Jan 01, 2020: Älter werden ist nichts für Feiglinge

Es ist ein Spruch, der mich in letzter Zeit immer wieder zum Lächeln gebracht hat weil er ironisch gemeint ist und doch einen Funken Wahrheit in sich hat. Gesundheitsprobleme, Schönheitsprobleme – alle die ü50 oder sogar schon ü60 sind wissen wovon ich spreche: neue Falten, Schwerkraft, die gegen uns ist, diverse Zipperlein und Wohlstandsauswirkungen machen uns zu schaffen und lassen und das Leben auch mal langsamer angehen. Aber wenn ich mich mit den Menschen hier vergleiche steigt meine Zufriedenheit um ein Vielfaches.

Im Marere Community Center ist ja teilweise richtig viel los. Bei manchen Dingen weiss ich, was die Bedeutung dahinter ist und bei anderen Dingen habe ich Fragezeichen.

Zum Beispiel treffen sich immer noch die Ganze Women Sacco, die Spargemeinschaft, der wir seinerzeit durch Pro Ganze Starthilfe gegeben haben. Diese Gruppe hat wiederum eine andere inspiriert, es ähnlich zu machen. Vor ein paar Tagen hat mir Mary, Peter‘s Schwester, gesagt sie hätte grössten Respekt für mich, denn so eine Spargemeinschaft hätte sie in der ganzen Zeit noch nie gesehen. Früher wäre es undenkbar gewesen, dass hier überhaupt jemand gespart hätte – lieber hätte er das bisschen Geld das er besass zuhause versteckt – und jetzt würden sich bereits zwei Gruppen regelmässig treffen – das sei für sie wie ein Wunder. Wenn ich solche Dinge höre dann habe ich schon ein echt gutes Gefühl. Manchmal sehe ich es nicht, aber mit Hilfe von Spenden und auch den Verbindungen von Peter und meinen Nerven haben wir viel bewirkt und erreicht.

Und auch wenn mich das extrem laute Geschnatter dieser Gruppen (vor allem morgens um 08.00!!!) manchmal nervt so denke ich immer: wenigstens hilft es der Gemeinschaft und sie machen was Positives.

Ab und zu sehe ich auch Leute, die mit etwas Geld kommen. Chiwai geht dann nach hinten in den Garten und sie kommen retour mit einer gefüllten Tasche Gemüse. Warscheinlich bezahlen sie kaum etwas dafür aber es ist schön, dass wenigstens der Garten auch noch anderen Menschen etwas bringt. Auch das war möglich durch das Wasserreservoir, das wir bauen und nach dem Zusammenbruch nochmals aufbauen konnten.

In den Wochen seit ich hier bin kommen auch immer wieder ältere Frauen und ein paar Männer vorbei und Chiwai trägt dann etwas in ein Buch ein. Es handelt sich um Geld, das die Leute mit Jahrgang 1949 bzw. jetzt 1950 erhalten werden vom Staat. Fast wie eine Art AHV aber eben erst mit 70 Jahren. Ich frage ein bisschen mehr nach und Peter macht da anscheinend eine Art von Scharnierfunktion zum Chief, denn er wird alle Daten anschliessend an den Chief weiterleiten. Aber zu Peter haben die Leute eben einen besseren Draht und mittlerweile wissen sie, dass hier im Marere Community Center die Dinge auch erledigt werden. Es wird euch kaum überraschen, dass ich inzwischen den Job gefasst habe, eine Excel Liste zu machen damit die Daten dann auch sauber übergeben werden können. Das ist aber wirklich eine Arbeit, die ich in kürzester Zeit erledigen kann und die mir sogar Spass macht.

Da ich ja für meine Arbeit keinen Lohn erhalten werde entscheide ich mich, dass meine Bezahlung die Fotos sind, die ich von den alten Leuten mache. Mit dem iPad fällt es nicht auf und meine Sammlung wird je länger je spannender. Sie haben ja dermassen ausdrucksstarke Gesichter! Gegerbt von der Sonne, teilweise fast zahnlos und knorrig und fit vom vielen Laufen. Nur um sich registrieren zu lassen nehmen sie ja teilweise einen kilometerlangen Weg in Kauf. Umso mehr tut es mir dann leid, wenn man ihnen sagen muss: du bist noch zu jung, du hast den ganzen Weg für nichts unternommen! Da steht jetzt also jemand vor dir, bei dem du sicher bist, dass er oder sie mindestens 80 Jahre alt sein muss, aber das Geburtsdatum wurde einfach falsch eingetragen.

