Dec 25, 2020: Weihnachten – Teil 1: Vorbereitungen, die Nerven brauchen

Dass planen in Kenia nicht einfach ist, das weiss ich schon
lange. Dass man aber gar keine Ahnung hat, wieviele Personen auftauchen werden –
daran kann ich mich noch nicht so richtig gewöhnen. Peter erzählt von einem
Familienteil, der in Richtung Malindi wohnt. Früher haben die Familien immer
abgewechselt und sich gegenseitig besucht und diese Tradition soll wieder
belebt werden. Also kann es sein, dass eine ganze Truppe eintrifft am 25.
Dezember, denn das ist der grosse Feiertag hier. Es kann aber auch sein, dass
sie nicht kommen.

Dann hat Peter auch eine traditionelle Tanztruppe
organisiert, die am 25. aufspielen wird. Die alleine sind schon etwa 40
Personen. Und das allergrösste Problem: unsere Perle Mbuche wird nicht hier
sein, denn sie muss für ein paar Tage zu ihren 2 Kindern nachhause fahren, da
die Mutter einen Unfall hatte und ihnen nicht die ganze Zeit schauen kann.
Peter hat organisiert, dass 2 Mädchen von einer nahen Verwandten kommen und die
Arbeiten von Mbuche übernehmen. Die beiden treffen ein, als Peter irgendwo
unterwegs ist. Sie kommen zu mir und sagen, dass sie bei uns wohnen werden. Da
ich sie überhaupt nicht kenne und nicht weiss, dass es die 2 Besagten sind
reagiere ich ein bisschen komisch. Aber alles klärt sich dann auf und sie sind
bereits schon am 23. hier um von Mbuche zu lernen, was denn alles gemacht
werden muss und wo sich alles befindet. Die beiden sind ganz sympathisch, sehr
anständig aber das hält die Mücken nicht davon ab, die eine – Violet – mit
Malaria niederzustrecken. Sie muss eine ganze starke Form haben, denn in den
nächsten 3 Tagen braucht sie täglich eine Hammerspritze und fällt mal sicher
für 2 Tage aus. Zum Glück hat Peter Beziehungen und sie erhält sofort eine
Behandlung. Wir verwöhnen sie mit gutem Essen und genügend trinken. Es bleibt
jetzt halt alles an Nelly hängen und die scheint nicht so ganz schnell zu sein
im Kapieren. Aber es ist klar: im Shehe-Fuhrer Haushalt hat es halt auch
Geräte, die sie im Leben noch nie gesehen haben, wie einen Kühlschrank, einen
Toaster etc. Mbuche muss auf jeden Fall noch ein bisschen länger bleiben, denn
sonst werden in Marere alle hungrig am Tisch sitzen und soviel ich weiss kann
Moses nur Ugali und Krabben kochen, aber die sind jetzt nicht auf der
Menüliste.

Da es hier üblich ist, dass man zu Weihnachten neue Kleider
kriegt gebe ich Mbuche ihre Weihnachtsgeschenke – ich glaube, sie wird erstaunt
sein, denn ein grosser Wunsch von ihr war, dass sie auch mal eine Schürze hat.
Sie hat das am TV gesehen und Peter schon lange damit bestürmt. Es ist wirklich
ein Zufall, dass ich das aus der Schweiz mitgebracht habe aber es wird eine
grosse Überraschung für sie sein. Auch für Moses, den Gärtner und Mann für
alles, habe ich ein Hemd mitgebracht. Da er riesengrosse Ausmasse hat weiss ich
nicht so recht, ob die Grösse stimmen wird – aber: das Hemd ist chic und passt
perfekt. Anscheinend hat er in der Covid19 Zeit etwas abgespeckt. Der Kuhhirt
Chai kriegt auch ein passendes T-Shirt und ich muss ihn sofort fotografieren.
Für Mbuche habe ich auch noch die Kleider bezahlt, die Ruth für sie genäht hat –
somit ist sie wirklich gut eingedeckt für Weihnachten. Was noch witzig ist, als
ich meinen Zürcher Freundinnen in unserer Zoom-Weihnachtssession erzählt habe
von diesem Brauch meinte Vreni, die 10 Jahr älter ist als ich, dass das früher
auch in der Schweiz üblich gewesen sei: sie wäre nämlich immer mit einer
offenen Jacke in die Kirche gegangen sei um zu zeigen, was sie Neues gekriegt
habe. Die Bräuche haben sich auch bei uns verändert.

