Jan 07, 2020: Fluch- und andere Wörter

Vor ein paar Tagen kam die Assistant Chief Priska zu Peter. Sie mussten etwas besprechen, was mit dem Subcounty zu tun hat. Sie lud mich in ihr Haus ein. Das haben schon viele gemacht aber ich bin irgendwie immer drum herum gekommen. Ich weiss einfach nicht wirklich was ich dort machen würde. Da sie aber ziemlich gut Englisch spricht denke ich mir, dass es auch eine Chance sein kann um mehr über den Alltag in Jaribuni zu erfahren. Und so verabreden wir uns für den nächsten Dienstag um 07.00 Uhr. Wir werden zu Fuss zu ihrem Haus gehen. Ich weiss in etwa wo es ist aber ich kenne die Schleichwege nicht.

Der Tag kommt also und um 07.20 h ist sie immerhin schon in Marere – bereit um mich abzuholen mit ihrem Enkelkind auf dem Rücken. Ich habe meine Turnschuhe montiert, denn es hat auf diesen Feldwegen immer viele Stacheln und meine Füsse sind ja auch noch etwas in Mitleidenschaft gezogen von der Verstauchung im Dezember… Ich habe mein kühlendes Supertuch, meinen Sonnenhut und meinen Sonnenschutz montiert und stapfe brav hinter ihr her. Sie hat etwas sehr Belehrendes und sie repetiert auch fast alles, was sie sagt mehrfach. Das fällt mir hier immer wieder auf: die Leute repetieren alles und dann stellen sie Fragen zurück so im Stil von: Kauma ist ein Teil von Ganze. Kauma ist ein Teil von? und du musst dann eine Antwort geben. Das kommt von der Art und Weise wie hier gelehrt wird und ich finde es super irritierend aber es ist wohl eher so, dass ich mich daran gewöhnen muss als dass sich das ändern wird… Genau so, wie wenn jemandem etwas runterfällt oder jemand strauchelt – dann sagen die anderen immer: pole oder I am sorry – obwohl sie ja überhaupt nichts dafür können. Das ist aber einfach eine Angewohnheit hier.

Wir kommen an verschiedenen kleinen Häusern vorbei und ich bin ganz überrascht: nach 3 km (Polar Watch sei Dank) sind wir bereits dort angekommen. Unterwegs musste ich natürlich bereits einige Leute begrüssen, die über meine Kauma Sprachkenntnisse überrascht sind. Priska, so heisst meine Gastgeberin lehrt mich dann auf dem Weg schon ein paar Wahrheiten. Ich soll mich nie von den Leuten verarschen lassen und so erfahre ich schon ein paar Fluchwörter, die ich unbedingt verstehen muss um mich zu wehren.

Priska hat 8 Kinder und leider ist ihr erster Mann vor 14 Jahren gestorben, kurz vor der Geburt des 8. Kindes. Er hatte einen guten Job aber nach seinem Tod wurde das Leben für sie sehr streng. Sie hat sich einen neuen Mann gesucht und der hat sich aber nicht korrekt verhalten und hat sie misshandelt – daher hat sie sich wieder von ihm getrennt. Trotzdem kommt er jeden Tag vorbei und sie sagt, dass sie ihn wie ein Baby behandelt: sie gibt ihm einfach jeden Tag etwas zu essen aber sonst ist sie nicht mehr an ihm interessiert. Jetzt hat sie noch einen Liebhaber. Der wohnt in Watamu aber sie treffen sich etwa alle 2-3 Wochen in Kilifi – aus Respekt zu seiner Frau, die nichts davon weiss. Er hilft ihr aber wenn sie Probleme hat und sie findet, dass das in ihrem Alter – sie ist 50 – reicht, wenn man sich in dieser Frequenz trifft. Wo sie Recht hat, hat sie Recht.

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Ich bin überrascht über die Grösse ihres Hauses. Sie sagt, sie hätte es selbst gebaut – nur für die Fenster und Türen und die Treppe hat sie Hilfe gekriegt. Sie musste verschiedene Kredite von der Bank aufnehmen, die sie nun abbezahlen muss. Als Chief Assistant erhält sie etwa CHF 200 was ein richtig guter Lohn ist. Sie sagt, dass die Leute zu ihr kommen und von den Problemen erzählen. Sie hört zu und berät sie und dann übergibt sie je nachdem den Fall der Polizei. Irgendwie eine Mediatorin, aber von der Polizei angestellt. Sie hat sich beworben und nach 5 Monaten eine Antwort erhalten, dass sie kommen könne.

