Jan 31, 2020: Gruss an die Kupplung

Irgendwie hing das Thema „Auto“ schon lange wie ein Damoklesschwert über uns. Der Landcruiser ist irgendwie schon untödlich aber er hat jetzt doch schon viele Kilometer drauf und die Strapazen auf Ganze‘s Strassen, das hin- und herfahren von Nairobi an die Küste – das geht nicht spurlos an einem Auto vorbei. Das Auto ist zwar so solid wie ein Lastwagen aber jede Reparatur, jeder Service kostet auch ein halbes Vermögen. Ganz zu schweigen vom Diesel, das es schluckt. Ich bin zwar stolz, gelernt zu haben wie ich auf Suhaeli sagen kann: Tank füllen bitte! Das haben wir aber schon lange nicht mehr gemacht, denn da gehen mindestens CHF 100 rein… Wir haben das Auto nicht mehr für lange Strecken gebraucht und auch nicht mehr ausgeliehen, auch wenn das ein bisschen Kopfschütteln bei einigen Leuten hervorgerufen hat.

Ich habe ja schon vom zweifachen Reparieren des Trittbretts berichtet. Seither traue ich mich nicht einmal mehr darauf zu stehen sondern schwinge mich immer an den Handgriffen sehr akrobatisch ins Auto rein. Dann kam ja noch der Unfall mit der Aufhängung, die in Mombasa geflickt werden musste, weil es ein besonderes Gerät dafür brauchte. Wenn ihr regelmässig Blog liest, dann wisst ihr, dass wir momentan dauernd nach Kilifi fahren wegen der Bauarbeiten in Peter‘s Haus.

An einem der Tage hat es ihm echt den Nuggi rausgehauen: er war so wütend auf die Arbeiter und hat rumgeschrien (kommt extrem selten vor), dass er alle entlassen werde. Der Grund ist, dass sie nicht ohne Überwachung arbeiten. Deshalb sitze ich ja fast Tag für Tag auf der Baustelle, damit sie sehen, dass sie beobachtet werden. An diesem Tag haben wir das Auto wieder mal waschen lassen (für CHF 3 innen und aussen) und danach begann plötzlich ein Türenlicht zu leuchten, obwohl alle Türen geschlossen waren. Wir versuchten nochmals wirklich alle Türen neu zu schliessen aber das Lämpchen blieb an und ganz plötzlich fing auch noch der Notfallblinker von selbst an zu leuchten und alles schien ausser Rand und Band. Der Automech hatte auch keine Lösung und so fanden wir, dass es besser ist, die Sicherung dafür rauszunehmen. Der Nachteil war natürlich, dass man nicht mehr blinken konnte. Ich erinnere mich an meine Fahrprüfung in England im 1979 – da musste man noch lernen, wie man Handsignale gibt beim Abbiegen – das kommt mir jetzt wieder nützlich rein.

Am Nachmittag war ich zu Besuch bei meiner Freundin Sandra und wir haben uns einen wunderbaren Frauennachmittag gemacht und uns ausgetauscht. Das Tüpfchen auf dem i war noch ein Cappuccino mit dem neuen Milchschäumer – einfach herrlich! Peter hat mich mit dem vollen Auto abgeholt und mir erzählt, dass er wirklich ausgerastet ist. Am Anfang gab es nur Frühstück um 10.00 Uhr – dann hat er auch erlaubt, dass sie noch Mittagessen kriegen und jetzt ist der Endeffekt, dass sie ab 12.00 Uhr einfach dasitzen und auf das Essen warten – also die Männer und die Frauen gehen alle in die Küche. Na ja, vielleicht flüchten sie auch in die Küche, weil das Gras hacken einfach eine zu beschwerliche Arbeit ist. Aber es ist einfach so: du kriegst eine Arbeit und da wirst du dafür bezahlt und da gibt es kein rumhocken. Zudem unser lieber Moses am Abend nochmals wie ein Mähdrescher reinhaut und dann seinen grossen Bauch an die frische Luft hält. Eine Frau aus Ganze dachte übrigens, dass sie das Haut von Peter reinigen werde und als man ihr dann eine Panga (Machette) in die Hand gedrückt hat guckte sie schon ziemlich komisch aus der Wäsche… Sie ist aber nochmals gekommen, denn das Geld ist halt so knapp, dass man jede Arbeit annimmt – selbst eine, die Blasen an den Händen gibt. Mit dem Maler hatte ich geschimpft, denn er hat rein gar nichts abgedeckt und alles verpflätteret. Den Boden, die elektrischen Schalter und alles, was halt grad in den Weg kommt. Er ist jetzt ein bisschen weniger freundlich mit mir aber ich behalte meine Linie und kümmere mich nicht um beleidigte Leberwürste. Ich selber könnte ja auch oft genug beleidigt sein, wenn man die Nase rümpft wenn ich mal etwas koche, was nicht Ugali oder Fischkopf ist…

