Januar 23, 2017: Zweiklassengesellschaft – und ich geniesse sie.

Ich habe ja schon darauf hingewiesen, dass ich von einem
„Sponsor“ ein Upgrade für den Rückflug erhalten habe. Der Abschied von Peter
hat sich dieses Mal ziemlich schwierig gestaltet, denn wir hatten beide gar
keine Lust uns zu verlassen. Bisher war immer irgendeine Aufregung vor meinem
Abflug und ich musste meistens alleine an den Flughafen. Aber heute hatten wir
einen richtig schönen Sonntag mit Besuch von einem Ehepaar, das mit Gladys
befreundet ist und für sie noch künstliche Haare vorbei gebracht hat (erinnert
ihr euch: die schwarzen Frauen tragen (fast) immer künstliche Haare) – ja und
dann hatten wir es auf dieser Reise einfach richtig gut zusammen. Wir haben
gelacht, relaxed, getanzt und gelitten. Vieles haben wir gemeinsam gemacht,
viel über unsere Vision 2022 diskutiert und sogar Land angeschaut, das meinen
Vorstellungen entspricht: mit einem wunderbaren Blick auf die Kilifi Bucht…Wir
sind uns nur noch nicht einig darüber, wer das Haus bauen wird. Ich sage zu
Peter: wenn du das Haus baust dann kaufe ich das Boot, mit dem wir dann in
Kilifi einkaufen gehen… ja ja träumen ist immer erlaubt und sogar notwendig. Ich bin viel besser mit Wiedersehen als mit Abschieden und
da ich wirklich kein Drama am Flughafen möchte schlage ich vor, dass Peter
besser zuhause bleibt und ich mit Salim alleine fahre. Peter ist sichtlich
erleichtert und macht lieber den Haushalt und wächst ab und erledigt ein paar
Hundert Telefone. Bei den letzten Abflügen war immer irgendeine Aufregung und
er konnte sich immer darum drücken aber mir ist es auch recht so. Ich muss
sowieso noch einen Auftrag ausführen. Daniel liebt es, in letzter Minute noch
gewisse Aufgaben und Bestellungen zu verteilen und so muss ich nochmals in
einen Nakumatt und Body Lotion für seine Tochter kaufen, die man nur hier
kaufen kann. Die Blueband-Butter und die Räuchermischung habe ich bereits
eingepackt. Und für Daniel mache ich es (heute) gerne, denn er war mir eine so
grosse Hilfe mit meiner Mutter und holt mich morgen sogar am Flughafen ab und
fährt mich nach Rorschach damit ich nicht erfriere mit 45 Grad
Temperaturunterschied.Wir sind dann früh am Flughafen, nachdem ich beim Checkpoint
natürlich nicht aussteigen muss, denn ich bin ja die „Bibi ya Mweshimiwa“ – die
Frau des Parlamentariers… und das alleine und der Sticker am Auto genügt…Als ich noch im Tourismus arbeitete war ich nichts anderes
als Business Class gewohnt. Jetzt sind es aber Jahre her, seit ich das letzte Mal
so gereist bin und ich schätze es enorm. Früher bin ich ja schon fast
ausgerastet, wenn nicht alles 100% nach Plan lief und da konnte ich ganz schön
zickig werden. Heute akzeptiere ich alle Annehmlichkeiten ganz bescheiden und
mit kindlich grosser Freude. Manchmal ist es wohl besser, etwas für eine Weile
nicht mehr zu haben um es wieder mehr zu schätzen. Wahrscheinlich könnte ich
das auch auf die Beziehung zu Peter übertragen – aber die ist ja sowieso First
Class.  Ich geniesse es also, dass ich mich nicht an die lange
Schlange stellen muss sondern einfach direkt abgefertigt werde und dann auch
den Gutschein für die Lounge erhalte. Diese ist zwar etwas „weg vom Schuss“ –
aber sehr sehr angenehm. Riesige Lederpolster, ein noch riesigeres Buffet und
eine absolut riesige Auswahl an Drinks und natürlich WLAN. Ich kann sogar
nochmals kurz mit meinem Schatz Whatsapplen bevor ich dann kurz vor Abflug zum
Flieger gerufen werde ohne nochmals anstehen zu müssen. Nur das Bodenpersonal
muss ich noch davon überzeugen, dass „C“ Klasse tatsächlich Businessklasse ist.
Soweit hat die Ausbildung dann nicht gereicht.

