Januar 8, 2019: Schwach geworden oder stark gehandelt?

Die Geschichte von Claris. Ihr Vater ist schon länger gestorben, die Mutter ist vollkommen mittellos und die Brüder haben es – bis auf einen – ziemlich verhängt. Der eine wurde kriminell und von der Polizei erschossen. Der andere hat zwar ein Studium gemacht weil er so supergescheit war, sich dann aber doch entschieden, zum Militär zu gehen, wo er nach einem Jahr aufgegeben hat und sich krank gemeldet hat und seither nie mehr zur Arbeit ging. Die eine Schwester hat ein Stipendium gekriegt an eine Accounting-Schule weit weg von zuhause. Blog-Leser kennen übrigens den einen Bruder, der jetzt Primarlehrer ist – er ist derjenige, der den Käse an Weihnachten erst mochte, nachdem wir ihm gesagt haben, das müsse er mögen, wenn er in die Schweiz kommen möchte… Seine Schwester Claris kam vor Weihnachten vorbei und hat uns Mangos gebracht und von Peter ein Twint T-Shirt erhalten. An Weihnachten habe ich sie nicht wieder erkannt: ihre Haare waren plötzlich violett und sie war für die hiesigen Verhältnisse viel zu körperbetont angezogen aber das gehört halt auch zur Pubertät und das Austesten der Weiblichkeit ebenso. Und mit diesen Strähnen oder Perücken, die sie hier in die Haare flechten erkenne ich sie oft nicht mehr. Das zeigt natürlich auch, wie sehr wir Europäer auf die Frisuren achten, denn wir ändern ja meistens nicht von einem Tag zum anderen (ausser wir haben einen sinGALLinas Auftritt…) Wir hatten es lustig mit ihr aber Peter sagte ihr immer wieder, was sie zu tun hatte und meinte damals noch, sie sei von der Schule suspendiert worden, weil sie einen Mist gebaut hatte.

Gestern wollte Peter zum Principal der Schule, eine Mädchen-Boarding School in Kaloleni, etwa 25 Kilometer von Marere entfernt. Wir fuhren dorthin mit der Mission, sie wieder in die Schule zu bringen, denn ihr fehlt nur das 4. und letzte Jahr der Sekundarschule und sie ist ziemlich intelligent. Die Schule machte einen sehr guten Eindruck und scheint auch einen guten Namen zu haben. Es war viel Betrieb, denn die Schule beginnt und alle müssen sich einschreiben. Sie kommen mit ihren Matratzen, den Metallboxen und allem Hab und Gut angereist.

Peter wurde sofort zur Schulleiterin reingelassen, obwohl vor ihrem Büro eine lange Schlange war. Er hat sich vorsichtig an das Thema herangetastet in der Hoffnung, dass er auf Gehör stossen würde. Mir wurde aber schnell klar, dass es keine Möglichkeit gibt, sie wieder in die Schule zu bringen. Sie hatte zusammen mit 2 anderen Mädchen eine Riesendummheit begangen. Sie haben die Krankenschwestern ausgetrickst und Piriton sowie andere Medikamente die dich einschläfern entwendet, die sie dann in eine Wasserflasche abgefüllt haben. Der erste Plan war, sie im Zimmer zu platzieren, damit die Mädchen, die regelmässig Wasser klauen eine Lektion erteilt bekommen. Ihr Plan hat sich dann aber irgendwie geändert und sie haben anscheinend vor allen Girls gefragt, wer Wasser möchte. Ein Mädchen hat das Angebot angenommen weil sie ein Medikament einnehmen musste und das andere hatte einfach Durst. Der Cocktail hätte unter ganz dummen Umständen sogar tödlich ausgehen können und die beiden Mädchen mussten ins Spital gebracht werden, weil sie fast bewusstlos waren. Die Eltern mussten involviert werden und weil das eine Mädchen auch noch Asthmatikerin war verlief der Heilungsprozess langsam. Die Schulvorsteherschaft hat entschieden, dass die drei Mädchen kriminell seien und keinen Platz mehr an dieser Schule hätten. Schliesslich stand der Ruf der Schule auf dem Spiel und wären sie wieder retour gekommen dann hätten sich vielleicht auch die anderen an ihnen gerächt. Unter diesen Umständen verstand ich den Entscheid vollkommen. Peter war so etwas von enttäuscht, weil er die letzten drei Jahre dafür gesorgt hatte, dass sie eine gute Schulbildung kriegte und hatte mit seinem eigenen Geld wie mit dem vom Staat dafür gesorgt, dass sie eine Chance bekam, da sie entfernt auch zur Familie gehört und er auch Mitleid hatte – vor allem weil sie intelligent scheint. Er hat wirklich noch alles versucht um die Schulleiterin umzustimmen aber da war verständlicherweise nichts mehr zu machen. Ihre Noten waren soweit ok aber es würde bestimmt noch mehr möglich sein.

