Januar 10, 2019: Im falschen (oder doch im richtigen) Film?

Zeit Marere zu verlassen. Peter hat eine Scheisslaune – ich kann es ein bisschen nachvollziehen, denn für mich war früher nur schon um 05.15 aufstehen ein Grund für eine schlechte Laune – aber ich habe gelernt und für die Reise vorgeplant. Weil Peter ja nie zMittag isst, muss ich da wirklich vorsorgen, denn die Fahrt nach Nairobi kann bis zu 9 Stunden dauern und wenn Peter keine Lust hat anzuhalten dann hast du echt verloren und stirbst verhungert und verdurstet im Toyota Landcruiser. So habe ich im Tusky‘s vorgesorgt: Brötchen, Senf, Jalapenos, Käse gekauft und dann auch noch die gekochten Eier ins Zimmer geholt damit ich Chiwai nicht aufwecken muss, der sonst alle Vorräte im Zimmer hat. Um 05.15 stand ich auf und machte alles bereit – er aber war einfach hässig – etwas, das ich bei ihm gar nicht kenne. Als er dann auch noch sein Samsung Phone auf den Boden fallen liess (ich war „schuld“, weil ich es unter die Jeans gelegt hatte…) und es nicht mehr reagierte war es definitiv aus mit der grossen Diskussion. Ich selber hasse ja Abschiede auch extrem und auch wenn ich im Leben schon so viele davon erlebt habe, so werden sie nicht besser mit den Jahren. Ich mache es daher immer gerne kurz und schmerzlos. Ich hatte mich am Abend vorher schon von allen verabschiedet aber jetzt sassen sie doch auf dem Stängeli und wollten auf Wiedersehen sagen. Wir fuhren los, denn in Mavueni wartete schon Paul mit einer neuen „Schabe“ (er kannte den Ausdruck nicht für uns Ostschweizer bedeutet es so viel ein neues Gspusi, eine neue Lady oder so ähnlich). Sie waren pünktlicher als wir und das bedeutete wohl, dass sie unbedingt mitkommen wollten, denn von Malindi mussten sie bestimmt schon um 05.00 Uhr mit dem Matatu (Sammeltaxi) losfahren.

Wir hatten eine gute Fahrt. Nur ungefähr 4 Fast-Kollisionen mit den entgegenkommenden Gefährten und nur eine Fast-Explosion als Peter dringend aufs Klo musste und bei einer Tankstelle angehalten hat und vergass, die Zigarette auszulöschen. Es gab also total doch 3 Stops: 1x für Kafi und Mahamri, einmal fürs Klo und dann noch einmal für den Früchtegrosseinkauf in Emali, wo wir für KESH 1000 (CHF 10) eine Unmenge an Früchten und Gemüse einkauften und dafür auch noch eine ganz extrem saftige und leckere Mango als Probiererli erhielten. Ach ja und kleines Detail: einmal noch für eine Elefantenherde, die die Strasse überquerte!!! Ich schaute so etwa jede Stunde nach, ob mir Google Earth immer noch die richtige Zeitangabe machte und es war so: wir benötigten etwa 9 Stunden bis ans Ziel. Die Strasse ist in keinem schlechten Zustand aber die Art und Weise, wie die Kenianer fahren ist einfach lebensgefährlich. Da kannst du echt ein Kreuz an die Decke machen wenn du heil ankommst… Aber nach all den Gefahren der Strasse musst du dich noch durch den Abendverkehr von Nairobi kämpfen, was nach 15.30 h schon ziemlich schwierig wird. Für die Freundin mussten wir nochmals an einem Ort anhalten, damit sie nachhause konnte und dann kam Paul mit dem Wunsch: kannst du mir nochmal einen Gefallen machen, Daddy – ich muss noch etwas abholen an einem Ort ganz in der Nähe von der Wohnung. Ich war schon fast etwas genervt, da mich mein Bein bzw. meine Hüfte immer noch schmerzte und ich endlich endlich wieder in eine horizontale Position wollte. Auch Peter war noch etwas mehr genervt als am Morgen: er hat kaum gesprochen während der Fahrt und höchstens meine neuste Playlist mit Kendrick Lamar (Paul: ich bin es bitzeli geschockt, dass du solche Musik hörst) und Max Herre mit dem Kahedi Orchestra (Jenna: willst du die auch?) noch etwas gut gefunden… Sonst war es natürlich auch ruhig, weil er kein Telefon mehr hatte – sind eben auch gewisse Vorteile.