Also: die ganze Truppe holt mich ab und wir fahren – etwas später als sonst – zurück nach Marere. Schon bei den ersten Strassen scheint die Sonne in einem so blöden Winkel, dass Peter tatsächlich in einen riesigen Brocken fährt, der auf der Strasse liegt. Mindestens 40×40 cm gross. Die vielen Lastwagen, die das Land hier ausbeuten fahren schon mal mit einem Affenzahn durch die Gegend und da passiert es halt auch, dass sie einen Brocken verlieren – du kannst einfach froh sein, wenn er dich nicht auch noch trifft. Den einen hat Peter gesehen, wollte ausweichen aber er hat den anderen getroffen. Wir schauen uns sehr erschreckt an aber anscheinend haben wir Glück gehabt. Peter meint noch: mit einem kleinen Auto hättest du keine Chance – das Auto wäre zerstört. Ich spüre so eine Unsicherheit aufkommen aber es geht gut weiter. Bis wir – etwa 7 km vor Marere – einen riesigen Chlapf hören und dann ein Geräusch wie in der Fahrschule, wenn du das Schalten noch nicht im Griff hattest “Gruss ans Getriebe” hat mein Vater jeweils gesagt. Retour geht es noch ein bisschen aber vorwärts gibt es keine Chance auch nur einen cm weiterzukommen. Zum Glück ist der Ort nach einem “Bump” und vor einem “Bump”, denn ich habe schon Horrorvorstellungen, dass die rasenden Lastwagen nicht bremsen können und uns von der einen oder der anderen Seite treffen.

Gleich neben der Strasse ist ein Haus und alle Anwohner kommen zusammen – natürlich sind sie irgendwie mit Peter verwandet aber ich möchte also nicht dran denken, bei ihnen zu übernachten. Es ist eine kleine Lehmhütte und ich bin sicher, da schlafen schon etwa 10 Personen drin.

Was jetzt kommt ist einfach beispielhaft: Peter ruft in aller Seelenruhe den Mechaniker an und der sagt, er kommt mit seinem Auto und werde ihn abschleppen. Die Haushilfe schicken wir schon mal mit dem Piki-Piki nachhause und ich habe schon das Gefühl, dass ich bei Peter bleiben sollte. Zudem bin ich grad auch nicht besonders optimal angezogen für eine Piki-Piki Fahrt – aber das ist noch eine andere Geschichte…

Ich lasse mal den Sitz runter und versuche einfach zu dösen und mich vor den Mücken zu verstecken, denn gerade heute habe ich den Mückenspray nicht dabei. Es halten noch mehr Menschen an, die gute Ratschläge haben und es werden Telefonnummern ausgetauscht falls es noch eine weitere Rettungsaktion geben muss. Der Mechaniker kommt mit seinem Sohn, der uns drei nachhause fährt und dann das Auto nach Marere abschleppt. Peter bringt sogar noch alle Helfer rund ums Auto zum Lachen mit seinen Witzen. Wir machen ihnen einen feinen Kaffee und ich versuche ihm zu erklären, wie sehr ich es schätze, dass es Menschen wie ihn gibt in Kenia, da es mir sonst schwer fällt jemandem zu trauen. Er sagt: This is my company policy. Trotzdem finde ich es grossartig zumal er ja einer ist, der nicht aus dieser Gegend kommt und von einigen Leuten deshalb geschnitten wird. Er meint dann einfach auch: frag Peter warum ich ihm immer helfe und Peter meint nur, dass sie sich schon ewig kennen und dass es einfach Ehrensache ist, Freunde so zu behandeln. Peter ist wunderbar ruhig geblieben – das schätze ich schon sehr an ihm: kaum eine Situation bringt ihn aus dem Konzept und da ich auch eher mit Gelassenheit gesegnet bin habe ich noch Energie übrig und setze noch die Stangen des neu gekauften Moskito Netzes zusammen und freue mich auf eine mückenfreie Nacht.

Am nächsten Morgen früh ist der Mechaniker wieder da und bringt seinen Sohn mit, der das Auto vor Ort repariert und uns nach Kilifi führt, denn die Renovationsarbeiten gehen dort weiter. Das Auto wird dann seriös repariert und am Abend ist es wieder parat. Für den Mechaniker hat es bedeutet, dass er nach Mombasa fahren musste, dort Ersatzteile holen musste und bestimmt alle anderen Arbeit liegen lassen musste. Aber that’s what friends are for. Ich darf dann das Auto abholen und zum ersten Mal seit langem damit fahren. Da ich dringend aufs WC muss und es das auf der Baustelle nicht gibt fahre ich bei einem Hotel vorbei das einen riesigen Parkplatz hat, denn dieser Toyota Landcruiser ist schon ein Riesenvehikel!!! Dann atme ich 2x durch und schwinge mich ins Auto. Dass der Blinker nicht funktioniert stresst mich grad ein bisschen aber irgendwie sind die Engel mit mir: es ist kein einziges Auto hinter mir auf der ganzen Fahrt bis zur Baustelle. Ich komme hupend und ein bisschen stolz an. Wieder ein Schritt in meine “Unabhängigkeit”, die natürlich eine Illusion ist aber solche Illusionen tun manchmal auch gut. Die Kupplung musste ersetzt werden und der Kostenpunkt macht nicht gerade glücklich: CHF 220 – mit der ganzen Rettungsaktion…

