Mittwoch, 17. April 2019: Marere Community Center kommt in die Gänge

Ihr mögt euch erinnern, in einem meiner früheren Blogs habe ich erwähnt, dass mich mein Mann genervt hat, weil ich mitten in der Nacht aufstehen musste und eine Offerte an jemanden von US AID machen musste, weil sie an unseren Räumlichkeiten interessiert waren?

Wieder fast mitten in der Nacht bzw. mitten in den Festivitäten musste ich noch eine Rechnung entwerfen mit Header und Footer und sie dem Herrn zukommen lassen damit er eine Zusammenstellung der geforderten Services machen konnte. Das war am Sonntag. Am Montag fuhren wir nach einer grauenhaften Durchfallnacht (zu viel Öl beim sonntäglichen Essen) nach Mombasa weil Piter einen Termin hatte und ich noch einiges einkaufen wollte und zudem auch Gertrude besuchen wollte, die meine Vorhänge näht. Doch daraus wurde nichts – Flexibilität ist immer gefordert hier. Ich hatte gerade noch Zeit mit Deniz zu essen während Peter seinen Termin mit dem Anwalt wahrnahm. Dann kam Peter wie die Feuerwehr daher und meinte, wir müssten sofort retour nach Kilifi, denn die besagte Schulung sei schon am Dienstag und er müsse den Cheque bei der Bank abholen, die aber schon um 16.00 Uhr schliesse.

Nein jetzt aber wirklich!!! Wann kann ich meine Dinge erledigen? Ich bin ein bisschen am täubelen bis Peter sagt: ja aber wenigstens sind wir zusammen – ich hätte nicht alleine fahren wollen. Aha, darum geht es vor allem – wer kann es ihm übel nehmen? Und so bin ich zum x-ten Mal hier am umstellen auf verständnisvoll und tolerant. Ich sage ja: ein optimales Übungsfeld für alle, die mit Change Mühe haben. Natürlich muss Piter auf dem Weg noch dem Bankmanager anrufen, damit die Bank auch kurz nach 16.00 Uhr offen bleibt.

Das klappt dann effektiv auch und wir treffen den US AID Menschen noch im Kilifi Members Club und dann ist unser Tag fast fertig. Die Schulungen sind aber wegen Ostern wirklich schon diese Woche und das bedeutet, dass wir am Dienstag auf Einkaufstour gehen müssen – wirklich mit Betonung auf müssen, denn in dieser Hitze möchtest du einfach liegen und vielleicht noch lesen aber nicht viel mehr.

Ich staune über Peter, der sich richtig ins Zeug legt. Ich mache die Einkaufsliste auf dem Telefon. Uns kommen immer noch Dinge in den Sinn, die auch noch sein sollten und so ist die Liste wirklich sehr lang. Am Morgen als wir losfahren möchten kommt noch ein zusätzliches Problem dazu: der vollautomatisierte Toyota Autoschlüssel hat wahrscheinlich keine Batterie mehr, denn das Auto kann nur noch unter ohrenbetäubendem Alarm geöffnet werden. Wir gehen zum Elektronik-Laden unseres Vertrauens und in Kürze ist die Batterie ausgewechselt aber dummerweise hat es das Problem nicht gelöst. Anscheinend kann das nur in Nairobi gefixt werden aber da wollen wir im Moment grad nicht hin.

In der Zwischenzeit  versuchte ich die drei Bücher für Claris zu kaufen. Im ersten Laden gab es aber nur eins und ich musste in der wirklich brutal brütenden Hitze weiterpilgern. Im 2. Laden gab es ein 2. Buch aber das dritte war leider nirgends zu haben. Es ist so zermürbend, wenn du für 3 Bücher einen halben Tag investieren musst bis du alles zusammen hast. Und so war es auch mit dem Rest: vom Wholesaler für Reis, Pilau Gewürzen etc. über die Metzgerei (Fleisch konnten wir nur vorbestellen, weil wir ja keinen Kühlschrank haben) zum Hardware Store zum Supermarkt und am Schluss noch zum Car Wash, der sich fast wie eine Ruheinsel anfühlte. Nach über 6 Stunden waren wir nudelfertig aber wir hatten alles zusammen. Was ich nicht gefunden hatte waren meine weissen Eier für Ostern. Ich habe irgendwo mal weisse gesehen aber im Tuskys Supermarkt gab es nur braune. Wir haben aber einen „Eierscout“ ausgeschickt um sie zu finden bis am Samstag…

