Unter und ob der Erde

Samstag ist Beerdigungstag – mein Dauerbrenner! In Nairobi hatten wir eine spannende Konversation betreffend Begräbnissen mit dem CEO des CDF. Er ist auch der Meinung, dass das Ausmass der Festivitäten an Beerdigungen vollkommen übertrieben ist. 2-3 tägige Feste, die eine Familie in die Armut stürzen können, und die jetzt auch dazu benützt werden am Samstag eine Disco zu machen. Dabei gibt es viele Probleme wegen Alkohol, Lärm, späteren Schwangerschaften von Minderjährigen etc.

Er meinte auch, dass es früher ganz anders war, denn damals liess man die Toten auf dem Feld und überliess sie im Lebenszyklus den wilden Tieren und wanderte an einen anderen Ort, da Kenia mehrheitlich ein Volk von Nomaden war. Aber mit der Zivilisation wurde es anders. Bestimmt hat dann auch die Missionarsarbeit ihren Beitrag geleistet und schlussendlich ist es zu dem geworden, was es heute ist: eine Mischung aus lokalen Ritualen, ausgebautem Gottesdienst, politischer Plattform, Volksfest und Familientreffen im grossen Stil. Hier jetzt aber z.B. die Kremation anregen zu wollen oder etwas zu verändern, das steht mir als Muzungu nicht zu.

Ich glaube Peter geht jeden Samstag an eine oder mehrere Beerdigungen. Erstens ist er mit vielen wirklich verwandt aber seine Präsenz wird vor allem gewünscht weil er der MP ist und weil sie daher auch sicher gehen können, dass er einen schönen finanziellen Beitrag leistet. Er nutzt es dann auch um seine Message an die Leute rüberzubringen (siehe oben). Ich habe einfach entschieden, dass ich meine Samstage viel besser verbringen kann als auf Beerdigungen und so muss halt Mama Kaya entschuldigt werden…

So habe ich Zeit, Onkel Peter und Olivia das Gemeindezentrum in Marere zeigen. Es sieht echt imposant aus und ich freue mich auf den Tag, an dem alles fertig gebaut ist. Aber das braucht noch ein paar Millionen (Schilling) von Peter’s eigenem Geld und somit kann ich mir noch gar nicht vorstellen, dass Peter und ich dieses Haus in nächster Zeit hier einziehen können. Trotzdem muss ich sagen: es wurde schon sehr viel geleistet und es ist halt wie alles eine Frage der Finanzen!

Ich wurde dann gefragt, ob ich mit noch die Container anschauen möchte, die geliefert wurden mit Spital-Material. Das sind die Container, die wir von Rhein-Valley Hospital erhalten habe. Leider konnte die Spitalleiterin nicht warten, bis ich vor Ort war und sie erschien vor Ort als Peter und ich nicht dort waren. Was sich dann abgespielt hat darf ich jetzt hier gar nicht erwähnen, denn es hätte fast in ein Disaster ausarten können weil die Leute dachten, sie wolle etwas stehlen… Wer sich dafür interessiert, der kann von mir die Details mündlich erfahren…

Nicht jede gute gemeinte Aktion endet erfolgreich und leider gibt es auch im Umfeld von NGOs (Non Government Organizations) viel Neid und wenig Zusammenarbeit. Ich war kürzlich an einem Vortrag von Hannes Schmid (hat die Fotos von Marlboro Man geschossen und ist ein Schweizer Künstler). Er setzt sich jetzt mit Smiling Gecko für Säureopfer in Kambodscha ein und hat ein gigantisches Konzert im Hallenstadion organisiert fürs Fundraising. Da Raiffeisen zu den Sponsoren gehört durften wir uns seinen Vortrag anhören. Er wollte am Anfang auch, dass alle Schweizer NGOs vor Ort zusammen arbeiten, d.h. vom DEZA einen grösseren Zustupf erhalten, dafür dann auch vor Ort gemeinsam nachhaltige Arbeit leisten können. Aber nicht einmal er hat es geschafft. Für mich war es schön zu hören, dass wir alle unsere Lehrblätz abverdienen müssen. Manchmal nützt mir da mein CAS in African Affairs und manchmal muss ich die Dinge am eigenen Leib erleben um sie zu glauben…

