Dec 5, 2020: Harusi – Schritt für Schritt…

Spoiler alert: wenn du glauben möchtest, dass die Bilder auf FB und WhatsApp so schön waren und es einfach traumhaft war, eine fröhliche Hochzeit mit Leuten zu sehen, die Freude am Tanzen und Singen haben und es einfach wunderbar ist, ihre Lebensfreude und ihre Hochzeit zu sehen, dann lies nicht weiter… das ist für mich ok – heile Welt für alle.

Mit meinem Blog habe ich zwar schon auch das Ziel zu amüsieren und die schönen Seiten von Kenia zu zeigen aber mein Hauptziel ist es, euch auf meine Abenteuer mitzunehmen und euch mehr Hintergrundinfos zu geben, die manchmal das Verständnis für die Kultur fördern und manchmal einfach das Verständnis für mich und weshalb ich die Bräuche auch hinterfrage. Wenn du daran interessiert bist, dann lies gerne weiter und hinterlasse deine Kommentare – das zeigt mir auch immer die Verbundenheit mit dem Rest der Welt und gerade hier in der Abgeschiedenheit – im wahrsten Sinne “im Busch” brauche ich das auch immer wieder.

Los geht’s: Ich habe mich drauf eingestellt, dass es ein langer Prozess wird mit dieser Hochzeit. Ich war von Anfang an eingeladen aber die sinGALLinas hatten Vorrang und daher hatte ich den Flug auf den 14.12. – den Tag nach dem Konzert gebucht. John Baraka, ein Sohn von Peter, war natürlich enttäuscht aber das konnte nicht geändert werden, denn wenn ich zu etwas “Ja” sage dann ziehe ich es durch und beim Singen macht es ja auch megamässig Spass. Nach der Absage von allen Konzerten entschied ich mich dann aber, den Flug so zu legen dass es auch für die Hochzeit reichen würde und das hat grosse Freude bei John Baraka ausgelöst.

Für alle, die sich fragen, welcher von Peter‘s beiden Söhne denn heiratet gibt es eine kleine Überraschung, die ich auch erst seit 2 Jahren kenne: John Baraka ist ein Sohn aus einer Spontanverbindung vor 32 Jahren… Peter hat zwar für seine Ausbildung bezahlt aber die Mutter seither auch nicht mehr gesehen. Er war dann auch selber etwas überrascht, als auf der Hochzeitseinladung sein Name neben dem der Mutter stand. Schon gut, dass ich dabei bin – ich muss da ein bisschen mein Revier abstecken – es wäre ja nicht das erste Mal, dass sich jemand als Frau von Peter Shehe ausgibt (das letzte Mal hat die Eine dann auch ganz schön abgezockt von den Leuten – und das in einer der ärmsten Gegenden von Ganze – pfui!!!)

Ihr kennt ja meine Einstellung zum Thema Beerdigungen. Ich kann bis heute nicht verstehen, weshalb man so riesige Beerdigungen macht, die einen in den Ruin treiben können. 3 Tage lang alle verköstigen, Band, DJ, Pastor und Deko mit Zelten organisieren – man muss dafür sammeln. Etwas, was ich mir in der Schweiz nicht vorstellen könnte: man hat da einen Beerdigungs-WhatsApp Chat und da schreibt man rein, wieviel jede Person oder Familie beigesteuert hat. Von CHF 3 bis CHF mehreren Tausend. Und wehe man ist nicht auf der Liste: dann gehört man nicht so richtig dazu…

Ich leite von der Beerdigung zur Hochzeit rüber, weil eine Beerdigung verglichen mit einer Hochzeit (Harusi) noch eine sehr einfache Veranstaltung ist. Bei der Hochzeit gehen ja vorher noch die Mitgiftverhandlungen voraus (Malosi – das könnt ihr alles im Blogeintrag vom 14.4.2019 nachlesen). Je komplizierter die Familienverhältnisse, je zäher können die Verhandlungen sein. Ich kenne jemanden, der nicht richtig heiraten konnte, weil die Eltern verstorben waren und die Brüder ihn dermassen ausnehmen wollten finanziell, dass er sich das einfach nicht leisten konnte. Er hatte dann also quasi „uneheliche“ Kinder mit der Frau und das kreierte wieder andere Probleme.

