Januar 7, 2019: Was sagen die anderen darüber?

Wenn ich so in ein Land eintauche wie ich im Moment ergeben sich immer wieder Situation, in denen ich mich frage: was gehört sich eigentlich, wie verhalte ich mich, wie sehr bin ich bereit, mich mit den lokalen Gepflogenheiten auseinanderzusetzen und mich anzupassen – ein Wort, das mir nicht immer leicht fällt.

In der Schweiz fühle ich mich sehr selbstständig, denn das Wort unabhängig stimmt ja auch nicht zu 100%, denn irgendwie hängen wir ja alle zusammen. Auch eine Erkenntnis aus meinen Reisen. Aber ich weiss, was die Standardregeln sind und gebe dieses Wissen ja auch in meinen Kursen weiter. Von der Idee, dass ich es allen Leuten Recht machen will habe ich mich schon lange gelöst – vielleicht auch ein Vorteil des Älterwerdens und des Wissens, was ich wirklich will. Ich habe früher auch noch mehr darauf geachtet habe, was andere Menschen von mir halten oder was andere denken. Ich war aber auch schon früh der Meinung, dass ich lieber meinen Stil lebe als dass ich mir zu oft Gedanken darüber mache, was andere von mir halten könnten. Denn ich habe darauf nur wenig Einfluss. Da ich schon immer – und ganz sicher seit meiner Zeit in den USA – meinen eigenen Kleidungsstil gepflegt habe, war ich alleine dadurch schon immer exponiert. „Die mit dem Hut“ hiess es dann auch gerne im Winter, wenn ich meine Vorliebe für Hüte ausgelebt habe. Es gab aber auch immer Menschen, die gerade diese Individualität geschätzt, wenn nicht sogar bewundert haben. So hat zum Beispiel gerade zum Thema „Hut“ ein junger Mann zu mir gesagt: Frau mit Hut ist immer gut.

Da ich nicht so sehr daran glaube, dass Kinder erzogen werden können, denn das würde ja auch bedeuten, dass man an ihnen zieht… und genauso, wie ich an einer kleinen Pflanze nicht ziehen kann damit sie grösser wird – genausowenig funktioniert das mit Kindern. Das Vorleben ist meines Erachtens das Wichtigste. Und so bin ich recht stolz darauf, dass meine „Kinder“ ihren eigenen Stil entwickelt haben: Colombe hat schon in der 2. Klasse eine Mütze in der Schule getragen, weil sie es cool fand und mittlerweile hat sie einen einzigartigen Stil mit vielen ethnischen Elemente ihrer indianischen Herkunft, so dass sie sehr heraussticht aus der Menge. Sie entwirft eigenen Schmuck und zeigt sich immer sehr stilsicher und als Trendsetterin. Bei Mica waren viele Jahre nur die Farben rot und schwarz akzeptabel und auch wenn es bei ihm nicht so offensichtlich ist, so pflegt auch er einen sehr coolen und eigenen Stil. Ich kann ihm nicht einfach ein Kleidungsstück schenken, ich muss vorher eruieren, ob das in sein Konzept passt – das war schon seit früher Kindheit so. Ich mag es, wenn jemand weiss, was er will.

