Jan 10, 2020: Land grabbing

Heute spreche ich mal wieder ein ganz heikles Thema an. Ich muss sagen, ich habe ja keinen riesigen historischen Background über das Thema. Aber in meinem CAS in African Affairs and Intercultural Relationships an der Uni Basel habe ich schon einiges zum Thema gelernt und auch viele Bücher gelesen (teilweise auch Romane, in denen das ein Thema ist). Es geht darum, wem welches Land gehört.

Um 1800 herum war Sansibar (heute eine beliebte Ferieninsel) die Basis für den Europäischen Handel in und aus Afrika. In 1885 übernahmen die Deutschen die Herrschaft in Tanzania und anektierten gerade auch noch einen 16 km weiten Küstenstrich entlang von Tansania und Kenia. Später einigten sie sich dann, dass vom Kilimanjaro bis an die Küste das Land geteilt wird und der nördliche Teil ging zu England über, da ihnen ja Kenia bereits “gehörte”. Diese haben das Land dann wiederum dem Sultan von Oman abgejagt.

Die echten “Besitzer” bzw. Bewohner der Ländereien wurden vertrieben und die Engländer nahmen vor allem alles fruchtbare Land im Norden von Kenia in Besitz. Es gab dann so etwas ähnliches wie “Reservate” für die ethnischen Gruppen, wie z.B. die Maasai aber die Verträge wurden kaum eingehalten und die Völker immer wieder vertrieben. In 1934 besassen die 30’000 weissen Einwohner etwa einen Drittel von allem fruchtbaren Land. So wurde etwa eine Million Kikuyus sowie fast alle Maasais von ihren ursprünglichen Ländern vertrieben. Das ging dann auch mit den Kalenjin und anderen Stämmen so weiter. Die Kikuyus boten den Engländern die Stirn und profitierten von gewissen Abkommen und konnten teilweise ihr Land behalten und wurden so zu den im Süden verhassten “reichen Kikuyus”.

An der Küste verlief alles noch fast dramatischer. Die Briten akzeptierten die Forderung des Sultans von Sanzibar und enteigneten die Mijikenda. Im Bericht, den ich gelesen habe steht: “As a result, up to 25% of the indigenous Mijikenda were turned into landless squatters, unable to register the land they had live on for generations.” Es wurden also 25% der Mijikendas enteignet und sie hatten keine Möglichkeit, das Land auf dem sie während Generationen gelebt haben, rechtlich zu besitzen.

Es folgten dann viele Streitereien in Kenia – vielleicht habt ihr schon vom Mau Mau Konflikt gehört, der 1952 viele Todesopfer forderte. Es ging dabei vor allem um solche Landforderungen. Die Briten mussten den Ausnahmezustand deklarieren und in diesem Zusammenhang wurde Jomo Kenyatta (der Vater des heutigen Präsidenten) 7 Jahre ins Gefängnis gesteckt. Der Ausnahmezustand dauerte bis 1960. Dann begannen endlich die Gespräche zur Unabhängigkeit von Kenia. Man bot teilweise Land zum Kauf an aber die Leute, die enteignet wurden waren nicht bereit für Land zu bezahlen, das ihnen ja ursprünglich gehörte.  Die Spezialabkommen, die dann aufgestellt wurden führten dazu, dass immer mehr Weisse aus Kenia wegzogen. Im Dezember 1963 konnte dann die Unabhängigkeit von Grossbritannien deklariert werden und Jomo Kenyatta wurde Premierminister und später dann Präsident. Wer denkt, von jetzt an wurde alles gut hat sich getäuscht. Gerade Kenyatta hat sich unter dem Deckmantel der Regierung mit Land bereichert, denn das ehemalige “Crown-Land” (Britisch) wurde jetzt als Regierungsland bezeichnet. In 1977 gehörte dann endlich wieder etwa 95% der ehemaligen “White Highlands” den Afrikaners, aber fast nur den Kikuyu. Die ethnischen Hintergründe wurden immer wichtiger und auf Kosten der ärmeren Stämme wurde auch an der Küste Land von den reichen Nordkenianern anektiert. Jede der Wahlen wurde überschattet mit Konflikten zum Thema Land – bis hin zu den Wahlen in 2007 als es sehr blutig zu und her ging. Im August 2010 wurde dann endlich eine neue Constitution beschlossen, die grosse Veränderungen zum Thema Land versprach. Die Animositäten gehen aber bis heute noch weiter.

