Dec 23, 2020: Der Hühnerhaut-Chor nimmt Fahrt auf

Ich habe in meinem letzten Blog-Eintrag geschrieben, dass
ich zum Punkt „A“ von meinen 5 Lebenszielen gemäss dem Buch „The Big 5“ noch
schreiben werde und das wird eine grosse Freude sein:

A.
Aufmerksamkeit erreichen mit einem Chor der Energie und Freude erzeugt.

oder auf
Englisch

A  Attaining credits for managing a choir that
creates emotions

Früher hatte ich in der Schweiz das Ziel, dass ich einen
Gospelchor gründe, der Hühnerhaut erzeugt, weil ich mich manchmal im
Goschpälchor Wiedikä genervt habe, dass die Leute nicht einmal im Rhythmus
klatschen konnten… ich stellte mir so die grossen Gospelchöre vor aus den USA.
Ich hatte ja vor Jahren mal das grosse AHA Erlebnis, als anstatt Ray Charles
ein Gospelkonzert am Montreux Jazz Festival war. Ray Charles war erkrankt und
die Enttäuschung war gross. Aber die Nacht sollte sich fast als eine
Erleuchtungserfahrung herausstellen. Wir waren alle bis spät in die Nacht
hinein auf den Beinen und haben „Hallelujah“ und „praise the Lord“ geschrien.
Fast ein Wunder, dass wir nicht auch noch auf die Bühne gingen um ein
Testimonial abzulegen.

Freunde wiesen mich darauf hin: nur weil du Schwarze im Chor
hast wird es noch nicht gut klingen – es können nämlich nicht alle Schwarzen
singen… und damit haben sie natürlich auch recht. Und daraus ein Integrationsprojekt
zu machen, das war mir dann auch irgendwie zu viel bzw. ich habe ja auch keine
Chorleitungserfahrung und kann zu wenig gut dirigieren (habe ich mal einen Kurs
dafür besucht: Respekt, das ist ein Wahnsinnsjob), einsingen etc. Dafür gab es
ja dann auch andere Leute, wie z.B. Alexa Vogel aus Arbon oder ein Chor in St.
Gallen, der das macht. Ich habe ja jetzt auch das Glück, dass ich in einem
Frauenchor singen kann, der Hühnerhaut erzeugt: den sinGALLinas – wirklich eine
unschlagbare Truppe.

Schon bald kam dann die Idee auf, das in Kenia umzusetzen.
Ich wollte dafür auch eine Chorleiterausbildung machen, aber es war mir dann
doch zu aufwändig und ich bin sicher, die Chorübungen aus der Schweiz
funktionieren nicht unbedingt hier in Kenia. Die Stegreifausbildung kam dann
wegen Corona nicht zustande und so bin ich dieses Mal nach Kenia gekommen ohne
allzu grosse Erwartungen, dass dieses Ziel erfüllt werden könnte. Aber ich habe
nicht mit meinem Peter gerechnet. Er hat wieder alle Hebel in Bewegung gesetzt
und als ich hierher gekommen bin, waren schon 2 Ladies am üben und am
Zusammenstellen eines Chors. Plötzlich hiess es, die Girls seien wieder hier,
sie wären schon gestern hier gewesen für die erste Probe. Aha, gut dass ich das
auch weiss, denn ich war gestern in Malindi und wusste nicht, dass es so
schnell so konkret wird. Aber ein Pianoplayer war ja auch schon hier um zu
üben. Allerdings fand er, dass das Keyboard, das ich aus der Schweiz
mitgebracht habe nicht gerade der Hit sei. Das in der Kirche sei viel grösser
und man könne dort die Stimmlage verändern. Dieses hier könne das nicht… Ich
dachte mir so innerlich: Junge, dann geht mal schön in die Kirche und spiel
dort weiter, du undankbarer Flegel… Aber gesagt habe ich: wow – that is great. Do you have a keyboard
to practise? Die Antwort darauf war dann wie erwaret: no! Und somit musste dann
halt auch dieses mikrige Keybördchen hinhalten.