Plötzlich hatte Piter die glorreiche Idee, dass er doch unsere geliebte Putzfrau Linet kommen lassen könnte von Nairobi. Dann könnte sie auch gleich Nduma (auf Englisch: Arrowroot auf Deutsch: keine Ahnung…) mitbringen, denn das war auch auf der Liste vom Veranstalter. Ich bin sogar sicher, das war auf der Liste weil er aus Western Kenya kommt und man das Zeugs dort isst. Es ist so eine Wurzel mit kleinen violetten Punkten, die gar nicht besonders gut schmeckt und erst noch sauteuer ist. Ich bin sicher, hier an der Küste mag man das gar nicht so, denn sonst hätte ich es schon oft gegessen hier…

Ich konnte mir nicht richtig vorstellen, wie er es schaffen wird dass er das hinkriegt aber mein Piter hat einen Willen und ein Durchhaltevermögen, dass es fast unglaublich scheint: in der Nacht ist Linet mit ihrem Sohn Biden und einem Riesensack Nduma angereist mit dem Bus und morgens um 5.00 Uhr in Mavueni mir um den Hals gefallen…

Sogar ein Geschenk hat sie mir mitgebracht obwohl sie selber auch schon ein Riesengeschenk ist und ich mich soooo gefreut habe, dass sie kommt. Ihr Sohn ist erst 5 aber er spricht perfekt Englisch und ist ein ganz helles Kind. Meine Welt ist wieder in Ordnung und ich mache den ganzen Workshop mit, in dem es um saubere Toiletten und Sauberkeit generell geht.

Die Zahlen sind erschreckend. Es gibt in Ganze so viele Haushalte ohne Toiletten, ja teilweise sogar ohne Möglichkeit sich die Hände zu waschen. Ein Kurzfilm über die Verbreitung von Cholera zeigt das Problem, wenn man in der Nähe von Wasser – sorry – kackt, der Dreck dann ins Wasser gelangt, vom Wasser dann auf das Gemüse und zusammen mit den Fliegen zu den Menschen. Es ist richtig amüsant zu sehen, wie gelehrt wird. Ganz ähnliche Elemente wie bei uns: am Anfang werden verschiedene Jobs verteilt: der Zeitmesser, der Aktivierer etc. Dann gibt es Gruppenarbeiten und die beste Performance ist von einem der eine super Geschichte von den Fröschen erzählt, die auf einen Turm steigen wollen und es nur einen gibt, der oben ankommt – nämlich weil er nicht auf all die Pessimisten gehört hat weil er taub ist. Storytelling funktioniert in jeder Umgebung!

Was ich an dieser Schulung auch noch ganz wunderschön finde: Peter hat vor Jahren jemanden durch die Schule gesponsort. Aus ihm ist ein Arzt geworden und er hält jetzt als einer der 5 Lehrer hier wieder einen Vortrag. Soviel zum „es guets git immer wieder es guets“.

Jetzt kommt das Marere Community Center wirklich in die Gänge. Das ist der Anfang von einer Serie von Schulungen und wenn sich das herum spricht dann kann das ein ganz schönes Einkommen sein. Ein Seminar in diesem Rahmen durchzuführen kostet nämlich in den grossen Hotels ein halbes Vermögen. So ist es eine win-win Situation. Die Leute müssen nicht so weit reisen, die Kosten können so für die Firma tief gehalten werden und Piter macht ein bisschen Geld und kann auch gleich noch ein paar Leute anstellen zum Kochen etc.

Nach diesem Tag wächst meine Bewunderung für die Leute, die hier täglich mit diesen widrigen Umständen leben immer mehr. Sogar die Kenianer leider unter dieser unglaublichen Hitze. Mich kratzt und beisst es immer noch am ganzen Körper aber ich weiss: ich gehe bald wieder in die kühle Schweiz und die Leute hier müssen tagtäglich mit diesen Umständen leben und wenn es nicht bald einmal regnet, dann könnte die Trockenheit wieder sehr grausame Ausmasse annehmen.

Mir kommt immer wieder das Lied „Famine“ in den Sinn, das wir mit den sinGALLinas gesungen haben. Ich wünschte, ich könnte einfach mit den Fingern schnippen und der Regen würde endlich die Erlösung bringen. Also schnippe ich jetzt im Takt und hoffe, dass die Abkühlung kommt…

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