Viele NGOs haben an der Spitze Selbstdarsteller und Selbstdarstellerinnen, die selber einfach als Gutmenschen dastehen möchten, hinter den Kulissen aber diktatorisch agieren und nur immer das Lob für sich kassieren möchten. Auch selbst wenn sie gegen aussen bescheiden wirken wollen. Ich hoffe, dass ich nie in diese Falle trete, auch wenn ich manchmal im Fokus bin. Aber ich habe mich grösstenteils schon selber verwirklich und brauch dazu nicht Pro Ganze! Ich bin einfach froh, wenn ich bei den Menschen direkt Spuren hinterlasse und sie sich selbst entwickeln können. Etwa so wie meine Seminarteilnehmer in der Schweiz. Aber klar: es braucht ein Zugpferd und ich stehe gerne auf einer Bühne und motiviere wenn nötig auch grosse Menschenmengen. Das ist ein Talent von mir und das setze ich auch für Pro Ganze ein. So wird es also immer eine Gratwanderung bleiben. Ich bin froh, dass bald die NGO Pro Ganze Registrierung in Kenia abgeschlossen ist. Dann kann ich vor allem in der Schweiz wirken und unsere Projektleiterin vor Ort wird mehr direkt in die Hand nehmen können.

Unser Tag verläuft also gut und am Abend werden wir von Joyce in der Giriama Bar (Olivias Headquarter) mit Salat, Fish, Fleisch – sozusagen Surf & Turf – mit Kräuterbutter und Kokosreis verwöhnt und sogar Honorable Peter Shehe hat seine Beerdigungs-Odysee abgeschlossen und beehrt uns mit seiner Präsenz!

Zum anschliessenden Bango-Tanzen können wir ihn aber nicht überreden und ich verstehe ihn sogar, denn er kennt ganz Kilifi und die Leute würden ihn nicht in Ruhe lassen und dauernd die hohle Hand machen… Joshua macht den richtigen Vergleich: wenn Peter und ich zusammen im Lagooner aufkreuzen würden wäre es etwa so, wie wenn der Präsident und die First Lady Margareth in Nairobi in einem Club tanzen möchten: sie hätten keine ruhige Minute! Das Los eines Politikers. Aber die First Lady ist in Kilifi (zum Glück noch) nicht so bekannt und so kann ich mit meinen Freunden hingehen. Was Olivia erzählt hat stimmt: Bango ist ein gaaanz langsamer Tanz und wir bewegen uns coast-mässig im Rhythmus und haben viel Spass! Nach ein bisschen Nase rümpfen motivieren wir sogar Onkel Peter, der dann Viceroy( lokaler Whisky) sei Dank auch Gefallen findet. Allerdings – wie er mehrfach betont vor allem in den Band-Pausen, in denen ein bisschen schnellere Musik gespielt wird. Auch der Bodyguard Malingi taucht noch auf und hebt mich vor Wiedersehensfreude in die Luft, womit bewiesen ist, dass er extrem!!! stark ist! (Und auch leicht betrunken -aber schliesslich auch privat unterwegs)

Im Hotel muss ich Peter rausklopfen und ich klopfe und klopfe und höre nicht, wie er drinnen immer wieder “warte mal” ruft. Der Grund: beim Aufstehen ist er mit seiner Glücksbringerkette am Moskitonetz hängen geblieben und konnte nicht bis zur Türe reichen! Ein Grund auch mitten in der Nacht wieder mal so richtig herzhaft zu lachen und zu merken: das Leben stellt uns immer wieder mal vor kuriose Probleme Kenyan-Style!

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