August 9, 2017: Unerwartete Nebeneffekte

Gestern dachten wir noch: ok, jetzt warten wir ab, ob es dann vielleicht doch noch reicht trotz den Bestechungen kurz vor der Wahl. Doch wie beschrieben ist Peter zu einer ausserordentlichen Sitzung in Kilifi berufen worden. Es sind anscheinend effektiv ganze Boxen mit Wahlzetteln verloren gegangen bzw. mit Lastwagen abtransportiert worden – ich habe sogar einen Film darüber gesehen. Dank Whatsapp und aufmerksamen Beobachtern konnten die Schuldigen herausgefunden werden und eine ganze Truppe von Politikern, Wahlhelfern und Bodyguards macht sich auf den Weg bis nach Kaloleni, der Wahlkreis, der im Norden an Ganze grenzt.

Was dort genau passiert ist weiss ich auch nicht aber es gab anscheinend eine ziemliche Schlägerei um die Leute dingfest zu machen. Was aber das Unglaublichste ist: die Leute hatten mehrere Checks über KES 1’000’000 (CHF 10’000) dabei vom amtierenden Governor Amason Kingi… Jetzt war es einfach sonnenklar: da stimmt etwas im gröberen Stil nicht. Auch wenn noch die Unschuldsvermutung gilt: da wurde mit der ganz grossen Kelle angerührt…

Ich bin noch am Blog schreiben und am Diskutieren mit Leuten, die ich erst jetzt näher kennenlernen kann und plötzlich höre ich die Freudenschreie vor dem Haus in Marere. Ich denke schon, dass er jetzt die Wahl doch noch gewonnen hat (was mir viel lieber wäre) aber ich höre nur: Wahlen anfechten, Wahlen neu etc. und erfahre dann die unsagbare Geschichte von oben. Natürlich wird diese jetzt noch mehrfach erzählt vor der grossen Menschengruppe – sie fressen Peter fast auf aber ich komme doch aus meinem Zimmer raus, damit niemand denkt ich wolle mich absetzen (also ich möchte natürlich schon, das ist jetzt aber trotzdem der falsche Zeitpunkt um zu verschwinden). Gerade als alle sich etwas beruhigt haben und die 7 Uhr News gesehen haben kommt eine Riesenhorde Männer mit Wahlkampf-Rufen und lautem Geschrei und sie stürmen fast das Community Center. Ich habe grad noch Zeit Peter davor zu warnen, dass er das nicht in eine grosse Party ausarten lässt, denn noch ist gar nichts gewonnen. Es ist ein Rückschritt die Wahlen nochmals durchführen zu müssen und das wird wahrscheinlich nicht einmal möglich sein, denn wir haben keine Ahnung, was da noch alles passieren kann und wieviel Geld, Schweiss und Zeit das wieder verschlingen wird. Fast als ob die Wahlen nochmals neu beginnen würden.

Zudem hören wir jetzt auch, dass es eine Petition braucht, wenn man die Wahlen anfechten will und dass jetzt nicht einmal der Präsident bestätigt ist, obwohl er 54% der Stimmen hatte.

Und so geht es dann weiter: Peter verlangt nach dem Mikrofon (und jetzt besitzen wir ja in Marere so ein Marterding…) und ich warne ihn nochmals davor, das in die Länge zu ziehen aber hat Peter diesezüglich schon je auf mich gehört? Mögt ihr euch noch an die Standardzeit erinnern, die Peter spricht? Genau: es sind mindestens 40 Minuten!!!

