Boy (and girl) groups und Peter, der Mangobaum

Olivia und ich wussten, dass der einfache Besuch in Mbonga etwas länger dauern würde. Wir stellen uns darauf ein und machen keine weiteren Pläne für diesen Sonntag. Wir haben alles prima organisiert und fahren ziemlich früh nach Marere, wo Peter bereits ein Meeting mit dem Spital-Kommittee abgehalten hat. Er ist nicht besonders gut gelaunt – ganz im Gegensatz zu uns… Die Geldsorgen drücken ihm aufs Gemüt und wegen den Anschuldigungen wurde sogar das CDF-Konto gesperrt und somit haben viele seiner Leute kein Salär erhalten. Das kann definitiv nervös machen…

Wir kriegen einen Zusammenschiss, weil niemand Wasser organisiert hat. Bei der Planung haben wir beschlossen, kein grosses Einweihungsfest zu machen, denn wir wissen ja, dass die Schule zwar schon sehr fortgeschritten ist, es aber noch an Vielem fehlt. Es wäre falsch, ein Signal zu setzen mit einem grossen Fest, obwohl es nochmals sehr viel Geld braucht um alles fertigzustellen. Wir haben zwar schon gesagt, dass wir nur Wasser spendieren zum Trinken aber wer das kaufen muss, dafür wurde kein Auftrag gesprochen. Wir kaufen in den lokalen Läden also noch das Wasser zusammen, das wir auftreiben können und treffen so gegen 12 Uhr in Mbonga ein. Die Strasse dorthin ist weiter holprig aber schon um Welten besser, als bevor Peter MP wurde. Auch die Elektrizität kommt bis in die hinterste Ecke. Das sind Verbesserungen, die deutlich sichtbar sind und die Ganze für immer verändert haben.

Wie befürchtet ist die grosse Sause doch geplant. Die Mädchen singen Loblieder auf Peter Shehe und auf ihre Schule (alles auf Facebook zu sehen inkl. Film). Die Mädchen, die keine Uniform tragen werden von der strengen Lehrerin gleich wieder aus der Reihe genommen. Militärisch im Takt folgen die Mädchen der Besichtigungstour. Für uns sehen zwar die 5 Schulzimmer ale gleich aus aber sie werden besichtigt, bestaunt und begutachtet. Auch wenn es noch an Vielem fehlt: die Schüler haben sich in den unfertigen Räumen bereits eingenistet und es wird bestimmt hier schon Schule abgehalten. Im Vergleich mit dem Mangobaum und dem behelfsmässigen Schulzimmern aus Lehm, die die Schüler teilweise selber gezimmert haben ist es grosssartig. Das grosse Lob für diese Aktion gehört natürlich Olivia und drum darf sie heute auch durchaus im Mittelpunkt stehen auch wenn sie das nicht besonders mag. Mit dem Sponsorenlauf der Schüler in Altnau, mit Servieren und Geld sammeln bei der Jungen Wirtschaftskammer Thurgau und mit vielen einzelnen Spenden hat sie es fertig gebracht und die Lehrer, Eltern und Schüler stolz auf ihre Schule gemacht. Ein wahnsinnig ambitiöses Projekt.

Wir setzen uns zusammen mit den Verantwortlichen und Olivia notiert, was alles noch fehlt. Das wird eine sehr lange Shopping-Liste geben und wir werden ausrechnen, für wie viel wir noch Sponsoren und Gelder suchen müssen in der Schweiz. Aber ich finde: jeder Schilling zählt und wir kriegen das noch hin! Ich merke, dass ich versuchen muss, das Glas halb voll zu sehen, denn es braucht noch so viel, dass ich für einmal fast das Glas halb leer sehe. Aber wie kürzlich jemand gesagt hat: Hauptsache, es ist überhaupt etwas im Glas drin!

Die Zeremonien gehen los mit sehr witzigen Tanzeinsätzen von Männern und Frauen. Sogar ein cooler Rap ist noch mit dabei von den Mbonga Boys. Wir haben viel zu lachen und noch mehr zu lachen haben die Einheimischen, weil wir Muzungus uns einfach anders bewegen und die Füdlis einfach anders schwingen. Selbst Onkel Peter muss aufs Tapet. Das reisst die grosse Menschenmenge zu einem anhaltenden Gelächter und riririirriri Rufen hin und es wird geklatscht und gegröhlt.

Brav tragen wir uns im Gästebuch ein und dann beginnt die Tortur. Zum Glück habe ich noch abgesagt, dass auch noch ein Lautsprecher-System hingefugt wird, denn dann wäre es kaum zum Aushalten. Jeder, aber jeder der irgendeinen wichtigen Titel hat spricht jetzt vor der Menschenmenge: vom Schulleiter über den Schulhauptlehrer über die Vorsitzende der Frauengruppe bis zu dem, der ursprünglich auch MP werden wollte und jetzt Peter die Unterstützung zugesichert hat bis zum Polizeichef und zum Sicherheitschef und und und… ich kann sie schon gar nicht mehr aufzählen. Sie erzählen Geschichten, sie politisieren, sie sprechen vom Wahljahr 2017 und mein Hinterteil wird immer eckiger, denn für einmal sitzt der Polizeichef direkt neben meinem Mann auf dem Ehrensitz und ich muss mich mit einem kleinen Holzbänkli begnügen. Ich muss ab und zu wieder aufstehen, denn es ist kaum auszuhalten weil das Ding auch noch nach hinten geneigt ist und ich jedes Mal, wenn ich mich bewege Angst habe nach hinten zu kippen.

Wenn es so weiter geht wird das noch bis in die Dunkelheit hinein gehen, denn es ist schon bald 16.30. Onkel Peter ist erstaunlich geduldig und hat noch nicht einmal seinen E-Book-Reader ausgepackt. Olivia und ich sind schon lange am Blog-Schreiben, Fotos raufladen, Listen updaten. Aber nach etwa 4 Stunden platzt uns fast der (nicht vorhandene) Kragen… Wir wollen nicht mehr länger und sind hässig, dass aus der Besichtigung so ein riesen Tam Tam veranstaltet wurde. Aber Olivia ist jetzt vorgewarnt: das nächste Mal wird sie den Besuch machen ohne Peter überhaupt zu informieren. Wir versuchen herauszufinden, wie lange es noch dauert aber Peter findet, wir hätten wirklich keine Geduld und er würde uns gleich zum Reden auffordern.

Eine der Frauen verwendet eine wunderschöne Metapher für Peter und seinen schwierigen Stand in Ganze. Sie meint, dass Peter wie ein Mangobaum sei mit vielen Früchten. Die Leute schmeissen mit Steinen nach dem Mangobaum, damit die Früchte schneller runterkommen. Würde er keine Früchte tragen, dann gäbe es auch niemand, der nach ihm schmeissen würde. Dieses Sinnbild gefällt mir sehr. Es ist etwa so, wie der Spruch: Mitleid erhälst du – Neid musst du dir verdienen!

Olivia kommt dann auch zum Einsatz. Sie hat eine wunderbare Ansprache vorbereitet und Christine übersetzt ins Kisuaheli. Sie spricht davon, dass wir das alles freiwillig machen und null Nutzen davontragen. Wir tun es, weil wir eine Veränderung möchten für die Menschen in Ganze. Wir bezahlen unseren Flug und alles selber und wir müssen das Geld in der Schweiz auch verdienen dafür. Sie nimmt die Metapher des Mangobaums auf und sagt, dass wir Ihnen zeigen möchten, wie man einen Mangobaum hegt und pflegt, damit er noch mehr Früchte trägt. Die Leute sind wieder wach, sie applaudieren und sind hell begeistert – noch mehr, als sie dann die „Wunderbüchse“ aufmacht mit den vielen Büchern für sämtliche Klassen in Mbonga, wo es doch 450 Schülerinnen und Schüler hat! Am liebsten würden sie jetzt natürlich gleich mit lesen und blättern beginnen aber die Speeches müssen noch weitergehen und ich habe meinen Einsatz. Auch wenn ich vorher fast verwelkt auf meinem Schemeli sass: jetzt aktiviere ich nochmals meine sämtlichen Lebensgeister und begrüsse die Leute begeistert auf Kauma (Lokalsprache) und erkläre unsere wichtigsten Projekte und dass sie doch aufhören sollen, den Gerüchten zu glauben und nachfragen sollen, wenn sie Geschichten erzählt bekommen. Ich sage auch, dass Mbonga nur eines von vielen Dingen ist, die wir für Ganze machen. Wir zählen die wichtigsten Projekte auf wie die Solartechniker, die Frauenspargemeinschaft und die Jugendlichen, die wir im Camp ausgebildet haben, damit sie den Weg in die Selbstständigkeit finden.

Die Mangobaum Methapher ziehe ich gleich weiter und sage ihnen, dass unsere nächste Idee ist, ihnen nicht nur zu zeigen, wie man einen Mangobaum am Leben erhält sondern auch wie man ihn pflanzt, so dass er gross und selbstständig wird und Früchte trägt, genau wie die Schüler von Mbonga. Das gefällt der Menge ebenfalls und Peter setzt dann noch den Schlusspunkt, wobei es weniger ein Punkt ist sondern schon mehr eine Punktekette von gefühlter unendlicher Länge. Ich glaube, ich habe es noch nie erlebt, dass er unter 40 Minuten spricht, aber heute bringt er es vielleicht auf 30!

Um nicht noch x-Mal anhalten zu müssen fahren ich mit Onkel Peter und Olivia retour nach Kilifi. Bevor ich mit zum zNacht kann höre ich mir noch die Vorschläge von einem Facebook-Freund an, den ich bisher noch nicht persönlich kannte. Ich hatte ihm versprochen seine Ideen anzuhören und zu sehen, ob wir etwas davon zusammen umsetzen können. Die grossen Projekte wie Mineral schürfen, Erdöl gewinnen und Ähnliches muss ich ihm gleich aus dem Kopf schlagen. Aber beim Thema Agrikultur finden wir einen gemeinsamen Nenner. Das ist wirklich das Projekt, das ich als nächstes anpacken möchte: denn wenn die Leute sich selber versorgen können, dann ist der Grundstein gelegt. Denn Essen kommt ja irgendwie noch vor der Ausbildung – ohne Essen kein Überleben. Sollte sich also jemand unter meinen Bloglesern befinden, der hier weiterhelfen kann: Karibuni – ihr seid alle willkommen mit Ideen, Geld und Leuten, die mit anpacken möchten. Meinen Traum von einem besseren Ganze teile ich mit der unermüdlichen Olivia, mit dem präzisen Onkel Peter, meinem eloquentenMP Peter und zum Glück mit ganz vielen Leuten in der Schweiz, die ebenfalls daran glauben, dass eine sichtbare Entwicklung möglich ist, wenn wir die Leute befähigen, sich selber zu helfen!

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