Januar 17, 2017 Auditive Luftverschmutzung

Heute heiraten bestimmt wieder viele Leute, weil das
Datum so einfach zu merken ist… Eine Hochzeit habe ich bisher hier noch nicht
live erlebt (ausser am TV wo es so eine Art Heiratsshows gibt – diese Heiraten
sehen dann aber sehr westlich aus).

Aber ich habe mich wieder einmal hinreissen lassen, an
einem Samstag dem Bitten von Peter nachzugeben und „ja“ zu einer Beerdigung zu
sagen. Aufmerksame Blogleserinnen und –leser wissen, dass Samstag immer
Beerdigungstag ist. Anscheinend beerdigen die Muslims ihre Toten sofort, aber
die Christen bringen ihre Toten zuerst in das Totenhaus, dort werden sie so
präpariert, dass sie lange „halten“. Kremation ist kein Thema, das wäre
anscheinend eine Riesenschande und hat auch noch viel mit Aberglauben zu tun.

Anscheinend ist diese Beerdigung für Peter so wichtig,
weil sie an dem Ort stattfindet, wo sein Vater aufgewachsen ist. Die Frau, die
verstorben ist, ist irgendwie seine Cousine. Sie war 42 und hatte Halskrebs und
lässt natürlich einige Kinder zurück. Meine Taktik gegen Langeweile ist also
Liliane. Für sie kann es noch spannend sein, das erste Mal so etwas
mitzuerleben und ich habe dann jemanden, mit dem ich mich auch noch über andere
Dinge austauschen kann.

Aber zuerst gibt es noch einen Abstecher nach Marere,
wo natürlich noch einige Leute auftauchen, die unbedingt mit Muheshimiwa
sprechen müssen. Immerhin habe ich so Gelegenheit, Liliane unser
Gemeindezentrum zu zeigen, wo halt immer noch einiges zu tun ist.

Am Ort der Beerdigung sind Hunderte von Menschen und
die Männer und Frauen sind säuberlich getrennt – nicht dass man nicht „rüber“
dürfte aber es gibt diese Trennung. Davor habe ich mich ja auch gescheut, denn
ich werde sonst irgendwohin gesetzt und muss dann dort mein Buch lesen, bis
alles vorbei ist. Wir werden aber zu Frauen gebracht, die ich schon kenne. Es
kommen auch immer wieder Leute vorbei, die sagen „Kennst du mich noch?“ und das
ist manchmal ganz schwierig. Ich weiss zwar meistens noch, wen ich schon mal
gesehen habe – aber ob das jetzt eine Lehrerin, eine Verwandte oder eine
Politikerin ist – daran kann ich mich kaum erinnern. Das habe ich auch schon
Peter gesagt, wenn er mich vorstellt: bring mich nicht in die blöde Situation
indem du sagst: weisst du noch, woher du diese Person kennst? Fragezeichen,
Fragezeichen, Fragezeichen… sondern sag doch einfach: Schau mal hier der
Chief von Sokoke, den du letztes Jahr in Marere kennengelernt hast… Es kommt
ja noch dazu, dass die Leute unglaublich schwierig zu merkende Namen haben.
Sheldrack, Purity, Masjid, Mwakudza, Mwandonga sind grad nur ein paar
Beispiele…

Ich bezahle so nebenbei noch meinen Jahresbeitrag als
Gönnerin in der Frauengruppe, die leider sehr unter der Trockenheit gelitten
hat und die quasi von neu auf beginnen muss. Und Liliane und ich müssen einen
Kanga kaufen, denn aus unerfindlichen Gründen haben alle Frauen einen solchen
über ihren Kleidern an.

In der Mitte der ganzen Szenerie mit dem Sarg in der
Mitte. Es gibt ein „Programm“ und wir sind grad beim „Hatespeech“ des Pfarrers
dazu gestossen. In einer unglaublichen Lautstärke (mit einigen enormen
Lautsprechern verstärkt, die von einem noch lauteren Generator betrieben sind)
schreit der Pfarrer seine Predigt. Es klingt wirklich wie eine Hasspredigt und
es macht – auch wenn ich sozusagen nichts verstehe – überhaupt keinen Spass
zuzuhören. Danach kommen die Politiker dran. Vor lauer Weibergeschnatter merke
ich nicht einmal, dass Peter am Sprechen ist – was er mir dann später auch
vorwirft… Dann kommt das Fundraising für die Spitalkosen, die in diesem Fall
auf KES 420‘000 (CHF 4200) angewachsen ist und somit wirklich horrend hoch ist.
Danach kommt das grosse Weinen/Schreien und der Sarg wird dann auf dem
Grundstück zur ewigen Ruhe gebracht. Wir bezahlen unseren Obulus und warten ab
bis das alles vorbei ist und dürfen dann auch wieder gehen. Was mir an einer
Beerdigung wirklich gefällt, das ist der „echte“ Gesang, denn ich liebe einfach
diese warmen Stimmen der Schwarzen und natürlich die Farben von all den
Kleidern und Kangas und die Kids, die trotz aller Trauer am Spielen und am
Lachen sind – das Leben geht weiter auch nachdem wir die Toten begraben haben.

