2016: August 11 Kann mir mal bitte jemand das Wasser reichen?

Tatsächlich sind es jetzt schon bald 2 Jahre her, seit mir
Eva Maron ein Frühstücksplättli mit diesem Spruch geschenkt hat in Kenia. Ich
bin natürlich immer noch mächtig stolz auf dieses Geschenk und esse gerne mein
Frühstück drauf… vor allem weil es von einer Frau kommt, die mir durchaus das
Wasser reichen kann. Jetzt bekommt der Spruch aber einen ganz anderen Sinn:

Schon vor einer Woche war ich im Hotel Kilifi Bay abends
spät eingeseift unter der Dusche und plötzlich kam kein Tropfen Wasser mehr.
Mit dem Liter Trinkwasser, den ich noch hatte versuchte ich das Allerklebrigste
zu entfernen – aber für eine gründliche Wäsche reichte es nicht und so musste
ich mit dreckigen Füssen und voller Ganze-Staub ins Bett. Ein echt ekliges
Gefühl. Das Hotel hatte keinen Nachschub mehr und es dauerte bis am nächsten
Mittag, bis das Wasser wieder floss. Für die wenigen Gäste hätten sie ja einen
Eimer hinstellen können aber daran dachte wohl niemand mitten in der Nacht.
Mein Gedanke war damals schon: grauenhaft, wie das stressen kann wenn ich eine
Nacht und einen halben Tag mal kein Wasser habe! Es fällt mir erst auf, wie oft
ich mir mal ganz kurz die Hände waschen möchte, z.B: nach dem Eincremen, nach
dem Einsprayen mit Mückenspray, vor dem Rausnehmen der Kontaktlinsen etc. etc.
Da krieg ich schon fast die Krise nach so kurzer Zeit und in Ganze wären sie
froh, sie hätten überhaupt irgendwann einen Tropfen Wasser. Die Situation ist
so prekär, dass sogar schon Tiere sterben und von einigen älteren Leuten wird
auch bereits gesagt, dass wegen der Wasserknappheit nicht überlebt hätten. Was
mich ja auch immer wieder erstaunt ist, wie sauber die Leute trotzdem sind und wie
sie sich doch immer wieder aufraffen können um in die Schule, zur Kirche und
auf ihre langen Märsche zu gehen. Mir bringt der Swimmingpool am nächsten
Morgen die notwendige Abkühlung und ein wunderbares Gefühl von Kühle auf der
Haut, was ohne Dusche einfach nicht eingetreten ist. Ja die Gegensätze sind
auch mit dieser Entbeh

