Freitag, 12. April 2019: What do we know about each other?

Das war der Titel „meines“ Schulungstages. Wir haben Leute aufgeboten, die ein bisschen Englisch können und interessiert sind daran, die Kultur von uns Schweizern kennenzulernen.

Ich hatte am Abend zuvor noch einiges vorbereitet und fühle mich jetzt so richtig parat – ich bin in aufgekratzter aber nicht nervöser Stimmung. Wir werden eh alles so nehmen müssen wie es kommt. Die Kilifianer Olivia und Onkel Peter treffen zur Unterstützung fast rechtzeitig ein – ich selber bin schon länger wach, denn ich hatte einen Juckreizanfall, der mich wirklich aus dem Bett drängte, was dann wieder den Vorteil hatte, dass ich den Sonnenaufgang bewundern konnte, was ja wegen meiner Langschläfrigkeit selten ist. Meine Kollegin Sandra aus Kilifi meinte, das sei ein typischer Heat Rash und Ringelblumensalbe oder Essig oder allenfalls Aloe Vera könnten da helfen.

Langsam aber sicher tröpfelten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ein und bei der Begrüssungsansprache von Piter wies er auch gleich darauf hin, wie wichtig den Schweizern die Pünktlichkeit ist.

Ich zeigte die beiden Flaggen der Länder Schweiz und Kenia und hatte eine Spontanidee: zuerst sangen die Kenianer ihre (schöne) Nationalhymne und dann mussten Onkel Peter, Olivia und ich natürlich auch noch 1 Strophe (Mithilfe von Wikipedia) von unserer singen. Als ich sagte, dass bei uns einige Leute eine neue Hymne möchten, weil zu viel von Gott die Rede ist kam schon mal das erste grosse Stirnrunzeln, denn hier sind die Leute doch sehr gläubig.

Dann begann eine Vorstellungsrunde mit Namen, Anzahl Kinder!!! und den Hobbies sowie einer Vision (sofern vorhanden). Ich wusste, dass die Anzahl Kinder schon ein guter Einstieg sein würde, aber ich war überrascht, dass ich dann auch noch eine zusätzliche Spalte für „Anzahl Frauen“ einfügen musste!!! Der eine sagte nämlich voller Überzeugung: I am Johnson and I am a Polygamist (es klang fast wie bei einem Treffen von Anonymen Alkoholikern) and I have 15 children.

Ich hatte ganz viele Themen aufgelistet über die wir diskutieren würden: vom Klima über Geld zu Love & Marriage, wo ich kurz auf die Möglichkeit hinwies, dass man in der Schweiz auch gleichgeschlechtlich heiraten könne (uiuiui da machte ich einen Sack Flöhe auf – ich musste die Diskussion auch abklemmen, als einer wissen wollte, wie denn das gehen solle zwischen zwei Frauen etc. etc. Als ich sagte: „ich erkläre dir das dann mal separat“ gab es ein Riesengelächter) Ich schwenkte dann in das nächste Thema, indem ich sagte, dass jemand ja das Thema Toleranz als Vision hätte und daher verlange ich von niemandem, dass er das verstehe aber mindestens toleriere, dass andere anders denken!

Gewisse Dinge wie Berufswahl waren schwierig zu diskutieren, denn bei einer gefühlten 60 – 80% Arbeitslosigkeit in der Gegend rund um Kilifi bist du einfach froh, irgendeinen Job zu haben. Ich habe aber versucht, ihnen wenigstens ein bisschen aufzuzeigen, dass auch eine handwerkliche Ausbildung einen grossen Nutzen haben könne in einer Gegend wie Ganze und das man darauf auch stolz sein dürfe. Anhand unseres Community Centers leuchtete das ja jedem ein. Mit Akademikern hätten wir das nicht bauen können und würden jetzt hier keine Schulungen machen…

Bei diversen Themen kamen wir darauf zu sprechen, dass es doch das Ziel einer Nation sein muss grösser zu werden, d.h. anzahlmässig zu wachsen. Als ich dann auf unsere Platzprobleme hinwies und sie dies auf dem Video der 10 schönsten Ort der Schweiz auch sahen verstanden sie ein bisschen besser, weshalb wir nicht unendlich viele Kinder produzieren. Darauf kamen wir dann aber bei der Vorsorge auch nochmals zu sprechen.

