Jan 15, 2020: Ein ruhiger Tag in Marere (Denkste!)

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Darauf habe ich mich mindestens eingestellt. Nachdem Peter gestern für das Subcounty unterwegs war freue ich mich auf einen ruhigen Tag zusammen mit ihm und ohne besondere Verpflichtungen. Er hatte mir versprochen, beim Aufhängen von ein paar Bildern etc. zu helfen und er hält Wort. Wir platzieren die paar Dinge, die wir von Nairobi gebracht hatten und machen unser Zuhause wohnlich. Ich fühle mich schon richtig wohl und im Vergleich zum Vorjahr haben wir richtig viel erreicht und können jetzt sogar bequem schlafen – ein Fakt, der gerne unterschätzt wird. Ich habe mich mit dem Thema Schlaf etwas intensiver beschäftigt in letzter Zeit und einzig beim Thema: sie sollten in einem kühlen Raum schlafen kann ich hier nur Achselzucken und Schmunzeln…

Claris, die junge Frau, die ich während der Sekundarschule unterstützt habe, kommt vorbei und wir schauen uns Fotos und auch ein paar Aufnahmen vom Weihnachtskonzert und von den sinGALLinas an. Sie ist natürlich gekommen um TV zu schauen aber ich quetsche noch ein paar Dinge aus ihr heraus. Ich will wissen, wie sie sich ihren “Traummann” vorstellt und lache über ein paar Begriffe wie “rosa Lippen”, d.h. wenn hier jemand keine schwarzen sondern eben rosa Lippen hat dann ist das ein Schönheitssymbol. Sie sagt noch ganz verstohlen: so wie Paul… (der Sohn von Peter). Aber er muss auch Muskeln haben und gross und stark sein und vor allem Humor und einen guten Umgang. Alles sehr verständlich für eine 19-jährige Frau (und auch für eine 60-jährige…). Sie hat sich jetzt bei ein paar Universitäten beworben weil sie einen guten Abschluss gemacht hat und ich hoffe für sie, dass sie erfolgreich sein wird. Mitglieder aus der Familie werden helfen können aber ich befürchte, das wir auch Kosten zur Folge haben. Wir werden bestimmt zusehen, dass sie ein Stipendium kriegt.

Ich erhalte noch die traurige Nachricht, dass das Kind, das meine Basler Freunde unterstützen in dem schrecklichen Busunfall war, der gestern in Malindi passiert ist. Ich hatte schon im Internet darüber gelesen und gehofft, dass es nicht so schlimm war wie es aussah! Es gab 6 Tote und das, weil der Matatufahrer (Kleinbus) einen grossen Passagierbus überholen wollte und dann die Kontrolle verlor und somit ein direkt Zusammenstoss unvermeidlich war. Der Junge ist zwar nicht gestorben aber er wurde zuerst nach Malindi ins Spital gebracht. Dort waren aber keine Ärzte und somit musste das Kind in das 2 Stunden entfernte Mombasa gefahren wurde, wo aber erst am nächsten Tag ein Arzt zu ihm schauen kann. Ich beklage mich nie mehr über die Verhältnisse in der Schweiz – wir leben im Paradies verglichen mit solchen Situationen.

Peter hat mir vor ein paar Tagen mal gesagt, dass ein paar Leute vorbei kommen möchten um für ihn zu beten. Die Nachricht, dass der “heilige” Peter, der sonst immer stark war und für alle da war, 3 Wochen im Spital war hat hier sehr viel ausgelöst. Die Leute kommen vorbei und bringen zu Essen und eben: alle wollen für ihn beten. Ich habe so beiläufig gesagt: ja das musst du selber wissen und habe dann wieder komplett vergessen, dass das für Mittwoch angesagt ist. Inzwischen waren ja auch noch zwei Geistheiler hier, die beim Vollmond eine Zeremonie gegen die bösen Geister gemacht haben. Ich bin bei solchen Themen einfach immer gespalten. Einerseits weiss ich selber ja auch, dass es mehr gibt als das Sichtbare und ich selber glaube ja auch an Gott. Aber hier komme ich nicht drum herum zu denken, dass es auch finanzielle Hintergründe hat. Trotzdem mache ich seit Jahre allerlei Rituale mit, da ich mich selber stark genug fühle um nicht von bösen Geistern besessen zu werden.

Wir haben so mit 2-3 Menschen gerechnet. Plötzlich ist da eine grosse Gruppe Menschen – es sind bestimmt 30 Personen, die in Marere auftauchen. Peter erinnert mich daran, dass es sich um die Gruppe handelt, die für ihn beten möchte. Seine Tante (eine von Hunderten) ist in dieser Kirche dabei und anscheinend auch unsere Haushilfe Mbuche.

