Januar 13, 2019: Klipp und klar

Ich wollte in meinem Blog nicht jammern, aber meine Rückenschmerzen, die bis ins Bein ausstrahlen plagen mich schon fast seit der Ankunft. Das Sitzen im engen Flieger war mitschuldig, die ersten klammen Nächte in Nairobi auf der falschen Seite des Bettes haben noch dazu beigetragen und auch das Nichtmachen der normalen Übungen hat nicht geholfen. Dann das viele Sitzen im Auto, auf den Plastiksesseln, die krumme Matratze in Marere und doch recht viel Nachdenken über die Zukunft und die anstehenden Entscheidungen: alles nicht förderlich für die Gesundheit. Die Yogaübungen und der tägliche Gang zur Shamba (Feld) waren gut aber doch nicht so gut, dass es sich extrem gebessert hätte.

Auf der Rückreise von Marere nach Nairobi in der 9-stündigen Autofahrt fühlte ich es noch nicht so. Aber als ich ausgestiegen war und mich schon aufs Ausschlafen freute konnte ich die Nacht wegen der Schmerzen nicht richtig geniessen. Als wir den Chinesen um die Ecke besuchten betreffend der Bauvorhaben an der Küste musste ich alle paar Meter anhalten, mich bücken um den Schmerz zu lindern und dann wieder weiterhumpeln. Ich meinte noch zu Peter: vielleicht kennt der ja jemanden, der Chinesische Medizin macht. Es ist ein Feld, von dem ich zwar schon immer gehört habe, an das ich mich aber noch nie getraut habe. So habe ich in meinem Leben noch nie eine Akupunktur gemacht und höchstens mal den einen oder anderen Tee eingenommen.

Der Besuch war nur ganz kurz: wir beschlossen, am nächsten Tag die Betonblock-Maschinen anzusehen aber vorher noch bei diesem Wunderdoktor vorbei zu gehen. Es gäbe noch viele Ärzte meinte der Chinese unseres Vertrauens aber dieser sei der absolut beste: zwar schon 76 Jahre alt aber einfach super.

So pilgerten wir mit dem Chauffeur an den Ort in Westlands. Es war so witzig: mitten in den riesigen Wolkenkratzern, den edlen Hotels und Apartmenthäusern war dieser kleine Garten für Herbal Medicine. Der Arzt sah aus wie aus einem Kung Fu oder Karate Kid Film. Klein und für seine 76 Jahre noch gar nicht so verschrumpelt aber mit wahnsinnig lieben und traurigen Augen. Ein totaler Fan der Schweiz: er war schon mehrfach dort und findet das Land extrem schön. Er sei schon ein paar Mal eingeladen worden um dort Leute zu heilen. An der Wand hängen Bilder mit berühmten Politikern wie Muhbarak, Nyerere – ex Präsident von Tanzania etc. Er macht die Analysen, die in der Chinesischen Medizin üblich sind. Zusätzlich zu meinem Leiden findet er, dass mein Blutdruck viel zu hoch sein (bestimmt auch die Aufregung von gestern, die Höhe von Nairobi und der Fakt, dass ich meine Tabletten nicht geschluckt habe in den letzten Wochen, weil ich dachte: es stresst mich ja nix.) Und etwas, das sich in der Schweiz nie ein Arzt traut so einfach klipp und klar auszusprechen: you must lose weight! Und wie recht er hat. Mein Lebensthema!!! Ich hatte mich ja in diesen Wochen schon mit dem Buch „The ultimate Weight loss“ auseinandergesetzt und schon versucht, einen Instant Pot zu bestellen übers Internet – aber die liefern in die Schweiz nur zu horrenden Preisen (etwa gleich teuer wie der Pot selber). Ich hatte ja auch schon Unterstützung von einer Freundin erhalten, die selber sehr viel abgenommen hat und auf vegane Ernährung umgestellt hat und ich habe schon Hilfe von mehreren Fachpersonen innerhalb und ausserhalb meines Freundeskreises erhalten, kenne mich selber so gut aus wie eine Ernährungsberaterin – aber eben: Guetzlibörse, Weihnachtsessen, Abschiedsessen etc etc. und mein Wille ist zu schnell wieder gebrochen und die Anzahl Kilos, die ich verlieren muss schreckt mich ab, weil ich weiss, dass ich mindestens 30 Kilo abnehmen muss und da den Anfang zu machen das ist wirklich ein sehr grosser Schritt. Die Freunde, bei denen ich voller Bewunderung gesehen habe, dass sie so viel abgenommen haben, die haben meistens eine Operation hinter sich: Magenband, Schlauchmagen, Bypass – Dinge, die ich wirklich nicht machen möchte. Aber der kleine Chinese hat recht: er zeigt mir in seinem Büchlein ein Gekritzel-Testimonial von einer Frau, die 48 Kilo abgenommen hat mit seiner Behandlung. Irgendwie sehe ich es als Geschenk vom Himmel: ich habe zwar immer noch grauenhafte Schmerzen im Bein aber ich bin echt froh hat es einmal jemand ausgesprochen, denn so kann es ja einfach nicht weiter gehen. Und es soll mir jetzt den Weg aufzeigen. Ich kriege meine erste Behandlung Akupunktur in meinem Leben. Die Nadeln sind nicht so schlimm aber die Schmerzen, weil ich auf dem Bauch liegen muss sind horrend. Das ganze wird mit einer Wärmelampe noch unterstützt und die Dame kommt immer wieder vorbei um zu fragen, ob es geht mit der Wärme. Die Wärme ist kein Problem, das ist sogar noch angenehm aber die Position. Ich kann natürlich nicht auf die Seite liegen, denn ich habe ja 15 Nadeln in Rücken. Ich amüsiere mich dann aber doch noch, denn Peter hatte auch noch ein kleines Leiden und jetzt liegt er auch auf dem Schragen und hat sogar 18 Nadeln im Körper – ich höre den Arzt immer wieder sagen: and for the brain, and for the pressure, and for the fitness…. Peter, der vor jeder Spritze davon läuft und null Medikamente nehmen möchte liegt dort und kann es selbst kaum fassen – alles aus Liebe!!!

