Januar 19, 2019 So viel gelernt! So viel erkannt! So viel aussortiert

Wenn ich auch physisch eingeschränkt war während meiner Zeit in Kenia, so konnte ich doch so viel erledigen, so viele Erkenntnisse gewinnen und soviel Mut schöpfen um Dinge im Leben zu verändern und anzupacken.

Ich habe eine komplette Übersicht gemacht, was wir für den eingestürzten Wassertank in Marere ausgegeben haben und was noch offen ist. Die Liste der Dinge, die noch gemacht werden müssen für das Community Center ist lang und darum bin ich überglücklich, wenn ihr uns auch weiterhin auf dem Weg zur Computer/Nähschule unterstützt. Die Grundlagen sind gelegt aber nächstes Mal möchten wir auf dem eigenen WC pinkeln können und auch Fenster und Türen an den Zimmern haben. Dann können wir uns nämlich ein teures Hotelzimmer sparen und das gesparte Geld wieder für die Schule einsetzen. Im April fliegen wir drei: Olivia, Onkel Peter und ich wieder runter und freuen uns schon auf die neuen Aufgaben. Danke übrigens auch auf diesem Weg für eure Spenden, die so zahlreich eingegangen sind Ende Jahr!

Ich habe gesehen, wozu ich fähig bin: zum Leben in allereinfachsten Verhältnissen ohne Schminke, mit nur 3 Paar Flip Flops (wer hätte das gedacht), eine komplett neue Sprache besser zu lernen, auch südlich des Aequators mit meinen Freunden in Kommunikation zu bleiben und einfach Freude zu haben an neuen Entdeckungen und Erfahrungen. Selbst in der Arbeit in einem NGO (Nichtregierungsorganisation) gilt: mach das, was für dich stimmt und nicht das, was andere von dir erwarten.

Wahrscheinlich hätten die Massagen von Millie (Tante der Putzfrau) gleich viel geholfen, wie die teuren und saumässig schmerzhaften Akupunkturbehandlungen (beim letzten Mal liefen mir die Tränen nur noch so die Wangen runter) von Dr. Liang Chi aber durch ihn bin ich aufgewacht, was mein Gewicht anbelangt und ich kann nicht aufhören, ihn zu imitieren mit seiner lustigen Stimme und dem unvergleichlichen Dialekt. Wir kugeln uns täglich vor Lachen bevor wir unsere Tabletten nehmen „you know natural herbs – very good – no side effects“. (Wieder mit chinesischem Akzent aussprechen…) Ich glaube, ich lerne auch noch chinesisch…

Die Nähe, die ich zu Peter‘s Söhnen gefunden habe ist ein Geschenk wie auch die Dankbarkeit darüber, dass wir vom unsäglichen Attentat in Riverside Nairobi verschont wurden. Auch wenn ich vernünftigerweise sagen muss: es sterben viel mehr Menschen in Autounfällen als in Attentaten – gegen Selbstmörder kann selbst die grösste Security nichts ausrichten – es ist und bleibt grauenhaft und saufeig.

Es hätte allzu gut sein können, dass wir genau dort im Restaurant gesessen hätten – Peter‘s Sohn Daniel war gleich nebenan als es passiert ist. Aber trotzdem würde ich mich nicht davon abhalten lassen nach Kenia zu fliegen, ja vielleicht später mal sogar in Nairobi zu leben. Das Schicksal wird uns geschickt und diese Stadt passt mir: sie lebt, sie ist international, sie lässt vieles offen und sie fordert heraus. Sie ist kulturell, crazy, abwechslungsreich und voller Überraschungen. Gerade heute habe ich eine Künstlerwerkstatt besucht mit talentierten jungen Menschen. Eine Mischung zwischen Nairobi und Coast – das ist ein Leben, das für mich stimmen kann. Und allem voran natürlich am wichtigsten: umgeben sein von Leuten, die ich liebe – allen voran meinem liebsten aller liebsten: Peter, der es auch in Kenia schafft, mich zu jeder Tages- und Nachtzeit zum Lachen zu bringen. Er kennt sogar den Unterschied von meinem „normalen“ Lachen und dem, das meine totale Freude ausstrahlt – und das nur an einer kleinen Falte im Gesicht. Es sind die Finessen, die das Leben zusammen spannend machen.

Er hat wirklich das schwerste Jahr seines Lebens durchgemacht (und er hatte schon ein paar, die nicht einfach waren…) kein Job, keine Perspektive, kein Geld und doch hat er irgendwie überlebt und hat jetzt ein paar Projekte vor: die Wohnung in Nairobi vermieten, Baumaschinen kaufen und eine Firma aufbauen, sein Haus in Kilifi renovieren, Marere fertig stellen und vielleicht auch ein grosses Bauprojekt mit den Chinesen beginnen. Er ist mehr als ein Überlebenskünstler – he is my man und auch wenn mein Budget wieder mal arg strapaziert wurde: es war immer für sinnvolle Sachen und wie er sagt: „I don‘t drink, I don‘t go to bars, I don’t see other women, I just do useful things“…

Das einzig Schöne am Abreisen ist, dass ich weiss, dass ich in Business fliegen darf (danke dem wahnsinnig grosszügigen Sponsor), dass ich mich auf ein supercooles Team freuen kann im Projekt Workday (wenn die Arbeitskollegin sogar im Blog sieht, dass du wohl besser ein Stehpult benötigst und es schon bestellt – dann finde ich das extrem rührend…), dass ich ein paar ganz coole Kulturhighlights gebucht habe und vor allem: dass schon bald wieder April ist und ich mit ganz bestimmt 5 Kilo weniger wieder retour kommen werde.

Das Leben ist grossartig und ihr – meine Blogleserinnen und -leser (gibt es überhaupt Männer, die meinen Blog lesen?) ihr seid ebenfalls grossartig: eure Unterstützung, euer Mitfiebern, euer Mitfreuen hat mich total aufgestellt und ich hoffe, ich habe euch mit dem Afrika-Virus ein bisschen angesteckt: die Zimmer für die Volontäre sind bald parat in Marere…

Der Abschied morgen Abend am Flughafen wird kurz und bündig – so wie ich es am besten mag: Bald geht das Abenteuer mit dem Ex-Parlamentarier weiter – ich kann es kaum erwarten… und ihr?

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