Als wir ankündigen, dass wir nach Mombasa müssen um
Einzukaufen will Mbuche sofort mitkommen – ich nehme an, dass ihr der Ausflug
nach Malindi gefallen hat und da sie eine natürliche Neugierigkeit hat will sie
dabei sein. Weder Peter noch ich sind besonders begeistert darüber, einen
Ausflug nach Mombasa zu machen. Die Strasse ist einfach saumässig gefährlich
und prompt schramme wir ganz nah an einer Katastrophe vorbei: Ein riesiger
Lastwagen, der uns entgegenkommt, biegt ab ohne Blinker und mit einem
Affenzahn. Peter muss ausweichen doch entgegen kommt ebenfalls ein Lastwagen
auf der falschen Spur, der gerade am überholen war. Mir läuft ein krasser Film
in Sekundenschnelle ab: ich hatte ein glückliches Leben, ich liebe meinen Mann und
meine Kids aber ich möchte definitiv noch nicht weg von dieser schönen Erde.
Aber Peter kriegt das Riesengefährt in den Griff. Danach verfolgt er den
Lastwagen, steigt aus und liest dem Typ die Leviten. Ich habe ihn noch selten
so aufgebracht gesehen: er schreit den Typ an und sagt, dass er nie wieder
einen Job kriegen wird. Als der noch blöd rummault macht Peter eine Foto des
Nummerschilds und irgendwann gibt der Typ dann klein bei und entschuldigt sich
doch noch. Ouff – gerade nochmal gut gegangen.

Im Laden gehe ich mit dem Handy meine Checkliste durch und
wer mich kennt weiss: ich bin eine schnelle Einkäuferin: zack, zack, zack: die
Liste wird immer kleiner und in no time haben wir alles zusammen. Mbuche kommt
kaum nach mit dem Einkaufswagen. Sie möchte ja noch ein bisschen gaffen und
fragen, was denn das alles ist in den Gestellern. Parallel fährt Peter mit
einem 2. Wagen für die grossen Sachen, wie 25 kg Mehl, 25 kg Reis etc. Wir
entdecken auch ein paar Köstlicheiten, die wir uns gönnen: ein Brot mit Kernen
und einen Zopf, der sich dann eher als Maisbrot herausstellt aber es ist wieder
mal schön, Dinge zu kaufen, die es in Kilifi leider nicht mehr gibt. Ich gönne
mir dann noch ein 6-Pack Bier und wir laden den Airtel-Elektriker auf, der
mitkommt um den Blitzableiter auf unserem WiFi Mast zu installieren. Wir kaufen
auch noch eine zusätzliche Gasflasche, damit wir in der grossen Küche auch mit
kleineren Pfannen kochen können.

Vor lauter Aufregung vergesse ich fast, dass ich mit meinen
Kids abgemacht habe, dass wir mit Google Duo unseren Weihnachtstermin haben. Da
Colombe in den USA ist 12.00 Uhr, Mica in der Schweiz 20.00 Uhr und ich in
Kenia 22.00 Uhr hat das grad ein bisschen Koordination gebraucht. Wir schaffen
es aber um 22.20 Kenia Time. Wir haben eine Mordsgaudi und probieren alle
Filter von Google Duo aus und alle berichten, wie es ihnen so geht unter den
entsprechenden Umständen. Ich bin so froh, eine so coole und verständnisvolle
Familie zu haben. Auch wenn wir lieber zusammen feiern würden: wir finden alle
unseren Weg und unsere Verbundenheit geht über die Herzen und über die
Kontinente hinweg. Was für ein Geschenk diese beiden doch für mich sind!

