Dezember 31, 2018: Raiffeisen Geschichte in Marere und der Unterschied zwischen Geschenken und Hilfe

Hätte Christine Katana nicht angekündigt, dass am 31. Dezember ein grosses Ganze Women Sacco (Spargenossenschaft von Frauen) Meeting stattfinden würde so wären wir vielleicht schon früher retour nach Nairobi gereist. Ehrlich gesagt hätte ich mir am 17. Dezember – dem Tag unserer Anreise – noch nicht vorstellen können dass ich es hier mehr als ein paar Nächte aushalten würde. Inzwischen bin ich Teil davon – ich fand es sogar nach den 2 Nächten im komfortablen Hotel richtig schön zurück zu kommen.

Ich kenne jetzt die Begrüssungsrituale, ich verstehe so viel Swahili, dass ich weiss worum es in einer Konversation geht und ich fühle mich in meinem Nyumbani = Zuhause. Am gestrigen Tag habe ich aber auch die unglaublich beruhigende Stille genossen. Es kam fast niemand vorbei, Peter und ich haben die Arbeiten am Wassertank und auf dem Feld begutachtet und für den Rest des Tages habe ich mit der unglaublichen Hitze gekämpft. Ab und zu brauchte ich sogar ein paar Minuten vor dem Ventilator um einigermassen abzukühlen. Aber trotzdem: einfach „dä Fride ha“, ein bisschen den Viechern zuzuschauen, den unglaublich deutlichen und reichen (ich weiss, das ist wahrscheinlich eine Illusion) Sternenhimmel zu bewundern und über Gott und die Welt zu diskutieren – das hat etwas sehr lebenswertes.

Ich konnte mir also wie gesagt gestern auch nicht recht vorstellen, dass bis zu 200 Frauen hier einfahren würden um 10.00 Uhr und ich freute mich auch nicht besonders auf das grosse Drum und Dran, denn es wird immer laut und bewegt und laaaange. Aber wir hatten gestern Abend schon die Jungs aktiviert um die vielen Stühle aufzustellen und den Wecker auf 06.15 gestellt, nicht dass wir dann noch am Frühstücken seien wenn die Frauen eintreffen. Effektiv war schon ein reges Gewusel früh am Morgen als ich über den Dorfplatz rannte um mich zu erleichtern. Ich musste zuerst noch die Hühner wegscheuchen (immer noch besser als das letzte Mal als mir eine Ziege Gesellschaft leisten wollte und dauernd an die Türe stiess).

Das waren aber alles verschiedene Gruppierungen, die das Community Center nutzen und hier ihre Meetings abhalten. Die Frauen tröpfelten so langsam ein aber ich dachte mir plötzlich: wow so viel Aufwand für so wenig Personen. Die Offiziellen des Vereins trafen aber auch erst um 10.40 h ein und so stellte ich mir vor, dass das dann schon noch in die Gänge kommen würde. Und so war es auch: bis um 13.00 Uhr (ach nur 3 Stunden zu spät) waren die 100 Plätze besetzt. Das Programm war wie immer: zuerst ein langes Gebet, dann eine Vorstellungsrunde – ich kriege sie mittlerweilen schon auf Swahili hin – danach ein Speech von allen Offiziellen. Am Schluss war ich dran und ich habe ihnen anhand der Geschichte von Raiffeisen erzählt, wie früher die Bauern Kredite erhielten, damit anpflanzen und ernten konnten und mit dem Ertrag dann auch die Kredite wieder retour zahlen konnten und den Gewinn behalten konnten. Ich habe ihnen aber auch eingeheizt, dass sie nicht einen Kredit nehmen können um sich schöne Kleider und Schuhe zu kaufen und dann nicht zurückzuzahlen, denn damit würden sie jeder Einzelnen in der Genossenschaft schaden. Ich habe ihnen auch klar gemacht, dass sie nie einen Kredit in einer normalen Bank bekommen würden weil sie keine Garantien abgeben können und dass auch einer in der Schweiz seine Assets verliert, wenn er den Kredit nicht zurückzahlt. Eigentlich ganz einfach, aber gut, wenn es ihnen wieder mal eine Aussenstehende erzählt. Zudem sind die Zinsen in einer Bank ja dermassen hoch und in diesem SACCO nur die Hälfte. Das witzige an meinem Speech war natürlich, dass ich das alle theatralisch untermalt habe – halt so, wie ich in der Schweiz meine Seminare für Auftrittskompetenz durchführe.

