Sonntag, 20. April 2019: Dankbarkeit wofür?

Am Freitag eröffnet Peter, dass er noch vergessen habe zu sagen, dass es in Rabai (Wohnort des 2. Mannes (aber hintereinander) von Nelly) eine Hochzeit gäbe. Ich bin alles andere als begeistert, denn ich habe mich schon sehr auf den Ausflug mit Linet, ihrem 5-jährigen Sohn Biden und Claris ans Meer gefreut. Es beginnt eine grosse Debatte über „was man muss“ und „was sich gehört“ und „was es bedeutet, in einer Familie solidarisch zu sein“. Ich bin aber sowieso hässig auf den Mann von Nelly, weil er ihr finanziell kaum hilft, sie aber fast jedes Wochenende diesen langen Weg mit dem Matatu auf sich nimmt, um zu ihm und seinen Kindern zu fahren und sie zu unterstützen. Daher habe ich auch null Lust dort an Festivitäten teilzunehmen, die mich langweilen werden und hinter denen ich gar nicht stehe. Ich habe schon fast gedacht, dass ich die Debatte mit meinem wortstarken Mann verlieren werde aber da kommt mein Killerargument: weisst du, dass ich schon am nächsten Donnerstag retour fliege in die Schweiz (ich habe mich glücklicherweise selber verguckt: ich fliege erst am Freitag…)? Und jetzt will ich mal etwas machen, das nach meinem Gusto ist. Wer sich Facebook schon angeschaut hat weiss, dass ich „gewonnen“ habe, aber ich glaube, ich wäre sogar alleine hingefahen – ich habe hier eine ausgeprägte Geduld aber auch dieser Geduldsfaden kann reissen.

Wir buchen noch Linet‘s Rückreise für den Sonntagabend – wir ergattern online grad noch die letzten 2 Plätze im Bus nach Nairobi. Vom Ausflug verrate ich ihr nur so viel, dass wir ans Meer fahren und selbst ich weiss ja noch nicht, was uns erwarten wird. Aber mein Mann hat jetzt auch eine Kehrtwende gemacht. Ein paar Dinge in Kilifi besorgen, dann Kahindi beauftragen, dass er Fisch und Oktopus braten und die restlichen Einkäufe tätigen soll und die Reise geht los nach Malindi.

Dort haben wir einen persönlichen „Tourguide“ – ein Freund von Peter, der Malindi wie seine Westentasche kennt und als Transferfahren für die grossen Hotels angestellt ist. Wir schauen uns zuerst bei einem Handwerker für Swahili Möbel um. Mir schweben so schöne Tagessofas vor mit ein paar Verzierungen, wie es hier üblich ist. Der Handwerker nimmt ein paar ganz vergilbte Fotos hervor – es ist zum Teil schwierig, darauf überhaupt Möbel zu erkennen aber wir verständigen uns und wir nehmen seine Telefonnummer, damit ich dann mal darauf zurückkommen kann, wenn mein Konto wieder aufgestockt ist.

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Peter meint schon, jetzt könnten wir wieder retour nach Kilifi und dort im Meer baden aber jetzt insistiere ich, dass wir jetzt in den Marine Park gehen wenn wir schon mal hier sind. Als wir ankommen merke ich natürlich, warum er solche Ausflüge nicht gerne macht: Er wird sogleich umringt von einer riesigen Horde Menschen, die ihn noch aus seiner Zeit als MP kennen. Sie wollen Geld für dieses und jenes Projekt und sie verstehen kaum, dass er momentan ebenfalls arbeitslos ist und null Geld zum Investieren hat. In der Zwischenzeit begeben wir uns zum Meer und was jetzt folgt ist einfach nur pure Freude: Weil sie alle keine Badeanzüge haben gehen alle bis an die Knie mit den Kleidern ins Wasser und Linet und Biden erholen sich fast nicht mehr vor Freude: sie waren noch gar nie am Meer und es jetzt auf ihrem Körper zu fühlen bringt höchste Glücksgefühle hervor. Sie jauchzen und tanzen und wow und Oh my God werden sekündlich wiederholt. Biden schluckt etwas Wasser und meint: „Why did the add salt to the water?“. Und dann natürlich: can we also go on a boat? On a blue one? Blau ist seine Lieblingsfarbe und so trinkt er aus einer blauen Tasse, heute Morgen ist schon ein Traum in Erfüllung gegangen weil er auf einem blauen Motorbike mitfahren durfte und jetzt soll es das blaue Boot sein. Ich gehe mal auf die Suche nach meinem umringten Mann und er meint, dass er grad dabei sei, einen guten Preis auszuhandeln für ein Boot, das nur für uns ist. Das freut mich jetzt über alle Massen und bald sind wir am reinkraxeln – natürlich in ein blaues Boot! Für Biden muss es ein Traumtag sein.

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Seine Mutter weint vor Freude – noch nie im Leben habe sie eine so schöne Zeit gehabt, das werde sie nie vergessen, sie finde nicht einmal mehr Worte um es zu beschreiben. Ihre Freude ist so echt und kommt tief aus dem Herzen und so wird dieser Ausflug auch für mich zu einem grossartigen Erlebnis. Auch wenn ich schon viel krassere Glasbodenbootausflüge mit viel schöneren Booten und viel weniger Touristen gemacht habe: ich bin einfach so dankbar dafür, dass Peter auch gewillt war seine Meinung zu ändern (die Ausrede, dass er unbedingt mehr Zeit mit seiner Frau verbringen will verstehen die Leute hier sogar), dass ich Menschen eine so grosse Freude machen kann erfüllt mich selber mit einem grossen Glücksgefühl. Wir können sogar auf das Dach des Bootes kraxeln und draussen beim Korallenriff steigen alle inkl. Peter ins Wasser und wir plantschen mit einer kindlichen Freude vor uns hin. Sogar Claris zeigt gewisse Gefühlsregungen – teenagermässig halt – da muss man schon immer cool bleiben… aber wir hatten ihr ja am Vortag gesagt, dass wir um 9.00 Uhr abfahren werden und sie stand schon um 7 Uhr auf der Matte um den Ausflug ja nicht zu verpassen und bügelte ihre Kleider – das will schon was bedeuten.

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Nachher kommt noch das obligate Fischefüttern mit dem weissen Brot. Biden braucht aber eine Zwischenverpflegung und verspeist das Brot lieber selber. Das erinnert mich an einen Besuch im Bärengraben als ich auch das ganz Futter mit einem Freund geteilt hatte – es war so gut…

Der Tag an der Sonne hat hungrig gemacht und das feine Essen im kleinen Swahili Restaurant ist ein weiterer Höhepunkt. Extrem lecker gekocht vertilgen wir Biriani mit Crevetten, Fisch mit Kokossauce und Reis und natürlich Chips and Poulet für die „Kids“.

Die Fahrt zurück geht schnell vorbei und am Strassenrand können wir die gekochten Sachen abholen – es gibt immer Lösungen in diesem Land auch wenn sie manchmal auf Umwegen erreicht werden.

Den Ostersonntag verbringen wir mit einem zMorge mit frischen Chapatis und Osterguetzli und dann gehen wir in die anglikanische Kirche. Piter erkundigt sich, wann wir kommen sollen und reserviert Plätze für uns. Der Ablauf ist eher streng mit einer ellenlangen Vorstellungsrunde aller Gäste und einem Pfarrer, der wie üblich sehr laut wird (zum Glück ohne Verstärkeranlage). Er sagt aber anscheinend Dinge, die den Leuten gefallen, denn es wird viel gelacht. Das Singen ist wieder mein Lieblingsteil. Die musikalische Begleitung ist eine Rassel und eine Trommel für den Rhythmus. Am Schluss stellen sich draussen alle so auf, dass sie sich die Hände schütteln können und die 2-stündige Zeremonie (und vorher waren es für die Leute ja schon 2) ist vorbei.

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Am Abend fahren wir Linet durch den grässlichen Mombasa Verkehr zur Bushaltestelle, die pures Chaos ist. Alle Busse stehen der Strasse entlang. Wie man hier herausfindet, welchen Bus man besteigen soll ist mir ein Rätsel. Wir machen den Abschied kurz, denn er tut weh und doch ist es ein schönes Gefühl zu wissen, dass Linet und ihr Sohn die beste Zeit gehabt haben, die sie sich vorstellen konnten.

Peter hat noch eine Mission: in der Familie wurde ein Baby geboren und es geht um die Namensgebung. Die Familie selber weiss zu wenig aus der Tradition und auch ich muss mich da wieder in die Regeln enführen lassen. In einer Familie erhalten die Kinder nach einer bestimmten Abfolge einen Namen. In der Shehe Familie ist es so: Die Männer müssen in der Reihenfolge der Geburt so getauft werden: Chiwai Daniel, Malingi Peter, Mwajefa Anthony, Nyambu Rogers. Bei den Frauen läuft es so:Mbuche Loice, Kwekwe Nelly, Dzame Mary, wobei das mit Dzame eine Ausnahme war. Man wusste schon, dass die Mutter bald sterben wird und daher wollte sie sich mit dem Namen aus ihrer Familie verewigen. Die besagt Familie im Mombasa wollte jetzt aber das Neugeborene Malingi Emmanuel taufen und mein Piter meint, das gehe gar nicht. Es muss Malingi Peter sein, denn sonst könnte das Kind krank werden oder sogar sterben. Wenn man dann doch noch einen anderen Namen haben möchte, dann muss man den teuer umändern lassen. Wenn sie es nicht begriffen hätten dann würde sich Piter jeglicher Verantwortung (die er als ältester der Familie hat) entziehen – und das möchte hier auch niemand haben.

Aber diesem Treffen ist noch ein abenteuerliches Finden des Hauses vorausgegangen. Die Leute leben in einem eher gefährlichen Viertel. Es ist aber nicht nur gefährlich sondern auch supereng und wir können den Weg nur finden, indem der Typ uns führt und teilweise nur noch wenige Centimeter links und rechts vom Auto übrig sind. Ich stosse wieder an eine Grenze: es ist so beelend zu sehen, wie die Leute hier leben. Ich finde, dass es im Vergleich zu diesem Leben den Leuten in Ganze noch gut geht. Wenigstens haben sie Ruhe und leben mitten in der Natur – auch wenn diese wie im Moment sehr brutal ist und es fast zu wenig Essen zum Überleben hat. Wenn aber noch Abfall und Kriminalität sowie Lärm dazu kommt dann finde ich das Leben noch unerträglicher.

Aber auch in diesem Elend gibt es Freude: das Neugeborene ist so herzig und seine Hautfarbe momentan noch wie meine. Die dunkle Pigmentierung folgt erst später. Der „Grossvater“ Peter ist sichtlich stolz und sagt dem Jungen eine gute Zukunft voraus. Es wird schon ein Fest geplant: nach 40 Tagen wird dem Kind „die Welt gezeigt“, d.h. Es ist quasi eine Einführung ins Leben. Und das zweite Highlight ist, dass die Grossmutter ein Fotoalbum zeigt und ich das erste Mal den strengen Vater von Peter zu sehen bekommen und auch noch seine Mutter sowie andere Verwandte, die ich kenne. Irgendwie haben halt Fotoalben auch ihren ganz besonderen Charme. Piter kann mich wieder mal als Ausrede benutzen damit wir nicht dort essen müssen und somit überlasse ich das Huhn, das grad vor meinen Augen gerupft wurde den anderen und wir fahren nach Marere retour – es fühlt sich an, wie Nachhause kommen und ich bin dankbar, dass Piter nicht aus der Stadt kommt. Marere hat Lebensqualität und wenn es dann endlich mal regnet dann wird es wieder so richtig toll hier.

Ich mache mit der Hilfe von Pinterest schon Pläne für meinen „Gartensitzplatz“, für die Blumen, die ich pflanzen werde und vielleicht auch für mein Schreib- und Meditationszimmer, in dem ich meine Kreativität ausleben kann. So langsam aber sicher kann ich es mir plastisch vorstellen. Die App für die Planung ist schon heruntergeladen. Heute hat jemand etwas auf FB gepostet, das ich gleich teilen musste, denn es passt so gut zu den Situationen, die ich hier antreffe. Und der letzte Satz ist so wahr: wir haben so viel, wofür wir dankbar sein können und es auch sein sollen.

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