Sonntag, 7. April 2019: The final send off

Eine Erdbestattung ist in dieser Gegend für Christen immer noch die Art von Bestattung die am meisten gewählt wird. Wenn die Person stirbt bringt man sie in das Bestattungsinstitut. Für Ganze kann das entweder in Kilifi, Mombasa oder Malindi sein. Alle Verwandten werden benachrichtigt. Entweder ganz modern mit WhatsApp und Textnachrichten oder auch mündlich oder sogar, in dem man zu den Personen hin geht und sie informiert.

Jemand sammelt Informationen über den Toten wie Geburtsort, Schulen, Anzahl Kinder, Karriere, die er gemacht hat und das Programm für den Samstag, an dem die grosse Zeremonie stattfindet. Aus diesen Informationen wird eine farbige Broschüre hergestellt.

In diesem Fall wurden sogar Wasserflaschen mit einem Branding und einer Foto des Verstorbenen versehen.

Es wird ein MC (Master of Ceremony) definiert, der alles unter Kontrolle hat. T-Shirts werden gedruckt und an Ort und Stelle auch Deras (lange Kleider) für die Frauen verkauft um zu zeigen, dass man der Familie besonders nahe stand.

Es wird ein Trauerkonto auf Mpesa (ähnlich wie Twint) eingerichtet auf das die Leute ihren Beitrag für die Beerdigung zahlen können. Oft werden auch Sachwerte bezahlt wie Essen, Wasser, Zelte etc. Es gibt auch ganz Schlaue (wie auch in diesem Fall) die ein zusätzliches Konto einrichten, darauf Geld sammeln, das sie dann behalten. Eine Beerdigung ist ein Riesenbusiness und da versucht schon mal einer, seinen Teil abzuzwacken.

Der Leichnam – der präpariert wurde – wird spätestens bis 14 Tage nach dem Tod im Kühlfach aufgebahrt. Am Ort des Verstorbenen, wo alles bereits gestellt ist wird dann der Sarg mit edlen Stoffen dekoriert, es werden frische Blumen eingeflogen und auf Säulen drapiert und auf dem Sarg ist ein grosses Bild des Verstorbenen aufgestellt. Die Zelte werden angeschrieben mit „Family“, Friends of Family“, „Neighbors“ etc. Es wird vor allem für die Frauen und die „wichtigen“ Personen Platz zur Verfügung gestellt. Die Männer halten sich mehr im Hintergrund auf. Auch Parkplätze müssen zur Verfügung stehen und sind entsprechend beschriftet. Am Freitag treffen schon die näheren Verwandten ein und warten bis der Tote in einem Auto gebracht wird.

Sobald das Auto eintrifft beginnt das grosse Weinen, Schreien und Klagen. Es ist unglaublich, wie die Menschen den Gefühlen dann freien Lauf lassen. Sonst sind sie ja gar nicht so emotional aber hier lassen (vor allem die Frauen) einfach alles raus – als ob sie das ganze Elend, das sie sonst erleben zeigen können. Bei einigen Frauen (inkl. Loice – die Schwester von Peter) habe ich fast das Gefühl, dass es echte „Klageweiber“ sind wie etwa bei den Griechen. Diese Loice zum Beispielt macht immer so ein Riesendrama und stürzt sich unter lautem Geschrei und etwa 150 Kg Lebendgewicht auf den Sarg, dass er droht zusammenzukrachen. Eine Zumutung, denn am Schluss muss man sich neben allen Problemen auch noch um solche Frauen kümmern, denn man hat fast das Gefühl, man müsse sie einliefern. Ich selber musste den Platz wechseln weil sie mir so laut in die Ohren geschrien hat, dass ich es nicht mehr ausgehalten habe.

Am Freitag erhalten dann alle Tee und 2 Mahamri (eine Art Pfannkuchen). Man muss sich einmal die Menge vorstellen, die da vorher gebacken werden muss! Und falls ihr an Weihnachten meinen Blog mitverfolgt habt dann wisst ihr auch, wieviel Arbeit das ist.

Viele bleiben dann über Nacht. Was ich am „schönsten“ finde ist, dass sich die Frauen um den Sarg versammeln und schöne und heilende Lieder singen. Das tut einfach gut und die Musik ist sehr schön und hoffnungsvoll. Früher war es so, dass diese Nacht dann in eine richtige Disco-Night ausgeartet ist weil eben für die verschiedenen Ansprachen ein grosses Speaker-System notwendi ist. Dieses Mal kam die Polizei und hat alles konfisziert, weil auch andere Musik als Christliche Kirchenmusik gespielt wurde. Diese Anlage musste dann – zusammen mit dem Notstrom-Aggregat – wieder teuer ausgelöst werden. Manch haben gesagt, das sei vor allem, weil Peter Shehe involviert war und die Leute immer noch gegen ihn arbeiten aber im Prinzip hat ja sogar er sich dafür stark gemacht, dass eben diese Discos gestoppt werden. Oft war es ja nur eine Entschuldigung um Alkohol zu trinken und die Geburtenrate ging 9 Monate in die Höhe und das leider oft bei jungen Mädchen, die sonst altersmässig gar nicht in eine Disco dürften.

