Jan 2, 2020: Ich krieg meinen eigenen Hando – und zwar einen blauen!!!

Die Geschichte hat sich über 1 Woche erzogen…

Ende Januar soll es die „Eröffnungsfeier“ für das neue Sub-County geben und eine Heilerin kommt zu Besuch nach Marere. Alle finden, dass ich jetzt auch mein eigenes Hando haben sollte. Das ist ein Faltenrock, den die Mijikenda tragen. Angefangen hatte ich vor Jahren mit einem weissen. Dann bin ich aufgestiegen und habe einen roten erhalten. Leider ist der jetzt irgendwie verschwunden – wie so vieles hier. Ich frage, ob ich einen blauen haben könnte und was die Bedeutung ist. Sie meinen: blau ist für Heilerinnen und da qualifiziere ich auf jeden Fall auch dafür – schliesslich bin ich ja die Frau des Leaders.

Jetzt beginnt ein langer Prozess. Wir müssen nach Mariakani (etwa 35km entfernt) fahren, denn dort gibt es den Stoff dafür. Changawa, der Lastwagen-Fahrer, bringt uns dort hin. Den Ort zu finden ist gar nicht so einfach, denn die alte Frau erinnert sich nicht mehr so richtig, wo er genau ist. Aber mit ein bisschen rumfragen finden wir den Araber mitten im Dorf. Er macht sein Geschäft damit und wir kaufen den Stoff und auch noch einen Kikoy (so etwas wie ein Pareo) für Peter. Die Perlen für den Schmuck müssen an einem anderen Ort bestellt werden.

Am nächsten Tag macht sich die Frau daran, den Faltenrock zu kreieren. Sie dreht den Stoff und schlägt ihn über einen grossen Behälter. Immer und immer wieder bis sich kleine Fältchen bilden. Nach einem Tag arbeitet ist die Frau enttäuscht: wir haben wohl zu wenig Stoff gekauft – schliesslich braucht es für meine Figur ein bisschen mehr als für die knorrigen zierlichen Frauen hier. Die Bestellung für die Perlen ist aufgegeben nur ist der Laden leider geschlossen als wir in Kilifi sind und die Perlen sind im Laden drin. Also müssen wir ein paar Tage warten bis die Lieferung dann ankommt.

Wir nehmen noch einen Teil des Stoffes aus Peter‘s Fundus und kaufen nochmals zusätzlich Stoff. Wenn ich das so locker sage, dann ist das natürlich eine längere Prozedur. Zuerst muss man einen Laden finden, der diesen Stoff hat, dann jemanden, der ihn holen und liefern kann und für jeden einzelnen Dienst muss bezahlt werden. Auch für die alte Frau, die am Morgen schon Tabak kauend kommt und ihre Assistentin, denn ich kann ja nicht erwarten, dass sie die etwa 7 Kilometer immer zu Fuss geht in der heissen Sonne.

Die Frauen messen und messen und sind dann doch irgendwie nicht zufrieden. Ich habe vorher schon ein paar Mal das Wort für „gelb“ gehört. Es ist also so, dass es unbedingt neben den schwarzen, weissen und roten Perlen auch noch gelbe braucht. Ich frage warum, denn im Mijikenda-Stoff, der Kishutu heisst hat es ja auch kein gelb. Die Antwort ist verblüffend: das gehört zum Design!!! Denn dieser Gürtel wird oben am Rock befestigt und das gelb ist einfach zwingend notwendig, damit es gut aussieht. Ich selber habe das zwar noch nie gesehen aber wer weiss, vielleicht verändert sich das Design ja auch wie die Mode! Woher kriegen wir denn jetzt diese verflixten gelben Perlen? Es kommt plötzlich eine Idee auf: es gibt da eine Frau, die hat solche Perlen und sie geht selber nicht mehr an die Mijikenda Feste weil sie zu alt ist. Wir bestellen also ein Piki Piki und die alte Frau schwingt sich souverän auf den hinteren Sitz. Eine ziemlich lange Weile später kommt sie wieder – leider ohne Perlen… die Frau hatte sie wohl doch nicht mehr. Ihr wisst es mittlerweile: ich bewahre komplette Ruhe und schlage für einen Moment sogar vor, dass wir auf das Gelb verzichten aber damit komme ich nicht durch. Es würde sich doch noch eine Lösung finden lassen, davon ist die Frau überzeugt und schlürft genüsslich meine Kürbissuppe.

