Januar 3, 2019: über Nähe und Distanz

Die Tage ziehen dahin, das Landleben hat seinen eigenen Rhythmus. Am Morgen stehen wir eher früh auf. Ich mache meine Yoga und Liebscher & Bracht Übungen auf der Yogamatte von Olivia. Dann ist das Wasser parat zum Duschen und irgendwann gibt es dann Frühstück. Je nachdem, was verfügbar ist mit Swahili Tee und frischen Früchten: Mango, Papaya, Ananas oder Soursop sind gerade aktuell.

Gestern hatten wir einen besonderen Besuch vor: meine Freunde aus Basel sind auch gerade im Winteraufenthalt in ihrem schönen Haus mitten in Mnarani, Kilifi. Wir werden nach Strich und Faden verwöhnt: Kühler Weisswein,ein feines Esses mit Kokosreis, Rindfleisch in wunderbarer Sauce und Bohnen. Wir geniessen die Abwechslung, das Essen mit Messer und Gabel und den Austausch über ganz verschiedene Themen. Die drei Hunde sorgen für viel Gelächter, denn sie sind kleine Schlitzohren und wollen gestreichelt werden. Dazu wenden sie verschiedene Anschleichstrategien an.

Am Schluss gibt es sogar noch einen Nespresso mit Schümli und Peter schlürft noch einen Brandy dazu obwohl heute er mein Chauffeur ist.

Wir sind happy, dass es geklappt hat, da wir uns in der Schweiz nie treffen. Zu busy und Peter wäre ja auch nicht dabei. Meine Freunde pflegen einen sehr freundschaftlichen Austausch mit ihren Mitarbeitenden und essen mit ihnen am gleichen Tisch, was hier gar nicht so üblich ist. Und damit habe ich manchmal Mühe. Wie findet man den richtigen Abstand und wo zieht man einen Schlussstrich. So haben wir zum Beispiel in Marere die Esswaren in einem Zimmer aufbewahrt, das abgeschlossen wird, denn es ist tatsächlich so: wenn man ihnen den kleinen Finger gibt, dann nehmen sie die ganze Hand. Ich überlege mir immer, wie ich es machen würde, wenn ich in einem so desolaten Zustand leben würde. Wenn wir aber mal Fleisch mitbringen, dann muss man ganz ausdrücklich darauf hinweisen, dass es für 2 Essen reichen muss. Sonst ist es schon passiert, dass sie alles Fleisch aufgegessen haben und wir uns noch mit Kabis begnügen mussten. Nicht, dass mich das stört, denn ich lebe ja fast vegetarisch, aber wenn ich für das Fleisch bezahlt habe, dann möchte ich auch was sehen davon.

Und ich wurde richtig böse, weil die ganzen Einkäufe, die ich vor ein paar Jahren für die Schule gemacht habe (Küchenutensilien, Teller, Becher) jetzt einfach wieder verschwunden sind. Kein Mensch weiss, wohin. Sogar ein Bett von Peter haben sie zu sich nachhause transportiert und auch das Geld für die Milch stecken sie ein – das natürlich zusätzlich zu ihrem Lohn. So überlegt sich Peter jetzt auch, eine ältere Frau für Marere zu engagieren, die nicht noch 4 Kinder füttern muss, was bei ihr natürlich immer Priorität hat. In solchen Fällen bin ich schon hin- und hergerissen. Ich helfe gerne und viel aber wenn der Bogen überspannt wird, dann werde ich auch in solchen Verhältnissen sauer.

Der Kuhhirt hat etwas ganz Liebes an sich aber anscheinend wird er aggressiv, wenn er getrunken hat und weil er fast nichts mehr hört schreit er dann rum. Gestern Abend aber habe ich plötzlich ein liebliches Lied gehört und ich musste hingehen, um zu sehen, wer das singt. Da sass er mit dem kleinen Baby auf den Armen und hat ihm ein Schlaflied gesunden. Das war wiederum rührend. Und so schwanke ich zwischen: „das geht doch gar nicht“ und „ach was, man muss denen doch auch ein besseres Leben ermöglichen“ hin und her. Und wenn ich komme und jetzt schon das 4. Kind sehe dann muss auch ich sagen: Tosha = genug!

Es fällt überhaupt auf, dass jeder noch jemanden hat, der niedriger ist und so kann es wirklich sein, dass die Leute sich gegenüber ihren Hausangestellten sehr überheblich benehmen. Vielleicht kann man sagen: die Vorbilder müssen halt von oben kommen und da ist mein Peter natürlich ein herzensguter Mensch, der sich immer wieder erweichen lässt. Den letzten Aufpasser hatte er erst weggeschickt, als er ihm ein ganzes Feld mit fruchtbarem Boden abgebrannt hat. Das war dann auch ihm zu viel.

Aber zurück zu dem Treffen mit den Bekannten. Für mich sind Reisen am allerschönsten, wenn es darum geht, mit tollen Freunden zu reisen oder sie in ihrem Land, an ihrem Ort zu besuchen. Das ist mir heutzutage viel wichtiger als Destinationen abzuhaken oder in einem ultimativen Luxushotel zu wohnen, das unpersönlich ist und wo man mit völligen Fremden ist und allenfalls sogar noch abgezockt wird. Spannende Gespräche, bereichernde Begegnungen, gemeinsames sinnieren und meditieren sowie Workshops und Projekte zusammen gestalten, das gibt extrem viel Verbundenheit. Und so freue ich mich auch schon auf den April wenn ich mit meinen Pro Ganze Freunden wieder etwas auf die Beine stellen werde hier und danach hoffentlich mit meinen Kids nach New York reise.

Meine Kinder haben mal gesagt, dass sie gar nicht rassistisch sein können, weil sie mit mir an so viele verschiedene Orte gereist sind und das bringt es doch auf den Punkt. Reisen bildet, reisen öffnet den Horizont – selbst bei drei Wochen Marere, wo einfach immer ein friedliches Bild von Kühen, Ziegen, Hühnern, wassertragenden Frauen und Schulkindern an einem vorbeizieht. Gelegenheit zum Runterfahren, sich diese und jene Gedanken zu machen, zu lesen, mit Freunden zu korrespondieren und über Nähe und Distanz nachzudenken.

Schön, dass wir mit dem virtuellen Austausch die Nähe auch in Zeiten von räumlicher Distanz aufrecht halten können.

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