Jan 17, 2020: Steiler Aufstieg

Könnt ihr euch erinnern an meine Sekretariatsarbeit? Als dann alles mal gedruckt und gebunden war dachte ich mir schon: und, was passiert jetzt mit diesem Files? Es braucht ja zig Unterschriften von verschiedenen Ämtern mit dem dazu gehörenden Stempel und das Datum der Einweihungszeremonie wurde auf den 24. Januar angesagt, damit das neue Sub-County Kauma noch von den Geldern für 2020 profitieren kann. Peter kennt natürlich die Tricks of the Trade und so gab es in den letzten Tagen ein Meeting nach dem anderen. Kombe (meine Kenya-Freunde kennen ihn gell Olivia, Esther, Peter und Peter) mit den schrägen Zähnen und dem wirklich penetranten Körpergeruch ist mir immer wieder ein Dorn im Auge, weil ich ihn einfach so kennengelernt habe, dass er auftaucht, wenn es etwas zu essen gibt. Aber anscheinend ist er total bauernschlau, denn er ist es, der all die Unterschriften organisiert hat in Nairobi. Ich schäme mich grad ein bisschen, denn das hätte ich jetzt nie und nimmer erwartet. Zeigt einmal mehr, dass man viele unbewusste Vorurteile hat und ich finde es manchmal gut, wenn es mir auch wieder passiert, denn es sind immer Lektionen, an denen ich wachsen kann. Das File ist jetzt also auf dem Tisch – von überall abgestempelt.

Eine Reise ohne mich gab es dann nach Mombasa zu Mombasa Cement. Sie sollen eine Garantie abgeben für die Möbel. Nicht, dass sie sie kaufen müssen aber sie müssen einfach für den Kauf garantieren. Das brauchte einen ganzen Tag mit einer Delegation vom Council of Elders, quasi vom Ältestenrat der Kauma. Momentan sind sie grad noch am Rekrutieren von Frauen, denn bisher war das eine reine Männerrunde, aber selbst hier wird Diversity gefordert, was mir natürlich gefällt.

Es gibt dann noch einige tagelange Meetings um die Details festzulegen und ich erhalte wieder Schreibarbeit und werde fürs Mitdenken und die perfekte Darstellung des Briefes gelobt (gelernt ist gelernt….) Ich war mit dem ersten Brief zwar nicht ganz einverstanden, weil man zwar vom Kilifi County Geld für die Eröffnungsfeier will, aber gleichzeitig darauf hinweist, dass dieses Geld den Kaumas ja zustehen würde, weil die Regierung ja eh von den Kiesgruben genügend Geld erhalten haben. Aber ich mische mich nur ein, was die Grammatik und die Formulierung der Sätze anbelangt.

Weil ich eh noch in Kilifi einkaufen muss gehe ich dann mit der Delegation mit und ich komme nicht drum herum bei den Sitzungen dabei zu sein. Weil ich mich so beeilen musste habe ich den Schlepptop dabei (ein alter HP, der bestimmt 5 Kilo wiegt…) und auf der holprigen Fahrt versuche ich die Daten auf einen Stick zu transferien, was mir nach einige Versuchen gelingt.

Zuerst ist das Meeting beim Minister des Wasserdepartementes angesagt. Er hat Freude an der Initiative und ich darf bei seiner Sekretärin den Brief, das Budget (etwa CHF 10‘000) und das Programm ausdrucken. Ich bin super erstaunt, wie die Sekretärin mit dem Computer umgeht. Sie wirf sogar den Stick sauber aus(gell Onkel Peter, das haben wir so gelernt). Der Wassermensch weist dann auch darauf hin, was auch mir aufgefallen ist: man kann nicht gut einen Bettelbrief schreiben und dann auf die Missstände hinweisen. Also wird der Absatz entfernt und auch der verhasste Governor Amason Kingi eingeladen – schliesslich muss er ja das Budget freigeben. Beim zweiten Ausdruck klemmt es dann das Papier richtig übel ein: nicht so, dass man das Papier wieder rausziehen kann: nein so richtig übel. Aber die Wunderfrau kriegt auch das hin: sie entfernt den Toner und entfernt das Blatt ganz vorsichtig. Dann werden Kopien gemacht und alle salben die Blätter dann noch in ihren Händen rum, dass sie nach kurzer Zeit schon so aussehen als hätte sie “eine Chue i de Schnorre” gehabt… Aber wir haben das Ziel erreicht ohne auch nur in ein Cyber Café zu gehen.

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Peter fragt dann mal scheu nach, ob es wohl auch noch ein kleines Frühstück gebe, schliesslich ist der Älteste ja 83 und musste bereits um 6 Uhr aufstehen… Ohne Probleme holte der ein paar Tausender raus. Aber wir müssen ja schon weiter zum Vize Governor, denn der Governor selber ist (zum Glück) in Mombasa. Wir erhalten also Audienz im riesigen Büro und alle sind sehr positiv eingestimmt. Ich kann ihm dann auch die verloren gegangene Gazette (das offizielle Dokument der Regierung über das Sub-County) per WhatsApp schicken, was alle beeindruckt.

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Ich werde sofort zur Secretary of the Council of Elders promotet. Das Frühstück wird dann auch gebracht nur dummerweise hat es keine Stühle im Sitzungszimmer und wir werden in ein anderes Zimmer verfrachtet und können Tee mit Mandazi und Chapati geniessen.

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Ich beginne langsam aber sicher daran zu glauben, dass es vielleicht doch noch zum Klappen kommt. Der letzte Besuch ist dann bei einem Typ, der allenfalls 2020 Member of Parliament in Ganze werden möchte. Was er uns erzählt über die Wahlen 2017 erstaunt mich nicht: weil er auch für die Regierung arbeitet musste er damals Teddy Mwambire unterstützen, der auch für dieselbe Partei kandidierte wie der Governor – sonst hätte er die Stelle verloren. Er meinte, das sei eine abkartete Sache gewesen und es war ihm so oft peinlich, dass er hinter diesem Typ stehen musste, obwohl der ja gar nicht an ihn glaubte. Ich frage ihn dann nach seiner Motivation und er meint, sein Ziel sei es, die Armut in Ganze zu bekämpfen. Das ist ja alles löblich aber wie er es dann wirklich anstellen wird kann ich mir kaum vorstellen. Und nach all den Erfahrungen mit Peter frage ich mich, warum man sich überhaupt noch für einen solchen Job bewerben möchte. Und er spricht auf jeden Mal schon CHF 200 gut für die Festivitäten und gibt auch noch mindestens CHF 40 aus für Mittagessen. Es ist also schon Geld vorhanden.

Die Esswaren sind dann schnell gekauft und ich fühle mich auf dem lokalen Markt schon wohl. Ich habe meinen Stand, an den ich immer gehe und sie gibt mir gute Preise und feines Gemüse. Vollgepackt gehen wir nach Marere zurück und ich habe wirklich ein grosses Grinsen auf dem Gesicht. Hier ist die Muzungu, die hilft Geschichte zu schreiben. Irgendwie auch eine Ehre. Peter verbringt dann den Rest des Tages mit zwei Männern, die aufgetaucht sind über das Thema Landgrabbing zu sprechen und danach muss er damit beginnen Kreti und Pleti einzuladen. 35‘000 potenzielle Teilnehmer an dieser Einweihung – wir werden sehen was passiert.

Was mir immer klarer wird: Peter ist hier die Ansprechperson für so viele Menschen und er fühlt sich wohl in dieser Rolle und kennt das politische System mit allen Tricks. Zudem hat er Beziehungen, die ihm wirklich überall Tor und Türe öffnen Ich sehe auch nicht, wer das sonst übernehmen könnte, denn es lief ja jetzt wirklich 2 Jahre lang nichts mit diesem Sub-County Thema und er ist der Treiber hinter allem.

Die Diskussion über unsere gemeinsame Zukunft und unsere Zeit zusammen haben wir dann mindestens mal so ausgelegt, dass wir auf 5 – 6 Monate zusammen kommen. 2-3 Monate in Kenia und 3-4 Monate in der Schweiz – das ist immerhin schon doppelt so viel wie bis anhin…

Und Visionäre sind ja auch nicht unbedingt für ihren Reichtum bekannt sondern besonders dafür, dass sie nicht aufgeben und eine Veränderung herbeiführen. Auf die Veränderung!

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