Sie komme dann am Donnerstag wieder um alles fertig zu machen und tatsächlich: am Donnerstag steht sie schon um 09.00 Uhr auf der Matte mit ihrer Assistentin. Es wird noch einmal gemessen und mit ein bisschen zupfen reicht der Stoff jetzt tatsächlich rund um meine vollen Hüften, die mit dem Faltenrock natürlich noch viel runder aussehen. Aber damit habe ich mich abgefunden: Tradition ist Tradition – selbst wenn sie Kacke aussieht!!! Da muss ich jetzt durch: ich habe A gesagt und jetzt kommt halt B auch dazu. Peter hilft mir bei meinem Argument, dass der Rock länger sein müsse und man deswegen das Teil nicht einfach doppelt nehmen kann sondern es ein bisschen weiter oben umlegen muss. Es ist vielleicht nicht ganz 100% traditionell aber was soll‘s: Kompromisse müssen selbst die alten Mijikenda Frauen eingehen. Und man sehe und staune: die gelben Perlen sind hier und werden jetzt zu einem Gürtel verarbeitet. Mir gefällt es extrem zu hören, woher sie sind: anscheinend versuchen die Kirchen in dieser Gegend, die Leute von den Mijkenda Traditionen wegzubringen, da sie nicht gotteswürdig sind. Und wenn dann jemand – wie es so schlimm heisst – „saved“ ist dann dürfen sie nicht mehr bei den Traditionen mitwirken. So etwas macht mich mega hässig und ich würde am liebsten in eine solche Kirche gehen um denen mal meine Meinung zu sagen. Interessanterweise kommt dann am Abend noch Fondo vorbei. Er ist ein sehr gläubiger 7th Day Adventist und ich diskutiere es mit ihm, weil er auch zum Council of the Elders (Ältestenrat) der Mijikenda gehört. Er relativiert es, denn er sagt, dass einfach gewisse Dinge der Mijikendas nicht toleriert würden, wie z.B. das Götzen anbeten oder zu sagen, dass man selber der Grund ist weshalb jemand geheilt wird und nicht die Kraft Gottes. Damit kann ich leben…Aber das Thema ist jetzt grad nicht auf meiner Liste: ich bin froh, dass ich doch noch zu den gelben Perlen gekommen bin, denn ohne gelb wäre das Outfit wohl nie fertig geworden.

Jetzt geht es noch ums Oberteil: traditionell, das heisst ganz früher waren die Frauen oben natürlich nackt. Ich mache mich aus Spass daran mein Oberteil auszuziehen, was beim Publikum – in der Zwischenzeit ist ganz Marere zusammengekommen und schaut belustigt zu – eine grosse Lachsalve auslöst. Peter zeigt sich schockiert, ist aber auch sichtlich amüsiert. Soweit ich weiss, muss jetzt als Oberteil ein sogenanntes Kishutu her (der typische Stoff der Mijikenda) und den habe ich ja beim Araber gekauft. Aber wie man das genau montiert bei meinen Massen, das wirft jetzt grössere Probleme auf. Nur die Hälfte des Stoffes wäre zu wenig, aber wenn man das Ding zweimal rumwickelt kriege ich keinen Atem mehr und es ist heiss: ich kriege dämpfende Wärmeschübe. Zum Glück haben wir Fensterscheiben, die gespiegelt sind und so kann ich begutachten, wie schlimm ich aussehe. Die Länge ist jetzt ok aber durch den grossen Hintern zieht es hinten den ganzen Stoff zu stark rauf und es sieht recht deppert aus. Peter weiss wieder Rat und züpfelt und macht bis es ausgeglichen ist und einigermassen akzeptabel ist. Aber eben: mit so einem Oberteil kann ich nicht unter die Leute. Ist ja ok, wenn ich massig aussehe, das gilt hier als Schönheitssymbol und sogar die Frauen finden, dass sie sich noch extre Bändel umbinden, damit man denkt, sie hätten einen grossen Matako (Hintern) aber ich hätte das natürlich. Ach was lachen wir zusammen – es ist wirklich ein sehr lustiger Moment. Fondo meint, ich würde richtig Eindruck machen – wenn ich so daher komme dann wüsste man: da kommt eine wichtiger Person. Na ja, damit werde ich leben können. Plötzlich kommt mir die rettende Lösung in den Sinn: ich habe ja noch ein Kleid aus ebendiesem Kishutu Stoff. Ich bete zum Himmel, dass mir das Kleid noch geht aber die 4 km jeden Morgen scheinen zu fruchten. Ich passe noch rein! Mit diesem Kleid unter dem Hando finde ich, dass das noch ganz akzeptabel ist. Ich durchsuche noch meinen Schmuck und frage, was akzeptabel ist. Ich weiss nämlich, dass man in die Kaya absolut kein Metall reinnehmen darf. Aber ich glaube kaum an die Eröffnungsfeier am 24. Januar, denn mein Brief, also der den ich geschrieben habe ist noch nicht mal abgeschickt und es ist schon der 2. Januar… Wir planen ja nur zum traditionellen Tanzen am Sonntag zu gehen und nicht in die Kaya und somit wird mein riesiger Ring aus Metall und meine Kette akzeptiert.

Im Outfit muss ich natürlich auch noch ein paar Tanzmoves machen, denn dafür ist das Ganze ja da: ich muss schön mit dem Hintern wackekln können und dann müssen die Falten fliegen, was das Zeugs hält. Ich freue mich schon drauf… echt jetzt: das wird mal eine Gaudi und die hatte ich bisher ja noch nicht wirklich.

Peter nimmt auch noch seinen Kopfschmuck hervor und wir stecken noch ein paar Pfauenfedern mehr rein, denn er sieht ein bisschen mitgenommen aus (also der Kopfschmuck, nicht Peter…) und das bringt wieder ein paar Lacher.

Dieser Prozess war jetzt wirklich so etwas von spannend wenn auch mega langwierig. Die Mijikenda Kultur fasziniert mich weil sie fast nicht niedergeschrieben ist und ich auch fürchte, dass sehr viel verloren geht. Ich bin jetzt also stolze Besitzerin eines blauen Handos und den gebe ich nicht mehr aus der Hand – sorry fürs Wortspiel…

Bilder vom Tanz folgen (vielleicht…)

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