Dec 31, 2020: Ein Lob auf die Handwerker und alle Talente: gelernt ist gelernt!

In Kenia wollen alle, die einen einigermassen guten
Abschluss in der Sekundarschule machen an eine Universität. Dort lernen sie
dann alle Anwälte, Ärzte, Procurement Officers etc. zu werden aber am Schluss
haben die wenigstens einen Beruf. Und vor allem kehren sie nicht in ihre Heimat
zurück, wo ihre Skills extrem gefragt wären.

Es sind also meistens die, die weder Geld noch Gelegenheit
hatten für eine Universitätsausbildung, die dann einen handwerklichen Job
wählen. Oft sind es auch einfach Jobs, die vom Vater an den Sohn weitergegeben
werden. Ich war vor Jahren schon sehr erstaunt über die Fähigkeiten von
Ravasco, dem Baumeister. Dass es ihm gelungen ist, das riesige Projekt des
Community Centers umzusetzen hat mich damals schon fasziniert. Und es ist nicht
einfach nur umgesetzt, sondern es sind auch noch schöne Verzierungen an den
Fenstern eingebaut worden, was es uns jetzt erlaubt das Haus noch gar nicht
gemalt zu haben sondern einfach mit ein paar weissen Rahmen verschönert zu
haben.

Es gibt auch andere Beispiele: der Maler, den wir für die
meisten Arbeiten anstellen ist – gelinde gesagt – ein Schluderi. Er selber
sieht immer aus wie ein getupfter Hund nachdem er gemalt hat aber er tropft die
Farbe auch überall hin, ist nicht vorsichtig und die Details lassen zu wünschen
übrig. Aber einen Maler zu kriegen ist in unserer Gegend schwierig und so kommt
der Mann, denn sie „Arm einer Schlange“ nennen (das gibt dann immer ein
Gelächter, weil ja Schlangen gar keine Arme haben – muss wohl eine kenianische
Art von Humor sein) immer wieder zum Zug. In meinem Büro habe ich mir schon
überlegt, dass ich selber nochmals nachstreiche aber das vielleicht erst
nächstes Jahr. Zudem hat er in meinem Büro genau umgekehrt gemalt: ich wollte
die Wände weiss und die Decke hellblau und jetzt ist es halt umgekehrt – aber alle
haben Freude daran und zum Glück kann ich auch auf hellblau projizieren mit dem
Beamer.

Dann gibt es auch noch Handwerker, die zwar an und für sich
gut sind aber für gewisse Dinge einfach nicht gut genug. Das war beim
Automechaniker aus Kilifi so. Er hat uns letztes Jahr zwar mitten in der Nacht
auf der Strasse abgeholt und das Auto schnell geflickt – aber eben zu schnell
oder nicht gut genug und so musste dann nachgebessert werden, was im Endeffekt
eine teure Übung war. Der in Malindi ist wiederum supertoll, aber jedes Mal
nach Malindi (87 Kilometer) zu fahren ist eine Tagesreise, auch wenn das nach
einer kurzen Distanz klingt. Aber die Erfahrung die er hat ist unschlagbar und
auch seine Preise sind sehr vernünftig.

Wir mussten grad kürzlich wieder hin, weil sich das eine Fenster nicht mehr schliessen liess und das Auto einen komischen Klopfton machte. Zudem muss man bei diesem “Traktor” unbedingt den Service regelmässig machen damit das Auto lange hält, denn die Torturen der Ganze Strassen sind nicht unwesentlich.

Dieses Jahr haben mich mehrere Mechaniker bzw. Berufsgattungen
wieder verblüfft. Da ist der Schreiner: ein alter Mann (oder mindestens sieht
er so aus), der mit seiner ganzen Crew eingefahren ist um die Decke in meinem
Büro und im IT Raum zu machen. Die Offerte war unglaublich gut: KSH 20‘000 (ca.
CHF 200) für mein Büro und KSH 15‘000 (ca. CHF 150) für den Computerraum. Da
ich mir jetzt wirklich mein Refugium schaffen wollte habe ich zugesagt und
dachte mir: diese CHF 200 sind gut investiert für mein Wohlbefinden. Aber was
die Handwerker hier wirklich nicht können, das ist eine Offerte unterbreiten.
Da müssten sie wohl mal einen KMU Kurs besuchen (oder ich muss für sie einen
erfinden…) damit sie lernen Offerten zu erstellen. Der Schreiner hat nämlich
schnell gemerkt, dass alleine das Material, das er braucht für die Decken etwa Ksh
28‘000 ausmacht und für ihn noch 7‘000 übrig bleibt. Das wäre ja nicht so schlecht,
wenn das eine Raz Faz Übung gewesen wäre, aber sie haben geschlagene 3 ½ Tag
dafür gebraucht, denn der Prozess ist sehr aufwändig. 