Als Mbuche dann am 24. endlich nachhause darf ist sie total
überkandidelt und freut sich wie verrückt. Sie schnappt sich den Weihnachtshut,
der hier ein begehrter Artikel ist und machen noch einen Freudentanz.

 Mbuche mit Weihnachtshut: https://youtu.be/jeOqIkQA9Mg

Danach beginnt die Odyssee mit Nelly. Als kleine Anekdote:
sie macht am Morgen den besonderen Chai: das ist Tee, bei dem die Teeblätter in
Milch aufgekocht werden und der mit Gewürzen verfeinert wird. Ich warne sie
davor, dass die Milch gerne überkocht, weil Gas einfach viel schneller ist als
ein Holzfeuer. Sie meint, sie müsse sich jetzt ein bisschen setzen, sie sei
müde. Ich sage: ok, du kannst dich setzen aber bitte beobachte den Topf. Ich
weiss nicht, ob sie eingeschlafen ist dabei aber die Milch quillt über und
macht eine Riesenschweinerei. Ich habe Bedenken, wie das rauskommen wird für
die anderen Aufgaben aber ich werde beruhigt: die Mutter werde auch noch eintreffen
um mit dem Mahamri machen (Frühstücksgebäck) zu helfen. Die Mutter trifft dann
auch ein am 24. aber sie bringt gleich nochmals 3 Kinder mit, denn sie hat von
denen ja auch 9! Die werden ja dann auch alle hier übernachten und ich sehe
immer grössere Probleme mit der Verpflegung vor mir. Aber es heisst, dass der
Koch, der sich für die Schule bewirbt kommen wird und dann auch das Pilau
(Reisgericht mit Fleisch) und die Mahamri kochen wird für den Weihnachtstag.
Blöderweise verzögert sich aber dessen Ankunft – er kommt anstatt am Nachmittag
um 22 Uhr an, vollkommen geschafft nach dem Riesenstau in Mombasa und weil er
selber 2 Tage nicht geschlafen hat. Wir machen aber zusammen noch die
Einkaufsliste für den nächsten Tag: 5 kg Fleisch und einiges andere kommt noch
dazu aber ansonsten habe ich gut eingekauft: Ililki (Kardamom), Zwiebeln,
Tomatenpüree und andere Zutaten hatte ich noch im Kopf von den letzten Jahren.
Der Koch muss jetzt schlafen aber er verspricht, dass er früh aufstehen wird
und dass es überhaupt hakuna matata ist, ich soll mir keine Sorgen machen. 

Es
gibt aber noch etwas, was mir fast mehr Sorge bereitet: wir haben fast kein
Wasser mehr. Von den drei Kammern ist auch die letzte fast leer. Peter hat zwar
CHF 100 geschickt für den Wassertank, aber der lässt auf sich warten. Alle SMS,
alle Anrufe sind bisher erfolglos geblieben – aber um 22.30 passiert dann das
Weihnachtswunder: der Lastwagen mit Wasser kommt und jetzt beginne ich mich
langsam auf den morgigen Tag zu freuen – was für eine Aufregung: ich habe mich
nicht einmal mehr zu Duschen getraut… 

Jetzt sind die Matata ein bisschen
kleiner geworden und ich versuche zu schlafen, aber das erste Mal wache ich
früh auf, denn nach dem Genuss der feinen Mahamri steht der Besuch in der
Kirche an. Peter hat mich wieder mal „untervermietet“ und ich soll in der
Kirche auch noch das Wort ergreifen, denn wenn eine Pfarrerin (sprich
Laienpredigerin) in die Kirche geht in Kenia dann muss sie das tun. Ich bin ein
bisschen grantig, denn ich werde nicht gerne zu etwas verdonnert und ich habe
nichts vorbereitet. Peter meint aber, dass er mir das schon in der Schweiz
gesagt habe und ich wusste, dass das auf mich zukommt. Ich entscheide, daraus
ein Spontanreferat zu machen, schliesslich wird hier Improvisieren gross
geschrieben und so mache ich es auch. Ich habe schon ein paar Ideen im Kopf und
das wird schon schief gehen.

