht gebracht kurz nach der Wahl weil er sagte, Peter hätte die Wahlen
gefälscht… nimmt mich wunder wie! Es wurde ja sogar in jener Wahlnacht
bekannt, dass er noch mehr Stimmen gehabt hätte, wenn nicht an einem (oder
mehreren) Ort/en die Stimmenzahl gefälscht wurde – ich hatte schon mal darüber
berichtet. Also den Prozess hat er haushoch gewonnen. Ach ja und dann sind da
auch noch alle vier MCAs (quasi die vier Gemeindeammänner), die jetzt plötzlich
den GW haben und denken, sie könnten den Job von Peter doch viel besser machen.
Dieses Trüppli geht jetzt also hin und schwärzt Peter beim EACC (Ethics and
Anti Corruption Commission) an, denn jeder kann jeden anschwärzen. Man kann es
Demokratie nennen, man kann es aber auch gefährliche Verleumdung nennen. Und
eben diese haben das gemacht gerade als Peter mit seinen Kommittee-Kollegen in
der Schweiz war und grosse Verbindungen knüpfte für Kenia und die Schweiz.

War das eine Aufregung! Anscheinend seien 5 Polizisten
zu ihm nach Hause gekommen und hätten ihn mitnehmen wollen. Eigentlich schade,
dass er nicht dort war, denn er hätte bestimmt Rabatz gemacht. Aber so waren
wir eine Woche lang am rumtelefonieren, was denn jetzt genau gelaufen sei, am
Kaution zahlen für alle anderen, die sie auch eingebuchtet hatten. Das Gerücht
kursierte dann auch noch, er sei in die Schweiz geflohen und komme nie mehr
nach Kenia retour!

Retour in Kenia war aber nichts vorhanden, was Hand
und Fuss hatte. Er war zwar angeschwärzt worden (für Dinge, die gar keine
Korruptionsvorwürfe sind sondern eher Entwicklungsmassnahmen) aber das hat
natürlich bedeutet, dass unsere ersten beiden Wochen von Gesprächen mit
Anwälten (verbunden mit hohen Kosten), vortraben beim Gericht etc. geprägt
waren. Er musste dann wirklich vor Gericht in Malindi erscheinen aber da war
eben immer noch nichts Konkretes, was ihm vorgelegt werden konnte.
Anschuldigungen schon aber keinerlei Beweise. Und jetzt kommt das Tüpfchen auf
dem i: die Presse wollte ihn zwingen, jedem der 7 Pressehäuser 150’000 KES (CHF
1‘500 x 7) zu bezahlen, damit sie die Story nicht in den News bringen. Seine
Antwort war: go to hell! Er war ja schon in der Presse angeschwärzt – schlimmer
konnte es gar nicht mehr kommen. Und genau das Bezahlen von Bestechungsgeldern
hätte ihm ja wieder angekreidet werden können. Und so waren dann die Headlines
im ganzen Land: Charged for corruption – und hier kommt ein weiterer Punkt
angeklagt = accused ist definitiv nicht charged – verurteilt! Aber da ist man
grosszügig mit der Übersetzung der Englischen Sprache.

Es kamen dann entsetzte Anfragen aus der Schweiz, ob
das stimme und einer von Peter’s „Kollegen“ in der Schweiz hat es sogar auf
Facebook gepostet und geschrieben, wie enttäuscht er sei. Ausgerechnet ein
Kenianer, der das System kennen sollte. Peter wird angeschuldigt sich mit CDF
Geldern bedient zu haben. Aber Fakt ist, dass Peter dafür nicht einmal
unterschriftsberechtigt ist, sondern eben dieser nette CDF Manager, der jetzt
halt tatsächlich strafversetzt wurde und bestimmt mehr als vor sich hingrollt.
Peter hat das geschafft, was seine beiden Vorgänger nicht geschafft haben.