Ich hatte auch ein Quiz vorbereitet, das 1, 2 oder 3 heisst (klingt das für meine Personalentwicklerfreunde bekannt?) und das gab ein Riesengaudi, weil sie im ganzen Raum hin und her rennen mussten. Ganz generell war ich begeistert, mit wie viel Humor sie alle Themen angingen und wie sie sich öffneten.

Eines der letzten Themen war dann „Aberglaube, Rituale und Religion“. Dafür bereiteten sie sich in Gruppen vor und präsentierten dann zum Teil ziemlich abstruse Idee und auch wir „Muzungus“ erzählten über unsere Aberglauben und stellten fest, dass wir gar nicht (mehr) so viele Rituale haben.

Ganz erstaunt fragte eine Gruppe auch, was denn die drei Themen miteinander zu tun hätten und als ich ihnen anhand von der Beerdigung aufzeigte, dass man zwar aus religiösen Gründen eine Erdbestattung mache aber ob mir jemand erklären könne, warum man dann das Grab mit Platten auslegen müsse da verstanden sie dann auch dass Religion und Aberglaube, bzw. Rituale sehr wohl einen Zusammenhang haben können.

Die Präsentation der Aufgabe führten dann auch wieder zu sehr viel Gelächter, weil sie teilweise auch darstellten, wie etwas abläuft. Die Dinge, die mir vor allem geblieben sind, das sind Naturzeichen wie ein Schwarm Schmetterlinge, der Regen anzeigt oder auch dass es Unglück bringt, wenn man auf ein Chamäelon tritt. Ich habe noch nie eines in der Natur gesehen und so bin ich auch nie Gefahr gelaufen auf eins zu treten!!!l Aber ich kenne jemanden in Kenia, der geradezu panische Angst hat vor Chamäleons. Ganz krass fand ich die Schilderung von Inzucht. Wenn zwei aus derselben Familie Sex haben, dann müssen sie vor den Leuten einem Schaf den Bauch aufschlitzen und sich mit den ganzen Gedärmen einreiben damit sie sehen, wie schmutzig es ist, was sie gemacht haben. Schön fand ich dann auch, dass eine Frau sagte „Bei uns in Kilifi County hat die Beschneidung der Frau keinen Platz“.

Kurz vor Abschluss erhielten dann 2 Gruppen noch die Aufgabe ein Lied vorzutragen. Die Kenianer machten das gleich auch mit einer Tanzeinlage und wir drei Schweizer entschieden uns, das Buurebüebli mit „mol füre mol hindere, mol links mol rechts“ zu demonstrieren, wobei die Kenianer mitmachten und viel Spass dabei hatten. Das Lustigste an diesem Kapitel war, dass wir Schweizer voneinander auch noch etwas lernen konnten und auch die Kenianer unter sich. Es war also ein interkultureller wie auch ein intrakultureller Austausch.

Es überkamen mich wieder diese wunderbaren Gefühle, dass es einfach genial ist, in zwei Welten leben zu können und es so horizonterweiternd ist und einfach Spass macht. Ich fühle mich gerade so reich beschenkt und bin unendlich dankbar dafür, dass ich ein so spannendes Leben haben darf.

Die Temperatur und der heisse Beamer haben bei mir zwar wirklich Wallungen hervorgerufen aber als wir dann alle friedlich zum letzten Thema „Chakula = Essen“ übergehen konnten waren alle so zufrieden und glücklich, dass sich der Einsatz wirklich gelohnt hatte.

Den nächsten Tag verbrachte ich mit Lernen über die Plattform „Udemy“. Ich hatte mir zwei Lektionen über das Thema „Podcast“ heruntergeladen und versuchte mir das anzuhören. Ich merkte allerdings schnell, dass ich mit 2 grossen Herausforderungen zu leben hatte: 1. frisst das online lernen viele „Bundles“ – das sind die Internet-Guthaben, die ich auf meinem Handy kaufe und 2. lockte mich Peter zwar unter einen kühlen Baum weil der Wind dort am angenehmsten war aber es liefen so viele Leute vorbei, die mich grüssen kamen und es war kaum möglich, mich länger als 5 Minuten hintereinander konzentrieren zu können. Fast wie im Büro!!!

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