Donnerstag, 18. April 2019: Chibofu oder Ballon? Übersetzung gewünscht…

Für mich sind diese 2 Tage während der Schulung von US AID eine richtige Sozialstudie. In der Schulung beobachte ich, wie sie ganz ähnliche Mittel zum Lehren anwenden wie wir in der Schweiz. Nur muss man sich hier noch besser zu helfen wissen. Wenn es keinen Ball gibt um ein Frage und Antwort Spiel zu machen, so machen sie einfach aus einem Flipchart Blatt einen und er erfüllt den Zweck. Anstatt nach jedem Referat zu Klatschen gibt es hier auch Klatschspiele: zuerst reibt man die Hände aneinander und “mahlt” etwas und danach gibt  es einen bis max. 3 kurze laute Klatscher, sogenannte “Kofi”. Oder man offeriert dem Referenten ein „Soda“ in dem man virtuell mit den Händen eine Büchse öffnet und laut gschhh und dann ahhhh macht. Was natürlich in der Schweiz unvorstellbar wäre ist, dass hier immer bei einer Veranstaltung zu Beginn und am Ende gebetet wird. Ohne das geht gar nichts. Und da ist es egal, ob es Muslime, Christen oder Mijikenda Gläubige hier hat.

Und was auch noch dazu kommt, das ist ab und zu Singen und Tanzen und so haben wir zum Schluss noch ein Lied gesungen, das wie ein Kanon war. Wir wurden in 3 Gruppen aufgeteilt und die 1. sang „Watermelon“, die 2. „Pineapple“ und die 3. Banana und dann alle zusammen „Fruit Salad“ zur Melodie von Frère Jacques – ein sehr lustiger Abschluss (auf FB zu hören).

Am Morgen wurde ich aber noch herausgefordert. Man bat mich, etwas zu Marketing zu sagen und so hielt ich ein Spontanreferat. Zum Glück hatte ich meine Neuland Schreiber und meine Wachsmalkreiden dabei und so improvisierte ich etwas zu „5 Things to be successful“ und wies auf die Schweizer Grundwerte hin und erzählte Geschichten aus dem Leben. Der gute Nebeneffekt: bei „Sauberkeit“ konnte ich ihnen gleich sagen, dass sie jeweils die Papierli der Wasserflasche selber auflesen und die Wasserflaschen gleich selber in den Kübel schmeissen können, denn sonst muss ich das machen.

Während sie auf einem Field Trip waren kümmerte ich mich um die beiden Kinder: das eine ist Mbuche, eine 2-jährige Schnügelfrau, die bereits jetzt schon weiss, was sie will. Sie ist vollkommen furchtlos und plaudert auf mich ein. Sie nennt mich Nyanya, was soviel wie Grossmutter heisst und sie schleicht immer um mich herum wenn sie mich sieht. Seit gestern hat aber Biden, der 5-jährige Sohn meiner Heldin aus Nairobi, das Zentrum der Aufmerksamkeit. Es ist so lustig, wie sie sich einander annähern. Zuerst ganz scheu, dann ganz lieb und als es dann um die Verteilung der Chibofus (Ballone) geht bricht der erste Krieg aus: wer hat mehr Ballone, wer hat die grösseren und was passiert, wenn einer wegfliegt oder gar zerplatzt? Es ist Drama pur und die kleine Mbuche ein richtiges Saumeitli. Es ist ein Riesendrama und die Steigerung kommt dann noch beim Mittagessen, bei dem es ausnahmsweise mal Sodas gibt. Mbuche hat die Verteilung verpasst und sie kommt erst nach dem Essen und der erste Blick sagt alles: “warum hat der so ein gelbes Soda und ich nicht?” Piter erkennt die Lage sofort und opfert seins und so schlürfen die beiden friedlich nebeneinader ihre klebrige und warme Brühe.

Nicht nur bei Chibofu muss ich als Übersetzerin fungieren sondern auch später beim Wandtafelmalen. Der 5-jährige Biden kommt mir extrem weit fortgeschritten vor. Sein Englisch ist nahezu perfekt und er schreibt das ganze Alphabet auf die Tafel – wow! Dann schreiben wir Sätze und – er muss wohl sehr religiös erzogen sein – er schreibt: Jesus und God und dann God loves Barbara!!! Ich schreibe als Gegenaktion: Barbara loves Peter, and Biden, and Linet, and Claris. Dann geht das Spiel weiter mit: zeichne einen Bus, zeichne ein Auto, zeichne ein Motorrad und die Begeisterung über meine Zeichenkünste ist gross! Und dann noch: zeichne mir ein Motorrad, was so viel heisst, wie: zeichne eins mit meiner Kreide!!! Ich komme mir vor wie aus dem Kleinen Prinz und amüsiere mich wirklich köstlich. Dann geht es zu den Zahlen und hier merke ich zum zweiten Mal: der Junge kann fast kein Suaheli. Ich habe schon immer gehört, dass die Leute von der Küste am besten Suaheli sprechen aber hier habe ich die Bestätigung. Biden weiss nicht, was 20, 30, 40 auf Suaheli heisst und da ich mein Zählen peferktioniert habe kann sogar ich ihm noch sagen, was es heisst. Ich bin schon ein bisschen Stolz auf meine Sprachkünste, die dann aber wieder versagen, wenn es heisst: Auftritt Mbuche – denn sie plappert für mich vollkommen unverständlich und ich glaube, das wäre in jeder Sprache so.

Als der Junge gestern angekommen ist fragte er vollkommen ungläubig: where is the TV here? Ich erklärte ihm, dass es keinen gäbeund seine Antwort war natürlich: why?  Because we don’t have a Satellite Dish. What’s a satellite Dish? Ok, because we don’t have an antenna. Ok!

Am Nachmittag, nachdem er uns bei der Schulung mit dem Beamer zugesehen hat meint er: but I saw that you have a TV on the wall. Kluges Kerlchen!!! Und was ich selber kaum geglaubt hätte: am Vorabend sind sämtliche Möbel aus Piter’s Haus in Kilifi eingetroffen, denn dort wird umgebaut. Wir haben also plötzlich 6 neue Betten, Schränke und – kaum zu glauben: einen TV, der sofort vom DST Satellitspezialisten installiert wird. Bidens Traum ist also schneller in Erfüllung gegangen als gedacht. Das müssen seine Connections zu Jesus & God sein! Als ein Bett nach dem anderen ausgeladen wird lässt Biden seinen Lieblingsspruch los: not again!!!! Er zählt die Betten durch, denn er ist fast so fassungslos wie ich. Der ganze Eingang des MCC (Marere Community Center) ist mit absolut dreckigen Möbeln verstellt und so beginnt Abends spät noch eine Reinigungsaktion – schliesslich ist Frühling und die Mail vom Reinigungsunternehmen zu Hause “Frühlingsputz gefällig” hat bei mir nur Schmunzeln ausgelöst…

Die alten Betten werden in die restlichen Häuser verteilt und wir haben jetzt in jedem der 5 Gästezimmer ein Doppel-Bett aus solidem Holz und das macht auch mir Freude. Zudem noch einen riesigen Tisch mit 8 Stühlen, die wir in die Zimmer verteilen. Marere wird wohnlich!

Weil die Männer die Nachrichten am neuen TV schauen biete ich Biden an, dass wir einen Film zusammen auf dem Beamer ansehen können und er wählt Madagaskar aus. Ich habe ihn auch schon viele Jahre nicht mehr gesehen und ich amüsiere mich ebenso wie die beiden Kinder – Mbuche kommt natürlich auch wieder dazu und ebenso der Kuhhirt Chai, der sich fast kaputt lacht. Wir treffen aber wieder eine zusätzliche Schwierigkeit an: Die Tiere sind am Anfang im Zoo und wie erklärt man jemandem, der im Land der Zootiere lebt was das ist? A place where the animals are behind a fence so that people can look at them? Very strange…

Mbuche wird nach kurzer Zeit von der Nanny abgeholt. Ich bin erstaunt, dass sie kaum protestiert aber etwa 20 Minuten später sitzt sie wieder auf dem Stühlchen und schaut fasziniert weiter. Sie ist mit ihr kleinen Sandälchen und ihrem Nacht-Outfit abgehauen und ist im Dunkeln wieder zu uns geschlichen. Aber es geht nicht lange und die Nanny kommt wieder. Dieses Mal muss sie Mbuche aber fast an den Armen retour in die Wohnung schleifen. Aus der wird mal eine richtig coole Frau.

Zwischendurch schaut Biden auch auf dem Laptop, weil er fasziniert ist vom Duplizieren des Bildes und er sagt immer wieder: this TV is silent weil der Ton aus dem Beamer kommt. Nach dem Film rennt Biden retour zu seiner Mutter mit lautstarkem Gesang “I like to move it move it – it like to – move it”! Als ich ihn frage, ob er jetzt auch von Steaks träumen wird wie der Löwe Alex im Film ist seine Retourfrage: “What is a Steak?” – aha klar: “a big piece of meat” und Bidens Antwort ist: I will dream about Jesus. Wirklich herzig – wenn auch ein bisschen naiv.

Wenn du denkst das wäre der ganze Tag gewesen täuschst du dich: spät Abends kommt noch unser Elektriker/Sanitärler aus dem Süden von Mombasa mit einem Piki-Piki angereist. Die Wasserpumpe hatte einen Aussetzer und wir haben uns zwei Tage mit der kenianischen Dusche begnügen müssen – sprich Kübel und Wasserbehälter. Innerhalb von Minuten flickt er die Pumpe und dann kriegt er noch richtig viel Arbeit: er fitzt die zwei Deckenventilatoren rauf und dann erst noch die 4 Vorhangstangen fürs Wohnzimmer, wo die neu gemachten Vorhänge aus Kikoy Stoff jetzt stolz wehen. Es wird gemütlich in Marere!!!

Nach einer grosszügigen Runde Viceroy und G&T inkl. halbzerflossener Schokolade für alle schlafe ich hervorragend in einem Ventilator-gekühlten Zimmer nachdem ich eine kühle Dusche genossen habe. Life is getting better in Marere!!! (Und die Ansprüche sind soooo bescheiden…)

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