Juni 05, 2020: Noch gar nicht “hakuna matata”

Ich bin von so vielen Leuten gefragt worden: und wie läuft
es denn in Kenia mit Covid-19, dass ich hier auch mal aus der Schweiz blogge
und meine Sichtweise darlege.

Ich schaue gerade live kenianisches Fernsehen und hoffe, dass ich morgen “Entwarnung” geben kann – aber hier die ganze Zusammenfassung…

Am Anfang der Covid-Krise steht, dass die Krankheit aus
China und Europa in das Land gebracht wurde. Das hat sogar einen Hass und
Reaktionen auf Chinesen und Europäer ausgelöst an gewissen Orten, denn die
Meinung, dass ohne die Ausländer das Virus gar nicht erst ins Land gekommen
wäre hat sich schnell verbreitet. Zum Glück gab es von diesen Anfeindungen in
Kilifi (dem Küstenstädtchen in der Nähe von Marere) kaum welche. Es leben ja
auch viele Muzungus (Ausländer) in Kilifi und sie gehören zum Stadtbild.
Dummerweise war dann auch noch der Vize-Governor in Europa und hat Covid-19
mitgebracht und es noch wild weiterverbreitet… das hat nicht gerade zur freundlichen
Stimmung beigetragen. Es könnte für ihn sogar politische Folgen haben.

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 Die Ausgangssperre ab 19.00 Uhr wurde aber sehr schnell
eingeführt und die Schulen sofort geschlossen. Stand heute ist es gut möglich,
dass eine ganze Nation!!! dieses Schuljahr wiederholen muss!!! Zu Beginn gab es
dann auch ganz schreckliche Bilder bei der Likoni Fähre in Mombasa. Leute, die
noch nicht um 19.00 Uhr drinnen waren, bzw. noch die Fähre benutzen wollten
wurden von der Polizei auf brutalste Weise zusammengeschlagen. Ich sprach Peter
darauf an und er meinte: ja, die Leute verstehen hier teilweise nur Gewalt
sonst gehorchen sie nicht. Ich bin dann aber schon sehr erschrocken, als meine
Haushaltshilfe aus Nairobi berichtete, dass sie nur schnell zum Tomaten kaufen
raus ging und bereits um 18.45 nach Hause geprügelt wurde und sich bei der „Flucht“
eine Schnittwunde zugezogen hat. Es gab dann aber auch sofort Entlassungen der
Polizisten, die mit solcher Gewalt reagiert hatten. Was Peter auch gespürt hat
ist ein gewisses Anfeinden, wenn er selber noch in den Supermarkt zum Shopping
gehen konnte. So im Sinn von: „warum hast du Geld, in den Laden zu gehen – gibt
mir auch etwas davon ab…“ Da kommt man ganz schön in den Clinch… Ich habe Peter
zu Beginn Geld geschickt und gesagt: jetzt kauf einfach genügend Reis und
Bohnen – davon kannst du lange leben und es ist nicht teuer.

Jetzt fiebern wir dem 6.6. entgegen, denn der strenge
Lockdown gilt noch bis morgen. Dann hoffen wir, dass es gewisse Lockerungen
geben wird. Momentan ist es aber noch strikte untersagt nur von Kilifi nach
Mombasa zu reisen ohne triftigen Grund. Wir selber sind auf verschiedene Arten
betroffen:

Unsere Möbel müssten dringend von Nairobi nach Marere
gezügelt werden, da wir die Wohnung in Nairobi ja wieder vermieten würden. Die
Regierung hat aber einen 3-monatigen Freeze auferlegt, d.h. man muss keine
Miete bezahlen – in unserem Fall bedeutet es aber auch, dass man keine Miete
erhält. Und die Hälfte für die Zügelaktion habe ich bereits bezahlt. Ich hoffe
da sehr auf die Hilfe von Daniel, Peter’s Sohn, der vor Ort ist und hoffentlich
die Zügelaktion in die Gänge bringen wird, sobald die Lockerung beginnt.