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In der ersten Probe kam der junge Herr dann auch mit 2
Stunden Verspätung, was aber nicht so schlimm war, da sowieso alle mit
mindestens ½ Stunde Verspätung eintrafen… Ich wollte zuerst mal ein bisschen
hören, was sie sich denn so von einem Chor vorstellen würden. Sie machten es
mir ganz deutlich: sie wollen nicht einfach so dahinsingen sondern sich bald
auch mit anderen Chören messen und an Competitions gehen. Wow, das hatte ich so
nicht erwartet. Auf die Frage, wie oft sie proben möchten kam wie aus der
Pistole geschossen: jeden Tag! Das musste ich dann schon ein bisschen relativieren,
denn so wie es aussieht wird unsere Nählehrerin auch die Chorleiterin und somit
bestimmt sie auch den Fahrplan und die Zeit wann die Proben beginnen können.
Sobald die Schule wieder beginnt wird das auch der entscheidende Faktor sein.
Die Frage, welchen Stil sie denn singen möchten war schon schwieriger für sie,
denn sie kennen ja fast keine Stile. Also kam auch wieder aus der Pistole
geschossen: Gospelmusic. Hier in Kenia gibt es viele Gospelsänger, die wirklich
Berühmtheit erlangt haben und auch ganz schön Geld machen – das muss dann wohl
auch das Vorbild sein. Und ein bischen „yoyo“ Musik – so habe ich es wenigstens
verstanden. Auf die Nachfrage, was das sei meinten sie: Kirchenmusik halt… Ich
wollte dann wissen, ob es auch Bands oder Stars gäbe, denen sie nacheifern. Ja
ob es so etwas wie unsere Hitparade mit Michel Birri gäbe… aber sie schauten
mich nur ganz erstaunt an. (das mit Michel Birri habe ich natürlich nicht
gesagt..) Also hakte ich nach: kennt ihr z.B. Christina Aguilera oder Madonna
oder so. Wieder grosses Staunen und ich musste mir selbst an den Kopf greifen:
ohne Radio, ohne TV, ohne Internet – wie sollen sie da irgendwelche grossen
Stars kennen? Ich war wieder mal in die grosse Muzungu-Unconscious Bias-Falle
getrappt. Aber deshalb frage ich ja auch nach… um die Fehler nachher nicht zu
machen und ihnen irgendwelche Songs vorzulegen, mit denen sie überhaupt nix
anfangen können.

Wir einigen uns darauf, dass wir später 1x in der Woche
proben werden und mit Gospelmusik beginnen werden. Weil Weihnachten aber grad
vor der Türe steht suchen wir gemeinsam 3 Weihnachtslieder, die wir einstudieren
möchten. Kommt her oh ihr Gläubigen, denn das kennen sie schon aus dem
Kirchengesangbuch, dann We wish you a merry Christmas, denn davon gibt es auf
Youtube eine coole Version mit teilweise Swahili Text und ich bringe dann noch
das Silent Night mit ein, weil ich das in Leo Gschwends Ad hoc Chor auch schon
auf Swahili gesungen habe in der Schweiz, als wir für Pro Ganze gesammelt haben.
Für diese Weihnachtsmusik sind sie also bereit, jeden Tag um 14.00 Uhr nach
Marere zu kommen. Also das heisst: die Bereitschaft ist da aber es sieht dann
doch so aus, dass jeden Tag etwa 4-5 fehlen. Wegen Krankheiten, wegen
Todesfällen, wegen anderen Engagements. Ich habe so das Gefühl, dass junge
Mädchen und Frauen in der Familie als echte Arbeitstiere eingesetzt werden: um
die Kinder zu hüten, um sauber zu machen, um zu kochen. Kein Wunder bei
durchschnittlich 7 Kindern pro Familie… das müssen einfach die älteren sofort
Aufgaben übernehmen.

Das nächste kleinere Problem ist, dass niemand Noten lesen
kann. Also weder die Chorleiterin, noch der Pianoplayer noch irgendeine der
Chorsängerinnen. Also dann machen wir es einfach so: wir werden die Musik
vorspielen und sie singen dann einfach nach… bin gespannt wie das rauskommt.
Als Abschluss der ersten Probe schlage ich vor, dass sie mal etwas singen, was
sie schon können und sofort gibt es Bewegung. Es gib 2-3 Frauen, die gleich das
Vorsingen übernehmen und die anderen stimmen in den Chorus ein. Ich selber kann
auch nicht mehr sitzen bleiben und so singe ich einfach gleich mit und haben
schon bei der ersten Probe einen Riesenspass. Bei der Frage, wie der Chor
heissen soll heisst es schon wieder wie aus der Pistole geschossen: Barbara’s Chor.
Aber das kommt für mich überhaupt nicht in Frage. Sie sollen sich nochmals
überlegen, wie sie später heissen möchten – als Working title nehmen wir mal
Marere Stars – klingt gar nicht so schlecht.

 Hier geht es zum Video:

https://youtu.be/Mz5Bhu7gEjU

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Als ich das dann einer Freundin erzähle und von ihr Tipps
zum Einsingen kriege meint sie nur: aber gell du weisst schon, das Singen wegen
Corona wirklich gefährlich ist und ja: ich weiss es aus der Schweiz. Ich werde
jetzt aber auch ein bisschen unsicher, denn wenn jemand Corona haben sollte
wäre es schon eine Katastrophe, wenn wir es so verbreiten würden. Andererseits
hocken hier wirklich alle so nah aufeinander, einen Chor mit Corona-Abstand
oder gar mit Maske, das wird nicht funktionieren… Wir thematisieren das aber
bei der 2. Probe und sie finden: keinesfalls mit Maske – sie werden versuchen,
Abstand zu halten – aber ich kann euch jetzt schon verraten: es wird beim
Versuch bleiben…

In der zweiten Probe machen wir uns schon ans Come All ye
faithful. Sie zeigen mir das im Kirchengesangsbuch, aber dort hat es gar keine
Noten. Sie zeigen einfach: 325 und alle wissen, was sie singen müssen –
verblüffend! Aber wir drucken ihnen auch den Text aus und wir gehen Strophe für
Strophe durch: 3 mal singen und dann auswendig – es scheint zu funktionieren.
Was noch eine Vollkatastrophe ist, das ist der Pianospieler. Er irritiert mich
extrem, denn er spielt überhaupt nicht, was die Melodie ist. Aber die Mädels
singen unbeirrt weiter und feilen dann an den Details. Die Chorleiterin hat
eine ganz lustige Art zu dirigieren und wir brauchen alle eine Weile bis wir
uns gewöhnt sind: 1,2,3,4 – go ist ihre Ansage und so kriegen wir also schon
das erste Lied hin. 

Lied Nr. 2

https://youtu.be/8rOPYjWyG80

Ich vergesse irgendwie die Hitze und habe eine pure Freude,
dass sie so enthusiastisch sind. Sie sehen zwar nicht immer so aus, aber sie
beteuern immer wieder, dass sie Spass haben. Und im schlimmsten Fall könnten
wir auch A Cappella singen wenn der liebe Evans nicht noch ein bisschen mehr
übt.

An der zweiten Probe kommt Silent Night dran. Das kennen sie
zwar nicht aber es geht raz faz und der Song ist drin. Auch hier versuchen wir wieder
sehr schnell auswendig zu singen und auch ein bisschen an der Betonung zu
arbeiten, denn vor lauter Enthusiasmus singen sie so laut, dass er nichts mehr
mit Silent Night zu tun hat. Ich spreche ihnen mit Händen und Füssen den Text
und dessen Bedeutung vor und das gibt wieder ziemlich viel Gelächter über meine
theatralischen Fähigkeiten.

