Heldinnen und Helden

Der Tag nach der Abreise von Olivia und Onkel
Peter geht sehr häuslich über die Bühne (waschen, putzen, aufräumen mich über
Lärm nerven – ich gebe zu, ich bin lärmempfindlich und da hilft Kenia nicht
gerade dabei… in der oberen Wohnung rasen die Kinder hin und her, draussen
spielen sie Fussball, der „Spitz“ – so ein ganz hässlicher weisser Hund wie bei
der Witwe Bolte aus Max und Moritz – kläfft andauernd – auch nachts..und direkt
hinter dem Haus ist ein Basketball-Court und der Pausenplatz. Dann kriege ich
auch einiges an Lektionen mit, weil die alle über Lautsprecher gehalten werden
und es Hundert von Schülern hat in de Makini School). Mein Gegenmittel:
lautstark Musik oder Hörbücher hören. Das kann allerdings auch ablenken. Vor
allem wenn ich wie jetzt gerade ein komplexes Excel Sheet für meine
Solartechniker mache.

Ich hatte ja schon damit begonnen im August und dann
in der Schweiz einen Crash der externen Harddisk gehabt – aufmerksame Blogleser
erinnern sich… Also musste ich alles noch einmal rekonstruieren, obwohl mir
Onkel Peter ein paar Files wiederherstellen konnte. Aber ein paar Hirnschmalzstunden
waren verloren. Aber ich muss sagen: ich hatte echt Freude daran, dass mein
Wissen noch nicht verloren war. Ich musste zwar ein paar Mal die Hilfe
aufrufen. Aber jetzt habe ich ein Resultat, das sich zeigen lässt. Safari hat
mir die Berechnung von Solarpanelen erklärt und damit habe ich meine Formeln
kreiert, dann gleich das benötigte Panel (Anzahl Watt) berechnet und
schliesslich gleich noch den Preis von der Preisliste eingetragen. Juhuuuu –
ich LIEBE Excel!

Das dürfte die Arbeit der Solartechniker um einiges
erleichtern. Ich glaube, so eine Luxusversion hatte nicht einmal Ramogi, der ja
das Sarah Obama Center of Solar Learning in Homa Bay leitet. Aber bevor er
nicht hilft mit der Beschaffung von Sponsoren kriegt er auch mein Excel Sheet
nicht. Ich lerne hier mehr denn je: eine Hand wäscht die andere.

Ich bin dann auch noch ins Werk gefahren, wo der Bus
für die Frauenspargemeinschaft erstellt wird. Es ist ein 51-Plätzer ISUZU und ist
spannend zu sehen, wie so ein Bus entsteht. Unser Bus ist noch am Anfang aber
dort wird anscheinend am meisten Zeit investiert. Der Verkäufer hat mir das gut
erklärt: es ist wie der Wohnungsbau: die meiste Zeit nimmt das Bauen in
Anspruch, alles was nachher kommt ist mehr mit „Innendekoration“ und Verschönerung
zu vergleichen. Aber es muss noch einiges an Geld zusammenkommen, bevor er dann
ausgeliefert wird und auf der Strasse Geld für die Frauen einbringt. Aber die
sind so entschieden, die werden das schaffen.

Mein Mann ist ja bereits an der Küste: zuerst an einem
Workshop und danach muss er am Tag der Helden – Mashujaa Day – 2 Ansprachen in
seinem Wahlkreis halten. Ich habe dafür die Einladung für die Festitiväten im
Nyayo Stadium erhalten. Ishmael der PA begleitet mich als Peter-Ersatz. Wir
sind schon früh dort und das ist gut, denn die Tänze und Gesänge haben schon
begonnen und die Kulisse ist eindrücklich. Wir haben einen Platz bei den
„Member’s of Parliament“. Als Muzungu muss ich zwar ein paar Mal meine
Einladung zeigen, denn da stimmt für die Sicherheitsleute etwas nicht… aber
wir haben uns super Plätze ausgesucht – etwa 6 Reihen hinter dem Präsidenten
auf seiner Riesentribüne. Manche Gesänge gehen mir einfach direkt ins Herz. Die
Musik ist eine grandiose Völkerverbindung. Mein Traum von einem Hühnerhaut-Chor
bleibt weiterhin bestehen. Auch die Mbonga Boys bleiben mir noch ganz präsent
und regen einfach positive Emotionen. Auf der Gegentribüne sitzen Primarschüler
in den Farben der Kenya Flagge: oben schwarz, in der Mitte weiss und unten rot.
Das ganze Stadion ist wunderbar dekoriert. Es folgen sehr militärische
Begrüssungen, eine riesige Militärmusik hat ihren Auftritt und danach einige
Tänze und Darbietungen.  Eine lustige
Kunstform ist das Vortragen von Gedichten in einer Gruppe mit entsprechenden
Bewegungen. Das kenne ich aus Europa gar nicht. Dann der Auftritt des Vizepräsidenten
und des Präsidenten.