Weil wir vom letzten Mal Erfahrung haben gehen wir dieses
Jahr auch eine Stunde später zur Kirche – und zwar zusammen mit der Mutter und
ihren 5 Kindern – immer werden wir schon ein bisschen Publikum haben… Vor Ort
sind wir tatsächlich die ersten, es wird noch geputzt und aufgeräumt und
vorbereitet. Der Pfarrer findet dann aber, dass er selber ja auch noch
Weihnachten feiern will zuhause und somit werde es heute auch ein bisschen
schneller gehen. Obwohl sonst noch niemand da ist begeben wir uns in die Kirche
und wir singen „Chorus“. Es trommelt einer und alle singen dazu Lieder, die sie
einfach auswendig kennen. Ich singe irgendwie mit und kann dieses Talent
einfach mitsingen zu können wieder mal anwenden. Wahrscheinlich zieht der
Gesang andere an und nach etwa ½ Stunde Chorus ist die Kirche tatsächlich fast
voll. Ich bin einmal mehr erstaunt. Den Pfarrer mag ich nicht besonders – er ist
eine Art Klugscheisser und mit denen habe ich es ja nicht so – aber ich kenne
definitiv auch in der Schweiz solche Pfarrer und manchmal hindern die mich fast
daran, dass ich mit Freude Gottesdienste halte. Ich fühle mich dann immer auf
dem Prüfstand. Aber als ich an die Reihe komme habe ich eine gute Geschichte
auf Lager: Zuerst begrüsse ich mit einem Bwana Yesu asifiwe, so wie alle
anderen die Gemeinde begrüssen. Darauf gibt es ein „Amen“ der Gemeinde zur
Antwort. Ich erzähle, wie man in der Schweiz Weihnacht feiert. Der Sohn des
Pfarrers übersetzt supergut. Nur hat er ab und zu Mühe, weil ich ja auch
Swahili Wörter einbringe und die übersetzt er dann auf Englisch, was ziemlich
viel Gelächter auslöst in der Gemeinde. Sie sind fasziniert von meiner
Geschichte und von meinem Fazit: egal ob wir Covid19 haben, egal wo in der Welt
wir feiern: der Grund des Feierns ist immer derselbe: Kristo amefika – Christus
ist angekommen. Damit sie dann auch hören können, dass bei uns Weihnachten
etwas leiser ist als in der Schweiz singe ich ihnen eine Strophe Silent Night
vor, was mir dann sogar Applaus erntet. Ich freue mich selber über meinen Mut,
denn obwohl ich eine gute Chorsängerin bin: für Soli habe dann auch ich gewisse
Hemmungen. Aber die kann ich hier ablegen – nicht nur im Singen: auch was die
Kleidung oder überhaupt das Exponieren anbelangt – ich wachse hier oft über
mich hinaus und das ist gut so. Das kann ich auch in meinen Schulungen wieder
gut brauchen.

Kirchengesang: https://youtu.be/NxnhxyOp5hE

Danach folgt ein ganzer Gottesdienst: wie schon mal erwähnt:
man sagt hier einfach die Nummer im Kirchengesangbuch – dort sind keine Noten
nur Worte und alle wissen, wie die Melodie geht. Zum Glück kommt gerade das „Oh
come all ye faithful“ an die Reihe und das ist für mich gerade eine Art
Hauptprobe für unser Chorkonzert am 26. Das Lied muss ich ja auch noch
auswendig lernen, weil ich es von den Chorfrauen erwarte. Es gibt ja keine
Zufälle. Es kommen dann noch einige coole Gesangs- und Tanzaufführungen von
Mädels und Jungs und eine kurze Predigt sowie natürlich das Geldsammeln. Aber
alles in allem ist das mit 2 ½ Stunden ein sehr kurzer Gottesdienst und wir
gehen wieder zu Fuss nachhause. 

Dort sitzen schon einige unter dem Zelt: das
seien die von der Tanztruppe. Ich nutze die Zeit um noch kurz einen Powernap zu
machen, denn wer weiss, wie lange diese Weihnacht dauern wird – es scheint
etwas Grösseres zu werden.

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