Januar 19, 2017: Shule ni ghali – Schule ist teuer

Unsere 12 Tage in
Kilifi und Ganze waren geprägt vom Thema Schule. In dieser
Jahres-Zeit ist immer ein grosses Gerangel um „bursaries“, also
Stipendien für die Sekundarschule. Wer beim Abschluss der
Primarschule mindestens 300 Punkte erreicht hat schafft es in die
Sekundarschule. Dieses Jahr waren das in Ganze sage und schreibe 1093
Schülerinnen und Schüler! An grossen Sitzungen mit den Principals
werden diese Kids an verschiedene Schulen eingeteilt, in der
Constituency, im County aber auch ausserhalb von Kilifi County an
nationalen Schulen. Peter kennt seine Einwohner und auf der Liste
sind somit auch Kinder, deren Eltern nicht einmal Plastik-Slippers
vermögen, geschweige denn was es braucht für eine Sekundarschule:

In einer vollkommen
durchschnittlichen Ganze Schule sind das z.B. die Schulgelder für
den 1. Term (Januar – März) von ca. CHF 240.– Dazu kommen 2 Sets
Uniformen (Schuhe, 2 Paar Socken, 2 weisse Blusen (keine Ahnung wie
lange die diese Farbe behalten werden), 2 dunkelblaue Jupes, 1
Pullover, die Krawatte und der Badge wird in der Schule gekauft für
CHF 10) Dann geht es weiter, da es ja eine Boarding Schule ist:
Moskitonetz, Matratze, Metallaufbewahrungsbox, 2 Bettanzüge,
Handtuch, Wasserbehälter, Wasserbecken und dann kommen noch die
Hygieneartikel dazu, die Liste ist sehr sehr lang. Ach ja und
natürlich alle Schulbücher, die du nicht einfach in einem Buchladen
kaufen kannst und somit die halbe Stadt abklapperst bis du fündig
wirst. In Kilifi siehst du überall Leute rumlaufen mit solchen
Listen. Man kann die Uniform in Mombasa anfertigen lassen oder
„ready-made“ kaufen, das ist dann etwas günstiger. Ich habe sicher ein gespaltenes Verhältnis zu Uniformen. Ich habe ja bereits 2004 ein Jahr lang gelitten als ich – den Schülern zuliebe – ebenfalls ein Jahr lang eine Uniform trug und mich lieber um wichtigere Themen gekümmert hätte als zu überprüfen, ob die Schuhe jetzt die richtigen seien. Ich glaube, es würde vieles erleichtern ohne Uniformen – für mich ist es ein alter britischer Zopf, der abgeschnitten gehört – aber das wird kaum in diesem Leben passieren…

Ein Mädchen, deren
Eltern sie geschlagen haben hat Zuflucht in der Kirche in Jaribuni
gefunden. Sie ist jetzt ein Jahr zuhause geblieben, weil niemand ihr
Schulgeld bezahlen konnte oder wollte. Jetzt hat sie das Glück, dass
sie von einer Gönnerin gesponsort wird. Und so nehme ich die
Gelegenheit wahr und gehe auf die Shopping Tour mit. Mein Gott, ist
das anstrengend. Ich bin ja sonst eine absolute Speed-Shopperin aber
hier werde ich auf Pole-Pole (langsam, langsam) reduziert. Die Hitze
ist fast unerträglich, die Läden sind stickig, auf dem Markt dürfen
wir Muzungus uns gar nicht sehen lassen sonst müssen wir fast das
Doppelte bezahlen. Das hat sich z.B. bei einem Rucksack bewiesen. Er
wollte KES 1800, wir konnten ihn dann auf 1600 runterhandeln aber
dann entschieden wir uns, dem Piki-Piki Fahrer KES 1000 zu geben und
er organisierte den identischen Rucksack dafür.

Cynthia weiss kaum,
wie ihr geschieht. Sie ist so aufgeregt und es ist wie Ostern und
Weihnacht am selben Tag. Sie sagt, dass sie schon am nächsten Tag
zur Schule gehen werde und dass sie Pilotin werden möchte. Die ganze
Gugelfuhr zusammen mit Fondo der sie gebracht hatte wird tatsächlich
auf das Piki-Piki gepackt und die fast stündige Fahrt kann
beginnen… Es ist ein sehr emotionaler Moment. Klar, alles in allem
sind es bestimmt an die CHF 300 (ohne das Schulgeld) aber wenn du
denkst, dass du damit so viel Hoffnung und eine Ausbildung
ermöglichen kannst dann ist es doch einfach herzbewegend und für
uns Schweizer durchaus zu finanzieren…