Ok, man könnte das jetzt alles auf die leichte
Schulter nehmen aber so einfach ist das nicht, wenn man in der Oeffentlichkeit
so gebrandmarkt ist. Aber ich muss schon sagen: ich bin mächtig stolz auf
Peter. Vielleicht war er am Anfang ein bisschen sehr naiv und allzu
schweizerisch: er hat daran geglaubt, wenn er alles korrekt mache, dann komme
es gut. Er hat am Anfang sogar sein privates, eigenes Geld für Projekte
vorgeschossen und muss jetzt sehen, dass er das wieder zurück kriegt, denn auf
so eine Idee wäre vorher wirklich noch kein MP gekommen. Und in alledem hat er
nicht mit der Bösartigkeit seiner Kontrahenten gerechnet. Die sind so
frustriert, weil Peter auch noch durch Pro Ganze (d.h. durch ganz viele Freunde
und Familie aus der Schweiz)  und durch
die Schweizer Botschaft Hilfe kriegt. Es wird in Ganze gebaut wie nie zuvor.
Dieses Jahr steht der Bau von der ersten geteerten Strasse überhaupt in Ganze
an, es wurden Schulzimmer gebaut, das Gemeindezentrum steht, der Vizepräsident
hat das OK für ein Spital in Ganze gegeben, wir haben Solartechniker
ausgebildet, die jetzt in Ganze Solarpanele installieren werden und es sind
schon über 1000 Frauen in der Spargenossenschaft Ganze Women’s SACCO
eingeschrieben. Bald kaufen sie ihren ersten Bus und werden damit Geld
verdienen, das sie dann für ihre eigenen Projekte wieder verwenden können.

Beim Volk ist die Beliebtheit so gross, dass alle
Gegner ihre Felle für die nächste Wahl 2017 davon schwimmen sehen. Also
versuchen sie alles, aber auch wirklich alles um ihn schlecht zu machen, um ihn
vom Erfolg abzuhalten, um ihn in den finanziellen Ruin zu treiben und merken
nicht, dass sie dabei ihren eigenen Mitbürgern Schlechtes tun. Aber wir hoffen
darauf, dass die Wähler intelligenter sind als die Gegenpolitiker. Peter’s
Durchhaltewillen ist ungebrochen und er setzt seine Pläne um und trotzt allen
Wirren.

Glücklicherweise merkt das auch die oberste Regierung.
Gerade dieses Weekend wurde er angefragt, den Vizepräsidenten auf einer Reise
nach Rift Valley (Westen von Kenya) zu begleiten. Denn Peter fällt auf: sehr
eloquent, immer fair und hart am Arbeiten mit einem Speed, bei dem es den
meisten schwindlig wird. Ich habe manchmal wirklich das Gefühl, Peter ist für
diesen Job geboren und er hat hier eine Mission zu erfüllen – das Leben dieser
mausarmen Menschen ein bisschen besser zu machen und ihnen die Hoffnung zu
geben, dass man auf sie hört und dass auch die Kinder, die unter den
Baobab-Bäumen lernen die gleichen Chancen haben, wie diejenigen in den
entwickelten Gegenden.

Alle, die ihn und uns dabei unterstützen werden das
sehen und von ihnen erhoffen wir weitere Unterstützung. Keine Almosen aber
vielleicht bargeldlose Kredite, damit wir die Solarpanele beschaffen können
oder Unterstützung in Form von Facharbeit, die hier sehr gefragt ist und mit
der man vor allem Jugendliche weiterbringen kann. So weit, dass aus ihnen
einmal nicht geldgierige, eigennützige Politker werden sondern eigenständige KMU-Unternehmerinnen
und Unternehmen, die eine Chance erhalten, ihre Ideen zu entwickeln und eine
Veränderung zu bringen. Kenya ist wie gesagt erst seit 1963 unabhängig von den
Engländern aber selbstständig können die Einwohner nur werden, wenn sie das
Thema Korruption von Grund auf bekämpfen und beginnen zu merken, dass es nur
gemeinsam geht. An diese Veränderung glaubt Peter und ich unterstütze ihn dabei
und glaube an ihn. Ich finde es super, wenn du es ebenfalls machst!

Obama hat es bei seinem Besuch in seiner „Heimat“ letztes Weekend gesagt: es gibt
Traditionen, die nicht gut sind und mit denen muss gebrochen werden.
Korruption
ist eine davon!

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