Ich denke zuerst: macht mal aber dann höre ich das wunderschöne Lied, das sie draussen im Kreis singen und wie immer: die Musik berührt mein Herz und ich gehe in den Kreis und singe mit und habe Tränen in den Augen. Es gibt quasi immer eine Vorsängerin und die anderen wiederholen dann in etwa dasselbe. Somit fällt es mir leicht mitzuhalten, zudem ich ja so ein gewisses Talent habe fast jede Sprache einfach mitzusingen – vielleicht um einen Bruchteil einer Sekunde versetzt.

https://youtu.be/M9rZlGiPwBc

Aber dass Superwoman und die Mutter von Wicky dabei sind (Fotos am Anfang) kommt mir schon etwas sonderbar vor. Was ich aber nicht erwartet habe ist das, was folgt: plötzlich fangen sie an “in Zungen” zu reden und das ziemlich heftig und laut. Wer die Pfingsmission kennt, weiss wovon ich spreche.  https://de.wikipedia.org/wiki/Zungenrede?wprov=sfti1. Mir wird dann auch bestätigt, dass es sich um die Pentecoastal Church handelt und das erklärt einiges.

Ich habe das in der Schweiz schon einmal erlebt und auch im Religionskurs davon gehört. Wenn du es das erste Mal siehst ist es recht befremdend. Wie das aber hier „abging“ kannst du dir echt nicht vorstellen und ich musste daher sogar mehrere kleine Filme machen. Plötzlich schüttelt sich die eine, der andere schmeisst sich auf den Boden und kriecht und schreit während alle in ein unverständliches Sprechen und Rufen ausbrechen. Das ist die Stufe 1 und die Stufe 2 ist, dass alle wild im Community Center rumrennen. Mit den Händen in der Höhe, mit Wasser um sich schmeissend und so als Aussenstehende betrachtet dient es wohl dazu, alle bösen Geister zu vertreiben. Unser ganzes Kies in der Eingangshalle wird drunter und drüber gewirbelt. Einer gräbt in seiner Ekstase ein riesen Loch in den Boden und eine putzt mit ihren Kleidern die ganze Community Hall weil sie sich hin und her wälzt.

https://youtu.be/I2NyYs5h0Ew 

https://youtu.be/tkJyWOW2KY4 

Unter unserem Baum liegt noch jemand am Boden und wird von der ganzen Gemeinde umringt und beruhigt.

Danach folgt noch ein Gesang und alles beruhigt sich wieder. Dann ist die Predigt dran und ich setze mich staunenderweise auch wieder dazu weil ich ja auch den Support von Peter zeigen will. Dann müssen Peter und ich nach vorne sitzen und es wird wieder gebetet. Lautstark und alles was das Zeugs hält. Ich schliesse die Augen und hoffe, dass ich nicht plötzlich noch geopfert werde. Echt jetzt: ich verstehe einfach nicht, warum Kirche laut sein muss mit Schreien und fast einschüchternden Worten… Peter erzählt die Geschichte von seiner Krankheit und ich werde gelobt dafür, dass ich ihn gerettet habe. Hallelujah! Irgendwann (so etwa nach einer Stunde) ist der Spuk vorbei. Peter organisiert noch Tee und Brot und alle sitzen friedlich am Tisch und erhalten Bonbons von Peter, der auch ein bisschen überrascht aus der Wäsche schaut.

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Ich bin sprachlos und weiss gar nicht so recht, was hier passiert ist. Ich aktiviere alle meine positiven Kräfte und bin dann auch froh, dass sich dann schlussendlich alle in das Auto gepfercht haben – bei 18 höre ich auf zu zählen. Changawa bringt die Leute wieder retour und wir unterhalten uns über alles was passiert ist. 

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Dazwischen ist auch mal ein Piki Piki Fahrer vorbei gekommen und ein Auto hat angehalten von einem Nachbarn, der dann aber wieder schnell verschwunden ist weil er wohl auch erstaunt war über all die Leute, die hier schreiend hin und her gerannt sind. Das Beste am Ganzen: wir haben beim Nachtessen viel zu lachen und ich serviere meine Pumpkins mit rotierenden Armen, was sie viel Gelächter auslöst. Spannend wie man manchmal auch ohne grosse Sprachkenntnisse kommunizieren kann.

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Es gibt verschiedene Arten an Gott zu glauben das respektiere ich vollkommen – ich respektiere auch, wenn man Gott nicht einmal so nennt, aber das ist jetzt wohl die verrückteste Variante, die ich je erlebt habe. Für mich vollkommen übertrieben aber wahrscheinlich tat es denen gut, die wieder mal so richtig aus sich heraus kommen konnten.

So viel zum ruhigen Tag in Marere! Immerhin sind wir für die nächsten 10 Jahre vor bösen Geistern sicher nach dieser Intervention… May God bless you and may He bless the Marere Community Center.

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