Am Samstag haben wir dann die ganze Zeremonie durchgemacht. Onkel Peter dachte zwar, dass er für 1-2 Stunden kommen würde aber als er dann gesehen hat, dass es bis 18.00 Uhr dauern kann hat er sich dreingeschickt. Wir beide beobachten die ganze Szenerie und machen unsere Kommentare. Es gab ein paar unglaubliche Spezies, wie der Bischop mit seiner Frau, der eine Riesenshow abzog. Ich bin ja auch für ein vielfältiges Predigen aber der war echt too much. Er schrie, er hüpfte herum – es war eine verrückte Sache. Wenn man einer Kirche angehört, dann kommen diese Priester und Bischöfe kostenlos und wenn man nicht so ein fleissiger Kirchgänger war muss man dafür auch noch bezahlen – ganz ähnlich wie in der Schweiz. Der Verstorbene war eine so beliebte Person, man hat kein einziges schlechtes Wort über ihn gehört und ich bin sehr glücklich, dass ich ihn im Januar auch noch kennenlernen durfte. Ich glaube, er hat wirklich alle berührt und seinen ältesten Sohn Deniz so traurig zu sehen hat mich ebenfalls zu Tränen gerührt.

Am Schluss ist der ganze Tross dann noch etwa 1 Kilometer weit gelaufen und der Leichnam im Sarg wurde in ein vorbereitetes Grab gelegt. In diesem Fall war es sogar geplättlet – wozu, das übersteigt meine Vorstellungskraft. Onkel Peter hat rekognosziert und gemeldet, dass es keinen Platz und vor allem keinen Platz am Schatten habe. Weil ich ja nicht so sonnentauglich bin habe ich dann darauf verzichtet hinzugehen, da ich die Grabstätte schon am Tag zuvor besichtigt hatte. Die meisten Toten sind also im Garten der Familie beerdigt und erhalten dann auch noch einen gut sichtbaren Grabstein, der alle an unsere Vergänglichkeit erinnert.

Am Schluss gibt es für alle ein Essen. Dafür wurden 2 Kühe geschlachtet und 100 kg Reis gekocht. Das sind Störköche, die jeden Samstag an einer Beerdigung kochen, ihren Bereich mit Blachen abstecken und eine unglaubliche Arbeit leisten. So eine Kuh zu zerlegen ist eine Riesenarbeit. Diese Köche engagiert man auch, weil die Familie meistens nicht in der Lage ist, sich selbst darum zu kümmern, da sie trauern müssen. Ach ja: habe ich erwähnt, dass da etwa 600 Personen zusammengekommen sind die alle etwas zu essen wollten? Peter musste dann seine Söhne aufbieten, damit die Leute nicht einfach so den Essensbereich gestürmt haben. Das Essen – in diesem Fall Pilau – wird dann in grossen Blechtellern serviert und man muss so einen Teller zu zweit teilen – das gibt immer noch 300 Teller, was eine Riesenanzahl ist.

Es gibt dann auch noch Leute, die nebenbei ein kleines Business machen, denn jede Person erhält zwar eine 5dl Flasche Wasser aber nachher muss man das Wasser dann selber kaufen. Und bei dieser brütenden Hitze war das absolut notwendig, wenn man nicht schon selber vorgesorgt hatte.

Ich hatte das grosse Glück, dass Peter so viel gearbeitet hatte für diese Beerdigung und mich daher am Sonntag als „Ausrede“ benutzt hat, dass er den Tag mit seiner Frau verbringen müsse und so konnten wir es vermeiden noch einen 3. Tag mit Gottesdienst und weiteren Ansprachen (die oft auch politisch missbraucht werden) durchzustehen.

Die Kosten so einer Beerdigung belaufen sich etwa auf KESH 45000 (CHF 4500) in diesem Fall – und weil der Verstorbene so beliebt war und in verschiedenen Gremien gearbeitet hatte – waren die Beteilungen wahrscheinlich kostendeckend aber es gibt Familien, die durch eine Beerdigung ins finanzielle Elend kommen, was ich bis zum heutigen Tag nicht verstehe. Andere Länder – definitiv andere Sitten.

Ich sage es immer wieder: das war meine letzte Beerdigung (ausser wenn es dann mal die eigene sein wird) an die ich gehe – aber wenn einem die Leute so nahe stehen ist es halt immer noch das letzte Geleit und auch eine Wertschätzung der Familie gegenüber.

Trotzdem: Hoffentlich kann ich meine Samstage in Zukunft anders verbringen…

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