Die erste Behandlung fruchtet ein kleines bisschen – ich erhalte Chinesische Tabletten und einen Abnehmtee und auch Peter kriegt seine Ration. Leider ist die Nacht dann noch schlimmer als die vorhergehenden, denn zusätzlich zu den Schmerzen kommt dazu, dass ich dauernd auf die Toilette muss. Am nächsten Tag haben wir wieder Termin und die ganze Prozedur beginnt von Neuem – die Schmerzen beim Daliegen sind unbeschreiblich und kaum auszuhalten. Ich musste Fäuste machen und habe je 2 Nadeln in den Händen. Ich frage, ob ich die Fäuste wieder öffnen kann und weil ich das ok kriege versuche ich es. Es bleibt aber beim Versuch, denn die Nadeln sind genau so platziert, dass ich die Hände nicht öffnen kann und die rechte Hand beginnt sogar zu zittern, als ob ich einen Anfall kriegen würde. Ich atme tief durch, aktiviere sämtliche Schutzengel mache Meditationsübungen. Nebenan liegt ein Kind und die Mutter sagt dauernd: pssst, sei still, nicht so laut – da liegt noch jemand und ich würde am liebsten schreien und sagen: es ist mir scheissegal wie laut das Kind ist aber bitte Schmerzen geht weg. Ich fange an innerlich „I surrender“ zu singen und siehe da: die Hingabe wirkt. Langsam aber sicher werden die Schmerzen weniger und die Hitze der Lampe hilft bei der Heilung mit. Ich kann besser gehen aber auf der Foto, die ich mit dem Doktor mache sehe ich wirklich aus, wie wenn ich durch den Fleischwolf gedreht worden wäre. Ich frage noch nach, ob ich meine Yogaübungen weiter machen soll aber er macht eine Bewegung mit der Hand, die alles sagt: er macht mir dann vor, welche Bewegungen ich mit dem Bein machen muss und ich sage: aha Qigong worauf seine Augen leuchten und er sagt: genau Qigong und täglich Tai Chi – ich mache jeden Tag Tai Chi und er beginnt mir ein paar Bewegungen vorzuführen. Die Situation ist echt surreal. Als ich dann noch am TV den Film The Warrior‘s Way mit lauter Ninjas schaue habe ich wirklich das Gefühl dass diese Kraft etwas bewirken wird. Ich nehme als grosse Lektion und ein Aufwachen aus meinem lethargischen Zustand. It‘s now or never – der Weg der Kriegerin hat begonnen! Beim dritten Besuch kommt dann auch noch das „Cupping“ – ich glaube auf Deutsch heisst das Schröpfen. Ich habe das Gefühl, dass sie mich an meiner Haut „aufhängt“ und am Abend beim Duschen ist der Blick in den Spiegel ein grosser Schrecken. Ich schwöre, mein Mann schlägt mich nicht – aber so sieht mein Rücken aus. Er muss mich fotografieren – das glaubt mir niemand…

Ich hoffe, der Genesungsprozess geht so weiter, denn sonst wird die Rückreise beschwerlich. Der Entschluss zur Gewichtsreduktion ist jetzt definitiv – ich erinnere mich an eine Aussage, die mal jemand gemacht hat: keine Schokolade ist so gut wie das Gefühl, wieder in eine Hose zu passen, die zu eng war.

Eine Bitte an meine Freundinnen und Freunde: sagt ja nicht: aber du trägst deine Kilos ja prima, du kleidest dich ja auch so gut, dein Mann liebt dich ja, deine Ausstrahlung ist doch toll, du strahlst so viel Freude aus. Ja, ja, ja, das mag alles stimmen und es ist auch überhaupt nicht so, dass ich mich generell hässlich finde oder mir selber Vorwürfe mache – über diese Phasen bin ich längst hinweg und ich habe auch alles psychologisch und mit Hypnose analysiert und die Analyse macht total Sinn. Ich brauche die Kilos nicht mehr um Gewicht zu haben. Ich finde meine Ausstrahlung auch positiv, denn meine Gedanken sind es auch. Ich werde diesen Weg der Kriegerin gehen und mich hingeben und nicht kämpfen. Eben so wie im Tai Chi.

Danke für euer Verständnis und auch dafür, dass ihr mich unterstützt auf diesem Weg und mir keine zusätzlichen Hindernisse aufstellt wie feines Essen, tolle Kuchen, wahnsinnige Einladungen.

Einer meiner Lieblingssprüche ist ja: und führe mich nicht in Versuchung denn ich finde sie selbst!

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