Aber wirklich jetzt noch diesen Stop zu machen war grad ein bisschen viel, zumal wir 2 Strassen von zuhause waren. Das Tor wurde aufgemacht und wir mussten in einen winzig kleinen Parkplatz einparkieren, was die Nerven noch zusätzlich strapazierte. Ich hatte Schmerzen als ich ausstieg und Paul sagte, dass wir noch schnell mit raufkommen müssen, da es eine kleine Überraschung gäbe. Ich dachte einiges in meinem Kopf: muss er noch Miraah organisieren oder einen Kollegen besuchen oder hat er hier noch eine „Schabe“ (siehe oben) oder haben sie jetzt womöglich doch noch eine Wohnung in Nairobi gemietet?

In den letzten Wochen hatten wir (Daniel, Paul, Peter und ich) nämlich sehr ernsthafte Diskussionen, wie es mit dem Dad weitergehen sollte, denn er hat ja schon über ein Jahr keinen Job und es sieht auch gar nicht so aus, dass er von der Regierung einen Job kriegen würde (die können ihm ja nicht einmal in die Augen schauen). Er ist zu lieb, zu wenig aggressiv, in der falschen Partei, kein Arschkriecher und nicht korrupt. All das wird dazu führen, dass andere bevorzugt werden – oder wenn es ganz schlecht kommt auch eliminiert werden…

Unser gemeinsam diskutierter Plan war: wir machen sanfte Renovierung an der Wohnung in Nairobi, Peter zügelt alle Möbel, Waschmaschine und alles Hab und Gut nach Marere und Kilifi, wir suchen einen Mieter für die riesengrosse Nairobiwohnung und mit diesem Geld kann Peter leben und das Haus in Kilifi renovieren. Zusätzlich kauft er zusammen mit einem Geschäftspartner 2 Betonblock-Maschinen und sie beginnen ein Business mit Building Material – den Namen haben wir auch schon in einem Brainstorming eruiert: „Build it“!!! Wir waren also voller Pläne und anscheinend hatte sich sogar schon jemand gemeldet, der mieten wollte…

Ok, ich bin abgeschweift. Sehr sehr widerwillig begeben wir uns also in den 5. Stock, Apartement 506 und wir haben echt das Gefühl, dass wir im falschen Film sind: da ist unser Tisch mit den Stühlen und mit dem Tischläufer, unser Kühlschrank, warte mal unser Bett, unser Schrank – das Sofa sieht anders aus, unser TV, auch meine Zebra und Giraffenkaffeetassen etc. Sogar unsere Putzfrau Linet bzw. meine Heldin (erinnert ihr euch an die Rattengeschichte?) ist da und kocht! Wir verstehen die Welt nicht mehr. Ich glaube, ich bin etwas schneller im Realisieren, dass die verrückten Brüder zusammen mit der Putzfrau (und bestimmt noch mehr Hilfen) unsere ganze Wohnung von Riverside in diese Wohnung transferiert haben. Sie zeigen uns alles: unsere Kleider, jeder Zettel, die Laptops einfach schlichtweg alles ist jetzt in der neuen Wohnung am selben Ort wie vorher, TV und Internet funktionieren und es hat warmes Wasser. Ich kriege den Mund fast nicht mehr zu (ich weiss, eine Seltenheit) und es schwirren eine ganze Menge Fragen in meinem Kopf herum. Ich glaube noch einige Stunden, dass wir jetzt dann einfach an den alten Ort fahren und immer noch alles dort ist aber nein: hier ist unser neues Zuhause – alles minutiös gezügelt, jemand ist bestellt, der das kaputte Sofa (erinnert ihr euch an meinen Blog Mitte Dezember…) reparieren wird, die schreienden Goofen sind verschwunden, sicher keine Ratten mehr auf dieser Höhe und eine moderne Küche!!! Moment mal: vor ein paar Tagen hat Paul im WhatsApp Status geschrieben: brothers hanging out. Ich habe mir das Bild angeschaut – etwas, das ich höchst selten mache und ich musste lachen: jetzt haben die doch tatsächlich eine fake Küche auf das Bild unserer Wohnung gephotoshopped!!! Wahrscheinlich, damit es ein bisschen besser aussieht und cooler daherkommt – diese Schlitzohren! Ich habe sogar noch geschrieben: Thanks for the new kitchen und die Antwort war “you are welcome” aber im Leben hätte ich mir nie vorgestellt, dass sie so etwas auf die Beine stellen könnten. Ich war hin- und hergerissen zwischen: a) oh mein Gott, das ist ja wie bei Happy Day mit Röbi Koller und b)“gohts eigentlich no üsi Sache go aalange ohni zfroge?”. Als ich aber auch noch sah, dass ich jetzt endlich eine Aussicht über Nairobi habe da überlegte ich mir schon ernsthaft, ob ich jetzt nach Nairobi zügeln soll….