Jetzt kommt einer am anderen (zuerst Baraka, dann ein Wahlhelfer) und bittet mich Peter zu sagen, dass er jetzt unbedingt noch nach Ganze muss um offiziell zu deponieren, dass er die Wahlen anfechten wird. Ich kenne Peter ja auch und wenn ich eine solche Intervention mache riskiere ich jedes Mal einen Beziehungsknatsch aber jetzt scheint es mir angebracht sonst artet diese Veranstaltung noch aus. Ich winke ihm also deutlich sichtbar und tatsächlich: ich bin auch erstaunt, dass er schnell abschliesst. Ich sage ihm nochmals, wie wichtig es ist, dass er jetzt mal auf seine Berater hört aber da ist Peter schon sehr resistent: delegieren und auf andere hören gehört bestimmt nicht zu seinen Stärken wie motivieren und Polittalk abhalten.

Das ganze dauert dann noch bis nach 22 Uhr und dann kehrt einigermassen Ruhe ein.

Die ganze Angelegenheit hat viele guten Seiteneffekte: ich sehe, dass ich problemlos so einfach wie in Marere leben kann. Wenn man mir täglich 2x warmes Wasser zur Verfügung stellt kann ich auch mit einem Schöpfbecher (und mit meinem Mann zusammen) duschen – das hat sogar etwas sehr persönliches. Ich gewöhne mich auch daran, mir die Haare so zu waschen.An die Hocke-Stellung habe ich mich beim “Shortcall” wie das hier heisst bereits gewöhnt und bin auch super treffsicher geworden. Aber die Abfahrtstellung für den “long call” habe ich noch nicht intus – da schmerzt es und ist einfach nicht so bequem wie gemütlich auf meinem schönen WC zu sitzen.

Aber ansonsten finde ich, dass es sich so ganz gut leben lässt: für mich wird gekocht und gesorgt, das “Bad” wird sogar bereitgestellt und alle versuchen, mir alle Wünsche von den Augen abzulesen. Es ist normalerweise und ohne die Menschenmenge sogar extrem friedlich hier und der konstante Wind macht auch die Temperatur sehr erträglich.

Aber mit meinem Mann zusammenarbeiten oder seine verrückte Lebensweise nur annähernd zu akzeptieren, geschweige denn zu integrieren wird mir nie und nimmer gelingen und dafür will ich mir auch keine Mühe geben. Auch wenn ich mich gerne mit Menschen unterhalte: ich drehe fast durch bei einem nichtmehrhörenwollenden Redeschwall über Dinge, die mich nicht im Entferntesten interessieren. Und dauernd diese vielen Menschen, die das Gefühl hat, sie werden von jetzt an hier verpflegt und sie können das Community Center in Beschlag nehmen entspricht meinem normalen Lebensstil. Aber selbst von diesem Lärm und Gewusel halte ich hier überdurchschnittlich viel aus und das kann ich auch gar nicht diskutieren mit Peter, denn für ihn ist es sein Leben.

Andere interessante Nebeneffekte sind die, dass sie die Leute nach dieser Niederlage Gedanken machen, wie sie ihn besser hätten unterstützen können, was sie vorher hätten machen können damit er die Wahl gewinnt. Jeder im Umfeld von Peter hat jetzt natürlich Angst um die Zukunft. Wenn Peter nicht MP ist dann haben sie keinen Job mehr. Es gibt aber einige, die nehmen auch das ganz gelassen: dann machen sie halt wieder das, was sie vorher gemacht haben und wenn es ist, dass sie wieder 2nd Hand Kleider auf dem Markt verkaufen.

Ich selber kann ziemlich entspannt sein, denn ich kann jederzeit einfach wieder abreisen und das alles als Lebenserfahrung abbuchen.

Wir werden also aufgrund dieser offiziellen Wahlniederlage unsere Zukunftsvarianten intensiv diskutieren müssen. Ob wir das auf dieser Reise schaffen ist noch nicht absehbar aber unser Plan, die Rente ½ in der Schweiz und ½ in Kenia zu verbringen wurde heute ganz schön durchgeschüttelt. Mal sehen, was beim neuen Mix herauskommt… Gelassenheit habe ich hier gelernt und jetzt kann ich sie auch anwenden.

Teilen

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert