Dec 3, 2020: Spielend durchs Leben

Es ist interessant: ich bin dieses Jahr mit einem anderen Mindset gekommen als früher und tatsächlich läuft es viel runder. Mit Mindset meine ich, dass ich mich einerseits auf gewisse Komplikationen eingestellt habe aber auch ohne allzu viele Erwartungen gekommen bin. Und ich habe mich entschieden, mich weniger zu nerven ab Dingen, die ich sowieso nicht ändern kann. Ja, ich weiss, das habe ich letztes Jahr schon geschrieben aber dieses Jahr kommt noch dazu, dass ich mehr im Vorfeld geplant habe, d.h. ich habe schon aus der Schweiz einiges aufgegleist und überlegt: vielleicht gelingt es dieses Mal wirklich einen Chor zu gründen (ja ich weiss: in Corona Zeiten nicht gerade die beste Idee) aber wir leben hier unter freiem Himmel und kennen alle Leute, die dabei sind. Und wir können ja schon mal beginnen damit und auf bessere (Corona-freie) Zeiten hoffen.

Dann möchte ich auch mehr Dinge tun, die nicht unbedingt und zwingend notwendig sind sondern einfach nur Freude bereiten. So habe ich alles mitgenommen, was mit Servietten-Technik zu machen ist und habe dafür bei Lili Wohler in Romanshorn in der Sichtbar einen Nachmittag lang geübt. Es ist wirklich denkbar einfach und der Effekt ist bezaubernd schön. Und genau das kennen die Leute hier oft überhaupt nicht. Alles muss praktisch sein oder einem besonderen Zweck dienen aber dekorative Dinge zu machen, die einfach nur Freude bereiten, das kennen die wenigstens und das ist auch verständlich. Zuerst müssen die Grundbedürfnisse gedeckt sein bevor man sich schöne Dinge wünschen kann. Aber Annette hat mich noch auf die geniale Idee gebracht, dass man auf Steinen Serviettentechnik anwenden kann und Steine hat es hier ja – also ist schon mal das Grundmaterial gesichert… Und so ein Beschwerer für Papier oder einen Stapel irgendetwas zu haben kann ganz nützlich sein.

Gaby Dietz, eine sinGALLinas Freundin, hatte auf WhatsApp gepostet, dass sie eine ganze Menge Spiele zu verschenken hat. Ich habe ein Halma/Eile mit Weile Brett mitgenommen. Es erinnert mich selbst an die Spiele mit meiner Grossmutter, die eine passionierte Halma-Spielerin war. Bei Eile mit Weile wurde jeweils meine Mutter stinkhässig, wenn man sie nachhause brachte und es gibt Geschichten, die ihre Brüder erzählen… Sie habe anscheinend manchmal das ganz Brett mit allen Tötzli zu Boden geschmissen. Ich kann es mir vorstellen, denn sie war auch immer eine ganz fiese Canasta-Spielerin. Dann kam noch ein Jenga mit und ein Mikado. Ich wollte kurz die Anleitung vom Mikado lesen und war etwas schockiert, da es ein Geschenk der Parkinson Gesellschaft war… eher schwarzer Humor – aber egal: Hauptsache wir können spielen. Mbuche war natürlich sofort zu haben und so haben wir je eine Runde Halma und eine Runde Jenga gespielt und wir hatten noch nie so viel Spass zusammen. Wir haben zwar schon oft über Situationskomik gelacht aber einfach etwas zu machen, was Spass macht – das gab es noch gar nie und sie ist sichtlich erfreut darüber. Peter kommt auf jeden Fall plötzlich nachsehen, weshalb wir soooo laut lachen!