Nach ein bisschen nachfragen finde ich heraus, wie das gemacht wird: bei den meisten Leuten hat man keine Ahnung, in welchem Jahr sie geboren wurden, denn damals hat man das einfach nicht aufgeschrieben. Also fragt man nach Dingen, die in diesem Jahr passiert sind wie: hatte es damals eine Überschwemmung? War das ein sehr trockenes Jahr? War es das Jahr als so und so gestorben ist… Die Frage, warum das so gehandhabt wird ist einfach zu beantworten: die Unabhängigkeit von England hat erst 1963 stattgefunden und erst seit dann gibt es gewisse Listen und Institutionen, die überhaupt Menschen registrieren. Meistens gibt dann der Chief quasi als Autoritätsperson die Unterschrift dafür, dass das Jahr korrekt ist. Und wenn man dann weiss in welchem Jahr es war dann schreibt man einfach 01.01. und daher gibt es die meisten Geburtstage an diesem Tag.

Wobei ich noch erwähnen möchte, noch gesagt werden muss, dass der Geburtstag hier bisher gar keine Bedeutung hatte. Das ist erst entstanden, als die westlichen Gewohnheiten wie Geburtstags-Party, Geschenke geben, Cake backen etc. kopiert wurden. Daher musst du nie ein schlechtes Gewissen haben, wenn du bei den älteren Menschen den Geburtstag vergisst – sie hätten auch nicht erwartet, dass du dich daran irgendwie erinnerst. Was aber erschreckend ist, was sie dann zum Teil für einen „modernen“ Geburtstag ausgeben und eine grosse Party veranstalten ohne dass sie wirklich das Geld dafür haben. Aber so Ähnliches beobachte ich aber auch in der Schweiz. Es werden grossartige Feste durchgeführt mit Kuchen, die alles übersteigen, mit Geschenken, die noch an alle Kinder verteilt werden, mit organisierten Clowns und Attraktionen aber am Ende des Monats haben die Mütter dann Probleme, ihr normalen Lebenshaltungskosten zu bezahlen. Auch wenn ich ja auch zu den Deko-Freaks gehöre so bin glaube ich, dass Kinder auch mit einern sehr einfachen Feier glücklich sind, denn Spielen und Gemeinschaft leben scheint mir am schönsten zu sein in jedem Alter. Ich kann es nur von meinem Geburtstag sagen: er mag nach aussen aufwändig ausgesehen haben, aber ich konnte ihn mit einfachsten Mitteln durchführen – dank Freunden und dank guten Beziehungen. Ein guter Moment dafür nochmals ganz herzlich Danke zu sagen!

Aber zurück zu den alten Menschen und ihren Identitätskarten: anscheinend wird nach den Abklärungen ein Konto für diese Menschen eröffnet und sie erhalten dann pro Monat ca. CHF 20. Das finde ich nicht einmal so schlecht wenn man bedenkt, dass die Angestellten von Peter CHF 50 verdienen. Aber das grosse Problem ist natürlich, dass die Bank in Kilifi ist und ein Piki Piki dorthin pro Weg ca. CHF 5 kostet. Das bedeutet also, dass sie die Hälfte schon für den Weg dorthin ausgegeben haben und das jeden Monat!!! Warum das nicht über MPesa möglich ist – denn hier hat fast jede Person eine MPesa Konto auf dem Handy. Aber das System ist so wie es ist und daran kann ich jetzt wirklich auch nichts rütteln. Vielleicht gibt es ja auch hier dann mal ein besseres System. Auf jeden Fall ist es sicher nichts, was ICH ändern könnte und ich habe aufgehört (bzw. versuche es immer wieder), dass ich nur noch Dinge tue auf die ich einen Einfluss nehmen kann.

Das Thema „Besuche in Marere“ werde ich bestimmt bald nochmal aufnehmen, denn gerade am heutigen 1. Januar kommen dauernd Menschen vorbei um ein gutes Neues Jahr zu wünschen, ihre Probleme und Fragen zu deponieren und Hilfe von Peter anzufragen… Für heute ist bald genügend gebloggt. Ich wünsche euch auf den Skipisten, an den Stränden, in Städten oder auf dem Sofa ein wundervolles Reflektieren über 2019 und viel Vorfreude auf alles, was da kommt und ihr mitbestimmt. Und viel Dankbarkeit darüber, dass ihr dort geboren wurdet oder leben dürft wo ihr gerade seid.

Glaubt mir, hier wird mit ganz anderen Problemen gekämpft. Und ich benutze dieses Wort selten weil es mir nicht gefällt und weil ich Kampf nie die richtige Lösung finde. Aber wenn du hier nicht kämpfst gehst du wirklich unter…

Und um meinen Titel aufzunehmen: ich habe grössten Respekt für die Menschen hier, die nicht aufgeben und unter diesen harschen Bedingungen überleben und überhaupt über 70 werden! Das ist echt bewundernswert und lässt uns alle (mich sowieso inklusive) als „Feiglinge“ aussehen. Auf die Überlebenskämpferinnen und -kämpfer von Ganze!!!

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