Feb 02, 2020: Ich koche…

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In Kenia leben bedeutet, in der “Community” zu leben. Alleine ist man hier eigentlich nicht und wenn ich erzähle, dass wir zum Teil alleine in Wohnungen sind, dann können sie das hier überhaupt nicht verstehen. Ich glaube, das ist der allergrösste Unterschied zwischen der westlichen und afrikanischen Welt. Das kann mal gut sein und mal nicht so gut und wenn man eine Individualistin wie ich ist, dann ist es ganz schön anstrengend. Immer mit den Angestellten am Tisch sitzen, immer auf alle Rücksicht nehmen. Immer angestarrt werden – egal was ich mache.

Die Anpassung ist also zum Beispiel, wenn ich eine tolle neue Ess-Idee habe und gesagt gekriege: auch nein, mach das lieber nicht, das haben die hier nicht gerne. Mittlerweile habe ich Mbuche und Chiwai aber so weit, dass sie experimentierfreudiger geworden sind und sie lieben meine Kürbissuppe und seit gestern auch meinen Kartoffelsalat. Ich habe ihn genau so fein hingekriegt wie zuhause und er ist auf grosse Zustimmung (d.h. radibutz alles weg gegessen) gestossen. Moses war gestern zum Glück nicht hier und bei ihm beisse ich noch auf Granit. Ihr hättet sein Gesicht sehen sollen bei meinen herausgebackenen Auberginen! Es muss eine echte Strafe für ihn gewesen sein – und das nachdem ich sooo viel Zeit damit verbracht hatte, weil diese Auberginen munzig klein sind und ich fast mehr Ei und Mehl und Paniermehl an den Fingern hatte als in der Pfanne. Also für Moses muss es vor allem eins sein: VIEL!!!! Und Ugali!!! Es ist unglaublich, was der reinhaut und deswegen gibt es jetzt auch schon mal ein rechtes Unbehagen. Es kann einfach nicht sein, dass sie alle 3x am Tag voll essen und dann noch Mittagsschläfchen machen müssen und am Ende des Monats ihren Lohn für ein paar Stunden Arbeit im Tag erwarten. Alle drei haben schon riesige Bäuche und sie kommen mir vor, wie kleine Hunde, die einfach alles wegputzen, was du ihnen vorsetzt. Ich weiss, ich habe auch zu viele Kilos aber ich haue nicht einfach Massen rein sondern esse einfach ab und zu das Falsche.

Das mit der Community ist also auch so, dass man Gästen nicht sagen darf, dass sie nicht erwünscht sind, denn Gäste sind “a blessing” (quasi eine Ehre). Ich war ja bei der Familie schon ein bisschen zusammengezuckt, als sie sich nach Weihnachten einfach für eine Nacht eingenistet haben. Du musst ihnen dann einfach alles zur Verfügung stellen und kannst sicher sein, dass du die Flasche Showergel, die du extra aus der Schweiz mitgenommen hast, nie mehr wieder sehen wirst. Du kannst froh sein, wenn sie dir die Badetücher da lassen. Aber ok, Familie, da muss man schon nett bleiben und für den nächsten Morgen auch noch das Frühstück sponsoren, denn das gehört zum Service mit dazu. Das kommt ja dann vielleicht auch irgendwann wieder zurück.

Und so muss ich wohl auch akzeptieren, dass Peter’s Meinung sehr wichtig ist und daher auch alle zu jeder Tages- und Nachtzeit vorbei kommen und ihn in Beschlag nehmen. Und wenn es nicht physisch ist dann am Telefon…

Vielleicht muss ich noch einflechten, dass ich mega gerne Gäste habe – das beweise ich ja auch regelmässig mit Einladungen, Parties – geplant oder spontan…

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Als dann aber plötzlich die beiden Jungs vom Vollmondritual wieder aufgetaucht sind habe ich nicht schlecht gestaunt. Sie sind weder Familie noch besonders gut mit uns bekannt. Aber anscheinend habe ich verpasst, dass sie nach dem letzten Abschied gesagt hatten: dürfen wir wieder kommen und dass Peter ja gesagt hat… Sie sind ja so begeistert von ihm und er sei wie eine Art Mentor, weil der eine seinen Vater schon mit 2 verloren hat. Sie kamen aber schon 10 Tage später wieder, haben sich im Zimmer eingenistet und auch verkündet, dass der eine kein Fleisch ist und ich somit noch ein extra Menü kochen bzw. finanzieren sollte. Ich habe Peter mal schüch gefragt, wie lange die denn bleiben würden aber er meinte nur: das frage man nicht, das sei sehr unanständig und beleidigend. Und zusätzlich meinte er auch noch: you are very cruel (herzlos… ich, moi!!!) Ok – was für eine Ehre: zwei fast Fremde tauchen auf, benutzen unser Hotel und setzen sich an den Tisch als ob nix wäre. Ich war ganz froh, dass Moses tagsüber unsere Wohnung abgeschlossen hat, weil wohl auch er kein besonders gutes Gefühl hatte. Den Laptop habe ich auf jeden Fall schon mal unter der Bettdecke versteckt . Ein bisschen hat diese Situation jetzt auch meine dunkle Seite geweckt: ich sage jeden Tag zu Peter: so heute frage ich sie, wie lange sie noch bleiben – aber ich habe es dann ihm zuliebe nicht gemacht.

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Nach 3 Nächten und ein bisschen Lämpen zwischen Peter und mir fand ich aber wirklich dass es ein bisschen weit gehe mit dem Gratis-Hotel. Heute war aber nur der Halb-Vegetarier anwesend und so frage ich ihn: where is your friend? Die Antwort ist: er ist in Malindi aber er kommt morgen wieder retour… oh, er kommt retour und wie lange bleibt ihr dann noch? Allen am Tisch bleibt fast der Bissen im Hals stecken aber das ist mir jetzt echt egal. Ich spiele den “Dummenmuzungubonus”… Er antwortet, dass er es nicht wisse, denn sein Freund sei der ältere und daher entscheide er. Ok, danke, dann werde ich dann morgen ihn fragen.

Niemand sagt etwas, ich gehe ins Bett und am nächsten Tag nach Kilifi und am Abend sind beide verschwunden. Weg, ausgezogen und niemand spricht darüber – ich auch nicht… Innerlich grinse ich aber schon ein bisschen in mich hinein. Am nächsten Morgen bin ich mit Mbuche alleine und das sind immer gute Gelegenheiten um mehr zu erfahren. Sie meint, dass die Besucher weg seien. Und so frage ich sie – so gut es geht und mit ein bisschen google translate – ob ich einen Fehler gemacht habe. Und sie meint sehr spontan: nein, das finde sie überhaupt nicht. Wenn bei ihnen zuhause jemand zu Besuch käme sei man zwar happy aber man frage dann schon auch nach, wie lange sie noch bleiben. Man muss ja auch mehr essen einplanen und kochen, das sei doch ganz verständlich… Yes!!!  Mit Peter diskutiere ich es erst nach ein paar Tagen. Sie hätten ihm eine SMS geschrieben, dass sie wohl nicht willkommen seien bei mir und er hat ihnen dann erklärt, dass die Europäer halt anders seien und dass es nur eine Nachfrage gewesen sei wegen der Planung!

Meine Lehre: ich akzeptiere, dass es hier anders zu und her gibt und ich erwarte das auch von den Menschen, die mit mir “zusammenleben”. So können wir alle etwas lernen und ich bin jetzt überglücklich, dass ich mich nicht mehr bei jedem Essen nerven muss und innerlich koche. Es reicht schon, dass ich überhaupt koche!!!

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