Jan 24, 2020: Keine Feier – Renovieren!

Auf heute war mal die Inauguration Feier für das Kauma Sub-County geplant. Ich sage nicht “ich habe ja gesagt, dass es zu kurzfristig ist”, denn für einen kleinen Moment habe ich sogar selber daran geglaubt, dass es klappen könnte.

Was am meistens dagegen spricht ist eine riesen Veranstaltung, die morgen in Mombasa stattfindet und bei der alle Wichtigen und auch diejenigen, die sich dafür halten, teilnehmen: BBI Building Bridges Initiative. Ich muss gerade ein bisschen Schmunzeln, denn im Kleinen hatten wir so etwas Ähnliches bei meinem Arbeitgeber: wir definieren jetzt neue Spielregeln aber während wir die definieren machen wir mit allen Fehlern weiter, die wir schon immer gemacht haben…

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Also Building Bridges Initiative kommt von der Regierung (von zwei Parteien, die sich zwar Spinnefeind sind aber gegen aussen von “Handshake” sprechen) und hat sich riesengrosse Ziele gesetzt, nämlich über folgende Themen zu sprechen (von mir frei übersetzt)

Lack of National Ethos (Mangel an Nationalem Ethos)

Responsibilities and Rights (Pflichten und Rechte)

Ethnic Antagonism and Competition (Ethnischer Widerstreit und Wettbewerb)

Divisive Election (Spaltende Wahlen)

Inclusivity (Inklusivität)

Shared Prosperity (Geteilter Wohlstand)

Corruption (Korruption)

Devolution (Übertragung von Macht an die Counties)

Safety and Security (Schutz und Sicherheit)

Na dann mal Prost!!! Das wird in verschiedenen Regionen mit Leadern gemacht, Peter war bereits mal an einer Veranstaltung, die wohl nicht viel anders ausgesehen hat als eine Wahlveranstaltung der Regierung…. Böse Zungen behaupten, die Involvierten würden lieber versuchen Geschichte zu schreiben als sich um die aktuellen Probleme zu kümmern. Und so kommt es im Vorfeld des Mombasa Meetings schon zu massiven Protesten von lokalen Politikern, die sich nicht vorschreiben lassen wollen, wann und wo sie zu sprechen haben (und worüber, denn das schreibt man ihnen bestimmt auch vor…)

Ja also ebendiese Initiative macht morgen in Mombasa halt und da sind alle wichtigen Köpfe und solche die es gerne wären beschäftigt und müssen sicher auch vorher schon anreisen. Es wurde also auch noch kein Budget gesprochen für die Eröffnung aber etwas haben wir erreicht: der ganze Ort der Veranstaltung wurde fein säuberlich gereinigt und das als Gesamtleistung der Bevölkerung. Der einzige Lohn war ein bisschen Ugali zum Zmittag gesponsort von verschiedenen Leuten! Das nenne ich jetzt mal ein wunderbares Miteinander!!! Gestern Abend wurden also noch WhatsApp Nachrichten mit sehr diplomatischem Text “due to unavoidable circumstances” (ich lach mich kaputt…) muss die Inauguration verschoben werden. Sie werden wieder informiert…

Ich friss einen Besen, wenn nicht irgend jemand auftaucht heute… aber den Besen fresse ich jetzt nicht sondern den nehme ich in die Hand, denn “Renovieren von Kiwandani” ist angesagt. Peter besitzt in Kilifi ein recht schönes Haus mit einem noch schöneren Gartenhaus und einem riesengrossen Grundstück. Leider ist das alles sehr heruntergekommen. Peter wollte es schon lange renovieren aber er hatte das Geld dazu nicht. Da er leider auch nicht jeden Monat den vollen Betrag der Miete aus Nairobi erhält (interne Geschichte, werde ich hier nicht erläutern) ist die Anfangsrenovierung stecken geblieben. Der Arbeiter wurde an ein anderes Ort gebracht obwohl er ihn immer noch bezahlt (ebenfalls interne Geschichte und noch weniger zum Erläutern…) und somit hat Peter einen Kredit aufgenommen, damit er wenigstens das Gartenhaus renovieren kann. Wir machen uns mit einer Marere-Truppe bereits um 07.00 Uhr auf mit Machetten und Brot bewaffnet…