Jetzt aber retour zu
Peter. Du kannst dir vorstellen, dass nicht alle solche Sponsoren
haben. Peter gelang es zwar durch seine vielen Connections zu NGOs
und diversen Organisationen für nahezu 100 Kinder Schulgelder zu
organisieren. Gleichzeit telefonierte er mit allen Principals der
Sekundarschulen, damit sie die Kinder bereits sofort akzeptieren,
auch wenn sie noch keine Uniform haben oder etwas halt noch fehlt,
was auf der Liste ist. Und er versucht auch, dass die ganz armen, die
zwar an eine nationale Schule könnten in Ganze bleiben können, denn
wie vorher erwähnt, drückt man dort auch ein Auge zu, wenn nicht
alles vorhanden ist. Bei den nationalen Schulen ist man da strikt und
Peter hat dort keinen Einfluss. Was aber das grösste Problem ist:
selbst wenn die Kinder für die Schule selber das Stipendium
erhalten, so können sich die Eltern diese lange Shoppingliste nicht
leisten, geschweige denn die Transportkosten an die entfernt
liegenden Colleges. Zudem findet Peter, dass er das Geld lieber in
Schulen in der eigenen Constituency einsetzen möchte, denn so wird
auch der Standard dieser Schulen besser, als wenn er das
Sponsorengeld in andere Gegenden von Kenia investiert.

Das ist alles etwas
zweischneidig, denn es ist natürlich auch eine grosse Ehre und
Chance, wenn man die Ausbildung an einer renommierten Schule machen
kann. Ich glaube, der Horizont wird auch erweitert und sofern man
diesen erweiterten Horizont retour nach Ganze bringt wird es auch die
Familien dort entwickeln. Weiter möchte ich jetzt nicht einmal
denken… Bestimmt ist es einfacher danach auch an eine renommierte
Universtät zu kommen aber let’s face it: alle wollen an eine
Universität und nachdem sie jahrelang studiert haben kriegen sie
doch keinen Job.

Ich bin einfach noch
viel mehr dafür, dass wir die Berufsbildung fördern und den Leuten
zeigen, dass sie sie mit einer guten Berufsausbildung viel einfacher
für ihre Familie sorgen können und sich über Wasser halten können.
Aber auch das ist ein langer Prozess und es sieht ja in der Schweiz
auch immer mehr so aus, dass eine universitäre Ausbildung besser
angesehen wird als „nur“ eine Berufslehre. Aber diesbezüglich
bleiben wir mit Pro Ganze dran – updates folgen bald.

Unsere Kilifi-Zeit
ist vorüber. Ich habe viele Projekte besichtigen können, mit Safari
über die schwierige Situation der Solartechniker diskutiert und eine
Übersicht für die potenziellen Sponsoren gemacht, einen Kalender
für 2017 designt und in Druck gegeben und zum Schluss dann
zähneknirschend akzeptiert, dass mir noch die grosse Ehre zuteil
wurde, dass man mir eine Ziege geschenkt hat. Da diese sich schlecht
in die Schweiz transportieren lässt haben wir sie verspiesen in
Marere und ja, es war gar nicht gruusig sondern ganz schmackhaft und
halt einfach Teil der Tradition. In der Schweiz gibt es nicht mehr
viele Situationen, in denen ich mich für etwas bedanken muss, was
ich nicht schön finde oder nicht mag aber hier ist es klar: ich
musste mich bedanken für „the honor“, den man mir hier gemacht
hat.

Auf der lockeren
Seite durfte ich mit Schweizer Freunden ein leckeres Barbecue
geniessen, 1x im Meer schwimmen, mich mit einer Massage verwöhnen
lassen und ganz lecker im Nautilus essen. Eine ereignisreiche Zeit
– mit grosser Freude über Liliane und ihren Einsatz in der Vonwald Schule und ihre Sichtweise über Kenia und unsere Arbeit. Und trotzdem fühlt es sich an, wie wenn ich nach Nairobi in „mein
Zuhause“ retour gehen werde.

Ich kann es nicht
genug erwähnen: die Energie, die Peter in seine Projekte steckt ist
umwerfend. Er geht wirklich auf in seinem Job und ihm ist nichts zu
viel, kein Telefon, das er nicht beantwortet und keine Person, die er
sich nicht anhört: er ist ein Mann des Volkes und ich hoffe, das
Volk sieht das dann am 8. August am Wahltag ebenso und lässt sich
nicht beirren von den Gegnern, die alles daran setzen ihn zu
sabotieren. Er bleibt (noch) ziemlich locker dabei: „Wenn sie mich
nicht wählen, dann sind sie selber Schuld!“ Mal sehen, ob er diese
Einstellung beibehalten wird oder ob sich die Szene noch echauffieren
wird.

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