Ach ja und natürlich wird die schöne Nationahymne (auch
von mir) zweimal gesungen: am Anfang und am Schluss und gebetet wird in 3
verschiedenen Konfessionen. Dazwischen gibt es ein grosses Militärdefilée und
auch die Boy Scouts, die Girls Scouts etc. haben ihren Auftritt. Die Kenya Air
Force fliegt auch noch ein paar Runden und ich amüsiere mich über die vielen
uniformierten Männer, die gleich neben uns sitzen. Klar eine Uniform macht
schon fesch aber so schön wie Richard Gere finde ich keinen…

Der Präsident erwähnt alle seine guten Tagen der
letzten Jahre und wechselt zwischendurch für inoffizielle Kommentare zum ICC
und zur Pressefreiheit ins Kisuaheli. Er beglückwünscht alle Heldinnen und
Helden und erwähnt, dass dazu auch die Leute des alltäglichen Lebens gehören,
wie die Bauern, die Arbeiter, die Lehrer etc. etc.  Am Schluss fahren alle Limousinen auf, um die
Familienmitglieder wieder nachhause zu bringen. Ich will gar nicht wissen, was
das alles kostet: in dieser Beziehung könnte Kenia ruhig bescheidener werden.
Es wird einfach zu viel Tam Tam an solchen Anlässen gemacht und dafür werden
bestimmt Millionen ausgegeben, während in Ganze die Leute nicht einmal im
täglichen Leben genug zu essen haben. Das ist ein Spagat, der in solchen
Ländern einfach schwierig zu verstehen ist. Die Unterschiede sind riesig und es
gibt so viel „Protokoll“, das zu befolgen ist.

Es wird mir keinen Moment langweilig aber ich höre
schon langsam den Magen von Ishmael knurren… er will unbedingt Ugali – ohne
diese Pampe kann er wohl nicht leben. Sobald alles vorbei ist lade ich die drei
Männer (den Fahrer, den Bodyguard (den sie nicht reingelassen haben) und den
Personal Assitant) zu einem Mittagessen ein. Er bringt uns zum Lunar Park, ein
Vergnügungspark in der Nähe des Parlaments. Ja Politik ähnelt hier auch einem Luna
Park. Ein riesen aufgeblähtes System und alle auf allen Stufen versuchen sich
zu profilieren und zu profitieren.

Am Schluss treffen wir noch einen Parteikollegen von
Peter, der Fotograf ist. Ich bitte ihn ein paar Fötelis von Ishmael und mir zu machen,
er schickt sie mir per WhatsApp und danach kommt sein Anruf und die Frage, ob
ich ihm nicht dafür etwas Geld rüberschieben würde. Ich bin so etwas von wütend
und sage ihm, dass ich gleich alle wieder löschen würde. Ich hätte gedacht, das
sei ein Freundschaftsdienst und ich hätte ihn nie gefragt, wenn ich gewusst
hätte, dass er dafür Geld verlangen würde. Zudem sind die Bilder nicht einmal
so super, denn die Füsse sind abgeschnitten und sie sind überbelichtet.

Das ist etwas, das mir hier mit der Zeit richtig auf
den Keks geht: immer und überall muss man den Geldbeutel öffnen. Für die
Unterkunft des Fahrers und des Bodyguards, für Tänze und Gesänge, für die
Sicherheit und einfach schlichtweg für alles. Aber ich nehme jetzt nur die
guten Eindrücke des Tages raus und stelle die Bilder ins Facebook und schreibe
meinen Blog. Das ist auch das einzige „produktive“, das ich im Moment machen
kann, denn es gibt dauernd Stromunterbruch – ja und das in der Millionenstadt
Nairobi. Aber die andere Alternative ist bügeln und so ist mein Blog vielleicht
auch etwas länger ausgefallen als sonst.

So langsam aber sicher entwickle ich für dieses Land
eine Art Hassliebe. So viele Dinge, die nerven, aber auch so viele Dinge, die
wunderschön sind. Meine Positiv-Liste, die ich beim ersten Besuch gemacht habe
ist schon etwas länger geworden und gerade heute habe ich gedacht: mir würde
definitiv etwas fehlen, wenn dieser Teil meines Lebens wegfallen würde.

Also habe ich heute auch ein bisschen kenianisch und
als kleine Heldin gefühlt. Ich habe bestimmt hier schon mehr Dinge bewegt als
je in der Schweiz und das gibt mir ein gutes Einschlafgefühl!

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