Wir fuhren ziemlich betrübt zurück, denn wir hatten unsere Mission nicht erfüllt. In Marere riefen wir die Mutter und die Tochter und sie erhielten die volle Geschichte – sie sassen am Tisch wie vor Gericht. Das Mädchen sass nur geknickt neben der Mutter, die jetzt sichtlich verzweifelt war. Sie kann kaum für ihr eigenes Essen aufkommen und meinte am Schluss, es gäbe nichts anderes, als dass die Tochter jetzt das Haus verlassen müsse. Wir waren alle richtig niedergeschlagen. Ich konnte es einfach nicht so lassen. Eine junge Frau, die jetzt absolut keine Chance mehr hatte in ihrem Leben, da niemand für ihre Schule bezahlen kann. Klar, das Ausmass ihres Handels war extrem aber ich dachte dann zurück an meine Kindheit und an die meiner Kinder und sagen wir es mal so: wir haben alle Mist gebaut – wir wurden einfach nicht immer dabei erwischt und gewisse Dinge hätten auch ganz schön schief gehen können. Der Gedanke daran, dass sie jetzt einfach ihre eigene Zukunft zerstört hat liess mich einfach nicht mehr los. Wenn man in der Schweiz ist und das so hört kann man ja denken: ja sie war ja wirklich selber schuld und jetzt muss sie die Konsequenzen selber tragen, aber wenn du da vor Ort siehst und die Ohnmacht der beiden Frauen (der Mutter und der Tochter) spürst dann passiert es einfach: du wirst schwach – oder viel besser du wirst stark und überlegst dir, was es für dich bedeutet auf die paar Hundert Franken zu verzichten und halt zuhause ein paar Nachtessen auswärts und ein paar Schuhe weniger zu bestellen…

Ich habe mich dann bei Onkel Peter in der Schweiz erkundigt, denn er unterstützt seit ein paar Jahren das Mädchen, das den längsten Schulweg hatte von allen Primarschulen. Sie kommt jetzt auch in die erste Sekundarschule und durch unsere Beziehungen konnten wir sie an eine Schule in Ganze vermitteln, obwohl ihre Noten nicht gerade rosig waren. Onkel Peter kannte also alle Kosten und hat sie mir aufgelistet. Da mich die Zukunft dieser jungen Frau nicht losgelassen hat habe ich mich entschlossen eine Ausnahme zu machen. Ich habe immer gegen das Unterstützen von Einzelpersonen plädiert, weil ich es einfach sinnvoller finde, für eine ganze Schule oder eine ganze Klasse etwas zu machen weil dann mehr etwas davon haben. Aber jetzt im Wissen, dass dieser Frau nur noch bleibt sich irgendwo herumzutreiben und auf den erst besten Mann hoffen muss, der sie heiratet hat mich einfach nicht mehr losgelassen. Ich entschied mich, ihr das letzte von 4 Sekundarschuljahren zu finanzieren und ihr das Geld für ein Piki-Piki zu geben damit sie in der alten Schule all ihre Habseligkeiten noch abholen kann. Ich sah sie schon mit Matratze, Metallbox etc. auf dem Töffli, so wie man sie momentan zu Hunderten herumreisen sieht, weil sie sich auf den Weg machen in ihre Schule. Jaribuni Secondary ist jetzt sicher nicht DIE Ausbildungsstätte in Kenia aber sie kann dort auch zeigen, was sie kann und Mr. Hare, den Schulleiter, kenne ich ebenfalls noch von den Computerklassen, die Onkel Peter und ich gegeben haben. Ein Gutes gibt halt wieder ein Gutes und so hoffe ich, dass ich nicht in einem halben Jahr höre, dass Claris jetzt schwanger ist und nachhause musste, sondern das dies ein Kick für sie war um sich zu überlegen, wie sie ihre Träume erfüllen kann. Denn in jedem Kind, in jedem Erwachsenen steckt doch ein Traum, den er sich erfüllen möchte. Wenigstens habe ich jetzt dazu beigetragen, dass der Traum realisiert werden kann. Sie hat mir geschrieben: „I won‘t let you down“ und ich habe ihr geantwortet: „don‘t let yourself down“!!! Ich freue mich drüber, wenn sie zu einer stolzen und selbstbewussten Frau heranwächst, die weiss, was sie will. Denn auch aus solch miserablen Bedingungen kann jemand herauswachsen und beweisen, dass Träume wahr werden können. Ich berichte wieder darüber – egal wie das Resultat ist, denn auch wir müssen mit der Wahrheit leben können! Ich finde es immer eine Gratwanderung: du tust etwas Gutes für eine Person und dann entwickelt sie sich nicht so, wie DU dir das vorstellst. Das zu verkraften ist noch mehr unser Problem als das Problem der Person. Ich habe schon bei meinen Kindern immer versucht, sie nicht zu etwas zu zwingen sondern sie dazu zu bringen, dass sie herausfinden was wirklich ihr Ding ist! Und ich selber bin ja auch immer wieder in diesem Prozess – auch im hohen Alter noch…

Und schon kommt wieder meine lästige Frage für dich: lebst du deinen Traum oder bräuchtest du auch einen Sponsor, damit du alles erfüllen kannst?

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