Also wie genau das bei John Baraka gelaufen ist weiss ich auch nicht. Ich weiss aber, dass er und Fridah schon lange zusammen sind – jetzt sollte es aber offiziell gemacht werden mit der Heirat und da gingen dann auch diese Mitgiftverhandlungen voraus. Hier kommt jetzt noch wieder das Problem des Stammes: die Eltern der Braut sind zwar auch Mijikenda (Küstenstamm mit 9 Unterstämmen) aber eben Chonyi und die werden von den Giriama (Mutter) und Kauma (Vater) gar nicht gemocht – mit denen will man sich eigentlich gar nicht abgeben… Auf jeden Fall schien es dann geklappt zu haben mit dieser Mitgift und John Baraka kündigte die Hochzeit an. Dann beginnt das „Fundraising“: man geht überall in der Familie auf Betteltour – ich selber werde ständig von irgendwelchen Leuten angefragt, die ich kaum kenne – oder nur so am Rande. Sie schreiben mir dann: ich heirate dann und dann und ich schreibe zurück: gratuliere! Dann kommt die Frage: wieviel kannst du beisteuern und ich muss mich dann mit Peter absprechen weil ich eigentlich gar nie etwas beisteuern möchte. Einerseits finde ich jetzt Heiraten nicht das Allerempfehlenswerteste in der Welt aber ich finde auch: wenn du kein Geld für eine Hochzeit hast, dann lass es doch sein oder heirate wenigstens deinen Finanzen entsprechend. Aber nein – da bin ich wohl auf dem total falschen Dampfer. Erst gerade vor ein paar Wochen hat einer aus der Verwandtschaft geheiratet und ich weiss ganz genau, dass er keinen müden Rappen im Sack hat und trotzdem wurde ein riesengrosses Fest mit Kleiderwechsel und Hunderten von Personen veranstaltet. Ich habe dort nur gehört, dass es Politiker gegeben habe, die unterstützt haben – vielleicht gaben sie auch Kredite, die dann das Leben lang abbezahlt werden müssen – in welcher Form auch immer – alles ist möglich. Und das ist dann gewissermassen eine Form von Abhängigkeit oder fast schon Sklaverei, denn derjenige ist dir ewig zum Abzahlen oder eben „Dienen“ verpflichtet…

Wer also jetzt erwartet, dass bei solchen Verhältnissen einfach eine schöne traditionelle Feier angesagt wäre hat weit gefehlt. Es werden ganz grosse Geschütze aufgefahren bei John Baraka und Fridah Kalou (irgendwie witzig dieser Name, nicht wahr… erinnert euch an eine andere Frau, die ich besonders gut mag?).

Weil aus diesen Stammesfehdengründen nicht genügend Geld zusammenkommt musste im Vorfeld nochmals eine Fundraising Party gemacht werden und es wird weiter gebettelt – teilweise schon recht penetrant… In diesem Fall habe ich zum Beispiel CHF 100 beigesteuert. Das finde ich schon einen schönen Batzen für Kenia und dafür, dass ich den jungen Herrn auch erst seit 2 Jahren kenne…

Aber jetzt kommt da wirklich die volle Pulle: Vorabendfeier bei der Familie der Frau mit traditionellen Kleidern und ich weiss nicht genau was für Celebrations und dann am Tag x, nämlich heute das grosse Geschütz: der Mnarani Club ist ein exklusiver Ort  in Kilifi und bestimmt nicht günstig zu haben – nicht einmal in Corona-Zeiten. Da kommen die Blumenkinder, alle gleich eingekleidet, dann die Brides Maids und die Groomsmen – alle gleich angezogen. Riesengrosse live Blumnbouquets, Zelte mit Drapierungen, extrem geschmückte und extrem grosse und schöne Autos (unser klappriger Landcruiser hätte da nicht gereicht), ein grosses DJ Zelt (die Anlage hat bis 5 Minuten vor der „Show“ nicht funktioniert aber Daniel, ein anderer Sohn von Peter, hat mitgeholfen bis alles dann eingerichtet war. Ein fancy Pastor in einem Spezialoutfit. Ein Master of Ceremony und und und…

