Von grossen und kleinen Tieren

Retour in Nairobi hat mir mein Peter wieder einmal eröffnet,
dass er am Weekend an einen Workshop nach Mombasa muss… da ist für mich kein
Anreiz dabei mitzufliegen, denn in Nairobi fühle ich mich zuhause und  hier bin ich sicher, dass ich keine
5-stündigen Beerdigungen, Huldigungen oder andere Aktionen begleiten muss, die
mich schlichtweg nicht interessieren. So führen wir auch bis spät in die Nacht
noch Diskussionen über unsere Zukunftsaussichten. Er tut mir manchmal auch
leid, weil er selber nicht immer versteht, wie die Menschen hier so fies und
hintertrieben sein können. Sein ursprüngliches Ziel, den Leuten von Ganze zu
helfen will er mit einem zweiten Wahlgang erreichen bzw. ausbauen. Er ist
überhaupt nicht daran interessiert, eine andere Stelle in der Regierung zu
erhalten und er will auch nicht auf Lebzeiten MP sein. Es ist daher auch für
mich entscheidend, was in der Wahl 2017 passiert. Ich bin in Kenia, weil Peter
hier ist aber ich habe in der Zwischenzeit so viel Herzblut für Land und Leute
entwickelt, dass ich mir ein Leben ohne Kenia auch nicht mehr vorstellen kann.
Und dann habe ich ja über meine Weiterbildung an der Uni Basel so viel Wissen
betreffend Afrika angeeignet, dass ich das auch gerne einsetze. Eine Zwickmühle
aber ein bisschen Zwicken darf es ja auch im Leben!

Ich frage Peter, ob wir uns seine Arbeit im Parlament
zeigen kann: ich wusste nicht, dass ich damit für ihn etwas Stress auslöse,
denn solche „Staatsbesuche“ müssen viel vorher angekündigt sein. Aber er
schafft es natürlich, denn er will seinen Schweizer Gästen ja auch zeigen, wie
seine Arbeit aussieht. Also dürfen wir (aber nur weil wir „schön“ angezogen
sind, d.h. Olivia und ich in Kleidern und für Onkel Peter sogar, dass er einen
Schlips von meinem Peter umbinden muss) in die „heiligen Hallen“ und können mit
Peter einen Lunch im Parlament geniessen. Alles ist recht britisch angehaucht
mit grossen Ledersesseln (no idle sitting allowed, only 2 persons per Member)
und überall bröckelt auch schon etwas der Lack ab. Aber das Essen ist
grosszügig und die Servicefachfrau überstellt sich fast rückwärts vor
Freundlichkeit. Sie fühlt sich sichtlich geehrt, die Muzungus bedienen zu
dürfen. Ich treffe einige MPs an, die ich aus diversen offiziellen Anlässen und
von der MP Reise in die Schweiz schon kenne. Sie alle sind zuvorkommend,
erklären uns das System und Ishmael begleitet uns dann in die „Speaker’s Gallery“
auch wenn wir dann noch einen Zwischenfall haben: also ohne Jackett darf Onkel
Peter nicht rein, denn das ist ja nicht einfach die öffentliche Tribüne und wir
werden dann auch noch namentlich als Besucher erwähnt! Es wird versucht auf die
Schnelle eine Jacke zu organisieren aber dann meinen sie: ach geht doch einfach
rein! Wahrscheinlich finden sie, die Muzungus fallen ja ohnehin auf, da ist es
auch egal ob mit oder ohne Jackett!

Wir sehen also die ganze Zeremonie. Nach dem etwa
10-minütigen Läuten kommen die offiziellen Clerks in Robe hinein mit einer Art „holy
gral“, einem goldenen Stab, der die hohe Bedeutung der Angelegenheit
unterstreichen soll. Anscheinend dürften keine Geschäfte durchgeführt werden,
wenn dieser Stab fehlen würde… Dann kommt der Speaker des Parlaments (der
dritthöchste Kenianer) und es wird zuerst gebetet, wie übrigens in Kenia vor
jeder Mahlzeit, vor jeder Veranstaltung, ja sogar vor jeder Computerschulung…

Dann beginnen die Geschäfte und wir erhalten via
inhouse TV die persönliche Begrüssung. Einige MPs hängen schlafend in ihren
Sesseln und andere hören nicht auf zu labern… (vielleicht darf drum die
Presse nicht mehr dabei sein…) wahrscheinlich ähnlich wie bei uns. Es kommen
viele verschiedene Themen dran und bei der Abstimmung wird ein „aiiii“ für ja
oder ein „naiii“ für nein ausgesprochen – das muss wohl irgendein altenglisches
Ritual sein im Sinne von aye aye sir…? Hier mehr über das Parlament https://en.wikipedia.org/wiki/National_Assembly_(Kenya)

Wir dampfen in der unglaublichen Hitze in den oberen
Rängen vor uns hin, kämpfen wie die MPs mit dem Schlaf und sind dann froh, als
wir von Peter mit einer SMS befreit werden und diese Erfahrung abschliessen
können. Es war superspannend und wir drei realisieren, dass Peter einen „hell
of a job“ macht. Die wichtigen Dinge werden alle in den Kommissionen
beschlossen aber trotzdem muss er sich an den Tagen in Nairobi mit Themen von
nationaler Bedeutung rumschlagen und in Ganze fragen ihn die Leute dann wieder
an, weil die Frau grad eine schwierige Geburt hat, weil der Grossvater an
irgendwas erkrankt ist und weil der Cou-Cousin heiratet und kein Geld dafür hat.
Der Wechsel zwischen diesen Welten ist schlichtweg fordernd und Peter muss mit
einer speziellen Energie ausgerüstet sein um das alles managen zu können. Zudem
kann er ganz einfach niemandem trauen und ich wundere mich nicht wenn er sagt:
you are the only person I trust! Da sieht mein Leben in der Schweiz schon sehr
viel anders aus und ich lobe mir meine vielen guten Freundinnen und Freunde!