Ich fühle mich irgendwie verpflichtet einen Beitrag zu leisten, aber es ist nichts im Vergleich zu dem, was andere machen. Ich bäsele die Blätter auf der Einfahrt zusammen und bin nach einer halben Stunde schon vollkommen schweissüberströmt und ich glaube es liegt nicht an der Malaria… aber selbst wenn die Sonne nicht scheint macht mich diese Hitze Kirre…

Es finden sich auch schnell Leute ein, die eine Arbeit suchen und die Machetten-Arbeit geht los. Dummerweise ist das Gras schon so hoch, dass es gar nicht so einfach kleinzukriegen ist – alles dauert also doppelt so lange wie sonst. Gleichzeitig wird Makuti (Palmblätter) für das Naturdach bemessen und bestellt, denn letztes Mal konnte die Arbeit nur zur Hälfte fertiggestellt werden und seither regnet es rein. Dann wird auch eine Tonne Sand und Zement bestellt und der Baumeister von der Mbonga Schule hat seinen Auftritt um die Platten um den Swimming Pool zu reparieren. Der Swimming Pool ist jetzt vor allem ein Pool für Mücken und andere Viecher: dunkelgrün und stinkig. Es muss also eine Pumpe her… Die kommt vom Auto-Mechaniker und dort muss auch das Auto noch hin, denn Peter hat mir wohlweislich verschwiegen, dass die Bremsklötze am Ende sind…

Um 10.00 Uhr hole ich mit Changawa Frühstück und dazu gibt es süssen Tee. Während ich im Restaurant auf die frisch gebackenen Mahamri warten muss gönne ich mir einen frischen Passionsfruchtsaft (gewisse Privilegien müssen sein) und treffe noch einen alten Bekannten (Olivia: den Filmemacher der uns so nervt…) und muss lächeln. Er flüstert mir ins Ohr (wirklich ganz nahe – das Ohr wird fast nass) “People in Ganze are really complaining” worauf ich nur eine müde Antwort habe “let them suffer, that’s what they deserve”… Sarkasmus ist hier unvermeidbar.

Also die Pause haben sie sich wirklich verdient: allen tun jetzt schon die Finger weh und wahrscheinlich der Rücken ebenso.

Es kommt jemand, der die neuen Türen installieren soll und dann meint Peter richtigerweise, dass auch die schmiedeisernen Verzierungen dringend neu gemacht werden müssen, denn sie sind total rostig. Er hat die gute Idee, dass man doch auf einen Bohrer so einen Aufsatz machen kann mit einer Stahlbürste, die den Rost wegmacht. Wenn man das nämlich von Hand machen müsste dann wird man stigelisinnig. Ich bin am Lesen und so halb am dösen aber jetzt muss ich aus dem Internet so eine Foto suchen, die dann dem Laden geschickt wird. Bald fahren zwei Männer ein und haben einen Bohrer mit so einem Aufsatz dabei. Ich habe das Gefühl zu verstehen, dass jetzt Peter auch noch so einen Bohrer kaufen will und ich interveniere: aber wir haben doch einen Bohrer zu hause, warum willst du noch einmal einen kaufen? Er wird etwas hässig und sagt: nein, das ist doch kein Bohrer! Also muss ich jetzt aufstehen und ihm zeigen, wie das geht: vorne hat es ein Loch beim Bohrer und anstatt einem Bohrer setzt man eben diese Bürste ein. Haltet euch fest jetzt kommt echt der Brüller des Tages: Peter hat immer von einem “Boarer” gesprochen, weil er den Namen für Drill nicht mehr kannte und so haben sie ihm einen “Boarer” gebracht weil sie ihm nicht widersprechen wollten. Der Boarer ist aber in Wirklichkeit ein Drill! Auch gut, konnte ich diesen Lapsus aufdecken, sonst würden wir jetzt zwei solche Instrumente besitzen… Immerhin Peter ist so einsichtig, dass er über sich selbst lachen kann und das bleibt auch den ganzen Nachmittag noch so…