Es müssen zuerst die
Holzbalken gelegt werden. Daran werden dann die Panele befestigt. Da es sich
bei dem Holz um Hartholz gehandelt hat war es auch sehr tough die Nägel
einzuschlagen, nachdem sie gemerkt haben, dass sie dafür Spezialnägel
benötigen, was alles wieder verzögert hat. Ich weiss, ich könnte sagen: das ist
jetzt wirklich alles euer Problem. Aber wenn ich den alten Mann rumklettern und
rumkriechen sehe für diese Arbeit und dann am Abend merke, wie sehr sein Kreuz
schmerzt, da kann ich dann doch nicht so herzlos sein. Und obwohl ich fluche
und sage, das sei so nicht fair lasse ich mich erweichen und gebe wenigstens
noch ein bisschen mehr Geld dazu. Sozusagen Schmerzensgeld – aber sicher keinen
angemessenen Lohn.

Genau dieser Schreiner hat sich auch bereit erklärt, die 7
Tische zu zimmern aus dem Holz, das Peter von einem alten Baum gewonnen hat.
Alleine schon das Fällen des Baums und das Schneiden und schleifen der Bretter
war ziemlich teuer, aber nie so teuer, als wenn man es hätte kaufen müssen. Der
Baum ist ein ganz besonderer: er heisst Neem und Neem ist hier bekannt für seine
positive Wirkung aller Teile: die Blätter werden für Tee verwendet und es ist
schon quasi ein Arzneimittel. Auch in Europa ist Neem in vielen
Schönheitsprodukten enthalten. Ich selber hatte eine Nagelcrème von Hauschka,
die ich schweineteuer gekauft habe. Der zusätzliche Vorteil von Neem ist, dass
die Termiten dieses Holz nicht zerfressen können. Das ist sogar ein
Riesenvorteil in dieser Gegend, denn von verschiedenen Viechern hat es hier
wirklich eine grosse Auswahl!

Und so macht sich die Truppe auf, die Tische zu zimmern.
Weil er anscheinend auch noch andere Aufträge hat entscheidet er sich sogar,
mit der ganzen Truppe die ganze Nacht durch zu arbeiten. Am nächsten Tag liegen
sie wie tote Fliegen vor der Küche und sind total erschöpft. Die verschiedenen
Schleif, Bohr- und Sägegeräte, die wir in den Brockenhäusern der Schweiz
erstanden haben kommen zum Einsatz und es wird meterweise Schleifpapier
aufgebraucht. Am Schluss machen die Maschinen dann auch schlapp, denn sie waren
nicht für einen Dauereinsatz geplant aber ich bin sicher, die kann ein
Elektriker wieder zum Leben erwecken.

Aber das Fertigstellen der Tische dauert so lange, dass der
Schreiner mit seinem Sohn sogar den ganzen 25. Dezember weiter arbeitet,
während wir am Tanzen und Feiern sind direkt vor ihren Augen. Er tut mir leid
und ich will gar nicht wissen, für wie wenig Geld er das macht. Ich schiebe
auch bei diesem Auftrag noch CHF 100 nach und dafür erhalte 

ich dann eine
Lobeshymne auf meine Grosszügigkeit und darauf, dass ich dafür im Himmel einen
speziellen Platz haben werde! Hauptsache wir haben jetzt 7 Tische, die für das
Café vor der Küche eingesetzt werden können. Solange das aber noch nicht so
weit ist erhalte ich auf Weihnacht einen Tisch für mein Büro und einer kommt in
das vorübergehende College Registration Office.