Wir kämpfen uns wieder durch den grauenhaften
Nairobi-Verkehr und geniessen dann aber im Yaya Center beim Java House einen
fantastischen Kaffee, wie er in einer anderen Weltstadt nicht besser sein
könnte. Malindi Macchiato mit Zimt und Kardamom – mmmhh fein und noch ein Stück
Cheesecake dazu. Onkel Peter muss sein Hörgerät aufrüsten aber nach einigem
Aussortieren im Allerleiladen wird er fündig und wir sind auch ohne Anstrengung
für ihn wieder hörbar und die Missverständnisse werden reduziert.

Wir hatten damit ein paar originelle Anekdoten in
diesen zwei Wochen aber wir spüren auch, dass es eine andere Kommunikation
braucht und man sich auch ausgeschlossen vorkommen kann mit einer solchen
Hörhilfe. Manchmal war ich vielleicht ein bisschen zu sarkastisch mit dem Onkel
Peter aber ich glaube, er wird mir das verzeihen, denn wir haben ja beide auch
einen guten Humor und so können wir auch über unsere Sticheleien lachen. Zudem
merken Olivia und ich, dass wir uns beide gewohnt sind (fast) alleine zu leben
und daher nicht so nachsichtig sind mit „Möööödeli“ und wenn es nur ist, dass
uns die vielen „li“ am Ende eines Wortes nerven oder wir nicht akzeptieren,
wenn man von jungen Frauen als „Meitli“ oder „Fraueli“ spricht. Doch ich muss
bewundernd sagen: Onkel Peter hat unsere Kritik gut akzeptiert und war bemüht,
sich gewisse Veränderungen anzueignen. Hoffentlich wird ihn seine Frau noch
erkennen zuhause.. Spass beiseite: es geht uns auch einen feuchten Dreck an,
wie jemand spricht und sich verhält. Olivia und ich sind einfach zwei extrem
unabhängige Frauen die sehr ähnlich ticken und das schlägt dann halt auch im
Zusammenleben durch.

Am Donnerstag sind die grösseren Tiere dran. Da unsere
2-tägige Safari ausgefallen ist möchte ich meinen zwei Besuchern doch noch
etwas Wildlife zeigen. Selber wollte ich schon längst einmal in den Nairobi
National Park und das nehmen wir uns dann auch zum Tagesziel. Wir sind
pünktlich für die Öffnung des Parks (08.00) dort und kaufen uns eine Karte: es
ist wirklich erstaunlich, was wir alles zu Gesicht bekommen: von den coolen
Giraffen mit dem heissen Augenaufschlag, über Büffelherden, Zebraherden, allen
möglichen Antilopen bis zum Warzenschwein, das hier Kenya-Express genannt wird,
Baboons (zu Deutsch Paviane), irgendwelche Beutelratten (Yvonne Bösch, weisst
du noch wie diese Viecher heissen?) bis hin zu allerlei Vögeln, Straussen und
Gnus. Die Landschaft ändert sich in nur wenigen Kilometern komplett und was
wirklich fasziniert ist die Skyline. Wenn du gerade noch ein Tier im
Vordergrund hast und hinten die Wolkenkratzer von Nairobi siehst – das ist echt
einzigartig. Die Vielfalt der Tiere erstaunt mich, denn sie werden ja doch von
Fliegern und Lärm gestört – aber wahrscheinlich gewöhnen auch sie sich daran,
wie die Bewohner dieser Stadt. Löwen kriegen wir keine zu sehen, aber dafür
bräuchten wir entweder mehr Zeit oder mehr Geduld. Wir erfrischen uns in der
wunderschönen Odolo Lodge, die einem australischen Paar gehört. http://olololodge.com/  und wo sich ein Aufenthalt bestimmt angenehm
gestalten lässt! Ich habe dann noch die Idee, das Karen Blixen Museum anzusehen
(Out of Africa Geschichte). Salim zeigt, dass er null Nairobi-Erfahrung hat und
eine Mit-Muslimin erbarmt sich seiner und fährt mit uns und „ihrem Bruder“ bis
vor den Eingang. Na ja, Museumsbesuch ist jetzt nicht das ultimative Highlight
und so besprechen wir, dass wir höchsten KES 1000 (CHF 10) für den Eintritt
bezahlen werden, denn der Nationalpark hat uns bereits CHF 50 gekostet. Als wir
dann sehen, dass sie CHF 12 pro Person verlangen sagen wir, dass das unser
Budget überschreitet. Der erstaunte Mann am Eingang verlangt von uns, dass wir
in einem Buch einschreiben, warum wir nicht reingehen, da wir am Gate schon
registriert wurden. In dem Buch hat es schon mehrere Einträge, die in die
gleiche Richtung gehen aber sich z.T. auch beschweren, weil sie nicht mit
Kreditkarte zahlen können. Anstatt ins  Museum zu gehen essen wir im Shoppingcenter
Galleria etwa Mittelgesundes bevor die Rückreise wieder durch den immer noch
grässlichen Nairobiverkehr in unsere Wohnung retour geht.

Den Abend verbringen wir mit Facebook-Instruktionen
für den Neuling Onkel Peter und wir amüsieren uns gegenseitig über Beiträge,
Kommentare und zeigen uns Lieder die wir lieben und Witze, über die wir
schlichtweg den Bauch halten müssen vor Lachen und der Abend geht mit einem
feinen kenianischen Wein (das gibt’s) und einer scharfen Suppe fast zu schnell
vorbei!

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