Wer folgt wem und wie man in Mombasa in 20 Minuten zum Flughafen fährt

In meiner letzten Blog-Phase haben mich einige Freunde
darauf angesprochen, dass ich etwas desillusioniert war und ich kann es nicht
abstreiten. Es gibt Phasen, in denen sehe ich keine Zukunft, keine für Peter
und mich, keine für ihn als MP und keine für Ganze oder Pro Ganze und manchmal
nicht einmal für Kenia.

So bin ich dieses Mal nur für eine kurze Zeit und ohne
grosse Vorsätze gekommen, ausser so viel Zeit wie möglich mit Peter zu
verbringen… wer von den Leserinnen und Lesern lacht jetzt laut? Na ja – in
diesem Land musst du verstehen: wenn der Präsident ruft, dann folgen alle
SOFORT, die unter ihm sind. Wenn der Vizepräsident ruft, dann folgen alle
SOFORT, die unter ihm sind. Dann gibt es vielleicht noch ein paar Grössen im
Land, denen auch fast alle folgen würden aber dann kommen schon bald die MPs
(Members of Parliament) so wie Peter einer ist…Er kann dann wiederum alle
unter sich zusammenrufen, die dann auch SOFORT antraben.

Dummerweise sind der Präsident und der Vizepräsident
momentan an der Küste und erledigen ihre Geschäfte von hier aus. In Mombasa hat
es ja auch ein State House wie in Nairobi und im Hinblick auf die Wahlen, die
im August 2017 stattfinden werden muss die Jubilee Coalition (der Kenyatta und
Ruto angehören) an der Küste etwas Goodwill schaffen, denn hier ist die
Mehrheit auf der Oppositionsseite – die Mehrheit, aber nicht Peter. Das hat ihm
ja auch schon viele Scherereien bereitet, weil ihn dann auch die MP Kollegen
ausbooten wollten.

Aus diesem Grund bin ich ja auch an die Küste geflogen
– ganz schön folgsam mit der Hoffnung, dass wir uns vielleicht auch hier ein
paar schöne Tage machen könnten. Ok, in der Mehrzahl zu sprechen ist schon etwas
vermessen aber wenigstens den Sonntag stelle ich mir etwa so vor: Ausschlafen,
am Strand spazieren, fein essen, wieder schlafen, lesen, diskutieren. Ich höre
schon wieder Lacher!

Am Samstag ruft der Präsident, weil er „Title Deeds“
verteilt (was ja eine gute Sache ist: die Leute, denen das Land ursprünglich
gehörte kriegen endlich wieder die Unterlagen retour, dass das Land, das ihnen
vor Jahren geklaut wurde jetzt wieder ihnen gehört) und da will er halt alle
MPs um sich haben. Als Peter dann gegen Abend retour fahren will wird er
nochmals persönlich zurückgerufen und muss wieder antraben. Na ja, „persönlich“
heisst dann ein Nachtessen mit vielen anderen Leuten, aber immerhin sitzt Peter
vis-a-vis des Präsidenten und kann ein paar Anliegen platzieren. und ich
überbrücke ganz sympathisch damit, dass ich Sandra treffe, die für ein NGO (Non
Government Organization) hier arbeitet und im September einen Kenianer
geheiratet hat. Wir tauschen unsere Erfahrungen aus, zeigen gegenseitiges
Verständnis und fragen uns, wie den die optimale Verteilung zwischen Kenia und
der Schweiz aussehen würde…Und Peter sehe ich mir dann in den 21h Nachrichten
am TV an.

Jetzt kommt der Holy Sunday. Es beginnt ganz gut, ich
vertage meine „Geschäfte“ mit dem Solartechniker und unserer Programm-Managerin
auf den Montag/Dienstag und wir frühstücken – fast ohne Telefonunterbruch
draussen unterm Makuti-Dach.

Plötzlich die vollkommene Aufregung: ich kenne meinen
Mann gar nicht mehr. Er vertippt sich fast beim Beantworten des Telefons, denn
der Tätschmeister des Vizepräsidenten ruft an: alle MPs in die Kirche!!! Ruto
geht da hin und will begleitet werden… Barbara: du kommst mit, ich will dass
sie sehen, dass du zu mir gehörst… Also was jetzt: stämpfelen und täubelen
und sagen: das mache ich nicht mit, das kannst du vergessen. Have a nice
(Sun)day! oder verklebte Salzwasserhaare auswaschen, Schminkzeug packen und ein
hübsches Kleid anziehen und in 10 Minuten lächelnd dastehen? Positiv denkend
wie ich bin entscheide ich mich für die 2. Variante. Ich finde es nämlich noch
spannend mal wieder einen Gottesdienst hier zu beobachten und dann denke ich:
kann ja gar nicht schaden, wenn man sieht, dass es diese „wife“ wirklich gibt
und er nicht nur von ihr erzählt.

Die Kirche in Mombasa ist gigantisch gross – ich
glaube, mehrere Tausend Leute würden reinpassen und es sind sicher 1000 hier.