So wie ich gesehen habe hat dann Uhuru Kenyatta (der momentane Präsident) einiges gut gemacht und er hat vielen Menschen ihr Land wieder zurückgegeben an der Küste, was ihm einiges an Sympathie entgegengebracht hat. Diese Sympathie brauchte er aber im Süden auch, denn hier sind fast alle in der Gegenpartei und haben ihn kaum gewählt. Bei diesem Land grabbing geht es nicht nur um fruchtbares Land sondern auch um wertvolle Bodenschätze wie Mangan und Eisenerz (Iron Ore). Davon gibt es auch in Ganze eine ganze Menge. Und auch Kies und Steine und diese werden momentan nach Kilifi gefahren. Tag und Nacht fahren riesengrosse Lastwagen hin und her, selbst am Sonntag, selbst um 6 Uhr morgens auf meiner Walking Runde. Der Lärm ist horrend – etwa ähnlich wie die leeren Bahnwagen entlang der Bodenseelinie – aber permanent… Weil die Leute in Jaribuni nicht organisiert sind entgeht ihnen auch ein riesengrosser Betrag, den die Lastwagenfahrer bezahlen müssten für jede Ladung, die aus Jaribuni gewonnen wird gemäss dem Mining Act. Aber wo niemand fordert wird sicher niemand freiwillig bezahlen.                                                

Es gibt jetzt also riesige Felder, wo man einfach abgebaut hat – vielleicht hat man das Land den Leuten sogar abgekauft und sie sind auf billige Deals reingefallen, weil hier auch CHF 100 schon viel Geld ist. Aber man baut das Land einfach ab bis ganz nahe an die Häuser ran. Ich habe Bilder gesehen und es auch live erlebt: die Häuser stürzen fast in die Löcher, die gegraben wurden. Diese Aufnahme ist etwa 400 Meter von unserem Haus entfernt und sogar in der Zeitung stand: very close to the former MP Peter Shehe’s house…

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In diesem Video verstehst du vielleicht nicht alles, aber du kannst die Situation erfassen:

https://www.youtube.com/watch?time_continue=4&v=XUyrIw0ISec&feature=emb_logo

Dann gibt es aber auch noch familiäre Probleme. Man sagt einfach, dass der Grossvater ein “Wizard” – ein Zauberer ist, weil er weisse Haare und rote Augen hat (dafür würde ich am Morgen manchmal auch qualifizieren..) und bringt ihn dafür um und hat somit das Land im Besitz. Wieder andere besitzen einfach keinen “Title Deed” das Papier, das es braucht um zu beweisen, dass es einem gehört. Die ganz schlauen fragen bei Bekannten nach, ob sie einen kleinen Blätz bepflanzen können. Nachdem sie das dann etwa 1-2 Saisons gemacht haben sagen sie einfach, dass das Land ihnen gehört, sonst hätten sie ja nie dort angebaut…

Jetzt komme ich aber vom Grossen ins Kleine und diese Story ist auch eine unglaubliche: Peter hat ziemlich viel Land in Mavueni, das ist der Ort kurz vor Kilifi, wo die geteerte Strasse nach Mariakani abbiegt und alle ihre Peanuts und Früchte verkaufen. Es ist ein strategisch sehr wertvolles Land und kann allenfalls einmal verkauft werden, wenn Peter nicht selber etwas damit anfangen möchte. Sein Sohn Daniel hat auch schon geäussert, dass er da etwas machen möchte aber mit der momentan kühlen Beziehung zwischen den beiden wird das wohl eher nicht passieren…

Plötzlich erhält Peter einen Anruf, dass gestern ein Lastwagen gekommen sei und Steine und Baumaterial abgeladen habe auf seinem Land. Zum Glück waren wir am nächsten Tag gerade auf dem Weg nach Mtwapa und so legen wir einen Stopp ein und schauen uns die Situation an. Tatsächlich: neben dem wunderschönen Baobab-Baum liegen grössere Haufen und niemand weiss, woher sie kommen. Zugegeben: für einen kleinen Moment ist auch der Sohn unter Verdacht aber er sagt, dass er gar nicht in der Nähe sei und das sicher nicht machen würde. Vielleicht eine gute Warnung, damit es ihm nicht in den Sinn kommt. Peter tauscht die Telefonnummer mit dem Typ aus, der gleich neben dem Grundstück ein Geschäft hat und er verspricht, dass er sich melden wird sobald wieder etwas Verdächtiges auftaucht. Und das ist dann auch 2 Tage später der Fall. Eine Kirche taucht auf, die auf dem Land bauen will. Anscheinend hat jemand ihnen das Land verkauft mit dem Vorwand, dass es ihnen gehört. Da wird also viel Unfug getrieben und es ist dann auch immer eine mühsame Sache, alles wieder zu klären. Manchmal braucht es sogar einen Anwalt auch wenn einem das Land gehört, was immer mit grossen Kosten verbunden ist. Da kommt mir gerade die absurde Anschuldigung gegen Peter in den Sinn, in der er vor Gericht beweisen musste, dass er Kenianer ist, nur weil ein Gegner behauptet hat, dass er keinen kenianischen Pass habe. So etwas kann dich echt aufreiben.

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Nicht nur Land aber auch anderer Besitz kann „gegrabbed“ werden. Ich war im September gerade am Seminar „Glücklich pensioniert“ in Luzern mit Peter als er plötzlich einen Anruf aus Kenia gekriegt hat. Ich war natürlich hässig, weil er mitten im Seminar rausgestürmt ist und das in der Schweiz nicht üblich ist – selbst wenn man ein Honorable ist.. aber es hat sich dann als sehr entscheidend erwiesen: der Lastwagen, den er während seiner Zeit als Parlamentarier gekauft hat und der ihm ein gewisses Einkommen gesichert hat, wurde von einer Firma in Beschlag genommen, die behauptete, sie habe dafür bezahlt und der Lastwagen müsse jetzt konfisziert werden. Peter war nicht vor Ort und Changawa, der Lastwagen-Fahrer, war ohnmächtig und konnte nichts unternehmen. Selbst Daniel waren die Hände gebunden. Das bedeutet jetzt, dass Peter einen Anwalt nehmen musste, dem er wieder viel Geld in den Rachen schieben muss und der bis heute noch nichts erreichen konnte. Die Gerichte öffnen erst am 16. Januar wieder und der Lastwagen ist schon auf einschlägigen Websites zum Verkauf gesichtet worden. Aber das geht bestimmt auf die Rechnung der politischen Gegner. Sie haben ja einmal gesagt: Peter war der erste und letzte Kauma (ein Stamm der Mijikenda), der hier Member of Parliament war. Wir werden alles daran setzen, dass er entweder aufgibt oder wieder retour in die Schweiz geht.

Es sind Geschichten, die uns unglaublich vorkommen aber sie passieren dauernd und das einzige Gefühl, was mir dazu in den Sinn kommt ist Machtlosigkeit und auch eine ganze Portion Wut wegen dieser Ungerechtigkeit. Aber ihr erinnert euch: bei Dingen, die ich nicht aus eigener Kraft ändern kann übe ich mich in Gelassenheit. Ich habe noch genug zu tun mit den Dingen, die ich ändern KANN!

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