Der Aufenthalt in Kilifi geht dem Ende zu. Wir organisieren
noch dies und jenes, laden noch Christine auf, die zu ihrem kaputten Auto in
Mombasa sehen muss und froh ist, wenn sie die Reise nicht im Matatu
(Sammeltaxi) machen muss. The Honorable ist wie immer am Telefon und wir
sitzen  hinten drin und diskutieren die
letzten Dinge, die im Namen von Pro Ganze noch erledigt werden müssen.
Plötzlich hängt Peter das Telefon auf und beginnt im Auto (sitzend) rauf und
runterzuhüpfen!!! Er schwingt die Arme hin und her und sagt: er wusste, dass
heute ein guter Tag werde. Er müsse gleich wieder retour, denn er habe die allerbeste
Nachricht erhalten seit er MP sei. Wir können es kaum erwarten, bis er endlich
die Katze aus dem Sack lässt und die News ist wirklich umwerfend: die Minister
und der General, die ihn bei der Essensverteilung begleitet hatten, haben ja
Hilfe versprochen mit Wasser-Bohrlöchern und dem Anpflanzen von 100 Hektaren
Land. Ich dachte mir damals: schöne Versprechungen, mich nimmt es Wunder wie
lange es dauern wird  wahrscheinlich erst
kurz vor den Wahlen. Es hat aber für einmal echt nicht lange gedauert und die
Maschinen sind bereits auf dem Weg nach Ganze, sie werden wahrscheinlich am
nächsten Tag vor Ort sein. Peter hat die Zusage, dass er für die Bohrlöcher über
1000 Jugendliche (Youth geht hier bis 35… ) aus seiner Constituency für den NYS
(National Youth Service) anstellen kann für die Arbeiten. Sie zahlen gar nicht
schlecht – ich höre etwas von KES 450 (CHF 4.50) im Tag was gar nicht übel ist!
Er kann sofort mit dem Rekrutieren beginnen!!! Das ist das erste Mal, dass ich
(ausser bei den Strassen) jetzt echte Hilfe für Peter sehe. Ganz konkrete und
nützliche Hilfe im doppelten Sinn: Wasser für die Zukunft und Arbeit in der
Gegenwart – einfach sensationell. Ich bin ebenfalls total happy und aber auch
happy, dass er jetzt doch noch zuerst mit mir nach Nairobi kommt – der Abschied
soll ja doch gebührend sein und nicht so schnell im Auto… Mir stehen ja noch 3
Tage „zuhause“ bevor. Aber ihr seht schon: in so einer Situation kann ich
einfach nicht zickig sein, denn ich freue mich für Peter und noch mehr für die
Menschen von Ganze, ich könnte also auch rauf- und runterhüpfen vor Freude.
Aber zuerst müssen wir noch den Weg zum Flughafen schaffen. Momentan wird ja
eine Bahn nach Uganda und eine neue Strasse zum Flughafen Mombasa gebaut: es
ist Chaos pur. Mitten zwischen Strassenverkäufern durch – Dreck und Schlamm und
gaaaaanz langsames vorwärts kommen im Schritttempo. Die Nerven werden immer
strapaziert auf dem Weg zum Flughafen. Aber bald fallen wir in die Sessel im
VIP Bereich und sind dann bald in Nairobi in unserer Wohnung und können endlich
unser obligates Raclette geniessen. Das Wetter passt auch – es nieselt und ist
unangenehm kühl – etwa gleich wie momentan in der Schweiz – aber hier ist es ja
auch Winter. Wir schlagen uns also die Bäuche voll und ärgern uns dann noch über
die blöden Facebook Posts, wo es doch tatsächlich Idioten gibt, die die
Ankündigung der Arbeit ganz doof und frech kommentieren. Moses, der Secretary
General von Pro Ganze liefert ein Wortgefecht und wir rufen ihn ganz spät
Nachts noch an und erklären ihm, dass das nichts bringt. Es sind immer die
gleichen Miesepeter: sie sind von den Gegnern von Peter angestachelt und machen
schlichtweg alles schlecht, was er macht. Kein Wunder hat er aufgehört im FB zu
lesen. Es sind ja nicht die Wananchis (Einwohner) selber, die sehen ja den
Fortschritt aber die Anstachler im FB, die können einem ganz schön an die
Nieren gehen. Aber schon klar: wenn Peter jetzt solche Projekte initiieren kann
sehen die Gegner natürlich für 2017 die Felle davon schwimmen, denn so etwas
hat noch niemand geschafft vor ihm! Aufmerksamkeit von der höchsten
Regierung!!! Nimmt mich ja wunder, wie das rauskommt, wenn im August dann
wirklich der Präsident nach Ganze kommt um die Strasse einzuweihen – dann werden
alle komplett aus dem Häuschen bzw. aus dem Lehmhüttchen sein. Ach ich mag es
Peter so gönnen, dass ihm echt niemand das Wasser reichen kann aber er wird es
für die Menschen von Ganze tun!

Das Problem wird jetzt noch der Rückflug – es gibt absolut
null Plätze für den Donnerstag und er muss um 09.00 bereits dort im Büro sein
und alles organisieren. Er verbringt den Tag im Parlament und ich mit letzten
Einkäufen und dann am TV – abwechselnd mit Olympia und Parlament schauen. Es
geht nämlich grad um das Thema NGO (Non Government Organizations). Dieses
Gesetz wird revidiert, damit man mehr Einsicht in die Geschäfte hat, denn da
tummeln sich ja ein paar ganz komische Exemplare, die eine NGO nur als
Deckmantel für dreckige Geschäfte oder für die eigene Bereicherung oder sogar
für kriminelle Aktivitäten benutzen.

Zusätzlich treffe ich auch noch den Verantwortlichen von
AMREF (Gesundheitsorganisation), denn wir möchten ja die Organisation
OneDollarGlasses nach Kenia bringen und das ist am besten via diese
Organisation, denn sie hat bereits viel Erfahrung. Ein extrem gebildeter und
intelligenter Mann unterhält sich mit mir über die nächsten Schritte. Im
September werden 2 aus Europa kommen um alles Weitere aufzugleisen, denn es
müssen jetzt zuerst Studien gemacht werden wie es genau aussehen könnte. Eine
spannende Begegnung.

Den zweitletzten Tag verbringe ich zuhause, ich rufe noch
den Sanitärler an, denn die Ratten haben schon wieder ein WC-Rohr gefressen
(teures Futter… wir werden es ihnen heimzahlen…) und auch sonst müssen ein paar
billige chinesische Teile ersetzt werden, da sie schlichtweg nichts wert sind.
Zudem muss er das Wasser wieder in Gang bringen, denn weil es lange Zeit nicht
mehr floss gibt es ein sogenanntes „Airlock“ irgendein Problem mit der Luft,
die in den Röhren drin ist. Gleichzeitig habe ich auch unsere wunderbare
Putzfrau Linet aufgeboten. Als beide im Haus sind merken wir, dass es schon
wieder kein Wasser hat  – wie in den
letzten 3 Wochen auch nicht. Linet, die arme, muss das Wasser beim Eingang
holen und mühsam mit Eimern putzen. Am Schluss stellt sie mir sogar noch
gefüllte Becken hin fürs Waschen am Abend. Sie lachen mich aus, weil ich mich
beklage, dass es in einer Millionenhauptstadt doch einfach nicht sein kann,
dass das Wasser ausgeht! Aber der Caretaker des Hauses verspricht, dass es am
nächsten Tag wieder kommt… und der Sanitärler und Linet sagen, das sei für sie
einfach ganz normales Leben!

