Jan 08, 2020: Unter Strom (wären wir gerne…)

Ich habe beim brennenden Lautsprecher am Fussballmatch erwähnt, dass wir an dem Tag noch andere elektrische Probleme hatten. Die Story hat sich über zwei Wochen verteilt und ich bin sicher, sie in einem Schub zu lesen wird wieder einige Nerven strapazieren… sorry, aber so ist das Leben hier.

Für die Wahlen 2017 hatte Peter einen grossen 42“ TV gekauft, damit man das Geschehen live mitverfolgen konnte. Der TV war zwischenzeitlich in seinem Haus in Kilifi und hat dann den Weg nach Marere gefunden. Wir haben hier ein TV Dish von der Firma DSTV und da sind selbst im Minimalvertrag von CHF 23 pro Monat ein paar ganz gute TV Stationen mit drin. Ich habe sogar schon eine Comedy Show auf der Deutschen Welle geschaut und auch sehr gute Filme auf diversen Kanälen. Es ist für mich so der wirkliche „Luxus“, den ich mir nebst dem Internetzugang leiste. Der Empfang ist nicht immer gleich gut, denn je nach Wetter heisst es einfach: no connection due to bad weather conditions. Aber meistens können wir die News und einen Film schauen und das ist eine sehr angenehme Abwechslung zum Landleben.

Der TV hat auch Claris (das Mädchen, das ich mit Schulgeld unterstützt habe) angezogen, die jetzt mit ihrer High School fertig ist und der es meistens langweilig ist. Also kommt sie nach Marere und hockt sich stundenlang vor den Fernseher und schaut doofe indische Liebesfilme. Zum Glück haben wir hier Mbuche, die kocht und putzt (seit Linet aus Nairobi hier war beides sogar noch viel besser…) und sie fühlt sich für alles verantwortlich hier, was für mich sensationell ist: sie hat nämlich Claris nachhause geschickt und gesagt: entweder hilfst du mit beim Arbeiten oder du gehst wieder nachhause – aber du sitzt sicher nicht vor dem Fernseher und brauchst die Elektriziät auf. Das hat es mir abgenommen, die böse Muzungu zu sein.

Zur Elektrizität ist noch zu sagen, dass wir ja seit einiger Zeit am Netz von Kenya Power angeschlossen sind. Momentan gibt es kaum mehr Aussetzer und das ist vor allem gut, weil wir ja jetzt auch stolze Kühlschrankbesitzer sind und die Medikamente von Peter für die Zuckerkrankheit drin aufbewahrt werden müssen. Und mein Atemgerät gegen die Schlafapnoe läuft auch die ganze Nacht rund. Das Konto „auffüllen“ kann man über Mpesa, d.h.  es wird angezeigt, wenn es nur noch wenige „Tokens“ hat und dann füllt man wieder auf. Früher haben wir kaum Strom gebraucht aber seit natürlich der Garten bewässert wird brauchen wir für die Pumpe mehr Strom. Es ist ein Zyklus, der sich nicht aufhalten lässt. Ja und gerade deshalb wäre ja die Solarenergie so wichtig (siehe weiter unten…)

Aber unser Ziel war es ja sowieso ursprünglich, dass wir möglichst vom Solarstrom leben können. Dazu mussten wir die alten Batterien ersetzen, was ein grosser Kostenfaktor war. Das hat Pro Ganze finanziert, denn wir möchten ja die optimalen Bedingungen für das zukünftige College legen. Die Batterien wurden ersetzt aber jetzt gibt es ein neues Problem: es gibt da einen Transformer/Adapter und der hat leider auch das Zeitliche gesegnet. Ein neuer kostet per Kostenvoranschlag etwa CHF 700 und die haben wir jetzt noch nicht eingeplant. Peter hat aber einen guten lokalen Elektriker gefunden und der sagt, dass er eine bessere Lösung habe: er könnte die kaputten Teile des Transformers ersetzen und das würde dann nicht so viel kosten. Also bezahlen wir ihm das Matatu nach Mombasa und die benötigten Ersatzteile sowie seinen Lohn und er kommt mit dem reparierten Teil nach ein paar Tagen retour und ist ganz stolz: wir bezahlen insgesamt etwa CHF 120 und finden das alles ganz grossartig. Der Sanitärler, der die Pumpe für unseren Wassertank eingebaut hat hätte auch eine Pumpe wählen sollen, die auch mit Solarstrom betrieben werden kann – doch Kooperation oder ein ganz kleines bisschen über den Tellerrand denken ist nicht so verbreitet hier.  Ich greife jetzt mal ein bisschen vor: der super geflickte Adapter hat dann auch nach vier Tagen wieder das Zeitliche gesegnet was bedeutet, dass wir momentan die Solaranlage gar nicht brauchen können und Peter Füllemann in der Schweiz hat im Internet recherchiert: ein genau gleicher Adapter kostet in der Schweiz etwa CHF 1’300!!! Nicht wirklich in unserem Budget. Aber gehen wir mal noch von der Situation aus, als wir uns über den geflickten alten Adapter gefreut haben…