Nach und nach treffen die Kinder ein und auch die Enkelin Yvonne nähert sich mir immer mehr an. Zuerst hat sie noch Angst vor mir (vielleicht liegt es auch an den komischen Geräuschen, die ich für sie gemacht habe um sie zum Lachen zu bringen. Sie denkt vielleicht ich sei der Farbe nach zu beurteilen eine Art Schweinchen…) und dann ist sie immer zutraulicher und mit der Zeit traut sie sich sogar meine Haare und meine Ohren zu berühren und am Schluss klebt sie fast auf mir. Offensichtlich ist das alles sehr faszinierend für sie da sie in ihrem 11-monatigen Leben noch nie eine Muzungu gesehen hat.

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Wir essen uns durch den Tag, meistens auf den Plastikstühlen, wie es hier halt üblich ist. Zuerst gibt es eine Riesen Papaya – wirklich überdimensional gross und ich safte um die Wette mit ihnen, da es weder Löffel noch sonst ein Gerät gibt. Aber ich bin ja schon ziemlich abgehärtet. Danach gibt es eine Führung durch das Haus. Verglichen mit den ärmsten hier ist das natürlich ein Luxus und für uns doch unverstellbar simpel. Das Haus ist noch nicht fertig aber sie hat 5 Zimmer und hat selber eine Solaranlage eingebaut damit sie Licht hat. Wirklich eine toughe Frau, die 8 Kinder selber aufgezogen hat. Zudem noch ein Kind von einer Schwester, deren Eltern gestorben sind.

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Jetzt ist Frühstück angesagt mit Chapati und heissem sehr süssem Tee – zum Glück ohne Milch. Ich bin immer wieder fasziniert, wie sie es hinkriegen diese pfannkuchenartigen Dinger zu produzieren in diesen einfachen Küchen. Gekocht hat Patience, ihr Tochter, die in Nairobi Automechanikerin ist und jetzt gerade zu Besuch weilt mit der Tochter Yvonne.

Bald kommt ein Sohn nach Hause und er ist sehr interessiert daran, wie es in der Schweiz ist. Ich erzähle von der Sicherheit und vom Wetter. Er will wissen, ob es dort auch Schwarze hat und wie sie leben. Sie können nicht glauben, dass wir fast keine Arbeitslosigkeit haben, denn hier findet fast niemand einen Job. Auch über die Sicherheit sind sie überrascht. Ich solle hier ja nie nachts meine Kleider draussen hängen lassen sonst wären sie weg! Vielleicht ist das der Grund weshalb zwei meiner Kleider unauffindbar sind…

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Bald kommt der nächste Gang in Form eines Huhnes, das ich halten sollte aber das schaffe ich echt nicht. Sie zeigen etwas Verständnis für mich und das Vieh wird ein bisschen weiter weg geschlachtet. 

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Das Baby suhlt sich im Dreck und kriegt einen Schoppen. Die Grossmutter trägt das Baby in einer Hand und ein riesen Messer in der anderen. Das ist hier wirklich unglaublich: man lässt die Kinder machen und rennt ihnen nicht wegen jedem bisschen nach. Das härte sie ab meint die Grossmutter und das braucht es hier auch um zu überleben. Priska meint immer wieder, dass ich “more fat” bin als sie und dass das ein sehr gutes Zeichen sei. Fett zu sein bedeute, dass man eine ausgewogene Ernährung geniesse! Ich versuche, mich über das “Kompliment” zu freuen aber das gelingt mir schwerlich.

Bald kommt das Huhn mit Ugali auf den Tisch. Ich muss die Haut abziehen, weil das wirklich nicht appetitlich aussieht und man zeigt ein gewisses Verständnis für die Muzungu. Aber das Essen ist wirklich akzeptabel und ich habe ja keine Auswegsmöglichkeit.

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Wir sprechen über die Mijikenda: sie zeigt mir den Ablauf, wenn man bei einer Zeremonie die Leute begrüsst und ich mache ein kleines Video. 

