August 15, 2017: bei Tageslicht nach Kübler-Ross

Peter war in
Nairobi. Ich habe ihn zum ultramodernen neuen Bahnhof in Mombasa
begleitet. Es gab noch eine rechte Aufregung, weil Salim wieder mal
so umständlich tat, da er noch nie am Bahnhof war, dass Peter den
Superzug fast verpasst hatte. Wenn irgend etwas ausser dem normalen
Ablauf passiert, dann ist es kritisch. Bis Salim es natürlich sagte,
waren wir schon zu weit gefahren.

Es hat aber geklappt
und Peter ist mit dem neuen Zug für KES 3000 (CHF 30) in der ersten
Klasse nach Nairobi gefahren, wo er in 4 ½ Stunden sein wird. Sicher
und schnell – das ist doch mal ein Fortschritt. Von dem was ich
gehört habe, kostet ein Ticket in 2. Klasse nur KESH 700 (CHF 7) –
allerdings sind beide Bahnhöfe total ausserhalb der Städte und man
muss also zuerst mal mit Piki Piki oder Matatu hin und zurück
kommen.

Ich verbringe 2 Tage
mit Ausruhen, für die bevorstehenden sinGALLinas Konzerte auf
Tschechisch ein Lied zu proben, massieren lassen und Daten
analysieren. Ich habe die genauen Wahlresultate für Ganze erhalten
und tippe sie in das Excel Sheet ein. Dieser Prozess ist
herzzerbrechend und macht mich gleichzeitig auch wütend. Gewisse
Zahlen können einfach nicht stimmen. An Orten wo Peter mehreren
hundert Schülern das Schulgeld ermöglicht hat kriegt er fast keine
Stimmen? Diese Leute sind es auch, die bereits anrufen und fragen was
sie tun sollen, sie könnten es sich jetzt nicht mehr leisten. Sie
sollen den feigen Teddy Mwambire fragen – Peter ist da jetzt auch
sehr hart und nimmt weniger Telefone ab – was aber nicht heisst
keine… Er muss sich jetzt darum kümmern wie es weiter geht und
überall dort noch das Geld zurückbekommen wo es ihm noch zustehtl.
Die Bodyguards sind schon aufgefordert worden, ihre Waffe zu
retournieren. Das heisst, dass sie in einen neuen Dienst eingewiesen
werden, sobald sie ihre Ferien bezogen haben, da sie ja quasi 5 Jahre
ohne richtige Ferien durchgedient haben (auch wenn sie zwischendurch
freie Zeit hatten wenn Peter in Nairobi war oder umgekehrt). Ich kann
mir grad vorstellen, dass sie nicht sehr belustigt sind. Malingi hat
ja mal gesagt, dass er Peter seinen Sohn zu verdanken habe, weil er
vorher gar nie lange genug zuhause war um einen zu “machen”…

Baraka und Christine
geben mir noch ein Update. Sie haben Leute gesucht, die bereit sind,
über die Wahlen auszusagen. Mehrere Anwälte des Präsidenten werden
vor Ort kommen und die Aussagen aufnehmen. Die Geschichten sind fast
unerträglich anzuhören. Von Gegnern, die mit dem Tode bedroht und
mit dem Auto verfolgt wurden bis hin zu extrem diskriminierendem
Gebahren. Man hat die unwissenden und ungebildeten Leute als
Spielball eingesetzt. An einem Ort hat man sie in zwei Reihen
aufgestellt: diejenigen, die lesen und schreiben können in eine
Reise und die anderen separat. Dann haben Leute vom ODM (Orange
Democratic Party) den Ungebildeten “geholfen” und die Wahlzettel
für sie ausgefüllt.

Ich habe schon
mehrmals beschrieben wie sehr die Leute hier abergläubig sind und
sich vor allem Neuen und Elektronischen fürchten. Diesen meist alten
Menschen hat man gesagt, beim Erfassen der biometrischen Daten müssen
Sie sagen “6 x orange” so lautete der Wahlbefehl, wenn ungeachtet
der Kandidatennamen einfach alle Ämter mit ODM Menschen besetzt sein
sollen. Man gaukelte ihnen vor, das würde dann registriert mit Audio
und Foto und wenn man nachher herausfinden würde, dass sie das nicht
gemacht hätten werde man sie verfolgen und ihnen und ihrer Familie
den Kopf abhacken.

