Dec 21, 2020: Swahili lernen und Grundbedürfnisse befriedigen

Ich
habe bestimmt schon vom Buch „The Big5“ von Strelecky geschwärmt. Die Ziele,
die ich aus dem Buch abgeleitet habe begleiten mich schon seit Jahren. 2 davon
beeinflussen sehr, was ich hier mache:

S.
Swahili kann ich so gut, dass ich eine Ansprache halten kann.

I.

M.

B.

A.
Aufmerksamkeit erreichen mit einem Chor der Energie und Freude erzeugt.

Zum „A“
aus SIMBA (Löwe) komme ich auch bald aber zu „S“ habe ich ja auch schon
Blogeinträge gemacht. Es ist einfach ein Thema, das mich begleitet seit ich
nach Kenia komme. Ich bezeichne mich als ziemliches Sprachtalent. Aber
dummerweise kommt mir mein Perfektionismus immer in die Quere. Ich möchte es
halt schnell und perfekt können. Leider hatte ich bisher nicht den gewünschten
Erfolg. Bestimmt weil ich die Sprache nur 1-3 Monate im Jahr gebraucht habe
aber es hat noch viele andere Gründe. Die Menschen, mit denen ich hier
kommuniziere, können oft Englisch weil sie in die Schule gegangen sind. Und um
die Begebenheiten der Küste zu kennen muss man auch von hier sein. Die
Nairobianer zum Beispiel können überhaupt nicht gut Swahili und im Westen und
Norden sprechen sie die Sprache auch nicht ganz korrekt. Nach einigen Anläufen
habe ich mich entschieden: dieses Mal will ich es wissen: ich möchte jetzt
einen privaten Swahililehrer, der mir das beibringt!

Peter
setzt alle Hebel in Bewegung und bestätigt mir schon vor der Ankunft, dass
David mein Lehrer = Mwalimu sein wird.

Ich
treffe ihn am ersten Tag schon. Ich sehe sofort: er ist sehr religiös und trägt
ein Art Rosenkranz um seinen Hals als Schmuck. Wir besprechen die Bedingungen.
Er möchte KSH 500 in der Stunde, was CHF 5 entspricht. Ich rechne das mal hoch:
jeden Tag von Montag bis Donenrstag 1 Stunde Klasse = CHF 20.—pro Woche – ich
bin aber auch einige Wochen hier und mein Budget ist beschränkt. Da kommt er
mir schon selber mit Hilfe entgegen: er hat mit seinem Bruder ein Business begonnen:
sie fotografieren und filmen an Veranstaltungen und ich habe Peter ja meine
Canon D-600 mitgegeben um sie genau an diesen David auszuleihen (nachdem ich in
einem Online Fotokurs gemerkt habe, dass diese wahrscheinlich nie zu meinem
grossen Hobby wird). Dazu konnte ich noch einige Stative erben aus dem
Seminarmanagement bei Raiffeisen und genau das möchte er auch ausleihen. Eine
normale Ausleihe pro Tag ist KSH 1000 und somit kriege ich die ersten zwei Lektionen
geschenkt und dann auch gleich noch ein paar schöne Fotos von den Hochzeiten zu
sehen. Er ist etwas enttäuscht, dass ich keinen 2. Akku habe, denn der wäre
hier schon noch praktisch. Nach seinem ersten Einsatz meint er dann auch
gleich: er bräuche definitiv noch einen 2. Akku, denn wenn es kein Strom habe,
dann könne er so nicht filmen. Ich meine dann lakonisch: ja dann kannst du dir
gerne einen zweiten Akku kaufen. Ich bin dann auch selber grad ein bisschen
über meine schroffe Antwort erstaunt und revidiere: finde einen Akku und ich
sehe, ob ich ihn kaufen werde… Sorry, aber manchmal können sie ganz schön
herausfordernd sein hier…

Aber
er findet auch, dass es eine ganz anständige Kamera ist. Also nachdem ich ja an
der Hochzeit von John Baraka auch Drohnenfotografie gesehen habe kommt mir eine
solche Spiegelreflexkamera recht old fashioned rüber aber David ist ganz
aufgeregt, denn so muss er nicht nach Kilifi und er hat alles gleich vor Ort.

Am
ersten Tag kommt er ganz pflichtbewusst vorbereitet. Er hat irgendwie den Text
selber (ab)geschrieben und es scheint als würde er mit mir gleich „gäch“
einsteigen. Wir kommen gleich auf Themen, die mir immer noch ein Buch mit
sieben Siegeln sind, nämlich auf die verschiedenen Kategorien. Die Substantive
werden in Swahili (oder Suaheli wie es auf Deutsch heisst) in verschiedene
Klassen aufgeteilt. Die erste Klasse sind z.B. Menschen und „Mammals“ wie es
mein Lehrer sagt. Aber ganz so klar ist das mit den Mammals auch nicht, denn
eine Mücke ist definitiv kein Mammal gehört aber auch in diese Kategorie. Dann
gibt es aber noch 7 weitere Kategorieren, die haben meistens damit zu tun, mit
welchem Anfangsbuchstaben ein Wort beginnt – aber halt auch nicht immer und
dann gibt es auch noch eine Kategorie mit Dingen, die in der Einzahl und
Mehrzahl gleich sind – dort gehören auch die Ländernamen dazu. So weit so gut…
Der „Fluch“ ist jetzt aber, dass sich die Wörter nicht nur in der Mehrzahl
verändern. Einfaches Beispiel Mtoto= 1 Kind im Singular Watoto = Kinder in der
Mehrzahl. Das Wort verändert sich also vorne, was bei allen Sprachen, die ich
bisher gelernt habe neu ist. Aber was sich dann auch verändert sind die
Adverben und die Adjektive und die Konjunktionen, die danach folgen bzw.
dazugehören. 2 heisst zum Beispiel mbili. Aber 2 Kinder ist dann Watoto wawili…
oder hübsche Kinder Watoto wazuri (nicht mzuri wie im Singular…). Und: wen
überrascht es: es gibt dann noch viele Ausnahmen und die muss man einfach
auswendig lernen!!! Wenigstens habe ich keine Probleme mit der Aussprache. Vom
Deutschen her kommend sind wir uns ja gewohnt, dass man jeden Buchstaben
ausspricht (nicht so bei den englisch sprechenden Menschen, die haben da mehr
Mühe damit… to, two, too….) Aber es gibt auch Wörter, da verschlucke ich mich
fast dabei, so z.B. N’gombe = Kuh. Dort ist das „g“ fast so wie ein lautloses Runterschlucken
– das mache ich dann in der Eile meistens falsch. Aber Eile zu haben ist in
Kenia eh schon ein Fehler.

Was
ich ganz cool finde ist, dass man beim Konjugieren alles zusammenhängen kann.
Wenn das Verb kupenda (lieben) ist, dann beginnst du mit wem / wann / was

Wer:
    ich                         Ni

Wann:
Vergangenheit        li

was:
    lieben                   penda

Das
ergibt also zusammengehängt: nilipenda (ich habe geliebt). Die Zukunft wäre
dann „ka“ und das würde heissen: Nikapenda – doch wer weiss schon, ob er in
Zukunft lieben wird..

Aber
auch da gibt es dann Schikanen z.B. wenn es heisst: ich bin geliebt worden etc.
das kann man auch so lösen. Cool oder? Bei diesen Lektionen bin ich dann auch
ganz fix und mein Lehrer ist zutiefst beeindruckt. Aber mir fehlen noch viele
Wörter. Ich habe mal gezählt: ich kenne jetzt bestimmt schon 200 Wörter und das
Ziel ist auf 1000 raufzukommen.

David
baut die Lektionen so auf, dass er wirklich am Anfang beginnt: was ist ein
Buchstabe, eine Silbe, ein Wort, ein Satz etc. dann kommen die Dinge wie
Substantive, Adjektive, Adverben, Verben, Konjunktionen etc. – das aber alles
auf Swahili – also auch die Erklärung dazu. Ich kenne ja nicht mal die Wörter
wenn ich sie lese, geschweige denn wann ich was wie anwenden muss (in welcher
Kategorie, siehe oben)…. Diese Dinger heissen dann nämlich: Nomino, viambishi,
kivumishi, kitenzi, kiunganishi etc. etc. Oh mein Gott… ich fühle mich
definitiv in die Schulzeit zurückversetzt. Als ich es einer Freundin erzähle
meint sie: ist der überhaupt Lehrer? Ich antworte: ich glaube ja denn er gibt
mir Hausaufgaben… Sie meint: also wenn er die mit einem Stift korrigiert dann
ist er Lehrer – und siehe da am nächsten Tag beobachte ich ihn und tatsächlich
korrigiert er wie ein Lehrer und lobt mich, dass ich die Aufgabe gut gelöst
habe. Dummerweise gibt es hier keine Chläberli – ich hätte bestimmt schon ein
paar davon abgekriegt. Aber auch sonst ist mein David ganz gewissenhaft. Er
macht nämlich selber auch viele Fehler, entweder beim Schreiben der Aufgaben
oder beim Erklären und muss sich oft korrigieren. Das ist ihm dann nämlich
peinlich, weil die Streberschülerin Mama Kaya diese Dinge meistens hinterfragt
und er dann zugeben muss, dass er es falsch gesagt hat. Seither hat er immer
sein Handy und schaut wahrscheinlich diese komplexen Grammatikregeln auch
dauernd während des Unterrichtes nach. Er will sich natürlich keine Blösse
geben, bei seiner Wanafunzi (Schülerin), der Frau seines Onkels – das wäre dann eine grosse Blamage für ihn.
Was lustig ist: er sieht wirklich auch aus wie ein Lehrer (Achtung Klischee) :
riesengrosse Brille- ein bisschen ein Silberblick aber einfach auch gescheit
und gleichzeitig auch ein bisschen besserwisserisch. Sorry an alle Lehrer, die
ich jetzt grad ein etwas beleidigt habe – aber ich meine es durchaus
liebevoll!!!

Ich
tu mich echt noch schwer aber die Leute sehen einen Unterschied um mich herum,
denn ich versuche wirklich zu verstehen und meine Sätze – nachdem ich sie auf
Englisch gesagt habe – auf Swahili zu wiederholen. Was auch ganz toll ist: ich
lerne sehr viel über die Bräuche und was ich wann und wo darf und nicht darf –
und das wird mir helfen, damit ich nicht in allzu viele Fettnäpfchen trete… So
gibt es viele Wörter, die mit dem Tod und/oder mit Geistern zu tun haben und
die darf man dann wirklich nur an einer Beerdigung sagen oder wenn jemand
gestorben ist. Sonst kommst du wortwörtlich in Teufels Küche! Dazu kommen viele
Ausdrücke, die mit der Hierarchie zu tun haben. Wer grüsst wen, wann und wie und
mit welchem Titel. Da habe ich schon viel dazugelernt. Und was top ist: er sagt
mir dann auch immer ein paar Wörter in Kauma, das ist der Dialekt, der hier
gesprochen wird und mit dem kann ich natürlich auch punkten. Ich kenne jetzt
z.B. das lokale Wort für „danke“, das heisst nämlich nicht asante sondern „namvera“.
Wenn ich das sage, dann staunen sie hier definitiv. Aber mein Hirn raucht schon
nach einer Stunde und ich gucke auch mal verstohlen auf die Uhr und freue mich
wenn sie vorbei ist.

Meine
Papiere sehen aus „wie wenn sie eine Chue i de Schnorrä gha het“. Erstens weil
es so feucht ist hier und ich regelmässig am Papier kleben bleibe, dann aber
auch weil das Papier selber von schlechter Qualität ist und dann kommt noch
dazu, dass die Blätter regelmässig auf den Boden fallen weil es so windig ist
oder der Ventilator sie runterschmeisst. Aber auch damit lerne ich zu leben –
ich weiss noch, wie ich mich immer darüber aufgeregt habe vor 9 Jahren!!! Heute
scheine ich integriert zu sein!

Also
alles in allem ist es ganz viel, was ich über die Kultur mitkriege durch diese
Lektionen und das gefällt mir sehr. Ich lese gleichzeitig auch noch 2 Bücher: „The
Swahili Code“ – das hat nicht direkt mit der Sprache etwas zu tun, aber als „Swahili“
bezeichnet man auch das ganze Volk, das hier an der Küste von Somalia bis
Tanzania und weiter lebt. Und auch noch ein weiteres Buch über die Mijikendas,
das sind die 9 Stämme in dieser Gegend, die zu einem Stamm zusammengefasst
werden. Aber das ist dann ein weiteres Projekt, die Rituale dieser Mijikenda
aufzuzeichnen. Das grosse Ziel wird dann ein „Ballenberg der Mijikendas sein“
und wenn ich gut Swahili kann – dann wird eines der Big 5 abgeändert…

Zum
Schluss noch ein kleiner Einblick in die lustigsten Hausaufgaben, die ich
bisher hatte. Ich musste folgende fett geschriebenen Wörter in den Sätzen mit „polite
= anständigen“ Wörtern ersetzen:

Gatakaa alizaa
mtoto wa kike = Gataka gave birth to a daughter

Mavi yametapakaa kila mahali mijini = The dung is scattered all over the place/city

Ukikojoa hadharani utanaswa na maafisa wa baraza ljiji. = If you urinate in
public you will be caught by the council officials.

Ich
gebe euch die Auflösung für den 3. Satz. Die freundliche Variante ist „ukijisaidia
haja ndogo“. Übersetzt so viel wie ich helfe mir beim kleinen Geschäft (ndogo =
klein), denn gross – oder wie ich es kenne Nr. 2 – heisst kubwa!!! Hier nennt
man das auch short call und long call wenn man es anständig ausdrücken will.

Ich
hoffe, mein Einblick in die Swahili Lektionen war für euch eine Freude kubwa!!!

 #politewords

Teilen

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert