Jan 20, 2020: Aufräumarbeiten

Ich habe noch zig Briefe ausgedruckt:
“den haben wir noch vergessen, der braucht auch noch einen –
könntest du noch”… tröpfchenweise kommen die Anfragen an mich
heran. Dann habe ich noch einen Namen falsch geschrieben Maita
anstatt Maitha und sie geben mir den Namen der Women Representative:
Getrude – ich schaue zur Sicherheit im Internet nach – sie heisst
natürlich Gertrude, ein recht verbreiteter Name hier. Ich kannte
bisher nur
eine und die ist Österreicherin…

Der Drucker hat es ja von Nairobi nach
Marere geschafft aber leider wieder ohne Kabel (das kommt mir jetzt
grad ein bisschen verdächtig bekannt vor…) Er würde zwar via
Wireless funktionieren, aber die erste Installation muss man via
Kabel machen… Habe ich schon mal erwähnt, dass ich auch eine
Ausbildung zur PC Supporterin habe? Wahrscheinlich etwas vom
Nützlichsten, was ich je gelernt habe!!! Analyse: wir brauchen ein
Kabel – dummerweise schaue ich gar nicht hin und nehme einfach an,
dass es USB – USB ist und mache mich in Kilifi auf die Suche. Mein
Eletronics Shop des Vertrauens hat so etwas nicht aber der grosse
Laden an der Ecke meint, er hätte so etwas. Er bringt zwar zuerst
Telefonladekabel aber ein ganz verstaubtes Modell findet er noch: das
letzte – wie er meint! Dann muss ich natürlich handeln und ich
kriege es für Kshs 250 anstatt 300 (CHF 2.50) Ganz happy über
meinen Deal mache ich mich zuhause ans Drucken – au Mist, das ist
so ein uraltes viereckiges Teil und das funktioniert nicht mit meinem
USB Kabel… Ich glaube es heisst USB A zu USB B oder so ähnlich…

So geht dann Peter nach der Beerdigung
(heute sogar am Sonntag) noch nach Kilifi aber es sind wohl echt fast
alle Läden geschlossen. Mir kommt noch die Idee, den TV Mensch zu
fragen und prompt hat er eine Quelle. Der will zwar wieder CHF 15
aber Peter sagt, er nehme das Kabel erst mal mit und probiere es aus…
ist ja echt ein Wucherpreis.

Wahrscheinlich deshalb, weil mir der
TV Mann vor kurzem geschrieben hat: Mama I have some problems can you
please give me Kshs 1000 und ich nicht geantwortet habe – die sind
jetzt da eingerechet. Aber: das Kabel tut seinen Dienst und jetzt
kann ich schon ein Cyber Café eröffnen in Marere. Drucker (mit
Patrone) und Papier habe und sogar einen Bostitch (mit etwa 10
Klammern) und einen Locher! Ich mache ein Startup!!! Dem Typ mit dem
Wucherpreis bezahlen wir dann mal CHF 10.– das ist das oberste
Gebot, den auch in der Schweiz kostet es nicht mehr!

image

Am Freitag soll ja die ominöse
Inauguration / Eröffnungszerermonie des Sub-County Kauma
stattfinden. Es sind zwar noch null Gelder gesprochen aber Peter
treibt die Sache voran, denn er ist ja schliesslich die treibende
Kraft dahinter und alle anderen waren jetzt ja schon 2 Jahre lang
überfordert mit der Situation.

Am Montag sind die Aufräumarbeiten
des Geländes angesagt. Wir müssen ganz früh aufstehen meint Peter,
er habe da eine Vorbildfunktion. Er organisiert alle, die er
organisieren kann und ich muss da natürlich auch auf die Matte, weil
ich ja auch als Vorbild gelte.

Wir stehen zwar schon um 05.30 h auf
aber als
wir losgehen ist es doch schon 08.30! Es sind aber bestimmt schon 20
Leute dort. Mit Pangas (Machetten) machen sie sich daran, die Wurzeln
und das Gras (den “Bush” halt”) kleinzuhacken. Das Feld ist
riesengross und übersät von Abfall. Es werden hier an Festtagen
immer “Discos” durchgeführt aber das Aufräumen, das wird dann
immer der Bevölkerung überlassen. Also im Verhältnis zu dem, was
gleich nach Neujahr war ist es ja schon besser, aber da liegen Dinge
rum, die müssen schon seit Jahren vor sich hinrotten. Ich habe meine
chicen Haushalthandschuhe dabei, denn ein bisschen gruusig finde ich
das Ganze ja schon. Ich sehe aber durchaus, dass ich da mit gutem
Beispiel voran gehen muss und es ist mir ja auch ein echtes Anliegen,
die Umwelt sauber zu halten. Wie viele Male habe ich sogar Peter
schon gesagt, er dürfe keinen Abfall zum Fenster rausschmeissen. In
der Schweiz käme ihm das nicht im Traum in den Sinn aber hier gehört
es einfach zu einer reflexartigen Handlung!

Ich versuche eine möglichst gute
Bücktechnik zu entwickeln und denke dabei immer an Susi Zünd, die
mir solche Dinge beigebracht hat, damit ich da auch durchhalte und
sofort kommt eine riesen Gruppe junger Männer angerannt: sie würden
das doch schon machen, ich solle aufhören etc. aber ich mache
beharrlich weiter. Zum Glück ist es viel weniger heiss als sonst und
die Sonne brennt nicht direkt runter. Es ist also klimatechnisch
durchaus auszuhalten mit viel Sonnencrème, meinem Kühltuch und
meinem Sonnenhut. Aber gruselig ist das Ganze schon: am meisten hat
es Kaugummiverpackungen und auch nicht wenige PET-Flaschen.
Dummerweise gehören aber auch Glasscherben dazu und dann
Verpackungsmaterial von Guetzli, Zigaretten, Kopfwehtabletten. Ich
sage zu Peter: hoffentlich finde ich keine Pariser und er meint nur,
die würde ich nicht auf offenem Feld finden, die wären dann wohl
mehr am Rand zu erwarten… Und ich füge hinzu: immerhin: sie hätten
dann einen Pariser benutzt, was ja sicher bei den wenigsten der Fall
ist!

Warum sehen die Leute hier nicht, was
aufgeräumt und was schmutzig ist? Was wird es brauchen, bis in den
Schulen, in den privaten Häusern und überall der Abfall entsorgt
wird? Ich frage mich echt, woran das liegt…

Mit einem zahnlosen bestimmt
100-jährigen Mann bin ich am witzeln und wir schauen, wer mehr
zusammen kriegt. Er zündet Peter an, dass seine Frau viel mehr
arbeite als er. Er sei nur da um zu organisieren. Das gibt natürlich
ein Riesengelächter. Peter hat auch den lokalen MCA (Member of
County Assembly) und dessen Stellvertreterin organisiert. Die
sponsoren dann mindestens das Maismehl fürs Mittagessen. Nach 2
Stunden sammeln und verbrennen brauche ich eine Pause und es ist
erstaunlich wie toll das Feld jetzt schon aussieht. 

Pangas

https://youtu.be/k5w9lVm2Hok

Jetzt sind nur
noch Panga-Arbeiten gefragt und da muss ich passen. Vor diesen
Machetten habe ich einen Heiden-Respekt und ich ziehe mich ins Auto
zurück um Bücher zu lesen und Podcasts zu hören. Es ist ein
bisschen absurd aber alleine meine Präsenz vor Ort motiviert die
Menschen! Plötzlich sehe ich einen weiteren grossen Haufen Dreck,
der vergessen ging und ich setze mich nochmals ½ Stunde ein. Ich
erhalte überall bewundernde Aufmunterungen und viele Dankeschöns.

Ich nehme eine Gruppe von Frauen wahr,
die ein Feuer machen und jetzt tatsächlich damit beginnen Ugali zu
kochen. Kein Wunder, kommen mir die riesigen Töpfe und die Teller
bekannt vor: es sind unsere aus Marere! Es ist so, dass jetzt die
50-100 Personen, die helfen alle ihren Teil Ugali kriegen. Zwar kein
feudales Mal aber immerhin – sie haben eine Belohnung gekriegt. Sie
verdauen dann alle erstmal und haben danach
eine Besprechung zum weiteren Verlauf der Dinge.

Ugali für alle

https://youtu.be/VXL9PH9Amrk

Ich sage dann zu Peter, dass es mir
jetzt langsam etwas langweilig werde (ach es sind ja erst 7 Stunden
vorbei) und ich gerne nachhause würde. Ich habe ja gelernt, nicht
mehr ungeduldig zu sein und – Internet sei Dank – kann ich mich
inzwischen also auch stundenlang beschäftigen… Er sagt aber, dass
es für ihn selber wichtig sei, dass ich in der Nähe sei und auch
für die Menschen – die seien nämlich ziemlich beeindruckt.

Ich bin grad fast schon am vor mich
hindösen, da kommt der Chief zu mir ans Auto. Er sei jetzt mit der
Arbeit fertig und er sei zutiefst beeindruckt, was wir alles
geschafft hätten. Das zeige einfach, dass Peter ein grosser Leader
sei und es täte ihm so leid, dass er von der Regierung – die
absolut nutzlos sei – ausgebootet wurde. Peter könne die Leute
motivieren und ich müsse wissen, dass die Menschen einen grossen
Respekt vor mir hätten, da ich ja auch einfach in der Schweiz
bleiben könnte. Aber nein, ich würde diese schwierige Arbeit sogar
selbst auf mich nehmen und mich für die Menschen einsetzen. Solche
Vorbilder bräuchten die Menschen hier und er sei sehr sehr
glücklich, dass ich gekommen sei. Wow – das wärmt nicht nur mein
Herz aber es zeigt auch, dass man manchmal etwas bewegt, ohne dass
man sich dessen bewusst ist.

Clean

https://youtu.be/S7AXnRrEYVA

Dass ich mich heute
überdurchschnittlich bewegt habe spüre ich dann in der Nacht, bzw.
Ich spüre fast nichts mehr: ich habe Muskelkater und Hitzewallungen
und auch Peter steht nicht so frisch wie üblich auf. Ich finde aber:
es hat sich extrem gelohnt, diese Vorbildfunktion einzunehmen.

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