Der andere Handwerker, der immer wieder erstaunt ist Rawlings.
Wir haben ihn kennengelernt, als wir noch vor Peter’s Wahl die
Wasserreinigungsanlage von Trunz (ja genau die aus Steinach) vorgeführt haben.
Er hat also Erfahrung mit Solar, Elektrizität und ist zusätzlich auch gleich
noch ein Sanitärler. Das sind Fähigkeiten, die super zusammengehen. Er hat die
ganzen Leiltungen im Community Center gelegt und auch alle Schalter für die
Elektrizität und ich kann nur sagen: das funktioniert hervorragend. Jede
Steckdose hat Pfuus und aus jedem Hahn fliesst Wasser (sofern es Wasser hat
natürlich…) Wir haben ihn jetzt auch engagiert für die Installation der
Aqua-Pura Anlage, die wir von einem Verein in der Schweiz gesponsort gekriegt
haben. Die Anlage wird Trinkwasser produzieren und wir sind extrem dankbar
dafür. Rawlings hat super Ideen um Geld zu sparen in der Installation und er
kauft flache anstatt grosse und breite Wasserbehälter und montiert diese in
einem Kraftakt im Dachstock des Gebäudes. Es ist dort so eng, ich weiss nicht
einmal wie ein Mensch dort oben Platz hat, geschweige denn ein 5000 Liter Tank!Am
Schluss funktioniert alles ausser der Pumpe: die ist zu schwach und muss ausgewechselt
werden. Nochmals CHF 100.—mehr. Die Beträge läppern sich zusammen und manchmal
ist das eine Schwierigkeit beim Spenden sammeln. Man weiss eben nie im Voraus
wie teuer etwas kommt. Die Spenderinnen und Spender möchten immer gerne genau
wissen, wofür wir das Geld einsetzen und das ist einfach manchmal schwer
vorauszusagen und besonders in Corona Zeiten, wo die Preise in die Höhe
schnellen. Der einzige Nachteil von Rawlings: er ist teuer und kommt vom Süden
Mombasa’s. Aber Kosten-/Nutzen müssen wir auch hier abschätzen können. Und
alle, die für Pro Ganze spenden wissen auch, dass wir kein Geld für uns
persönlich rausnehmen – ganz im Gegenteil.

So war es auch bei der Küche: wir sind von den Ausgaben von
Goshene (der Waisentagesstätte) ausgegangen. Die lagen so zwischen CHF 3000 und
CHF 5000. Aber Peter hat durch eine benachbarte Schule jemanden kennengelernt,
der aus Nairobi kommt und viel Erfahrung mit Kücheninstallationen hat.
Dummerweise sind diese Installationen viel teurer, als einfach nur ein kleiner
Ofen. Aber jetzt muss ich sagen: wir haben eine für die hiesigen Verhältnisse
supermoderne Küche, die es uns sogar erlauben wird, Brot herzustellen und zu
verkaufen und natürlich auch Cakes, die hier sehr beliebt sind. Die Investitionen
sind also bestimmt CHF 5‘000 höher geworden für diese Chromstahlinstallation
und das Geld ist nicht wirklich vorhanden – also jonglieren wir jetzt mit
privatem Geld und hoffen immer noch auf den grossen Sponsor (vielleicht V-Zug,
Siemens oder sonst ein grosser Hersteller von Küchengeräten…).

An Weihnachten wurde die grosse Pfanne zum ersten Mal für
Pilau eingesetzt und letzte Woche haben wir eine Kuchenback-Challenge begonnen.
Ich habe verschiedene Schweizer Cakes gemacht: Rüeblicake, Zitronencake und
Bananencake (da wir so viele reife Bananen hatten). Es war ein Riesenfest für
die Leute hier, so etwas Feines auszuprobieren. Samuel, der Koch, hat dann
seine Variante gemacht, die mir auch gut geschmeckt hat. Etwas einfacher als
meine Cakes, aber dafür mit einer schönen Kruste. Und diesen Geschmack kennen
sie hier und das ist vollkommen ok so. Was mich erstaunt hat: pro Cake hat er 5
Eier!!! gebraucht. Auch hier müssten wir dann mal eine Vollkostenrechnung
machen damit die Ingredienzen und auch ein bisschen Salär bezahlt sind beim
Verkauf. Wir sprechen aber gerade von einer grösseren Vermarktung der Brote,
die hier für leider nur Ksh 45 (CHF 0.45) verkauft werden können. Aber mit
Sekundarschulen und mit der Masse könnte es schon rentabel werden. Ich habe auf
jeden Fall grad kürzlich in der hiesigen Tagesschau ein Erfolgsgeschichte von
Frauen aus Turkana gesehen die Kuchen und Brot backen und dann auch noch ein
Nähatelier aufgemacht haben und die haben jetzt ein richtig gutes Leben!