Dann kommen wir zu den wesentlichen Frauenthemen und sie sagt mir alle Wörter, die man wissen muss z.B. für die Geschlechtsteile – man weiss ja nie, wozu man das brauchen kann! Und dann kam das Evergreen der Themen: die Homosexualität. Ich versuche dann immer eine sanfte Art zu fahren und zu erklären, dass man sich auch in gleichgeschlechtliche Menschen verlieben kann aber da beisse ich auf Granit. Es sei doch einfach nicht normal und nicht natürlich. Ich erzähle vom kenianischen Film Rafiki, der in Nairobi spielt und von zwei lesbischen Frauen handelt aber ich stosse nicht auf viel Gehör. Wir belassen das Thema mit meinem Satz: du musst nicht einverstanden sein, aber versuche wenigstens zu tolerieren dass gewisse Menschen anders denken. Das geht gerade so knapp durch…

Irgendwie kommen wir auch noch auf das Thema von Schamhaaren zu sprechen als sie mir alle “wüsten” Wörter sagt. Das nimmt mich jetzt natürlich schon Wunder, ob sich die Frauen hier rasieren und sie sagt: auf jeden Fall – auch auf dem Land, denn ohne Haare – auch beim Mann – geht der Sex viel besser und rutschiger. Zudem sehe man so jünger aus und es sei einfach hygienischer. Diese Art von Konversation hatte ich am Morgen noch nicht erwartet und ich erhole mich fast nicht mehr vor Lachen! Sie meint, dass die Frau den Mann rasieren soll wenn er noch Haare hat und es werde sich auszahlen.

Zum Glück höre ich auch, dass hier die Beschneidung der Frauen kein Thema ist. Das sei nur bei den Masaii und bei den Kamba der Fall aber hier wüssten die Männer, dass die Klitoris berührt werden muss vom Mann und dass sie nur dann auch ein Vergnügen habe. Hier bin ich also mitten im Bush und diskutiere beim ersten Treffen Themen, die doch für unsere Begriffe sehr intim sind. Ich erlebe tatsächlich immer wieder Überraschungen.

Priska hört am Handy Musik. Sie spielen gerade einen Mijikenda Sound und so zeigt sie mir ein paar Moves, die man braucht bei diesen Tänzen. Wir lachen viel und verbringen einen richtigen Weibertag.

Zum Abschluss gibt es noch eine frische Kokosnuss vom Baum. Ich trinke den ganzen Saft auch wenn es mir fast zu viel ist aber beim Fruchtfleisch essen muss ich irgendwann passen – das ist mir einfach zu viel. Beim Weg zurück will sie unbedingt meinen Rucksack tragen aber ich bin nicht einverstanden und sie sagt, dass sie das Gesicht verlieren würde, wenn die Leute sehen, dass sie nicht einmal den Rucksack ihres Gastes trägt – zumal es sich noch um die Frau des ehemaligen MPs handelt. Aber da sage ich ihr: damit musst du leben – ich passe mich vielen Dingen an aber einige Sachen kann ich einfach nicht zulassen und sie akzeptiert es und ist selber wohl auch froh, denn sie trägt auf dem Weg durch den Bush noch etwa 2 Kilo Cassava (Maniok) mit, den sie uns schenken will. Ich habe Kugelschreiber, Süssigkeiten und CHF 10 als Geschenk übergeben, da ich keine Lust hatte ein paar Kilo Mehl mitzuschleppen, wie es hier üblich ist. Ich glaube nach dem Tag sind wir beide sehr happy und lachen im Bett noch über unsere Erfahrungen!

Auf dem Rückweg faszinieren mich wieder die schönen Bäume aber es ist immer noch recht heiss und ich glaube, ich war selten so froh, das Marere Community Center schon von weitem zu sichten. 

Peter hält es immerhin bis um 15.30 aus bis er eine SMS schreibt und fragt wie es mir geht. Priska hat mir schon verraten, dass er mich extrem lieben muss, denn wenn ich nicht hier bin ist er immer traurig und er erzählt immer nur von seiner Frau aus der Schweiz. Ja der liebe Peter muss wohl bald auch gewisse Entscheidungen treffen, denn so lustig dieser Tag auch war: ich kann mir nicht vorstellen, ihn jede Woche zu wiederholen. Hoffentlich spricht sich das nicht herum, denn wenn jemand erfährt, dass man CHF 10 geschenkt gekriegt dann werde ich in Zukunft wohl noch viele Einladungen erhalten…

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