Allerdings fange ich mich ein bisschen an zu fühlen wie aus 12 years a slave: die armen Schwarzen sind in der brütenden Sonne am chrampfen und die Weisse sitzt im Schatten und liest ein Buch. Es tut mir sehr Leid, aber ich habe einfach nicht die Fähigkeit bei 34 Grad in der prallen Sonne zu arbeiten. Also betätige ich mich weiterhin mehr geistig und gebe hier und dort einen gescheiten Input.

Zum Glück kommt noch die Schwester von Peter vorbei, die mir fast schon den Doktortitel verleiht weil ich es hingekriegt habe, dass Peter’s Zuckerlevel sich eingependelt hat. “Peter is very individual and very stubborn” meint sie. Oh, das ist für mich natürlich ganz neu. Ich deklariere auf jeden Fall, dass ich hier mache, was ich kann aber dass er nachher seine Verantwortung selber übernehmen muss. Sie findet sowieso, dass er sich nicht für diese undankbaren Ganze-Menschen einsetzen sollte, das führe sowieso zu nichts. Die Leute würden sich schon beklagen, dass er nichts mehr finanziell unterstütze. Ja woher denn auch, wenn er selber keins hat…  Nur ein kleines Beispiel aus der eigenen Familie: sie haben vor über einem Jahr eine Gruppe gegründet, die regelmässig einen Beitrag einzahlt, damit jemandem geholfen werden kann wenn es richtig schlecht geht. Ausser ihr, der Schwester und Peter hat aber leider niemand einbezahlt. Auch nicht der Klugscheisser aus der Familie, der immer die grösste Klappe hatte und von Zusammenarbeit und Zusammenhalt sprach (besonders laut nach ein paar Glästern Mnasi). Jetzt will dessen Mutter Geld für eine Beerdigung – sie selber hat aber nie einen Cent einbezahlt. Peter ist es zu dumm und sagt, sie solle halt das Geld kriegen… aber Nelly ist eher dafür, dass man einfach das Geld zurückbezahlt, das man mal eingezahlt hat (bei den meisten nichts) und das Ganze auflöst – vielleicht nachdem man zusammen nochmals darüber gesprochen hat… Sie fragt natürlich auch nach, ob die Kinder von Peter aus der Schweiz nicht auch ihren Beitrag leisten könnten aber dazu möchte ich mich gar nicht äussern, zumal ich ja mit der einen Tochter seit über 2 Jahren keinen Kontakt mehr habe weil sie der Überzeugung ist, dass ihr Vater sie verhext hat. Ich sage euch: die Verhältnisse sind haarsträubend und die beste Methode ist die, die mir Peter vom ersten Tag an empfohlen hat: sich raushalten bei Dingen, die man nicht aus eigener Kraft verändern kann!!!

Um 17.00 Uhr hören die Fieldworker auf: kaputt und am Ende. Genau dann trifft unser Bohrer aus Marere ein und Peter muss sofort selber ausprobieren, ob die Bürste funktioniert und oh Wunder sie passt perfekt! Ich – ich bin jetzt auch eine Sicherheitsbeauftragte – ordne an, dass zuerst eine Brille gekauft werden muss, denn das ist sonst lebensgefährlich. Zum Glück kommt mir in den Sinn, dass ich meine Schwimmbrille dabei habe (die Hoffnung auf Meer stirbt zuletzt) und damit wird jetzt ein Probelauf gestartet, der blendend funktioniert und von einigen Schaulustigen begutachtet wird.

The “Boarer”
https://youtu.be/kUVXvNpGeFc

Wir sind bereit für die nächste Renovations-Etappe! Aber morgen ist – ein Glück für alle – Beerdigungs-Tag!!! Das Allerschönste: Mbuche lacht immer noch lautstark nach getaner Arbeit – das nenne ich Eigenmotivation!!!

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