Sonntag, 14. April 2019: Wieviel ist eine Frau wert?

Peter hatte schon angekündigt, dass ein grosses Fest bevorstehen würde. Die Tochter seiner Schwester hatte einen Mann gefunden und jetzt ging es um die Mitgift-Verhandlungen . Malosi heissen diese Festivitäten. Diese waren schon eingeleitet aber heute steht der grosse Tag vor der Türe (auch wenn wir in Marere gar keine Türe haben…)

Das läuft also folgendermassen ab: Die Familie des Bräutigams kommt zu Besuch und muss bereits einverstanden sein, dass sie das ganze Essen und die ganzen Festivitäten übernimmt. Zusätzlich wird dann diskutiert, wieviel Geld zusätzlich noch fliessen wird für die Braut. In diesem Fall erhält die Mutter das Geld, da der leibliche Vater nicht mehr lebt. Das ist auch der Grund, weshalb Piter eine Art Vaterrolle übernehmen muss, da er quasi der Älteste in der Familie ist.

Die Vorbereitungen beginnen bereits am Samstag: es wir eine Ziege geliefert, die dann geschlachtet wird. Die ganzen Einkäufe werden aufbewahrt. Das geht von Lebenmitteln über Servietten, Geschirr und so weiter. Für dieses Fest wurden sogar zwei Köche organisiert. Der eine arbeitet für den Biollionaire‘s Club in Malindi, der Flavio Briatore, dem Rennstallbesitzer gehört. Dort verkehrt auch dessen gute Freundin Naomi Campbell und ganz viel High Society, vorwiegend aus Italien.

Wir sitzen alle am Tisch bis spät in die Nacht hinein. Der Koch erzählt ein paar Anekdoten aus dem Hotel und zeigt uns seine seine Kreationen – er liebt es vor allem kalte Platten anzurichten. Jetzt schabt er aber Rüebli, Ingwer, bereitet Donuts Teig vor. Auf dem Platz wird ein Feuer gemacht und dort wird die wunderbare Taramindensauce süss/sauer geköchelt, die morgen mit den Bhathis serviert wird. Hinten bei der kleinen Hütte werden im Fast-Dunkeln Mahamris hergestellt, später dann auch noch ein Huhn gerupft. Die Gäste, die schon gekommen sind liegen ein bisschen überall auf dem Boden herum und schlafen. So ab halb 1 sehe ich für mich keine Aufgabe mehr und lege mich ein paar Stunden hin, denn um 03.30 h muss Piter seine „Vaterpflichten“ wahrnehmen und mit den Geistern sprechen. Ich habe den Wecker gestellt und es musste auch Palmwein „Mnazi“ zur Seite gestellt werden für die Götter. Dummerweise findet man jetzt keinen Becher aus dem getrunken werden könnte. Aber Matunda – so heisst die Braut – wird ebenfalls gewecket und Piter führt mit ihr ein Ritual durch, das darin endet, dass er Wasser aus einem besonderen Behälter in seine Kleider prustet, dann auf die Füsse spritzt und am Schluss noch ihr ins Gesicht. Es erinnert mich sehr an die Einführung in die Kaya als Piter zum Oberhaupt gekürt wurde. Zu den Geistern kann man jetzt nicht gehen, da man nur mit den richtigen Utensilien vor sie treten darf und sie sonst böse werden. Na ja – ihr wisst ja – ich sehe immer die guten Seiten und so sieht die Perspektive, dass ich mindestens noch ein paar Stunden Schlaf kriege ganz positiv aus.

Am Morgen ist eine rege Hektik im Gange. Die Frauen von der Familie – und dazu gehöre ich natürlich auch – erhalten alle dieselben Deeras (lange Kleider) und nach einer angenehmen Dusche ziehe ich die mit Stolz an. Um 9.30 h treffen die Familienmitglieder des Bräutigams ein und sie werden herzlich begrüsst. Es gibt ein Riesenfrühstück bestehend aus Mahamris, Eiern, Bohnen, Donuts, Bhatis mit Sauce und Chapati (Fladenbrote) und natürlich den feinen Chai: Tee mit Gewürzen, Milch und Zucker. Ich versuche alles bis mir fast schlecht wird. Die Hitze setzt schon wieder zu aber ich war zu gwundrig und habe alles probiert ausser den Eiern, die hier ja gleich wie bei uns schmecken. Einiges fällt etwas trocken aus und die Mahamris von Weihnachten waren definitiv noch besser (muss ja so sein, die hatten wir ja mit Daniel gemacht) aber die Auswahl ist sehr ansehnlich.