Dann habe ich den Tag noch genutzt um mit meinem Swahili Lehrer zu sprechen. Er ist derjenige, der das Bett so schön drapiert hatte für meine Ankunft. Ich bin fest entschlossen, in diesen 3 Monaten Swahili sprechen zu lernen. Ich kenne ja schon viele Wörter, aber ich kann sie einfach nicht zusammensetzen, so dass es Sinn macht. Er meint, dass wir mindestens 1 Stunde an 4 Tagen in der Woche lernen werden und er verfällt gleich in eine Art „Lehrermodus“ und sagt, dass ich dann auch Aufgaben lösen müsse und er mit mir Tests mache… ich versuche ihm zu erklären, dass ich schon Einiges weiss aber mir einfach noch der Mut fehlt ganze Sätze zu bilden. Er ist überzeugt: das kriegen wir hin und macht mir einen guten Preis, denn ich bin ja quasi Family. Ich leihe ihm am Nachmittag meine Canon Spiegelreflexkamera aus, die er gleich zu Einsatz bringen wird an einer Hochzeit, die 1 Stunde später beginnt. Mutig, mutig… Da er normalerweise KSH 1‘000 bezahlt fürs Mieten einer solchen Kamera vereinbaren wir, dass ich zuerst mal 2 Privatlektionen kriege, die kostenlos bzw. ein Tauschgeschäft sind. Das passt mir gut!

Im Dorf nebenan ist eine Beerdigung (die scharfen Beobachter merken: es ist aber nicht Samstag…. in Covid-Zeiten ist alles anders) und Peter muss natürlich hin sowie seine ganze Familie. Ich komme drum herum – Angst vor einer Corona-Ansteckung nehme ich als Vorwand um nicht hingehen zu müssen. Aber das Musik- und Schrei-, Geheul- und Ansprachenprogramm kriege ich doch mit, denn es ist wirklich grad hinter dem Haus. Der Nebeneffekt ist aber, dass alle vorbei kommen um das schöne Küchenhaus anzusehen und die zurückgekehrte Mama Kaya zu begrüssen. So erzähle ich gefühlte 100x wie es jetzt in der Schweiz ist, wie mein Flug war und wie es mir wieder in Marere gefällt… Und Karibu von hier und dort! Vielleicht sollte ich in den Schweiz-Monaten für die Kenianer einen Blog machen, damit ich nicht alles doppelt und dreifach erzählen muss…

Was mich heute auch Schmunzeln lässt ist die Frage, die mir von vielen meiner Freundinnen in der Schweiz immer wieder gestellt wird: was machst du denn so den ganzen Tag, wenn du in Kenia bist? Wenn ich dir sage, wie lange ich z.B. alleine fürs Kaffeemaschinen entkalken benötige dann erklärt das ein bisschen, wie schnell die Tage dahinziehen. Zuerst muss ich die Tabletten für die Jura-Maschine suchen, da sie anscheinend niemand gesehen hat, ich aber 100%ig sicher bin, dass ich genügend gekauft habe für mindestens 6x Entkalken. Also durchforste ich alle Kästen und werde fündig. Als ich mit dem ganzen Prozedere fast fertig bin gibt es einen lauten Knall und alles stoppt. Oh sorry, die vom WLAN mussten kurz abstellen und haben vergessen zu informieren… Irgendwie hat die Kaffeemaschine dann auch kein Gedächtnis und ich muss alles von vorne beginnen. Als ich dann endlich entkalkt habe kommt auch noch die Nachricht auf dem Display, dass ich jetzt auch noch reinigen muss… na ja – und als ich mir dann einen Kaffee genehmige sind mindestens 2 ½ Stunden vorbei…  über den Rest des Tages berichte ich ein anderes Mal…

Aber bevor ich ruhig schlafen kann müssen wir noch die Kleider für die Hochzeit richten: morgen heiratet einer der Söhne von Peter und somit muss ich quasi als Fast-Mutter dort zeigen wer die richtige Frau von Peter Shehe ist! Ich bin ziemlich sicher, dass ich einiges zu berichten haben werde! Lala salama (schlaft gut)!

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