Gott sei Dank ist alles wieder gut, denn am nächsten Tag habe ich Sandra, ihren Mann OJ und Peter in mein Lieblingsrestaurant in Kilifi eingeladen. Sandra hat nach Peter geschaut, als ich überhaupt nicht wusste, wie sein Gesundheitszustand war mit der Diabetes II und sie hat auch sonst einfach eine Hülle an Tipps für mich und weiss, wo ich alles kriegen kann. Solche Freunde sind echt Gold wert und ich wollte ja auch wieder mal ein feines Essen und wenigstens mal die Haare föhnen.

Peter war den ganzen Tag unterwegs und musste Plättli in Shanzu kaufen. Er hatte nochmals einen Zwischenfall mit dem Auto. Weil die Plättli so schwer waren, hat es alle vier Ventile bei den Pneus rausgehauen und er musste alle ersetzen lassen aber er ist trotzdem schön pünktlich zuhause, konnte auch noch duschen und freute sich, dass seine Frau ja auch zivilisiert aussehen kann. Ich war richtig aufgeregt, so wie wenn man bei uns zuhause in ein Gourmet-Lokal geht auf das man sich schon lange freut.

Kurz nach Marere werden wir angehalten von einem, dessen Sohn krank ist und nach Kilifi ins Spital muss – ob wir ihn nicht mitnehmen könnten. Wir sagen natürlich ja und der Junge- etwa 11 Jahre alt – schaut wirklich ganz trist aus der Wäsche. Wir sind aufgekratzt, machen laute Musik und – nein – da ist dieser Ton plötzlich wieder ratatatata….. und wieder geht es weder vor- noch rückwärts. Scheisse, Scheisse, Scheisse… was passiert jetzt? Peter ist immer noch die Ruhe selbst: nichts, der Mechaniker soll kommen – nein nein, das Nachtessen (es ist 17.39 und um 18.00 Uhr haben wir abgemacht) müssen wir sicher nicht absagen. Den kranken Jungen siedeln wir auf ein Piki Piki um, das sowieso nach Kilifi gefahren ist.

Ich rufe mal Sandra an und habe dann die Idee, dass sie uns ja entgegenkommen könnte, damit wir das Essen nicht ganz absagen müssen. Sie haben ein Auto aber waren natürlich schon lange nicht mehr in der “Countryside” und ich habe Mühe zu erklären, wo es genau ist. Aber dann gibt es ja auch noch Google Maps und Peter ist überzeugt, dass wir höchstens 4 km entfernt sind von ihnen. Sie kommen dann gleichzeitig mit dem Mechaniker an und der meint, das sei nur die Antriebswelle, die da irgendwie reingerutscht ist. Das hat übrigens auch ein Araber konstatiert, der ebenfalls angehalten hat und seine Hilfe angeboten hat.

Ich fahre mit Sandra und OJ schon mal vor – leider haben wir den Sonnenuntergang verpasst (unsere beiden kenianischen Männer sehen zwar nicht wirklich ein, wie man an Sonnenuntergängen so eine Freude haben kann wie wir Schweizerinnen – aber es ist einfach immer wieder eine Faszination). Wir sind kaum mit Bestellen fertig als Peter auftaucht und so können wir jetzt wirklich einen wahnsinng tollen Abend geniessen mit allem drum und dran. Das Restaurant Nautilus direkt am Strand ist auf Stelzen gebaut, hat eine wunderbare kühle Brise und einfach eine sehr leckere Auswahl. Der Schweizer Besitzer ist leider verstorben aber seine amerikanische Frau scheint es immer noch gut weiter zu führen und die ganze Crew ist immer noch dieselbe und der Kassier ein Nachbar von uns in Marere.

Wir lachen viel, erzählen einander ein paar Geschichten aus dem Leben und von denen gibt es unweigerlich viele wenn du in Kenia wohnst bzw. mit einem Kenianer zusammen bist. Aber geteilte Freude ist definitiv doppelte Freude und ein bisschen angespannt aber doch sehr happy fahren wir dann etwas langsamer als sonst wieder nach Marere.

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Jemand hat auf meinem FB Post mit Foodporn bemerkt: das hast du dir verdient – ich bin überzeugt, da widerspricht momentan gar niemand. Das hatte ich mir so was von verdient und darum habe ich es auch 100-fach genossen, weil ich es als gar nicht als selbstverständlich anschaue. Gute Freunde, feines Essen und tolle Geschichten – das ist ein Abend, wie ich ihn mir in jedem Land wünsche.

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