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Es gibt eine Vorstellungsrunde von beiden Familien, danach ziehen sich die ältesten Mitglieder der Familie für die Mitgift-Diskussion in einen Raum zurück. Inzwischen treffen meine Schweizer Freunde ein und sie werden auch gleich versorgt. Sie erzählen noch von ihren Abenteuern von gestern, als sie Dama in Bamba besucht haben. Die Fotos sprechen für sich: die junge Frau lebt in der Familie in so ärmlichen Verhältnissen, da kommen dir fast die Tränen. Zu 11. schlafen sie in einer armseligen Lehmhütte. Momentan haben sie nicht einmal frisches Wasser und trinken fast lehmiges Wasser, weil es die einzige Feuchtigkeit ist im Ort. Kein Wunder geht Dama so gerne zur Schule: 3x im Tag zu essen, ein bequemes Bett und viel zum Lernen – da sind die Ferien fast wie eine Strafe.

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Aber zurück zu den Verhandlungen: ab und zu hört man ein lautstarkes Geschrei – die Preisverhandlung scheint gut zu laufen. In 2 schwarzen Büchern (eins für jede Familie) wird akribisch festgehalten, was alles geliefert und bezahlt werden muss und das muss dann von beiden Parteien unterschrieben werden. Irgendwann kommen die Ältesten aus dem Raum und die Freude ist gross: der Deal hat stattgefunden. Ich setze mich zwischendurch noch etwas zum Bräutigam um zu diskutieren, wie er sich fühlt und eine Aussage von ihm berührt mich sehr: Als er Matunda das erste Mal gesehen habe, hätte er eine ganz neue Energie im Körper gespürt. Dazu muss man wissen: Matunda hat schon 2 Kinder von 2 verschiedenen Männern. Der zweite hat sie hocken gelassen und so hat sie vorwiegend bei ihrer Mutter gelebt bis sie eben diesen um einige Jahre älteren Mann in Nairobi kennengelernt hat. Er selber hat auch 4 Kinder aus seiner Ehe. Die Ehefrau ist verstorben vor ein paar Jahren und so scheint es zwar eine Zweck-Ehe zu sein aber gleichzeitig ist auch ganz viel Liebe vorhanden, denn er akzeptiert die Kinder von Matunda als seine eigenen und ermöglicht allen eine gute Ausbildung. Er arbeitet für den kenianischen Intelligenzdienst und sie werden alle in Nairobi leben. Anscheinend hat er ein gesichertes Einkommen und so ist der Deal für alle gut aufgegangen. Die beiden sehen auf jeden Fall extrem glücklich und zufrieden aus.

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Aber Moment – vor dem glücklich aussehen kommt jetzt noch ein Ritual dazu: Matunda und eine zweite Frau von ähnlicher Postur kommen aus dem kleinen Häuschen heraus. Vollkommen verhüllt in gleiche Tücher und wir Frauen begleiten die beiden über den Hof hinweg mit Gesang und Tanz.

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Die zwei Gestalten setzen sich und der Bräutigam muss jetzt die Richtige auswählen. Zum Glück gelingt es, denn sonst hätte er jetzt noch eine „Busse“ zahlen müssen. Ich lasse mich darüber informieren, dass es für alle Verfehlungen eine Busse gibt und so steigt hier der Brautpreis bis auf CHF 2‘500 heran, was ein riesengrosser Betrag ist. Eine grosse Busse musste er zahlen, weil sie vor der Heirat schon zusammen gelebt haben. Das kann man machen aber halt nur, wenn man auch bereit ist, den Preis dafür zu bezahlen.

Nachher wird ein grosser Kuchen aufgeschnitten und allen mundgerecht verteilt. Dann kommt das grosse Buffet mit Pilau, Fisch, Huhn, Bananen, Ziege und alle langen herzhaft zu. Der Koch hat sich jetzt voller Stolz sein Kochoutfit angezogen und alle scheinen sehr zufrieden zu sein. Die locals trinken Mnazi, den Palmwein und wir Europäer einen Gin & Tonic, der ganz schön einfährt bei der Hitze.

Alle scheinen zufrieden und der Bräutigam meint, dass er gedacht hätte, er käme aufs Land aber er habe hier ein 5-Stern-Hotel angetroffen. Das ist ein grosses Kompliment und wir alle sind sehr zufrieden, dass wir ein so schönes Erlebnis mitmachen konnten und für einmal ein freudiges Ereignis geniessen konnten. Auch wenn diese Art von „Brautkauf“ bei uns undenkbar ist: uns hat es Spass gemacht, in die Kultur der Mijikendas einzutauchen und sie hautnah miterleben zu können.

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