Wenn es darum geht, was andere Menschen von einem denken gab es bei meiner Mutter noch Potenzial, auch wenn sie uns mit ihrem Modebewusstsein geprägt hat. Was sollen denn die Nachbarn sagen war schon immer noch ein Problem für sie. Da habe ich mich manchmal rebellisch gezeigt und auch mal etwas angezogen, was sie genervt hat, nur weil sie vorher wissen wollte, was ich anziehe. Als dann auch mal die Polizei bei uns vorbeigeschaut hat wegen meines Schwagers hat sie eine Krise geschoben und wir hatten grosse Diskussionen darüber, dass es niemanden was angeht, was in unserem Haus passiert. Aber als dann ein Freund von ihr an ein Fest in Zürich ging und sich herausstellte, dass die Leute aus Arbon waren und uns kannten und sie nur sagten „ach das sind die mit der Tochter, die schon zweimal geschieden ist“ hat sie sich wieder fürchertlich genervt. Wenn ich länger mit Menschen über ihr Familienleben rede sehe ich immer wieder: überall hat es Geschichten, Verletzungen, Ungereimtheiten. Manche sind sichtbar und andere wiederum ganz versteckt und überhaupt nicht offensichtlich, ja vielleicht sogar unbewusst. Ich finde das vollkommen normal und nenne es „leben“ und wenn ich mein Leben etwas öffentlicher mache als andere Menschen so werde ich dadurch bestimmt etwas verletzlicher aber ich kann unter Umständen damit auch ein Vorbild sein für andere. Traut euch, euren eigenen Stil, ja sogar euer Darma zu leben. Ich verwende dieses Wort gerade, weil ich momentan das geniale Buch „The Great Work of your Life“ A Guide to jour journey of your true calling von Stephen Cope lese. Er zeigt darin auf, was gemäss der Bhagavad Gita (Zentrale Schrift des Hinduismus) Darma bedeutet und wie die Bestimmung des Lebens für manche Leute einen erfüllten Weg genommen hat (oder auch nicht). Das ist wohl ein Thema, mit dem man sich mit steigendem Alter mehr auseinandersetzt. War es das, oder gibt es noch mehr für mich? Lebe ich schon meinen Traum, meine Bestimmung oder will ich noch etwas ganz Neues beginnen? Es sind Überlegungen, die mich seit dem Kennenlernen von Peter noch stärker begleiten und die mit dem Näherrücken der Pension noch deutlicher werden. Ich halte euch bezüglich meiner Gedanken sicher wieder auf dem Laufenden aber ich mache euch auch Mut, darüber nachzudenken. Gewohnte Pfade verlassen, etwas neues wagen, das tun, was du wirklich mit Leidenschaft gerne machst.

Zu den Gepflogenheiten hier in Kenia gäbe es noch viel zu schreiben. Ich habe keine Mühe mit den Kleidervorschriften und habe sie so langsam aber sicher auch begriffen (ausser wenn ich mitten in der Nacht gaaaaanz dringend aufs Klo muss – selbst wenn ich dann einem begegne, der schon auf dem Weg zur Arbeit ist. Rate mal, wer mer erschrocken ist hahaha…) ich finde es jetzt auch cool bei den Begrüssungsritualen zu verstehen, das ein „Jambo“ dich als absoluten Volltouri auszeichnet und du mit dem Erlernen des Ablaufs mega Sympathiepunkte sammeln kannst (sogar bei den eigenen Familienmitgliedern). Aber wenn meine Schwägerin mir erzählt, dass sie die Kinder seiner verstorbenen ersten Frau unterstützen muss und er null und nichts dazu beiträgt dann kriege ich echt eine Krise. Sie reist also am Sylvester zu ihm und kümmert sich um die 2 Kinder, die noch zuhause sind, macht den Haushalt, kocht und bezahlt ihre Schulkosten und er erhält zwar eine Pension, kümmert sich aber null und nix um die Finanzen oder um sie, die in Kilifi (ziemlich weit entfernt) wohnt. Als ich sie frage, ob sie ihn noch liebt sagt sie nur „früher schon“ und als ich sie frage, warum sie das tut meint sie: ja was würde die Community dazu sagen, wenn ich es nicht machen würde. Genau – ganz ähnlich wie in der Schweiz. Was würde die anderen sagen, wenn ich das und das tun oder nicht tun würde. Ich sage ihr klipp und klar: bezahlt die Community etwas für die Kinder deines Mannes aus erster Familie? Natürlich nicht – also dann: pfeif drauf. Die Leute werden so oder so über dich reden, das kannst du gar nicht beeinflussen. Sie hat schon so viel Gutes getan, schon so viele Kinder, die nicht ihre eigenen sind aufgezogen und für sie Schulgeld bezahlt – sie könnte diretissima in den Himmel wenn sie morgen sterben würde. Sie hört sich meine Gedanken an und nickt – bestimmt würde sie gerne selber so handeln aber davon scheint sie noch ziemlich weit entfernt. Denn ein paar Minuten später hat Peter ein wichtiges Meeting über zukünftige kulturelle Vorhaben und die Schwester sagt zu mir: wir müssen rein gehen, wir dürfen nicht mithören, was sie erzählen. Da ist es bei mir mit der Ruhe vorbei: ich sage zu ihr: mein Mann hat über 20 Jahre in der Schweiz gewohnt, er weiss, dass ich das nicht akzeptiere. Wenn er etwas zu besprechen hat, dann soll er sich bewegen. Sie wird ganz nervös und meint: dann gehen wir jetzt ein bisschen weg oder sonst kann ich ja auch nachhause gehen (auf mein Argument hin, dass ich eh nicht verstehe, was sie diskutieren). Aber ich gebe ihr zu verstehen, dass es in diesem Punkt keinen Spielraum für mich gibt und ein Blick zu Peter und er versteht es auch. Die Herrenrunde begibt sich ins Innere des Hauses und ich lese draussen weiter.