Jetzt ist die Situation also so, dass alles ausser der Wasserpumpe mit Solar betrieben werden könnte, wenn wir denn einen funktionierenden Adapter hätten. Hätte hätte Fahrradkette. Das klingt aufs Erste nicht so schlimm aber wenn man bedenkt, dass jeder Wasserhahn, die Toilettenspülung und auch die Dusche von der Pumpe abhängen und somit weder gewaschen noch geduscht noch der Garten bewässert werden kann. Wir machen also einen Versuch in der ersten Nacht: nach dem Duschen und kurz vor dem Schlafengehen wird auf Solar umgestellt und das funktioniert prima. Wer aber nicht als Erster die Toilettenspülung betätigt ist Peter und paff: der Strom hört sofort wieder auf und Chiwai, der Hüter der Schlüssel, muss wieder kommen, den Stromraum aufschliessen und die Anlage neu starten. Aber für zwei Nächte funktioniert das dann doch ganz gut. Bis zum Tag an dem wir Besucher haben. Die begreifen zwar, dass man weder duschen noch aufs WC gehen kann aber man könnte ja mal am Wasserhahn drehen um sich die Hände zu waschen und paff: wieder ist er raus… Eine Lösung haben wir momentan grad nicht in Sicht aber wer weiss, vielleicht können uns die Experte von Davis & Shirtliff in Mombasa mal beraten, was wir da machen können…

Das Dumme ist nur: bei einem der „paffs“ stirbt auch das Bild vom TV. Ich bin grad an einem Film schauen und hoffe, dass das nur etwas Temporäres ist aber am nächsten Tag kommt leider auch kein Bild zum Vorschein. Mist: mein quasi einziges Luxus-Vergnügen ist dahin. Das DSTV Kästchen funktioniert noch und für einen kurzen Moment höre ich auch den Ton, aber das Bild hat sich verabschiedet. Wir drehen an der Satellitenschüssel aber das nützt nichts. Wir müssen den TV Installateur bestellen: ihr kennt die Prozedur schon: man muss ihm das Piki Piki bezahlen, sonst kommt er gar nicht erst in das entfernte Marere. Er macht sich aber ganz eifrig ans Analysieren und in kürzester Zeit hat er die Satellitenschüssel an einen besseren Ort verschoben und den TV aufgeschraubt und da wird dann auch klar, was der Grund für diesen Kurzschluss war: eine Maus liegt gegrillt mitten in den Drähten. 

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Aus die Maus!!! Den Transformer hat es ebenfalls gegrillt und es gibt nur die Möglichkeit, dass er den TV mit nach Kilifi nimmt um genauer zu analysieren, was gemacht werden kann. Das kann er aber nicht sofort machen – er verspricht, dass es den TV am Donnerstag holen wird. Nur schon die Vorstellung, dass man einen 42“ TV auf einem Piki Piki nach Kilifi transportiert löst bei mir gewisse Zweifel aus. Aber dann kommt uns in den Sinn: wir haben ja noch den TV, der aus Nairobi nach Marere gebracht wurde. Um einiges kleiner, aber ein Sony, der bisher auch immer gute Dienste geleistet hat. Dummerweise haben die Leute, die ihn gebracht haben aber den Adapter und die Fernbedienung in Nairobi vergessen. Wir probieren alle unsere Computer Adapter aus, aber wir haben nur 2 Sorten und die gehen beide nicht. Der eine hat zwar auch 19.5 Volt aber eben einen anderen Stecker.

Nach all der Arbeit muss sich der Techniker mit seinem Piki-Piki Fahrer erst einmal stärken. Zur Belohnung gibt es eine Schweizer Schokolade, die ich noch im kleinen Kühlschrank aufbewahrt hatte (ich glaube, das ist auch ein Stromfresser – auf jeden Fall surrt er lauter als der ganz grosse).

Ach ja: noch eine Notiz an mich selber: nehme nie mehr eine Schachtel Pralinen mit nach Kenia – auch wenn du eine noch so grosse Freude bereiten möchtest… Aber ich esse ja inzwischen gar keine Schokolade mehr…

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Sie (der Elektriker und der Piki Piki Fahrer) finden das sensationell fein und ich gönne ihnen diese Freude. Jetzt muss er aber einen entsprechenden Adapter finden. Die Telefoniererei geht los und er ist einem auf der Spur. Dazu muss er aber zuerst wieder nach Kilifi (ca. 40 Minuten pro Weg…) aber er macht es und findet einen für CHF 28. Na ja besser als gar keinen TV zu haben finde ich und bin bereit das auszugeben. Er kommt retour, probiert den Adapter aus: es funktioniert. In Kürze werden alle Stationen eingerichtet und wir haben zwar kein Remote-Gerät aber wir sind happy: wenigstens ist unsere Freizeitaktivität gesichert und ein bisschen Aufstehen um den Kanal zu wechseln ist auch Fitness. Der Techniker kriegt es dann aber hin mit dem DSTV Gerät alles einzurichen und er erzählt mir noch, dass er ein Self-Made Mann sei: er hatte kein Geld für die Universtität oder ein Diplom gehabt und so hat er sich das alles selber beigebracht. Er ist in der Zwischenzeit schon der Händler für einen grossen Laden in Mombasa und die Kontakperson in Kilifi.

Voller Freude setzen wir uns vor den Fernseher und schauen uns eine Sendung an. Ich finde, dass der Adapter schon recht schön heiss ist aber wir wollen den angefangenen Film zu Ende schauen und da plötzlich: ein Riesenpaff!!! Und der Adapter hat den Geist aufgegeben. Nur gut, dass er nicht auch noch einen Brand verursacht habt (ich behalte meinen Optimismus, ich behalte meinen Optimismus…) Ich versuche es als ein „Zeichen“ zu deuten, dass wir uns besser beschäftigen sollten als mit TV schauen und ich bin sicher, einige von meinen Blog-Leserinnen und -Lesern werden sagen: ja das ist so und sie würden auch sehr gut ohne TV leben etc. etc. aber für mich war es halt schon so ein Goodie auf das ich mich jeden Abend gefreut habe. Es laufen zwar nicht die neusten Filme und ich kann mich somit auch nicht auf die bevorstehende Oscar-Verleihung vorbereiten (ui da muss ich dann auch noch schauen wie ich zur Live-Übertragung komme) aber immerhin…

Auf jeden Fall besitzen wir jetzt 2 TVs: einen, der gar nicht funktioniert und einen für den der Adapter fehlt. Da wir sowieso nach Kilifi fahren nehmen wir das grosse Teil mit, denn wenn es am Schluss noch vom Piki Piki fallen würde dann wäre das ja auch zu ärgerlich… In Kilifi beginnt die grosse Diskussion, wo wir den TV deponieren können, denn es handelt sich ja quasi um eine Wertsache (er hat damals bestimmt CHF 1000 gekostet) und wir möchten ihn nicht einfach im Cyber lassen, wo momentan niemand ist den wir kennen. Peter telefoniert mit der Firma, bei der er den grossen TV gekauft hat und sie meinen, wir sollen ihn doch mit dem Techniker in Kilifi lassen. Darauf können wir uns jetzt schon mal einigen. Ja und wer ist dieser Techniker? Genau: der self-made man. Der besagte Emmanuel bringt noch so einen komischen Adapter daher. Teilweise lampen schon die Drähte raus aber der Techniker meint: das ist Fiber, das stört nicht und klebt das Ganze mit einem schwarzen Klebband ab. Das Teil kostet CHF 15 (immerhin nur die Hälfte des Letzten) und hat dummerweise noch einen europäischen dicken Stecker dran aber den kann ich ersetzen und ich habe trotzdem kein gutes Gefühl.

Mit viel herumtelefonieren und dank John, der gerade in Nairobi weilt kann In der Zwischenzeit das echte Sony-Kabel lokalisiert werden. Er schickt uns eine Foto und ich bin überzeugt, dass dies das Originalkabel ist. John kommt allerdings erst in ein paar Tagen wieder retour aus Nairobi aber so lange kann ich verzichten und ich erhalte wieder eine Rückerstattung für das eben bezahlte abgeklebte Kabel. Mpesa ist genial!

Es vergehen einige Tage. Ich habe herausgefunden, dass ich gewisse Dinge streamen kann und so gelingt es mir sogar, am Sonntagabend den Tatort mit Till Schweiger zu sehen: ja, das kann man jetzt dekadent nennen aber mich macht es irgendwie glücklich.

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In einer Nacht fällt dann auch noch der Strom komplett aus. Ich kriege schon fast Albträume, weil ich mir vorstelle, dass alles, was im Kühlschrank ist kaputt geht, dass ich nicht mehr spülen, nicht mehr duschen kann und dass ich in der Hitze vor mich hin leide und der ganze Garten austrocknet. Das Insulin für Peter muss gekühlt sein und wenn er es nicht mehr hat, dann kriegt er ein noch grösseres Gesundheitsproblem. Es dauert dieses Mal überdurchschnittlich lange aber plötzlich kommt wieder der erlösende Klick und alles funktioniert wieder und ich kann wieder durchatmen…

John bringt das Kabel dann schliesslich aus Nairobi mit aber er muss zur Arbeit und somit muss das Kabel wieder mit einem Piki Piki von Kilifi nach Marere gefahren werden. Spürt ihr in meinem Bericht, dass hier einfach nichts „simpel“ ist? Aber immerhin, das Kabel kommt, wir können es selber einstecken und wir können wieder TV schauen. Der grosse TV ist in der Zwischenzeit auch geflickt und kostet CHF 150, die ich im Moment auch nicht wirklich aufwenden will… Ich ignoriere mal ein paar Tage lang die Anrufe des Elektrogeschäftes…

Auch wenn es nur ein kleines Happy End ist: ich verbringe den Abend vor dem TV und schaue mir irgend einen Film an, der gerade läuft. Sinnigerweise heisst er: Wonder!!!

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