Über den Zeitpunkt habe ich mich ja gewundert: Peter meinte, wir fahren um 07.30 Uhr los, denn um 09.00 Uhr tauschen sie die Ringe. Ich stelle also den Wecker auf 6.00 Uhr damit ich auch wieder Mal versuchen kann, mir eine Frisur zu föhnen, was mit der Temperatur normalerweise gar nicht mal einen Versuch Wert ist. Am Vorabend war aber Peter irgendwie schon ganz langsam unterwegs – irgendwie widerstrebte ihm diese Hochzeit – wir hatten mehrfach versucht, die beiden davon abzubringen, jetzt in Corona-Zeiten dieses Fest durchzuführen – schliesslich könnte es gut in einen Superspreader Anlass ausarten. Auch hat Peter die gleiche Einstellung wie ich: wenn du es dir nicht leisten kannst dann lass es doch sein (mindestens beim Thema Heiraten). Wir sind dann aber so eingermassen zur Zeit unterwegs obwohl wir noch dieses und jenes vorher machen müssen. Als wir sicher sind, dass das Paar vor Ort ist fahren wir auch hin – das ist dann etwa kurz vor 10 (dann hätte die Zeremonie ja schon längst vorbei sein sollen). Es stehen alle ziemlich ratlos da und die technischen Probleme machen alle nervös. Soundcheck 1,2, knacks, pfeiff…  Ich finde  es aber grad köstlich das Ganze zu beobachten und ich amüsierte mich echt gut. Die schrillen Outfits, die vielen unterschiedlichen Leute, das Nicht-so-Social-Distancing – der amüsante Zeremonienmeister mit seinen witzigen Sprüchen, ich bin total fasziniert vom Ganzen. Den Bräutigam bekomme ich dann in seinem türkisfarbenen Outfit zu sehen – er ist wirklich ein sehr fescher Typ – ich habe ihn megagern, wir haben eine supergute Connection er ist immer fröhlich, hat was mit seiner Ausbildung gemacht und er hat uns so viel geholfen fürs Marere College.

Also machen wir auch noch Fotos bevor das Ganze dann beginnt. Aber es zieht sich in die Länge und in die Länge und ich beobachte den Pastor vorne in seinem extra Zelt und ich sehe wie er langsam gräulich wirkt und böse wird… Es ist schon 11.00 Uhr und es sieht gar nicht danach aus, dass der Bräutigam oder irgend jemand von der Gesellschaft durch den geschmückten Blumenbogen reinkommen würde…. Jetzt passiert das Unglaublichste, was ich je gesehen habe: der Pastor sagt zum Zeremonienmeister, dass es ihm leid tue aber er sei engagiert worden von 09.00 bis 11.00 Uhr und er habe jetzt noch eine andere Hochzeit um 11.30 und dort wolle er auch pünktlich sein. Er packt seinen iPad (die sind ja modern hier…), seine Bibel und beginnt sein Mäppchen zu schliessen. Der verzweifelte Zeremonienmeister versucht, ihn zum Bleiben zu überzeugen. Peter ruft seinen Sohn an und erklärt ihm in sehr deutlichen Worten, dass er seinen Allerwertesten endlich bewegen solle, denn sonst gäbe es keine Trauung heute und dann greift der Pastor sogar zum Mikrofon (davon hat es ja ein paar) und erklärt der versammelten Gemeinde, dass es jetzt entweder saumässig schnell gehen müsse oder dass er sich jetzt gleich verabschieden werde. Er sagt ganz offen, dass er von 9-11 bezahlt sei und die nächste Hochzeit nicht vermiesen wolle, nur weil es hier so lange dauere. Er habe ja Verständnis für Videos und Musik aber das gehe jetzt eindeutig zu weit. Von diesem Zeitpunkt bis zum Einmarsch der Gladiatoren dauert es mindestens nochmals 20 – 30 Minuten. Zuerst sitze ich wie auf Nadeln und fühle total mit aber dann hänge ich mich in den Stuhl und denke: was kümmert es mich? Dann gibt das jetzt halt die kürzeste Hochzeit, die ich je gesehen habe.

