Dec 24, 2019: Keine Stille Nacht

Ich habe das grosse Glück, dass meine Putzfrau und mittlerweilen wunderbare Freundin Linet aus Nairobi nach Marere kommt. Sie hat nicht nur den allerbesterzogensten und liebsten Sohn – sie ist auch sonst eine vollkommene Perle. Unter ihrer Leitung lernen die Frauen von Marere, die wirklich keine Ahnung von Haushalten oder Kochen haben – wie man Dinge zubereitet, wie man Wäsche richtig wäscht und wie man Essen nicht nur einfach lieblos auf den Tisch bringt sondern auch abschmeckt und anrichtet. Zeit mit Biden (5) zu verbringen ist eine Wohltat in dieser Zeit. Er ist fasziniert von der Krippe aus Bananenblättern, die ich aufgestellt habe. Ich montiere noch ein paar Engel und er arrangiert die Tiere, die Könige, die Hirten und Maria und Josef sowie das Jesuskind immer wieder neu. Er erfindet Geschichten und plötzlich sitzen alle in der Krippe ausser den Tieren, die sich einen Kampf geben vor dem Stall. Ich geniesse es, Weihnachten mit Kinderaugen zu sehen.

Peter muss etwas erledigen und die Hiobsbotschaft kommt nach ein paar Stunden: das Auto ist kaputt. Irgendetwas mit der Radaufhängung – zum Glück ist niemandem etwas passiert. Aber es bedeutet einmal mehr hohe Kosten was die Reparatur anbelangt. Zum Glück hat Peter ein grosses Netzwerk und so wird er mindestens nach Marere gebracht und das Auto zum Mechaniker. Elektriker kommen, um die Waschmaschine zu installieren und sie müssen an drei aufeinanderfolgenden Tagen kommen weil immer wieder etwas kaputt geht, es eine Überschwemmung gibt oder ein Schlauch abbricht – Made in China…

Die Arbeiter sollten bezahlt werden, denn Weihnacht bedeutet auch nach Hause gehen und zur Familie schauen. Ich selber versuche, meine Pickel am Rücken loszuwerden. Flöhe im Bett? Schlechtes Wasser? Mückenstiche? Ich hatte letztes Mal schon ein ähnliches Problem aber es hat sich noch verstärkt. Meine Walking-Wunde (eine Riesenblase am Fuss) konnte zum Glück mit frischem Aloe Vera aus dem Garten geheilt werden aber wohl ist mir bei alledem nicht wirklich. Ich schwitze, ich tropfe, ich leide… Weil alle Busse nach Nairobi so vollkommen voll sind muss Linet auch schon am 24. abends abreisen. Hier wird am 25. gefeiert und so werde ich ohne sie Weihnachten feiern müssen. Ob es Paul schafft hierher zu kommen ist zur Zeit noch fraglich. Er hätte schon vor ein paar Tagen kommen sollen aber es gibt immer wieder neue Probleme. Kein Wunder haben die Kenianer für das Wort Problem etwa 10 Ausdrücke (etwa so wie die Inuits für Schnee…) Ich alleine kenne schon einige: wasi wasi, matata, tabu, shida – das sind die, die mir gerade spontan in den Sinn kommen. Sie sagen zwar vorher immer “hakuna” was “keine” heisst aber ich sehe das im Moment grad anders: ich sehe vor allem Probleme, denn in diesem Rhythmus kann ich kein Geld mehr verteilen, mit dieser Hitze kämpfe ich täglich und ich bin wirklich bemüht meine optimistische Ader zu aktivieren – aber das Blut fliesst grad nicht sehr flüssig… Ich bin echt froh um die Kommunikation mit Freunden via die Sozialen Medien. Es gibt immer wieder aufmunternde Bemerkungen, liebe Weihnachtsgrüsse und Kommentare, die mir sagen: klar – wir entscheiden selber über unser Leben. Trotzdem fühle ich mich grad ziemlich fremd bestimmt.

Es gibt aber auch ganz lustige Begebenheiten, z.B. als die grossen starken Männer wieder die Weihnachtsdeko Barbara-Style aufhängen und grosse Diskussionen lostreten wie es denn jetzt am schönsten aussehen würde. Oder – auf der Suche  nach einem gemeinsamen Weihnachtslied – wenn Peter und sein Kumpan von anno domini zusammen versuchen, die Melodie von Herbei oh ihr Gläubigen / Come ye all faithful zu singen. Auch unser jährliches Weihnachtsfoto vor den Bananenbäumen gibt viel zu Lachen: die Sonne brennt so heiss, dass ich die Augen fast nicht offen halten kann und wir brauchen ein paar Versuche, bis wir beide einigermassen anständig aus der Wäsche gucken.

Fremd bestimmt wurde übrigens auch von Peter, dass ich am 25.12. in der Kirche eine 20-minütige Predigt halten werden. Ich werde also meine Kommunikations- und Laienprediger Skills einmal mehr unter Beweis stellen können. Die Geschichte habe ich zusammen – mal sehen ob sie funktionieren wird – ihr werdet es quasi als Weihnachtsgeschichte erfahren…

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