In der nächsten Probe beginnen wir mit „We wish you a merry
Christmas“. Die Herausforderung hier: ich verteile gleich Solo-Duette. Nicht
unbedingt, weil ich sie nicht alleine singen lassen möchte, aber weil ich
ziemlich sicher bin, dass die Eine oder Andere fehlen wird und dann mindestens
1 hier ist. Es gibt kein Murren, kein „oh nein das kann ich nicht“ sondern sie
singen voll drauf los. Die einen schon brutal sicher, die anderen eher scheu
und zurückhaltend und ein paar wieder so volle Pulle, dass es nicht nach
Weihnachten klingt – oder halt nach sehr lauten… Hörbar sind auch die, die sich
gewohnt sind, sonst Solo zu singen, so quasi die Vorsängerinnen der traditionellen
Lieder. Sie improvisieren und singen was dazu – und ich finde das voll ok. Ich
will ihnen nicht die europäische Art aufs Auge drücken. Vor lauter Konzentration
mache ich selber mehrmals einen Fehler beim Solo mit Peris und wir Lachen
wieder viel darüber…

Die Muzungu macht auch Fehler: https://youtu.be/qc2LYYOIAt8 

Ach ja übrigens: falls Sängerinnen/Sänger,
Chorleiterinnen/Chorleiter diesen Blog lesen: ich bin so froh um Einsingübungen
und einfache Übungen, die man am Anfang machen kann. Ich kenne mich da einfach
zu wenig aus. Und immer gerne ohne Noten!

Das nächste Mal sind wieder vier andere nicht hier dafür
vier, die das letzte Mal nicht dabei waren. Die kriegen gleich deren Soli aufs
Auge gedrückt und ich gebe allen ¼ Stunde Zeit um die Soli einzuüben und dann
gilt es definitiv: Aufnahme. Peter muss als Filmer herhalten, was auch nicht gerade
seine Stärke ist. Aber egal: ich will das als Weihnachtsvideo versenden und wie
Peter immer zu mir sagt: you never give up!!!

Das Resultat konntet ihr auf den verschiedenen Sozialen
Medien schon bewundern. Ich habe es mit InShot noch ein bisschen aufgepeppt und die Namen aller Sängerinnen und des Pianoman eingefügt. Ich finde, die haben das ganz gut gemacht! Selbst der
Pianoman hat noch einen Zacken zugelegt und sich verbessert. Hauptsache ist die
Freude am Erreichten. 

https://youtu.be/ItuW5puPCZw 

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Sie dürfen sich das Video auf dem Beamer anschauen, was
natürlich zu einem unglaublichen Gegacker und Gelächter führt – ich muss es
zweimal zeigen, damit sie sehen können wer wo wie dreingeschaut hat. Es ist Lebensfreude
pur.

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 Ach ja: als wir dann vom Auftrittsdatum sprechen (für mich war klar, dass
wir das am 25. Dezember machen, dann wird hier so richtig gefeiert und jeder kriegt
ein neues Kleidungsstück) fanden sie plötzlich alle: du wir haben da ein
Problem, denn wir müssen ja alle zuhause helfen… Ja toll, das ist jetzt auch
noch früh aufgetaucht, dieses Problem aber ihr wisst ja: in Kenia ist immer
alles Hakuna Matata… und so verlegen wir es halt auf den 26. pünktlich um 14.00
(wir werden also etwa um 15.00 Uhr singen). Ich stelle ihnen auch ein kleines
Präsent in Aussicht. Da es schon mal 14 Mädchen sind kaufe ich im Supermarkt
auf meinem grossen Mombasa-Shopping-Trip 14 Fläschen Soda, 14 Guetzlipäckli und
14 Bücher, die sie für die Schule brauchen können. Ich packe alles sorgfältig
in Geschenkpapier ein und lasse dazu Weihnachtsmusik laufen und siehe das: es
kommt wirklich ein Weihnachtsfeeling auf. 

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Als dann auch noch die Weihnachtsdeko
aufgehängt wird kann ich nur sagen: – it’s beginning to look a lot like
Christmas!

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Euch allen zuhause wünsche ich, dass die Chorbotschaft
rüberkommt und dass ihr eine merry Christmas und ein happy New Year feiern
könnt!

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