Weshalb ich diese Einleitung gemacht habe: ich frage
mich woher es kommt, dass hier (und in vielen anderen Ländern auch) alles so
LAUT sein muss. Wenn du in Kilifi wohnst gibt es fast keinen Ort an dem du Ruhe
hast. Das Hotel ist da keine Ausnahme. Im öffentlichen Bereich läuft permanent
Elevator Music (die übelste aller Musiken…), am TV läuft meistens eine doofe
Soap Opera aus Mexiko oder Brasilien – oder als 2. Wahl irgend ein
aufgezeichnetes Fussballspiel. Bei der Poolbar läuft immer laute Musik und
Musik am TV zur gleichen Zeit. In der Küche wird auch lautstark diskutiert,
gelacht und gestritten. Dazu kommen noch die herumrennenden Affen und die
lauten Krähen, die dir am liebsten das Frühstück wegfressen möchten.

Im Haus, das Peter noch hat, möchte er nebst den
emotionalen Gründen auch deshalb nicht mehr leben. Entweder schreit der Muezzin
sein Gebet von der Moschee in aller Herrgotts (sorry – Allah) Frühe  oder es findet eine Beerdigung statt, die bis
zu 10 Tagen dauern kann oder der christliche Gottesdienst, der mindestens einen
halben Sonntag (ausser es sind 7th Day Adventists, dann ist es am Samstag)
dauert oder dann noch eine Disco, die auch mal nerven kann. Genau dasselbe sagt
Liliane, die in einer Nacht während Stunden  voodooähnliche wwwwuuuu wwwwwuuu wwwwuuuu Töne
wahrgenommen hat. Noch schlimmer war es bei unseren Basler Freunden, die mitten
in Mnarani wohnen: ganze 10 Tage (und Nächte) hat die Beerdigung des Nachbarn
gedauert. Die Disco dauerte jeweils von 10 Uhr nachts bis 6 Uhr morgens. Keine
traditionelle Musiksondern einfach bumm bumm bumm…. es ist zum Durchdrehen.
Irgendwie wurden die Beerdigungen einfach in Discos umgewandelt. Das birgt auch
Riesenprobleme mit Alkohol und viel zu jungen Kindern, die daran teilnehmen und
leider allzu oft auch sexuell belästigt oder sogar vergewaltigt.

Für jemanden wie mich, die die Stille liebt ist sogar
das Hotel, in dem wir wohnen schwierig, denn der Ozean, der dauernd aktiv ist
kann mit den Wellen so richtig laut werden. Anscheinend ist es auch für den
Organismus recht anstrengend. Das habe ich nicht gewusst, aber es erstaunt mich
nicht! Ich bin aber dankbar für diese Erfahrung, denn nachdem ich jetzt viele
Nächte im Kilifi Bay verbracht habe weiss ich, dass ich nie direkt am Indischen
Ozean wohnen möchte.

Ich persönlich weiss, dass ich sehr empfindlich bin,
denn ich halte es ja manchmal schon alleine im Büro nicht aus, wenn alle am
Telefon sind. Wenn hier alle am Telefonieren sind (ja klar, allen voran mein
Mann) dann kriege ich fast die Krise… Oder wenn am Nebentisch die Horde
Deutscher (sie haben für 4 Nächte die Herrschaft im Kilifi Bay übernommen)
prahlen, wo sie überall schon in den Ferien
waren und wie billig dort alles war dann werde ich innerlich richtig
unruhig und ranzig. Ich nenne das auditive Luftverschmutzung – sie lauert auch
in der Schweiz überall. Das „Ausblenden“ habe ich einfach noch nicht im Griff –
irgendwann wird mir auch das gelingen – ich arbeite daran, mir einen
künstlichen Noise-Cancelling-Kopfhörer aufzusetzen.

Wenn ich jetzt an meine baldige Abreise von Kilifi
denke so freue ich mich sogar auf die „Ruhe“ in Nairobi, die ja mit den vielen
Kids rundherum auch nur nachts vorhanden ist. Ich glaube, das ist mitunter ein
Grund, dass ich so ein Nachtmensch bin. Die Ruhe, die spät nachts herrscht ist
für mich einfach Balsam für die Seele.

Nachdem ich das alles geschrieben habe frage ich mich
schon, woher diese dauernde Berieselung stammt. Haben wir Angst vor der Ruhe
weil wir uns dann mit unseren eigenen Gedanken auseinander setzen müssten? Ich
fürchte mich nicht davor – ich LIEBE es meinen eigenen Gedanken nachzuhängen
und genau das werde ich heute machen – inmitten von auditiver
Luftverschmutzung.

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