Vielleicht belächelt
ihr die Situation, wenn ihr Zuhause auf dem bequemen Sofa sitzt und
das liest aber so sieht hier leider noch der Stand der Bildung aus.
Das ist genau der Grund,warum Peter aber auch Olivia, Onkel Peter und
ich in erster Linie auf Ausbildung der Jungen setzen. Mit der älteren
Generation wird es keinen Wandel mehr geben, aber wenn die Leute mehr
Grips haben, dann sollten auch ihre Entscheidungen auf Fakten und
nicht auf “Voodoo” basiert sein. Ob diese ganze rechtliche
Geschichte Erfolg haben wird bezweifle ich, denn ich war ja noch mit
Peter in Malindi beim Gericht und nach 3 ½ Jahren ist der Termin
jetzt nochmals auf den 13. September verschoben worden obwohl Peter
nicht einmal mehr zu den Beschuldigten gehört. Weil er es aber
ursprünglich war, muss er immer wieder seine Zeit und sein Geld
opfern und zu den Terminen erscheinen. In einem solchen Staat bist du
einfach froh, wenn du gar nie mit dem Gesetz in Konflikt kommst –
wobei das auch passieren kann, wenn du alles vollkommen rechtmässig
machst. Nun ist es also so, dass Peter mit dem widerlichen
CDF-Manager von damals im selben Boot sitzt und beide hoffen müssen,
dass der andere frei kommt!!! Mir wird übel und Gottseidank kann ich
während der Gerichst”verhandlung” noch mit Olivia chatten, die
mir Kotz-Emoticons schickt, weil sie den Typen ebenfalls kennt und er
sie zur Übelkeit animiert…

Wenn ich aber
schreibe, dass etwas besser gebildetete Menschen die richtigen
Politiker wählen “sollten”, dann ist es in der westlichen Welt
ja momentan auch haarsträubend wer da gewählt wird und verglichen
mit Trump ist sogar ein Teddy Mwambire, der jetzt voller Stolz den
Platz von Peter einnimmt noch ein harmloses Würstchen…

Wie immer lese ich
hier ja oft die Zeitung und ganz intensiv, denn es hat immer
hervorragende politische Kommentare drin, die für mich ein
Gradmesser sind. Dabei bin ich auf einen Artikel gestossen, der doch
tatsächlich die Schweizerin Elisabeth Kübler-Ross zitiert hat mit
den 4 Phasen bei einem Verlust (es geht dort ja zwar mehr um Leben
und Tod, bzw. unheilbare Krankheiten aber es lässt sich natürlich
auch auf Wahlen adaptieren)

Denial
(Leugnen-Nicht Wahrhaben Wollen)

Anger (Intensive
aufbrechende Emotionen)

Bargaining (Suchen,
Finden, Loslassen)

Acceptance
(Akzeptanz und Neuanfang)

Das kann ich sogar
auf Peter’s Nichtwahl adaptieren.

Zuerst war es
tatsächlich so, dass wir den Zahlen nicht trauten und es irgendwie
nicht fassen konnten. Wir dachten bis zur Publikation noch, dass es
gar nicht möglich sei und dass noch etwas passiert, was von
irgendwoher (am liebsten von oben) kommt und sagt, dass ein Fehler
unterlaufen sei.

Den Fehler haben sie
ja dann sogar persönlich gefunden mit den manipulierten Daten inkl.,
biometrischen Lesegeräten. Da war Wut, Verzweiflung und ein ganz
extremer Hass zu spüren, der keine Erklärung finden konnte. Da habe
ich sogar das erste Mal von Peter gehört, dass er einem eine
“gelangt” hat…

Als wir die Daten
hatten begannen wir zu analysieren, zu recherchieren und nach
Lösungen zu suchen. Nach Lösungen, wie man mit dem Wahlbschiss
umgehen kann aber auch bereits nach Lösungen, wie es sonst
weitergehen kann nach der verlorenen Wahl.

Irgendwie haben wir
jetzt akzeptiert, dass die Wahl an sich verloren ist aber dass es
doch neue Wege geben kann. Peter ist ja auch in einer sehr
komfortablen Lage. Auch wenn er glaubt, das er hier bleiben möchte
und mit seinem Lastwagen, dem bezahlten Appartement in Nairobi, dem
bezahlten Auto in Kilifi, dem fast fertigen Community Center in
Marere und den vielen Connections auch eine andere Aufgabe finden
wird: er hat sogar immer noch die Möglichkeit, sein Leben in der
Schweiz fortzusetzen. In 3 Jahren kriegt er AHV und damit kann er
wiederum in Kenia gut leben. Es gibt noch so viele Varianten: Peter
ist auf jeden Fall alt genug um selber zu entscheiden, was für ihn
gut ist. Und da ist ja auch noch eine ganze Familie in der Schweiz:
wenn es nach kenianischen Verhältnissen geht, dann könnten ja auch
sie jetzt das Ihrige dazu beitragen, dass es ihrem Vater im “hohen
Alter” gut geht. Ich denke einfach in Szenarien, meine auch nicht
alle 100% ernst und habe in den letzten Monaten gelernt: MEINE
Verantwortung ist es nicht.

Toll finde ich –
schliesslich liebe ich ihn auch dafür – wie er sich nie hat gehen
lassen. Er ist immer ruhig und sachlich geblieben. Nie ausgerastet
und nie deprimiert gewesen. Vielleicht habe ich die Phasen der Trauer
schneller durchlebt als er – aber er ist ein Survivor und ich werde
ihn mit einem guten Gefühl zurücklassen, dass alles gut kommt.

Es ist eine grosse Kunst auch mit dem weinenden Auge zu lächeln

Gerd W. Heyse

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