Dezember 20, 2018: Noch ein City Girl!

Ich lebe mich so langsam aber sicher in Marere ein. Ich gewöhne mich daran, dass ich mit der Taschenlampe aufs Klo muss damit ich nicht in irgendwelche Kuhfladen oder andere interessante Dinge trete. Ich gewöhne mich an die unendlich langen Begrüssungsrituale und ich kann sie auch schon in der lokalen Sprache ausführen was allgemein Begeisterung Gelächter auslöst. Das ist ein hin und her und es kommt drauf an, ob es Morgen oder Nachmittag ist. Das geht dann etwa so:

Ich: Lamukadze

Antwort: La muka

Ich: Eeehhh

Antwort: simanjawe

Ich: Ndo vidzo

Das finden die Leute natürlich dä Hammer und wenn ich das dann mit 20 Personen gemacht habe, die hier ihre Meetings hier in Marere abhalten dann kann ich es auch bald auswendig…

An das Kochen mit dem Feuer habe ich mich noch nicht gewagt. Das hat vor allem damit zu tun, dass die Feuerstelle in einem kleinen Lehmhaus ist und die Hitze absolut unerträglich ist. Zudem verstärkt es meinen Husten, wenn ich auch nur 5 Minuten drin bin und danach stinkst du nicht nur von Schweiss sondern auch noch wie wenn du 10 Tage im Lager Kumbaya rund ums Lagerfeuer gesungen hättest..

Aber was mir ein grosses Anliegen ist, das ist die Sauberkeit, d.h. ihnen auch zu zeigen, wie ich mir das vorstelle. Also knöpfe ich mir die beiden Neffen von Peter vor und wir nehmen etwa 1 ½ Stunden lang alles auf, was auf dem Boden gelandet ist: Plastikstückchen, Drähte, Zigarettenstummel, irgendwelche undefinierbare Knäuel, Überreste vom Bauen etc.etc.

Dummerweise habe ich noch vergessen die Leggings zum montieren und so werde ich sanft von meinem Mann darauf hingewiesen. Hier auf dem Land ist es nicht üblich, dass man Beine zeigt. Am liebsten lange Kleider – das ist ja in der Hitze auch am besten. Ich verstehe es total, dass man sich an die Gegebenheiten eines Landes anpassen sollte und ich bin ja sowieso dermassen im Blickfeld von allen, dass ich mich da gerne füge. Ich habe mich in arabischen Ländern ja auch immer über die Touristinnen genervt, die alles raushängen liessen und erstaunt waren, dass den Locals fast die Augen rausfielen… Vielleicht grad eine spannende Diskussion wenn wir an das Burkatragen denken… Am allerliebsten trage ich Kleider, die aus den Kangas (bunte Tücher) gemacht wurden (auf Mass natürlich) und damit zeige ich auch meine “Zugehörigkeit” was sehr positiv verstanden wird.

Ihr sieht also: ich gewöhne mich problemlos (erstaunt?) an das Marere Leben – heute bin ich sogar selber mit dem riesigen Toyota Landcruiser nach Kilifi gefahren. Peter hat mich auf alle Bumps hingewiesen, denn die sieht man teilweise fast nicht und unsere Stossdämpfer stossen nicht mehr wie sie sollten. Aber so Auto fahren ist schon auch ein grosses Stück Freiheit. Ich weiss: ich könnte jederzeit fliehen … (so halb ernst gemeint…) Auch den Waschtag habe ich gut überstanden. Gemäss Peter kann ich alles in die Wäsche geben aber einem Mann kann man nicht zumuten, dass er die Unterwäsche einer Frau wäscht… Nicht, dass ich grad meine sexy Wäsche dabei hätte – schon eher die praktischen Baumwollunterhosen – Ist ja auch ok und irgendwie bin ich erinnert an meine Paris Zeit, als ich mindestens 1 ½ Jahre keine Waschmaschine hatte. Man könnte sich wirklich an alles gewöhnen aber man muss nicht unbedingt… Das ist für mich auch eine Erkenntnis: ich muss ja niemandem beweisen, dass ich es schaffe hier zu überleben, denn ausser wir hätten in Europa einen Krieg und ich müsste nach Kenia flüchten (man kann sich ja heutzutage alles vorstellen) sehe ich nicht, warum ich mir Dinge aneignen soll, die ich eh nie brauche. So hat mir meine 15-jährige Helferin gesagt: du musst das lernen mit dem Kochen auf dem Feuer, denn wenn ich nicht mehr hier bin, dann musst du es selber können. Meine Antwort war: ja dann gehe ich in Kilifi in den Tusky Supermarkt und kaufe mir einen Wasserkocher. Die Antwort hat sie fast umgehauen aber sie fand dann “ok, so kann man es auch machen”. Ich versuche, ihr ein paar Frauenweisheiten beizubringen, denn sie wird sehr streng erzogen und macht, was ihr Vater und ihre zwei Brüder befehlen. Das habe ich ihr schon erklärt, dass das nicht immer notwendig ist und sie hat schon ein bisschen an Selbstbewusstsein gewonnen. Vielleicht freut es die Herren dann nicht so aber mich umso mehr…

Unter dem Strich sehe ich natürlich auch, dass wir hier schon die Luxusvariante des Landlebens haben. Wir haben Elektrizität, ein Auto und Wasser sowie eine Art Dusche/WC Kombi – schon mal vier Dinge, die das Leben enorm vereinfachen. Ein Kühlschrank und eine gute Kochgelegenheit wären noch das höchste der Gefühle. Vielleicht finde ich ja mit dem Blog einen Sponsor (auch nur halb ernst gemeint…)

Mit Dama, einer jungen Frau, die von Onkel Peter aus der Schweiz unterstützt wird haben wir noch Grosseinkäufe gemacht gestern. In der grössten Hitze sind wir durch “Downtown Kilifi” von einem “Laden” zum anderen mit einer langen Shopping-Liste für Weihnachten. Hier in Kenia ist es üblich, dass man ein neues Kleid oder etwas anzuziehen kriegt für Weihnachten. Und so haben wir nach den Lebensmitteln, den Haushaltsmitteln genau noch KES 3000 übrig gehabt (CHF 30) und damit konnten wir noch ein Prinzessinnenkleid und die ersten hohen Schuhe kaufen. Dama war so etwas von stolz. Sie wird in ihr Dorf zurückgehen, von wo ihr Schulweg vor 3 Jahren noch 15 km pro Weg betrug, und ganz stolz ihre Habseligkeiten präsentieren. Mit unseren Beziehungen konnten wir sogar erreichen, dass sie trotz schlechter Noten in der Primarschule in eine Boarding-School für die Sekundarschule eintreten kann. Nicht zuletzt konnte ich die Beziehungen nutzen, weil wir damals mit Onkel Peter Computerschulungen für alle Sekundarschul-Rektoren durchgeführt haben. Manchmal ist es einfach so: zuerst geben und dann plötzlich ganz unerwartet wieder nehmen! Dieses Urprinzip funktioniert immer wieder im Leben. Auf jeden Fall wird sie in ihrem Dorf schon das City-Girl sein – ganz nach einem ihrer Vorbilder: Mama Kaya aka Barbara Fuhrer…

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