Aber Peter nahm es nicht so locker: wir waren grad ein bisschen besorgt um ihn: er stand fassungslos da, begriff überhaupt nicht, was passiert war und hatte sogar einen Schwindelanfall, worauf wir ihm sofort das feine Essen von Linet vorsetzten und ihn fragten ob er einen Whiskey benötige. Aber nein: natürlich zuerst eine rauchen auf dem Balkon. Er renkte sich fast nicht ein bis er dann auch nachts aufstand und sich zig Sorgen machte: wer soll denn jetzt diese Wohnung bezahlen, wer soll die Renovation in der alten Wohnung bezahlen, gibt es wirklich einen Mieter, wo gehen die Leute hin, die ihn jetzt in Nairobi besuchen wollen etc. etc. Ich glaube, das war alles ein bisschen viel für ihn und das was ihn noch gerettet hat war, dass er sah, dass ich mich freute. Wir haben dann Daniel angerufen und er hat sich natürlich diebisch gefreut, dass die Überraschung gelungen ist obwohl es vorher fast noch aufgeflogen war mit dem WhatsApp Picture und er hat Peter versichert, dass er sich über nichts Sorgen machen müsse. Alles sei geregelt und er müsse nicht befürchten, dass er etwas bezahlen müsse. Echt jetzt: diese beiden Brüder, sie haben mich extrem positiv überrascht auf dieser Reise. Ihnen ist es wirklich ein grosses Anliegen, dass es ihrem Vater gut geht und sie wissen, dass er wieder eine sinnvolle Aufgabe hat. Aber Schlitzohren sind sie doch: alle beide und zwar riesengrosse!!!

Am nächsten Tag kamen die Fundis (Handwerker), haben noch Gitter am Balkon und an den Fenstern montiert (lebensgefährlich geschweisst – ich sah die Polyestervorhänge schon abfackeln und noch lebensgefährlicher, die Drähte direkt aus der Steckdose mit dem Kabel verbunden – hiiiilfe), die Polsterer kamen und machten in einem Nachmittag einen neuen Überzug auf das Sofa – nicht perfekt aber in einer erstaunlichen Geschwindigkeit, die uns total faszinierte. In der Schweiz wäre die Antwort bestimmt gewesen: vergessen sie es, das lässt sich nie reparieren. Linet war auch wieder da und hat geputzt, was das Zeugs hält, gewaschen und alles perfekt eingerichtet. Sie hatte mit Daniel zusammen sogar die Vorhänge ausgewählt. Weil sie weiss dass ich ein Punda Milia Fan bin (Zebramuster) sind jetzt alle in diesem Muster. Selbst für mich ein bisschen übertrieben aber einfach soooo lieb und fürsorglich. Sogar die Bilder mit der Familie hingen schon an der Wand, der Pokal für den „best husband“ hat sie aufs Nachttischli gestellt und und und. Einen solchen Menschen gibt es kaum zweimal aber Peter meinte nur: wenn du Gutes tust, dann kommt Gutes zurück – meine Worte!

Peter hat sich dann ein bisschen erholt – wir werden bestimmt noch diskutieren, wie es weitergeht und ein Treffen mit Daniel vor meiner Abreise ist auch noch geplant – er ist grad auf dem Weg nach Nairobi. Aber ich bin ja so froh, muss ich die nächsten 10 Tage nicht mit Einpacken in Zügelboxen verbringen. Die neue Wohnung gibt ein bisschen Luft und Zeit zum Nachdenken. Alles wird sich ergeben wie es muss. Einfach Vertrauen in das Leben haben und die notwendige Gelassenheit.

Ich kann ohne Nachzudenken sagen: das war wohl die grösste Überraschung, die ich in meinem Leben erlebt habe und die Emotionen waren unglaublich. Ich freue mich auch am zweiten Tag noch, denn die Nacht ist kühl, die Gegend sehr ruhig und der Weitblick freut mich unglaublich. Wir haben das alles mit einem feinen Raclette gefeiert und mit 3 Anläufen Kartoffelkochen, da aus den ersten beiden wohl eher Kartoffelstock geworden war. Aber ich meinte nur zu Paul: man kann nicht in allen Dingen gut sein. In puncto Überraschung waren er und sein Bruder wirklich dieses Mal Weltmeister!

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