Auch mit dem ganzen Thema Familienbande gibt es natürlich grosse Diskussionen. Beim Land zum Beispiel erben die Frauen bzw. Töchter null und nichts. Wenn Peter aber Land verkaufen möchte, dann müssen seine beiden Söhne einverstanden sein. Genau gleich ist es ja beim Heiraten: die Männer dürfen rechtmässig mehrere Frauen haben aber bei den Frauen ist es natürlich nicht so. Als dann heute die Tante von Peter zu Besuch kommt (letzte Schwester seines Vaters) fragt er mich, ob ich einen Lesso (buntes Tuch, auch Kanga genannt) für sie übrig hätte, denn wenn eine so alte Frau den weiten Weg zu Fuss komme, dann müsse man ihr ein Geschenk der Anerkennung dafür machen. Meine Kangas sind aber grad in der Verarbeitung bei der Schneiderin und so bleibt am Schluss nichts anderes übrig als ihr Kesh 1000 (CHF 10) zu geben und mich für den Besuch zu bedanken. Hoffentlich sind nicht noch Hunderte von solchen Tanten unterwegs zu mir sonst kann das teuer werden. Ich amüsiere mich aber über die Tante, anscheinend hat sie denselben toughen Charakter wie der Vater von Peter. Als eine Frau zum Begrüssen kommt mit einer ziemlichen Ausdünstung sagt sie ihr direkt ins Gesicht: du musst täglich duschen sonst wirst du krank! In anderen Worten: hau ab du stinkst. Darüber muss ich echt lachen, denn wie oft hätte ich das auch schon gerne zu jemandem gesagt und es je nach Situation dann gelassen (hier in Kenia sowieso oder auch in der Schweiz)!!!

Ansonsten sitzen Peter und seine Tante einfach da: sie erzählt und erzählt und er sagt: mmhhh oder aha oder ehhhh – beide schauen in dieselbe Richtung, was bei uns undenkbar wäre. Aber hier vollkommen üblich und vielleicht wäre ein „in die Augen schauen“ schon wieder ein Zeichen von Disrespekt. So wie bei einer Begrüssung, wo das Wort „Shikamoo“ ja eindeutig zeigt, dass sich die Person unter der Begrüssten befindet. Dazu hält man mit der linken Hand noch die rechte und das ist dann auch ein nonverbales Zeichen. Ich habe es heute zum zweiten Mal bei der Tante angewendet und sie war natürlich sehr gebauchpinselt. Sie wusste ja nicht, dass sie von mir ein Geldgeschenk erhalten würde und so hat sie gesagt als Peter für sie ein PikiPiki bestellen wollte: gib mir lieber die KES 150 (CHF 1.50) und ich gehe zu Fuss nachhause. Jetzt hat sie also das ganze Paket erhalten: Ehrerbietung, eine Konversation mit ihrem Neffen (der hier Sohn genannt wird) und zusätzlich noch eine schnelle Nachhausefahrt mit einem Geschenk. Was wohl die Nachbarn sagen werden?

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