Pole pole (langsam)  beginnt der organisierte Einmarsch: zuerst die Blumenkinder, dann die Bridesmaids & Groomsmen  – das aber nicht in einem zügigen Tempo sondern Schrittchen für Schrittchen mit Dancemoves dazwischen zu lauter Musik ab Band. Zugegeben ziemlich lustig und lebensfroh und wäre ich nicht quasi die Frau des Vaters könnte ich es bestimmt noch gelassener nehmen. Peter merkt dann plötzlich noch, dass die Mutter von John Baraka ja hinter ihm sitzt – er hatte sie zuerst gar nicht mehr erkannt – kein Wunder nach 32 Jahren!!! Die Show des Bräutigams schlägt dann alles: zu Jerusalema und einem anderen Song tanzt er sich rein: coole Moves, cooles Outfit, coole Socken aber dann insgesamt so kurz vor der kirchlichen Trauung einfach too much: zu viel Inszenierung, zu viel Klimbim und zuwenig gehaltvoll. Es kann nicht einmal feierliche Stimmung aufkommen. Die Braut folgt dann auch und hinter ihr eine Bridesmaid, die ständig irgendetwas in die Luft sprüht: es sieht aus wie Weihnachtsschnee, den wir bei uns für die Fensterdeko verwenden… Oh mein Gott – ich fühle mich nicht im falschen Film aber definitiv in einem sehr kitschigen Film und zwar einem aus den USA oder Bollywood. Der Pastor liest dann den jungen Leuten auch gehörig die Leviten… das können sie hier auch: meistens klingt es wirklich wie im Fegefeuer…. aber mir gefällt was er sagt: Heiraten ist nicht schwer: hier ein bisschen Tanzen, sich in Szene setzen, fotografiert und gefilmt zu werden (ach ja habe ich noch vergessen: ein ganzes Team an Fotografien und Filmern ist hier inkl. einer Drohne, die auch noch dauernd über den Köpfen schwebt.) Aber Verheiratet zu sein, das ist dann alles andere als ein Movie und der um Welten wichtigere Teil. Ok, er will sie dann auch noch dazu bekehren Gottes Wort zu folgen und erzählt seinen eigenen Lebenslauf und dass er jetzt schon 30 Jahre glücklich verheiratet sei – also auch er ist ein Selbstdarsteller – aber halt im Namen Gottes. Er muss sogar alle bitten bei der eigentlich Trauung, dass all diese Gerätschaften ausgeschaltet werden (die Drohne summt recht laut vor sich hin) damit wir uns konzentrieren können…. Aber so nach einer weiteren Stunde sind die beiden offiziell ein Paar und wechseln auf die Seite der Kauma (sie ist also keine Chonyi mehr – ganz wichtig zu betonen – das wird dann auch noch von einer Frauengruppe mit Gesang und Tanz lautstark untermalt und es folgen Foto-Sessions und danach beginnt die eigentliche Party. Es ist – wie meine Wetter-App sagt gefühlte 41 Grad und unter den Zelten wohl noch ein paar Grad mehr. Alle Schwitzen, das Make-Up läuft, denn ab und zu muss man der Form halber ja auch noch die Maske anziehen (Management Policy) und  – da wir ja ziemlich pünktlich sein wollten am Morgen und fast 2 Stunden ohne einen Tropfen Wasser ausgeharrt haben – verspüren wir einen Bärenhunger und es sieht nicht danach aus, dass der in kürzerer Frist gestillt werden wird… Als dann auch noch alle mit Peter politisieren möchten, ob er jetzt 2022 wieder kandidiert oder nicht reicht es ihm vollständig: er hat vorher schon meistens den Kopf geschüttelt, da er die fianziellen Hintergründe ja auch kennt und er beschliesst, dass wir jetzt gehen und ich kann es ihm überhaupt nicht übel nehmen. Auch mir graut vor der Vorstellung, Hunderte von Händen schütteln oder eben abwehren zu müssen und somit als ablehnende Muzungu zu gelten (was ich ja in keiner Art und Weise bin), mit Maske und Abstand tanzen zu müssen und wir verlassen die Hochzeit und gönnen uns im nahen Kilifi Club bei schönster Aussicht  ein gutes Essen. Ach noch ein Detail zum Schluss: Paul, der 3. Sohn, der gerade mit seiner Verlobten in Kenia weilt, hat sogar die ganze Zeremonie verpasst und kommt jetzt für die Party und ist erstaunt, dass wir „schon“ gehen.

Dummerweise müssen wir  im Restaurant auch elend lang warten aber wenigstens ist es ruhig und einfach safe… Peter schläft am Tisch ein aber ich unterhalte mich gut mit Ruth, der neuen Nählehrerin, die wir auch mitgenommen haben damit sie ein bisschen Abwechslung hat.

Kann sein, dass wir alt werden, kann aber auch sein, dass wir einfach den Sinn hinter diesem übertriebenen Geld ausgeben und sich zur Schau stellen nicht ganz einsehen. Wir setzen jeden Rappen für das Marere College ein und verzichten selber auf Dinge und hier wird das Geld förmlich zum Fenster rausgeschmissen. Ich habe es noch nicht ganz begriffen: ist es ein Nacheifern gemäss den Amerikanischen Movies, ist es ein „einmal im Leben möchte ich diese Aufmerksamkeit haben“ oder einfach ein Traum, den man für die anderen lebt? Ich persönlich hätte mir viel lieber so eine ganz traditionelle Hochzeit gewünscht aber ich bin ja nicht die Heiratsexpertin, die hier ein gutes Vorbild ist und einmal mehr kann ich nur schulterzuckend sagen: andere Länder, andere Sitten.

P.S. Ein riesengrosses Stück Kuchen wird uns vom Nachbarn Alex Baraka nachgeliefert und ich zeige die Videos und Fotos, die ich gemacht habe. Die erste Bemerkung, die zum Tanz der Braut fällt ist eher abfällig: au nein, sie tanzt ja wie eine Chonyi… Aber John Baraka, der ist fantastisch – halt ein Kauma! Die Entwicklung hat hier noch einen langen Weg vor sich… Wir beschreiten ihn wie an der Hochzeit: Schritt für Schritt!

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