Dann habe ich noch die Pläne von Pro Ganze aufgezeigt und ihnen vor allem auch gesagt, dass ich als Muzungu (die zwar schon eine halbe Kauma ist – was mit grossem Applaus beklatscht und mit einem lauten Ririririri akkustisch untermalt wurde) ihnen bestimmt nicht sagen werde, was sie brauchen. Ich habe ihnen aufgezeigt, dass wir gefragt haben was sie brauchen und auch nochmals betont, dass wir bereits einen Tag nach der Wahl bestätigt haben: Pro Ganze hört nicht auf und wir setzen alles daran, in der Schweiz Gelder zu mobilisieren damit wir eine Computer- und eine Nähschule aufbauen können und vor allem zuerst noch das Community Center fertig stellen können. Das stiess natürlich auf ein sehr grosses Interesse. Ich habe aber auch betont, dass es einen Unterschied gibt zwischen einem Sawadi=Geschenk und Saidia=Hilfe. Wir bringen Hilfe aber sie müssen damit etwas anfangen. Und dann wies ich darauf hin, dass sie auch meinen Mann nicht mehr anpumpen müssen, da er auch kein Geld mehr hat.

Darauf hat er das Wort ergriffen und als dann plötzlich sintflutartige Regenfälle einsetzten (für mich zum Glück – endlich Abkühlung) ergriff er nebst dem Wort auch noch das Mikrofon, da wir ja für Weihnachten die grossen Lautsprecher mitgenommen hatten. Und so brachte er es bestimmt wieder auf die üblichen 40 Minuten – er hatte ja bestimmt schon Entzugserscheinungen nachdem er schon lange keinen Speech mehr halten konnte.

Zum Abschluss des Tages und des Jahres möchte ich nicht das Wort oder das Mikrofon aber die Gelegenheit ergreifen und euch zu danken für all eure innovativen Wege Pro Ganze zu unterstützen. Ob ihr anstelle von Geburtstags- und Abschiedsgeschenken das Geld für Pro Ganze gespendet habt oder für eure Behandlungen einen Anteil auf die Seite gelegt habt oder beim Coiffeur, an der Kasse oder irgendwo ein Kässeli aufgestellt habt. Ob ihr mit Konfitüre und Sirup an Marktständen gestanden seid oder in Schulen über uns berichtet habt. Ob ihr uns an eure Service Club Meetings oder in eure Vereine eingeladen habt, damit wir euch aus erster Hand über die Situation in Ganze erzählen können. Das alles ist von unserer Seite mit grosser Freude passiert und wird vor allem hier in Kenia noch viel mehr Freude bereiten.

Vielleicht ist es ein blöder Zeitpunkt um euch um weitere Unterstützung zu bitten weil ihr schon vor Weihnachten euer Portemonnaie für eine der vielen Sammelaktionen geöffnet hat, aber brauchen können wir das immer und ich konnte mich einmal mehr vor Ort überzeugen, dass damit das Richtige gemacht wird. Im April fliegen Olivia, Onkel Peter und ich wieder nach Ganze und wir möchten nicht mit leeren Händen anreisen. Bei all den Postings auf FB könntet ihr ja auch auf Feuerwerk verzichten und das Geld bei uns einsetzen. Von den Steuern könnt ihr es sowieso immer abziehen.

Während meines Aufenthaltes habe ich ein hervorragendes Buch gelesen, was das Helfen anbelangt. Es heisst GUTES BESSER TUN von William MacAskill und spricht mir in vielen Aspekten aus dem Herzen. Anstelle von kleinen Minihilfen an verschiedenen Orten verdient man besser mehr bis viel Geld in der Schweiz und kann damit etwas Grösseres wie unsere Schule unterstützen. Davon profitieren mehr Leute, als wenn wir kofferweise Kleider runterbringen, die nach ein paar Monaten wieder kaputt sind.

Wenn dir das einleuchtet, dann freue ich mich auf deine Hilfe. Als Einzelner, als Firma, als Verein. Asante Sana im Namen der Bevölkerung von Ganze und allen ein erfülltes 2019 mit vielen Gründen Freude zu bereiten und zu empfangen.

Raiffeisenbank Regio Arbon, Pro Ganze Kenia

c/o Barbara Fuhrer, Im Stadtwald 3, 9400 Rorschach

IBAN CH14 8130 7000 0071 4747 0

oder mit Twint und Vermerk Pro Ganze

+41 79 629 59 89

Teilen

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert