Donnerstag, 25. April 2019: Armer und wunderbarer Peter

Bei uns stand noch auf der Liste, dass wir einen Service am Auto machen lassen mussten – bestimmt ein teures Unterfangen, denn dieser Toyota Landcruiser ist fast wie ein Bus, was Öl und Diesel anbelangt. Aber er funktioniert noch und das ist momentan das Wichtigste. Unvorstellbar kein Auto zu haben hier – oder vielleicht doch nicht: das Abenteuer Piki-Piki fahren habe ich noch nicht erlebt, als Frau vom MP durfte ich nicht und nachher war es nicht mehr nötig.

Dann habe ich ja in einem langen Gespräch mit Simon vom Saidia College erfahren, was es alles braucht um das Marere College zu eröffnen. 

Er hat mir auch gesagt, wo ich die Nähmaschinen besorgen kann und so fand ich, dass es doch optimal ist, wenn wir diesen Trip nach Mombasa kombinieren und dann auch gleich noch die bestellten Kangas abholen könnten, die mir Anna besorgt hatte und die ich dann wieder am Arboner Wochenmarkt im September verkaufen werde. Zusätzlich brauchte Claris, die ich unterstütze, noch ein spezielles Textbuch, das es in Kilifi nicht gibt. Also 4 Tasks für einen Tag – klingt gar nicht so schlimm. 

Zuerst mussten wir aber noch jemanden in Kilifi treffen. Dieser Jemand war ein Freund von Daniel und Peter wollte ihn darauf ansetzen, dass er sich nochmals um seinen Gerichtsfall kümmert. Da ging ja wirklich nicht alles mit rechten Dingen zu und her. Dieser Jemand arbeitet bei der Regierung und wird Einblick in die Dossiers erhalten. Dieser Jemand, sein Name ist James, ist besonders gut gelaunt und ich ebenso und so sehe ich sein kühles Bier und denke mir: warum auch nicht und bestelle mir ein Tusker Lite, das ich sehr mag und von dem ich in meinem ganzen Aufenthalt erst eins gehabt habe. Keine Ahnung warum, aber ich habe das auch in anderen Ländern schon gesehen: es kamen gleich zwei (vielleicht weil sie nur die Hälfte der normalen Tusker sind). Es schmeckt hervorragend und weil das Auto noch nicht fertig gereinigt ist und jetzt auch noch der Bruder von einem anderen Politiker dazu stösst kommt schon die nächste Runde, die ich zwar nur wiederwillig akzeptiere aber dann denke: what the heck… dann trinke ich halt noch eins… Ui ui ui – es fühlt sich an wie ein Vollrausch, denn ich habe ja auch noch nichts zMittag gegessen. Ich bin also froh, dass Piter fährt und nur Redbull getrunken hat, was ihn ja eher aufgekratzt hat.

Der Service dauert eine gute Stunde und kostet satte CHF 200! Ich vertreibe mir die Zeit mit lesen und surfen und beobachten, dass da dauernd ältere Männer mit sehr hübschen jungen Frauen für eine gewisse Zeit verschwinden. Ich glaube, die hinteren Häuser sind ein Puff…  und als ich dann auch noch von einem Typen angerempelt werde – er hat wohl gedacht, dass neu Muzungus im Angebot sind, bin ich echt froh, diesen Platz verlassen zu können.

Der Verkehr nach Mombasa ist wieder horrend. Die Strassen werden sogar nur als Einbahn geführt weil alles so verstopft ist. Peter weiss ungefähr, wo dieser Laden ist und kämpft sich mit dem riesen Karren durch die superenge Strasse. Freunde von mir kennen die Strasse, wir kaufen dort immer Stühle, Haushaltdinge und Kangas ein – sie ist wirklich viel zu klein für einen Landcruiser. Irgendwie haben wir den Laden verpasst und Peter – gar nicht man-like – fragt nach dem Laden. Niemand scheint so richtig zu wissen, wo es ist.  Zum Glück haben wir auch noch die Handynummer und so kommt jemand vom Laden zur Tankstelle, damit er uns hinführen kann. Wir müssen uns aber nochmals durch die enge Biashara Strasse kämpfen – grässlich und Peter tut mir echt leid. Der Arbeiter organisiert sogar einen bewachten Parkplatz – ich bin erstaunt. Wenn ich zurückdenke an meine erste Reise nach Mombasa: ich habe meine Tasche gehalten wie einen Tresor. Jetzt bin ich relaxter aber mein Rucksack, der aus einem kenianischen Zementsack hergestellt wurde fällt wirklich nicht auf und niemand denkt, dass ich darin meinen iPad, mein iPhone, mein ganzes Geld und Portemonnaie habe. Wir kommen im Laden an und ich kriege fast einen Lachanfall: ich hatte mir vorgestellt, dass ich hier jetzt alle Maschinen schön aufgestellt sehe und ich alle Modelle besichtigen könne. Auf irgendeine Art und Weise ist das auch so aber dafür muss ich jetzt ein Bild reinstellen, denn die Auswahl beschränkt sich auf die 4 Modelle, die sie hier verkaufen. 

Der alte Verkäufer – ein Araber – ist aber so etwas von sympathisch und lieb. Er bietet uns sogar an, dass er die Maschinen mit den dazugehörigen Tischen gratis und franko nach Marere liefern wird und sie dort einrichtet. Die Grundlage für unsere Nähschule wird also bald gelegt sein. Wir brauchen noch ein Zertifikat und dann können wir loslegen. Ach sorry, nachdem wir die Fenster, die Böden und die Türen eingebaut haben und ebenso die Toiletten. Aber ich bin sicher: wir kriegen dafür wieder viel Unterstützung von unseren Freunden und vielleicht auch von Stiftungen – da muss ich jetzt mal wirklich dahinter…

Wieder raus aus dem Riesenpuff passiert Piter ein kleiner Zusammenstoss mit einem Matatu weil er zu lange einem Auto voller Polizisten gewunken hat. Ich bewundere ihn, wie ruhig er bleibt: KESH 2000 werden dem Matatudriver sofort mit Mpesa überwiesen und weiter gehts bis wir auch die Kangas eingeladen haben. Ich kann euch nur sagen: das muss echte Liebe sein. Piter hasst es eigentlich Auto zu fahren, noch mehr hasst er es nach Mombasa zu fahren und wenn dann auch noch Shopping dazu kommt, dann ist es für ihn die grösste Horrorreise – aber er meint nur: für meine Frau mache ich alles – auch wenn er die KESH 2000 eigentlich für das Kühlwasser gebraucht hätte…

Wir kommen spät nachhause, das Essen ist aber bereit und da der TV grad ausnahmsweise funktioniert schauen wir uns gleichzeitig noch Johnny English an. Sicher nicht etwas, das zum Alltag wird aber vom Morgen bis am Abend war es wieder ein Tag voller Überraschungen und voller Dinge, die ganz anders rauskommen als geplant. Und da ich ja schon so angefangen hatte: ein G&T für mich und ein Whiskey Cola (heute gibt es sogar ein Upgrad zu Famous Grouse) macht uns beide ganz glücklich und zufrieden und bettreif.

Das nehme ich jetzt nach dem letzten Tag ausruhen, Vorhänge aufhängen und Report für Pro Ganze schreiben mit nachhause: hier kommt alles immer anders als geplant und das zu akzeptieren und nicht zu bekämpfen ist das Beste, was du hier machen kannst. Wenn du also auch einmal Geduld, Toleranz und ähnliche Dinge testen und verbessern möchtest: begleite mich einfach das nächste Mal! Ich freue mich drauf, wenn ich dir mein Kenia näher bringen kann – auch wenn es gar nicht so ist wie aus dem Reiseprospekt!

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