Samuel wollte jetzt die 2. Stufe zünden und für Sylvester
noch bessere Cakes machen: besser = schöner, denn das Rezept bleibt dasselbe.
Aber jetzt wird fröhlich Lebensmittelfarbe eingesetzt und das Ganze wird mit
einer hässlichen Buttercrème verziert. Für mich eine absolute Katastrophe, denn
ich mochte das selber noch nie und die Buttercrème ist ja eigentlich eine
Fettcrème und macht für mich null Sinn: ich finde sie fast ungeniessbar und
noch schlimmer: total ungesund. Sie trägt meiner Meinung nach überhaupt nicht
zur Verbesserung der Geschmacks- geschweige denn Lebensqualität bei. Aber wie
kann ich ihnen das sagen: sie präsentieren mir ganz stolz das Resultat. Samuel
hat dafür sogar noch seinen Lehrer mitgebracht, der ihm das Handwerk beigebracht
hat. Und dann kommt der grösste Stolz: die quasi Hochzeitstorte, die jetzt eine
Sylvestertorte geworden ist. Sie hätte eigentlich 3 Stöcke haben sollen aber
weil das Gefäss Nummer 3 fast so gross war wie Nr. 2 sieht das Gebilde schon
mal etwas schräg aus. Sie mussten sich auch mit Pfannen behelfen, weil in ganz
Kilifi keine Backformen vorhanden waren. Das Ganze haben sie dann mit
Schokolade überzogen – aber leider hat es nicht ganz ausgereicht für die ganze
Torte. Wenn oben nicht Happy New Year stehen würde hätte ich auf eine Halloween
Torte getippt aber ich bringe es echt nicht übers Herz, ihnen das zu sagen
nachdem sie einen halben Tag daran gewerkelt haben. Und so sage ich blöde Dinge wie: “oh wow –
that is really colorful” und “you are very creative”! Die Feedbackrunde
muss ich wohl für ein anderes Mal aufsparen… Aber jetzt gilt es Werbung zu
machen und daher werden diese Cakes morgen auch an die Besucher des
Neujahrsfestes abgegeben als Teaser damit sie alle bestellen. In dieser Gegend
ist das Problem, dass zwar alle solche Cakes möchten aber niemand dafür
bezahlen kann. Aber die Rechnung muss halt aufgehen. Wir sind zwar ein
Hilfswerk aber nicht wenn es um solche Dinge geht.

Im Gegensatz zu ihren Cakes nehme ich alle Zutaten, die ich
auch in der Schweiz nehmen würde: Butter, Mandeln etc. Die Mandeln kosten mich
ein Vermögen: ein Säckli von 100 g kostet über CHF 5!!! Da müsste ich den
Kuchen für etwa CHF 10 verkaufen, was hier natürlich nach Wucher aussehen
würde. Ich mache auch ein Experiment, weil wir so viele reife Mangos haben: ich
finde ein Rezept mit Mangostücken aber das Resultat kommt nicht besonders gut
raus: die Mangos waren zu saftig und die Ästhetik lässt zu wünschen übrig. Es
ist eher ein Mango-Pfluder aber trotzdem sehr lecker zum Essen… Aber meine anderen
Kreationen finden riesigen Anklang: zusätzlich zu den 3 bekannten Varianten, Zitrone,
Rüebli und Banane mache ich auch noch den klassischen Mississippi Cake, da ich
noch Schoggistängeli aus der Schweiz übrig habe. Ich bin natürlich auch froh um
die Rezepte, die ich von meinen Social Media Freunden erhalten habe und
bestimmt noch erhalten werde. Da wir gerade hohen Besuchen vom evtl. nächsten
MP und seiner Entourage haben ist meine Fangemeinde exponentiell gestiegen: er
werde öfter zu Besuch kommen meint er… Ja so Kuchen sind schon gute Lockvögel
für viele Menschen!

Was ich aber aus den übrigen Mangos noch mache ist der
absolute Hit und bleibt Insidern vorbehalten: ich habe mal in einer unüberlegten
Shopping-Phase eine Glacémaschine gekauft in der Schweiz und gemerkt, dass das
Ding für einen 1-Personenhaushalt viel zu gross ist. Vor etwa einem Jahr mit
der letzten Palette-Lieferung habe ich sie dann nach Kenia schicken lassen und
jetzt hat sie ihren grossen Einsatz: mein Gott – ich übertreibe nicht, aber die
Mango-Eiscrème, die ich hier produziere ist einfach himmlisch: vollkommen
natürlich mit reifen Mangos und einfach der „Treat of the year“! 

Nachdem ich am
Fest Müsterli von Kuchen verteilt habe um den Verkauf anzukurbeln kommt hier jetzt
sogar das Gefühl auf, dass Barbara alles kann und wenn man das Niveau nicht
allzu hoch schraubt kann ich sogar sagen: meine Vielseitigkeit zahlt sich hier
in Kenia wirklich mehrfach aus. Vom Strategieplan schreiben, Budget für ein College
erstellen zum Computer installieren, über Kochen und Backen und Basteln und
Tanzen und Singen – alles, was man lernt kommt irgendwann zum Einsatz! Danke an
alle, die mir in meinem Leben das eine oder andere beigebracht haben – hier gibt
es dankbare Abnehmer für alle meine Talente!

In diesem Sinn: nutzt eure Talente, baut sie aus und macht
einfach das, was euch am meisten Spass macht. Auf ein 2021 mit optimaler Talenterkennung
und -nutzung!

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