Mit Linet setze ich mich noch hin und ich überrasche sie mit
ein paar Geschenken aus der Schweiz. Ich konnte im Vögele in Arbon, der seine
Tore schliesst, noch ein paar sehr günstige Schuhe kaufen. Sie trägt Grösse 42!
Und sie ist wirklich mausarm und wahrscheinlich hat sie noch selten etwas Neues
erhalten. Ihre Mutter hat sie mit 2 verloren und ist beim Vater aufgewachsen.
Vor 2 Jahren hat sie ein Kind geboren und kurz darauf hat sie der Mann
verlassen. Als ich ihr die Schuhe und ein Armband gebe schaut sie zum Boden und
sagt immer wieder: Barbara you are sent from heaven! Sie beginnt zu weinen und jetzt
halte ich es auch nicht mehr aus: wir beide lassen dem Wasser in Form von Tränen
freien Lauf. Diese Frau ist so bescheiden und wie sie mir schildert, dass sie
das meiste Geld, das sie von uns fürs Putzen erhält für ihre Weiterbildung
einsetzt, weil sie gerne am Computer besser werden möchte um bald einen Job im
Büro zu erhalten da steigt meine Achtung für sie noch mehr. Momentan verdient
sie sich noch etwas dazu, indem sie Secondhand Kleider auf dem Markt verkauft.
Ihre Freundinnen würden so etwas nie tun, das sei unter ihrer Würde aber ihr
sei das egal: ihr Sohn soll es mal besser haben als sie. Wow – ich bin so
beeindruckt von dieser Frau: sackstark und ich muss eine Möglichkeit finden,
dass ich ihr einen Laptop organisieren kann, damit sie zuhause lernen kann. Bei
einem solchen Menschen ist das am richtigen Ort. Ich schenke ihr alle Kleider,
die mir zu gross geworden sind und meine Schuhe, die ich aus der Schweiz mitgebracht
habe, damit sie diese auf dem 2nd Handmarkt verkaufen kann. Wir erholen uns
beide wieder und sie geht mit gefüllten Plastiksäcke zurück zu ihrem Sohn und
wird bestimmt einen wunderbaren Abend verbringen. Wow – das war jetzt ein ganz
emotionaler Tag.

Als Peter retour kommt hat er immer noch keinen Sitzplatz
für den nächsten Tag aber hier kommt wieder eine unglaubliche Person zum
Einsatz: eine Frau, die für Fly540 arbeitet (Billigairline) ruft ihn nachts um
10 noch retour und sagt, er solle morgen um 5.30 h am Flughafen sein. Sie werde
sehen, was sich machen lässt – es seien aber wirklich alle Flüge voll. Peter
muss also bereits um 04.45 h weg – ich mach ihm noch ein schnelles Frühstück
und der Vorteil von einer so frühen Abreise ist, dass es für mich noch viel zu
früh ist für irgendwelche Emotionen und so ist der Abschied kurz und bündig… Um
06.30 h schreibt er mir eine SMS: er hat den allerletzten Platz auf dem Flieger
gekriegt weil jemand zu spät kam und sich diese Frau so für ihn eingesetzt hat,
weil sie einfach sah, wie wichtig dieser Termin für Peter ist.

Ich gehe nochmals retour ins Bett und dann aber doch
ziemlich früh auf die letzte Etappe: Maasai Market in der Nakumatt Junction –
das braucht Nerven aber dort ist die grösste Auswahl an Schmuck und Souvenirs.
Ich bin froh um meine paar Brocken Swahili, die mich wenigstens nicht grad als
doofe Touristin outen sondern eher als eine Muzungu, die in Nairobi lebt…
Danach noch alles, was im Haushalt fehlt aufstocken und eine Überraschung für
Peter: ich mache ihm eine ganze Wand als Bildergallerie von all seinen Kindern
und Enkeln (es sind ja mittlerweile doch schon 7 und im September dann 8) sowie
von meinen Kids und Max und Mamush. Ich kann mir schon vorstellen, wie erstaunt
er sein wird, wenn er wieder retour kommt von seiner Mission in Ganze. Gut
liest er meinen Blog nicht…

Etwas fürs Herz ist nach so viel Aufregung und Stress sicher
schön für ihn in „unserer“ Wohnung! So jetzt nur noch die Haare waschen, denn
so klebrig will ich dann doch nicht auf den Flieger… Aber die versprochene Zeit
fürs Wasser bewahrheitet sich leider nicht – Hakuna Maji – kein Wasser. Ach was
soll’s ich klebe die Haare nach hinten mit Gel und egal: Wasser in Ganze kommt
vor Wasser auf meinem Kopf und ich gehe glücklich in die Schweiz zurück: Ganze
wird das Wasser gereicht und das ist perfekt so!

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