Das andere Thema war Peter’s Telefon. Es ging gerade anfangs
Lockdown kaputt (es floss plötzlich Farbe ins Display und eine Kommunikation
war nicht mehr möglich). Ich finanzierte ein Neues, aber das war nicht so
einfach zu kriegen. In den Läden (wenn sie denn überhaupt offen waren) kam man
nicht an ein Handy ran und es musste in Mombasa bestellt werden. Auf dem
Transport von Mombasa nach Kilifi hat die Transportfirma Wells Fargo aber die
Lieferung so dumm beladen, dass Artikel AUF das Handy drauf gestellt wurden und
es kaputt ankam. Das gab einerseits eine Riesendiskussion darüber, wer jetzt
die Schuld daran hat und andererseits musste zuerst wieder ein neues Handy
gefunden werden. Dazu kam noch erschwerend, dass die Verbindung via Internet
grottenschlecht war in der letzten Zeit in Marere. Also noch grottenschlechter
als es sowieso immer ist wegen der Lage und den nicht vorhandenen Wellen. Wegen
der starken Regenfälle evtl. auch weil die Bandbreiten neu umverteilt wurden.
Die Handys, die wir noch zuhause hatten, waren leider alle noch mit einem Code
versehen (Kleine Bemerkung: Handys sind immer noch willkommen als Spenden aber
bitte ohne Code oder Sperrung… das erschwert die Weitergabe stark – vor allem
bei iPhones…) und Peter kriegte es auch mit meiner Fernwartung nicht hin, eines
zu aktivieren. Irgendwann erhielt er dann vom Verkäufer ein neueres iPhone aber
irgendwie hat er es geschafft, die Sprache auf Chinesisch umzustellen und eine
Kommunikation war nicht mehr möglich. Durch dieses Dilemma habe ich aber
herausgefunden, dass man einen chinesischen Text auf Google Translate einfach
fotografieren kann und die Übersetzung prompt klappt. Ja ich habe auch
herausgefunden (Meeting mit Mica sei Dank), dass man bei Google Translate auch
einen Text sprechen kann und die Übersetzung dann auch laut vorgelesen wird –
sooo coool!!! Danach erhielt er einen alten Knochen, mit dem wir wenigstens SMS
schreiben konnten. Vorher war die Kommunikation nur via Handy vom Nachbarn
möglich… sehr frustrierend – aber immerhin nett von ihm.

Aber eine Konversation via WhatsApp verlief dann etwa so:
Hallo, hörst du mich? Ich höre nichts… chhhsahsahhdhachroooosen Wie bitte? Was
hast du gesagt? Oder der 2. Teil des Satzes ging unter. Ich telefoniere ja
bekanntlich sowieso nicht besonders gerne und bin fast durchgedreht…

Ich habe mich dann erkundigt, ob es nicht noch andere Wege
gibt und bin auf „mytello“ gestossen. Das ist ein Anbieter, der einem vom
Festnetz und Handy aus für 15 Rappen pro Minute nach Kenia telefonieren lässt
über eine Zwischennummer… Früher war dieser Service nur übers Festnetz
verfügbar.

Vorgestern hat dann Peter endlich sein neues Samsung erhalten und wir konnten wieder mal mit Foto WhatsApplen – dumm einfach, dass es so dunkel war, dass ich ihn kaum gesehen habe. Aber das Gefühl alleine war schon super! Wir werden ja so bescheiden.  Ich merkte es, diese „Nicht-Kommunikation“ hat mir schon zugesetzt
und es hat bewirkt, dass wir noch stärker gespürt haben, wie sehr wir einander
vermissen und wir sehr wir beide möchte, dass Peter so bald als möglich in die
Schweiz kommen kann. Momentan sind aber noch keine Swiss-Flüge in Sicht. Aber
wer weiss: das kann sich morgen ändern – Bitte haltet sämtliche Daumen
gedrückt, dass es klappt!!! Das Ziel ist, dass Peter so bald als möglich in die Schweiz kommt und dann mindestens drei Monate bleibt… 

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Mich betrifft der Lockdown dann auch noch mit zwei
Projekten, bei denen ich Kontakte hergestellt habe: einerseits sind das die
Ärzte, die in Kilifi kostenlos operieren möchten. Ich bin da die Drehscheibe
für Kontakte und versuche mit allen Connections immer wieder Antworten zu
kriegen und mit dem Projekt der angehenden Primarlehrer, die für einen
Austausch nach Kenya möchten. Die Verantwortlichen der Fachhochschule
Nordwestschweiz halten es fast nicht aus, dass noch nicht alle Bewilligungen
vorliegen. Einerseits verständlich und andererseits halt auch so typisch für
Kenia – mit oder ohne Covid 19. Hakuna matata – trust the process!!!

Hoffen wir, dass ab Morgen alles besser und einfacher wird
und beklagen wir uns in der Schweiz nicht über ein paar Auflagen, mit denen wir
uns noch auseinandersetzen müssen. In Kenia sind wir noch weit von „business as
usual“ entfernt.

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