Wir sind etwas spät dran, kriegen aber noch mit, wie wir uns heilen können, wie
wir gerettet werden können – Gott sei Dank. Dann alle MPs mit Gefolge durch die
Hintertüre weg und hier schüttle ich nun intensivsten die Hand von William Ruto
und denke „Mist, wie heisst es jetzt schon wieder: his excellency, your
excellency…. oh well: nice to meet you!!! Ich rufe ihm in Erinnerung dass wir
uns mal an einem Anlass vor 2 Jahren gesehen haben. Es gibt ein Gespräch mit
dem Pfarrer und dann „ok let’s go to Tamarind for Lunch“. Das ist eines der
bekanntesten Restaurants in Mombasa, direkt am Creek und das ist glaube ich die
erste schöne Aussicht, die ich in Mombasa gesehen habe.

Ich sitze vis-a-vis von Peter und dem DP und es ist
ein hervorragend feines Mittagessen, mit cooler Live-Jazz-Band im Hintergrund
und einer ganz normalen Konversation über Wetter, Kleider, Männer, die den
Valentine’s Day vergessen.. Sie erzählen sich Geschichten von früher, von der
letzten Wahl und Peter lobt mich als Campaign Manager ohne die er die Wahl nie
gewonnen hätte und für einen ganz kleinen Moment bin ich richtig stolz auf
meinen Peter, der irgendwie mit allen Wirren doch eine Art Tellerwäscherkarriere
gemacht hat.

Ich bin ja ein Mensch, der Berühmtheiten immer möglichst
nahe erleben muss um mir einen Eindruck machen zu können und ich bin sehr
zufrieden mit den Schwingungen. Ein blitzgescheiter ganz normaler Mensch, der
mir sogar noch recht bescheiden rüber kommt. (mal seine Bodyguards und die
ganze Entourage von etwa 20 Personen ausser Acht gelassen). Im Konvoi begleiten
wir ihn dann zum Flughafen – direkt aufs Flugfeld versteht sich – und
verabschieden uns von ihm.  Unglaublich,
aber so schaffst du es tatsächlich, in 20 Minuten am Flughafen zu sein vom
Tamarind aus. Eine Strecke, für die wir locker auch mal 2 Stunden brauchen mit
dem Verkehr!

Dummerweise hat Peter auch noch einen Auftrag vom DP
erhalten und so muss ich in der Zwischenzeit mit dem CDF Manager (Constituency
Development Fund) diskutieren und ihn hinhalten. Das stellt sich aber als ganz
spannende Diskussion raus: er möchte, dass ich dieses Jahr noch alle seine
Angestellten auf Excel schule, ihnen Verknüpfungen und Ähnliches zeige und
ihnen beim Strategischen Plan für 2016 helfe.Onkel Peter mach dich schon mal
gedanklich auf 1 Woche Excel Schulung gefasst!!!

Des weiteren bringe ich meine Ideen ein: mir schweben
noch folgende Projekte vor: ein Fussballturnier mit den alten Uniformen des FC
Arbon, die ich dank Lukas Auer gesponsort gekriegt habe, ein Buch über die
Mijikenda (die 9 Küstenstämme) zu schreiben mit Aufzeichnungen, Videos,
Interviews, Liedern, Tänzen, Brauchtümern, damit auch Ganze etwas für die
Nachwelt hat worauf sie stolz sein können und zu guter Letzt noch ein
Chorprojekt, das aber nicht alleroberste Priorität hat.

Dann erfahren wir auch, dass die CDF Gelder, die wegen
der Anklage bei der Anti-Korruptions-Behörde 4 Monate blockiert waren endlich
wieder freigegeben sind. Das war jetzt ein unglaublicher Kampf. Peter hätte ja
gar nicht angeklagt sein dürfen, denn er hat gar keine
Unterschriftsberechtigung. Aber weil er eben den hyperkorrupten CDF Manager
hatte versetzen lassen haben sich diejenigen, die vorher von seiner korrupten
Art profitiert haben gedacht, sie wischen Peter eins aus und klagen ihn an.
Erst zu spät haben sie dann gemerkt, dass sie sich den Ast auf dem sie sitzen
selber abgeschnitten haben. Spätestens dann, als sie Schulgelder vom CDF
wollten, diese aber wegen des eingefrorerenen Geldes nicht erhalten haben. So
haben zwar unendlich viele unter dieser Sperre gelitten und gar kein Projekt
konnte vorwärts getrieben werden, aber Peter hat es Sympathien gebracht, weil
er sich ja immer und überall gegen die Korruption einsetzt. Eine sehr sehr
verrückte Welt!

Ich komme an diesem Sonntagabend aber ins Zimmer
zurück und glaube immer mehr daran: Peter wird seinen Weg machen und ich
verfolge die Projekte, die mir Spass machen. Und diesen Spass habe ich heute
wieder entdeckt. Und jetzt will ich immer in 20 Minuten am Flughafen sein!!!

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