Ich bin rein äusserlich schon begeistert vom Sitz: schön
alleine – also keine Volllabergefahr eines lästigen Sitznachbars. Nachdem ich
mich gesetzt habe und sofort mit Wasser versorgt werde kann ich mich von allen
Vorteilen überzeugen. Jedes Teil lässt sich bewegen, Fussstütze, Rücken,
Seitenlehne, „Lumbago“ die Krümmung für den Rücken und jetzt kommt das
Ultimative: eine Massagefunktion, die in schönen Wellen rauf und runter geht.
Traumhaft! Später geniesse ich dann das Überultimative: der Sitz lässt sich in
ein 2m langes Bett verwandeln. Leider geht die Reise aber zuerst noch via
Dar-es-Salaam in Tansania mit einem 1-stündigen Aufenthalt, was die Nacht dann
merklich verkürzt: aber egal: nach einem Glas Champagner, einem feinen
südafrikanischen Shiraz und einem absolutely delicious Nachtessen drifte ich
mit „Out of Africa“ (wow ich verstehe jetzt sogar, was die Einheimischen in
diesem Film sagen…) und den überaus bequemen Kopfhörern ins Traumland ab für
ein paar Stunden. Fast nichts auszusetzen ausser 2 auditiven Problemen, die
Hosts, die die Ansagen machen haben durchwegs lästige Näselstimmen und
irgendjemand hat doch tatsächlich eine Katze mit an Bord genommen und das Ding
miaut dauernd. Wenn schon mal kein Kindergeschrei dann dafür animalische Laute…
Der Kopfhörer blendet auch das aus und nächstes Mal nehme ich dann sowieso
wieder meinen neu bestellten Noise-Cancelling Kopfhörer mit… Die Leute, die
meinen Blog lesen und dauernd Businessklasse fliegen werden mich jetzt
vielleicht ein bisschen belächeln über meine ungebändigte Freude über diesen
Businessklass-Trip. Aber genau für alle, die solche Privilegien einfach als
normal ansehen sage ich es nochmals: manchmal musst du auf gewisse Dinge
verzichten um sie wieder vollkommen schätzen zu können. Das gilt für Stabilität
in einem Land, für Sicherheit auf der Strasse, für Ehe-, Bett- und
Berufspartner und ihr könnt es auf eure Situation bestimmt irgendwie
relativieren. Ich glaube, das ist ein Teil meiner Kenia-Reisen: vieles davon zu
realisieren und nicht mehr ganz so tierisch ernst zu nehmen. Es könnte alles
noch viel schlimmer kommen und aus jeder Herausforderung kann ich etwas lernen –
also schätze ich auch wieder die guten Seiten der Schweiz und meiner Arbeit,
die ich ja extrem mag und die mir manchmal einfach vergrault wird durch äussere
Umstände…Kurz vor Ankunft dann noch das bestellte Frühstück mit
Smoothie und Vollkornbrötchen – einfach wahnsinnig entspannend und
geniesserisch. Ist der Preisunterschied gerechtfertigt zur Y-Kasse? Ich weiss
es nicht, es ist auch egal für mich hat es sich gelohnt weil ich den Wert ganz
anders als in Geld geschätzt habe… Nur schon die Erkenntnisse, die ich aus
dieser Erfahrung gewonnen habe wären den „Preis“ wert.Wenn es nicht so viel kosten würde, dann würde ich mir
nämlich sowieso sehr ernsthaft überlegen noch viel öfters nach Kenia zu reisen.
Einmal im Monat oder alle 3 Monate – wer weiss – das gehört jetzt auch ab
sofort zu meiner, zu unserer Vision 2022! 

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